Vertrackte Lage

Amerikas Strategen rätseln, wie ihr Land aus der Sackgasse, in die Außenpolitiker es "gebombt" haben, wieder herauskommt, ohne sein Gesicht zu verlieren

Den Bushies bläst der Wind derzeit heftigst ins Gesicht. Und das nicht allein, weil vor aller Welt offenkundig geworden ist, dass sie Informationen über den Irak absichtlich "frisiert" und Nine-Eleven dazu benutzt haben, den Irak militärisch anzugreifen; oder, weil sie von einstigen Vertrauten, Beratern und Ministern beschuldigt werden, mit geheimdienstlichen Erkenntnissen über bevorstehende Attentate in den USA schludrig bis fahrlässig umgegangen zu sein; sondern vor allem auch, weil der War on Terror inzwischen, wie Richard Perle und David Frum in An End to Evil schreiben, "einen kritischen Punkt" erreicht hat.

Eurasischer Balkan. Für den ehemaligen Sicherheitsberater Zbigniew Brzezinski "Kernzone der Instabilität", aber auch wegen der Bodenschätze "ökonomisches Filetstück ersten Ranges", das deswegen im Kern der strategischen Interessen der USA liegen müsse.

The war on terror is not over. In many ways, it has barely begun.

Richard Perle und David Frum

Die Koalition der Willigen wackelt bedenklich. Sowohl an der Heimatfront, wo die Zustimmung der US-Bevölkerung zum Krieg stetig sinkt und wohl unter ein Drittel rutschen würde, wenn US-Medien nicht viele der grausamen Bilder aus dem Irak der Bevölkerung systematisch vorenthalten würden. Aber auch im Außenbereich, wo das Terrornetzwerk, trotz passabler Erfolge der Behörden und Truppen vor Ort, nach wie vor intakt und präsent ist. Weder konnte ihr "Leader" festgesetzt noch seine Leiche der Weltöffentlichkeit präsentiert werden.

Nach Einschätzung von Romano Prodi ist "der Terrorismus sogar mächtiger als noch ein Jahr zuvor." Und auch nach mehr als zwei Jahren Nation-Building ist man in Afghanistan keinen entscheidenden Schritt vorangekommen. Folgt man Insider-Berichten, so hat sich an der Situation des Landes seit Ende der offiziellen Kriegshandlungen nichts verbessert: Der Opiumhandel blüht; die Taliban sind wieder auf dem Vormarsch; die Warlords kochen ihr eigenes Süppchen oder rufen (wie der Ex-Mudschahid Hekmatjar) dazu auf, es den Irakis gleichzutun; und Herr Karsai kann nur deshalb in Kabul regieren, weil er von US-Bodyguards geschützt wird. Zu allem Übel ist man im Irak in einen schmutzigen Abnutzungskrieg verwickelt, dessen Ausgang für beide Seiten höchst ungewiss ist.

Mittlerweile bezweifeln selbst glühende Verfechter des Krieges und bekennende Moslemhasser wie Ian Buruma den Sinn der Mission im Irak:

Bisher hat die Mission der Neokonservativen im Irak und darüber hinaus das Gegenteil von dem bewirkt, was sie eigentlich beabsichtigte", während gemäßigte Islam-Vertreter und Hilfsorganisationen beklagen, dass der Irak-Krieg zu einer neuen Rechtfertigung für die fundamentalistische Einstellung gegenüber Amerika oder dem Westen geworden ist.

Angesichts solcher ernüchternder Urteile verblassen natürlich Erfolge, die das Imperium zweifellos verbuchen kann. Immerhin ist ein Diktator verschwunden, das Öl fließt wieder (wenn auch spärlich), die provisorische Verfassung garantiert den Irakern Menschenrechte (auf dem Papier); Pakistans Regierung kämpft an der Seite Amerikas, der Konflikt mit Indien ist auf Eis gelegt, ein Stopp der blutigen Unruhen in Kaschmir ist erreicht.

Freilich ist der Krieg im Irak auch zum Stellvertreterkrieg geworden, zum Tummelplatz für etliche finstere Gestalten, für Schurken und Krieger, die mit dem Imperium abrechnen wollen, für Söldner, die von privaten Sicherheitsdiensten oder von Imperium direkt für Kriegsdienste bezahlt werden (War, Profits, and the Vacuum of Law: Privatized Military Firms and International Law . Nach Meinung Zbigniew Brzezinskis hat der Krieg wie "die gesamte amerikanische Politik die arabische Kollektivseele zum Kochen gebracht". Sie bergen die Gefahr, dass der gesamte "Nahen Osten in Flammen aufgeht" (US-Politik lässt die arabische Seele kochen).

Achse der Beschwichtigung

Kein Wunder, dass man in Washington überaus dünnhäutig auf alles reagiert, was derzeit an "Fehlermeldung" aus dem Irak oder "Besserwisserischem" aus Europa über den Atlantik dringt. Seit der neue spanische Regierungschefs Zapatero den Abzug spanischer Truppen aus dem Irak angekündigt hat und Südkorea, Neuseeland, Thailand, Philippinen ihm mittlerweile dabei folgen wollen, hat man am Potomac die Keule ausgepackt, um die Koalition auf Kurs zu halten.

Üben sich die einen im Sarkasmus und rümpfen die Nase über die Koalition der Willies, der Schlappschwänze und Weicheier, stellen die anderen alle Zweifler, Mahner und Nörgler des Krieges derweil unter "Appeasement"-Verdacht. Unter ihm werden bekanntlich all jene Kräfte verstanden, die der expansionistischen Politik Hitlers seinerzeit nicht entschieden entgegen getreten sind und ihn, so die Behauptung, dadurch erst zum Handeln ermuntert haben.

The Coalition of the Willing is getting the willies.

Corky Siemaszko

Robert Kagan griff dieses Argument in der Washington Post auf und sprach von einem "Desaster" für die Supermacht, das die Koalition an den Rand des "Abgrunds" bringe. Gleichzeitig deutete er das Ereignis als "bedeutendsten geopolitischen Erfolg seit Nine-Eleven", den Al-Qaida mit dem Angriff auf einen der engsten Verbündeten des Imperiums und Anhänger des Neuen Europas verbuchen könne. (Time to Save an Alliance).

Selbst die New York Times sah sich genötigt, die spanischen Abzugspläne mit München zu vergleichen. Ihr Kommentator machte eine "Achse der Beschwichtigung" ausfindig, die sich auf fatale Weise mit der "Achse des Bösen" und der "Achse der Inkompetenz" kreuze. Indem es vor dem "radikal Bösen" einknicke, beschwöre Spanien "die gefährlichste Situation seit Nine-Eleven herauf" (Axis of Appeasement).

Deutsche Beobachter wollten da nicht zurückstehen. Während Herbert Kremp in der Welt Tendenzen bei EU-Führern entdecken wollte, den "terroristischen Irrsinn" einfach wegzukommunizieren, bezichtigte Wolfgang Koydl in der Süddeutschen die Europäer, "abermals" die Augen vor der Realität zu verschließen und sich mit dem Feind zu "arrangieren". Bis zu welchem Punkt, so Wolfgang Koydls listige Frage, werde Europa den radikalen Islamisten noch entgegen kommen, um Attacken wie denen von Madrid aus dem Weg zu gehen: "Abzug aus dem Irak? Aufgabe von Afghanistan? Oder gar: zweifeln am Existenzrecht Israels?

In der Sackgasse

Ob berechtigt oder nicht, über eines können alle diese Attacken und gegenseitigen Schuldzuweisungen jedoch nicht hinwegtäuschen: Die Situation im Irak ist verfahren. Die Supermacht hat sich verrannt und mit ihrer Irak-Politik in eine Sackgasse manövriert. Seitdem rätseln Amerikas Strategen, Bushies, Realisten wie Liberale, wie das Land aus diesem Schlamassel ohne Gesichtsverlust wieder herauskommen kann.

Klar ist: Ein Rückzug würde das Image Amerikas, das ohnehin schon ramponiert ist, vollends ruinieren. Und das auf Jahre hinaus, nicht nur im Größeren Mittleren Osten, sondern auch weltweit. Ein Sieg der Weltmacht im Irak ist darum ebenso unabdingbar wie von "vitalem Interesse" für das Land - und auch Europa. Andernfalls würden sich Diktatoren, Schurken und Tyrannen gestärkt fühlen. Vor aller Welt würde Amerika als "Papiertiger" dastehen. Außerdem bestünde die Gefahr, dass ein Rückzug auf die eigene Scholle Terrorzellen zu weiteren Nine-Eleven einladen würde.

You can lead a horse to water but you can't make it drink.

Colin Powell

Wie also reagieren und der vertrackten Lage begegnen? Weiter wie bisher, mit harter Hand zuschlagen also? Oder kooperativ, das heißt: auf die EU und die UN zugehen und sie zum Mittun motivieren? Soll man vielleicht sogar vom ursprünglichen Ziel, dem Irak eine Demokratie mit westlichem Zuschnitt zu verpassen, abweichen, und einen gemäßigten Gottesstaat im Zweistromland akzeptieren, wie von Befreiungstheologen schon angedacht wird (Vergesst die Demokratie)?

Die Bushies zeigen sich, auch wenn sie schon vorher kein fest gefügter Haufen waren (Think Again: Neocons), höchst uneins und gespalten. Das aber kann angesichts paradoxer Politiken und Botschaften kaum verwundern, die sie vertreten oder aussenden; beispielsweise im Irak für Demokratie, Menschenrechte und Rechtsstaat Krieg führen, in Usbekistan, Pakistan oder anderswo in Zentralasien aber üble autokratische Regime finanziell und politisch unterstützen, um sich an der Südflanke Eurasien militärisch festzusetzen.

Keine Schwäche zeigen

Richard Perle und David Frum zum Beispiel plädieren vehement dafür, am harten Kurs, den das Land eingeschlagen hat: "Kulturen zu ändern, Regierungen zu stürzen und dem Bösen in der Welt ein Ende zu setzen", festzuhalten und weiter unerbittlich gegen Schurkenstaaten, Proliferation, Banditen und ihre Helfershelfer massiv vorzugehen (An End to Evil). Mithin sollte der Druck auf Staaten, die Terroristen unterstützen oder ihnen Unterschlupf gewähren, auf Nordkorea, Syrien, Saudi-Arabien oder den Iran, aufrechterhalten und eine militärische Option offen gehalten werden.

Darüber hinaus raten sie, den ideologischen Kampf mit den militanten Islamisten fortzusetzen, deren Ziel es ist, die "gesamte muslimische Welt gegen die einzige Supermacht aufzubringen". Für den "Prinzen der Finsternis" und den Erfinder der "Achse des Bösen" heißt das: gemäßigte Islamgruppen unterstützen, den Befreiungskampf der Frauen fördern, Null-Toleranz gegenüber Militanten zeigen und mit der Demokratisierung des Irak unbeirrt fortfahren.

The harder the conflict, the more glorious the triumph.

Thomas Paine, The American Crisis, 1780

Wie aber dieses Nation-Building bewerkstelligt werden kann, wie der Irak befriedet und dort Demokratie eingeführt werden könnte, darüber schweigen sie sich jedoch aus. Vorschläge, wie sie zum Beispiel Francis Fukuyama jüngst erarbeitet und der Regierung offeriert hat (Nation-Building 101) kommen dafür leider zu spät. Bis das Land noch eine weitere zentrale Behörde, diesmal für Nation-Building, auslobt; bis diese die Arbeit mit Nato, EU oder gar der UN koordiniert und bis obendrein noch eine schlagkräftige Truppe aus Kriegern und Zivilisten aufgestellt ist, die den Irak zu einer "sich selbst tragende Demokratie mit robuster Marktökonomie" verhelfen, ist der Irak längst im Chaos versunken oder in drei super-nationalistische Staaten zerfallen.

Hart in der Sache, versöhnlich im Gemüt

Andere Bushies wie etwa Robert Kagan und Bill Kristol (Iraq One Year Later) oder der Middle East Experte Kenneth M. Pollack (Spies, Lies, and Weapons: What Went Wrong) halten den Irak-Feldzug zwar auch im Nachhinein für richtig und wichtig. Gleichgültig, ob das MVW-Thema künstlich aufgebauscht war oder nicht: Saddam zu stürzen, einen Regimewechsel im Irak herbeizuführen und dem Volk seine Freiheit zurückzugeben, war eine gute Sache und Grund genug, die Konfrontation mit der Weltgemeinschaft zu wagen. Präsident Bush sollte deshalb darum nicht herumreden, sondern das vielmehr offensiver vertreten. Insgesamt zeigen sie sich jedoch gemäßigter und schlagen angesichts der Situation im Irak versöhnlichere Töne an.

Wir alle sind gefährdeter als vor dem Irak-Krieg.

Zbigniew Brzezinski

Robert Kagan beispielsweise sieht Amerika inzwischen in einer tiefen "Legitimitätskrise", die die Regierung möglichst rasch bewältigen muss (A Tougher War for the U.S. Is One of Legitimacy). Öffentlich auszuplaudern, dass die USA künftig mehr ihr nationales Wohl im Auge habe als die "humanitären Interessen der Weltgemeinschaft", sei ein schwerer taktischer Fehler gewesen, den vor allem Condi Rice zu verantworten hat.

The global hegemon cannot proclaim to the world that it will be guided only by its own definition of its 'national interest'.

Um aus dieser Falle wieder herauszukommen, fordert er von der Regierung, dem Unilateralismus adé zu sagen, auf Europa zuzugehen und das transatlantische Verhältnis neu zu verhandeln (Time to Save an Alliance). Für Kagan ist klar:

If the United States cannot fight al Qaeda without Europe's help, it is equally true that Europe can't fight al Qaeda without the United States.

Wie aber dieses "Schisma" überwunden werden könnte, wie Amerika und Europa ihre prinzipiell verschiedenen Ansichten über eine neue Weltordnung beseitigen könnten, weiß auch Kagan nicht zu sagen. Europa "some influence over the exercise of American power" einzuräumen, bleibt nebulös und wenig konkret.

Let us, then, lay aside the quest for new 'poles' and turn our energies to creating what President Bush has called 'a balance of power that favors freedom'.

Condi Rice, Princess of War

Und solange es keine gemeinsame Strategie gibt, wie und mit welchen Mitteln auf die globalen Bedrohungen (Terrorismus, Proliferation, failed states) reagiert werden soll, bleibt auch die Wiederbelebung der Nato bestenfalls Rhetorik. Sieht man nämlich genauer hin, dann ist diese an Bedingungen geknüpft. Für Kagan wäre es etwa unverantwortlich, wenn Amerika, der "Harmonie" mit den europäischen Verbündeten willen, ihre Wahrnehmung und Beurteilung globaler Bedrohungen ändern müsste.

Multipolarität lite

Ähnlich versöhnlich zeigt sich auch Colin Powell. In einem Beitrag für die Foreign Affairs (A Strategy of Partnerships) hält auch er, um der Bedrohungen Herr zu werden, ein neues Aushandeln des transatlantischen Verhältnisses für notwendig. Die Wahrnehmung, dass es der Nationalen Sicherheitsstrategie 2002 hauptsächlich um Präemption ginge, sei falsch. Vielmehr handle es sich um ein Dokument der Partnerschaft, das "nur bei nicht abschreckbaren Bedrohungen durch nichtstaatliche Akteure Anwendung" fände:

Partnership is the watchword of U.S. strategy in this administration. ... Above all, the president's strategy is one of partnerships that strongly affirms the vital role of NATO and other U.S. alliances -- including the UN.

Wer da eine Rückkehr zu mehr Multilateralismus vermutet, wie der Meinungskolumnist Der Welt, sollte sich von den schönen Worten nicht täuschen lassen. Multilateralität will Powell nämlich nur dann akzeptieren, wenn er der Geschäftsordnung der Weltmacht entspricht. Von einer postmodernen Welt (wie sie Europäern vorschwebt), in der der amerikanische Leviathan gebändigt ist, die Pole austariert und er sich den Spielregeln der Weltgemeinschaft unterordnet, hält er jedenfalls gar nichts:

Some authorities say that we must move to a multipolar world. We do not agree -- not because we do not value competition and diversity, but because there need be no poles among a family of nations that shares basic values. We believe that it is wiser to work at overcoming differences than to polarize them further.

Dass Amerika die falschen Werte vertreten würde, in dieser Hinsicht vielleicht belehrt werden müsste oder gar Fehler begehen könnte, weist der ehemalige General brüsk von sich:

We have always pursued the enlightened self-interest of the American people, and in our purposes and our principles there are no mistakes.

Realistische Lagebeurteilung

Eine luzidere und, in vielerlei Hinsicht, durchdachtere Analyse der geopolitischen Lage, bietet dagegen der Großvater aller National Security Advisor, Zbigniew Brzezinski. Zwar weiß er auch keinen Königsweg, wie das Imperium aus dem Schlamassel, in den es sich im Irak begeben hat, am besten wieder herauskommt. Doch fährt der politische Realist sowohl in seinem soeben erschienenen Werk "The Choice: Global Domination or Global Leadership" als auch in dem jüngst in The National Interest publizierten Essay (Hegenomic Quicksand) allen revolutionär gesinnten Bushies mächtig in die Parade. Eindringlich warnt er sie davor, die Vormachtstellung des Landes mit Allmachtsvorstellungen zu verwechseln. Andernfalls könnte die Weltmacht nämlich bald vollkommen allein dastehen, eine Art "garrison state" bilden, der von einer Welt aus Chaos umgeben und der ständigen Gefahr ausgesetzt ist, Opfer blutiger Anschläge zu werden.

America must be both: guarantor of global security and promoter of the global common good.

Zbigniew Brzezinski

Stattdessen schlägt er Allianzen vor, bei denen Amerika zwar die Führung hat, Richtung und Takt der Politik vorgibt, aber sie nicht ausschließlich dominiert. In einer global vernetzten Welt sei, so sein Credo, kein Platz mehr für ein alles dominierendes Zentrum, auf welche militärische Macht es sich auch immer stützen mag.

Punkt für Punkt zerpflückt Brzezinski die Bush-Doktrin, die Wendung zu Ad-Hoc Koalitionen, die Bevorzugung von Präemptionen, die Paranioa totaler Sicherheit, den Unwillen, die historischen und sozialkulturellen Wurzeln des Terrorismus wahrzunehmen, den wachsenden Anti-Amerikanismus mit der einseitigen Einmischung in Belange des Mittleren Ostens (wie gerade in der Anerkennung der israelischen Siedlungen im Westjordanland geschehen) in Verbindung zu bringen.

Die "Kernzone globaler Instabilität" ortet der ehemalige National Security Adviser aber weder im Irak noch in irgendwelchen Schurkenstaaten, sondern (wie in früheren Werken: Und morgen die ganze Welt) in der Existenz der "Global Balkans". Gemeint damit sind alle Staaten im Süden und am Rande Zentralasiens, die sich nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und dem Rückzug ihrer Armee aus diesem Gebieten dort neu gebildet haben, ein "Machtvakuum" bilden, meist von autokratischen Führern oder Schurken geführt, von Korruption, Armut und Arbeitslosigkeit begleitet werden und seither zum Rekrutierungsfeld und Operationsgebiet militanter Islamisten und Terroristen geworden sind. Geografisch handelt es sich um ein kartografisches Dreieck, das vom Suez-Kanal im Westen bis nach Sinkiang im Osten, von der russisch-kasachischen Grenze im Norden bis zum Süden Afghanistans reicht.

Geopolitisch interessant ist dieses Gebiet, weil es von künftigen Transportwegen durchzogen werden wird, die die reichsten und produktivsten westlichen Westzonen mit den östlichen Randzonen Eurasiens verbinden. Brzezinski ist überzeugt, dass diese Südflanke Eurasiens, schon wegen des "ethnischen Hexenkessels" und der dort lagernden Rohstoffe, nicht sich selbst überlassen werden darf. Obgleich dort kulturell fremd und ohne natürliche Bündnispartner wie einst in Europa, muss Amerika diesen Staaten aber helfen, es muss versuchen, sie zu befrieden und stabilisieren. Das heißt: sie zunächst mit Geld und Waffen versorgen und damit immun machen gegen Einflüsse des radikalen Islam, der in dieser Region dank der sozialen und wirtschaftlichen Probleme zunehmend an Akzeptanz gewinnt; und später dann am Reichtum, den die Ausbeutung der Vorräte mit sich bringt, teilhaben lassen.

Dieser Befund Brzezinskis wird im Übrigen auch von Rajan Menon (Das neue große Spiel in Mittelasien) geteilt, der die Umgebung des erweiterten Mittelasiens für die Zwecke von al-Qaida und andere radikale islamistische Bewegungen ideal findet:

Die unerfreulichen sozialen und wirtschaftlichen Transformationen, die auf den Zusammenbruch der Sowjetunion folgten, haben überall Armut und Arbeitslosigkeit hervorgebracht. Mittelasien ist eine Region der Instabilität und der allgegenwärtigen Korruption. Diese Bedingungen machen es leicht, Geld zu waschen, Waffen zu schmuggeln und sich durch den Drogenhandel Geld zu verschaffen.

Anders als viele Bushies versteckt Brzezinski sich jedoch nicht hinter wohlfeiler Semantik und Demokratisierungsgesten, sondern spricht geo- und machtpolitischen Klartext. Bei den kaspischen Vorräten und Ressourcen (Öl, Gas, Mineralien, Gold) handle es sich um ein "ökonomisches Filetstück ersten Ranges", um Reichtümer also, die Amerika nicht anderen Mächten wie Russland, China oder dem Iran überlassen dürfe oder sollte:

But the region also contains most of the world's oil and natural gas. In 2002, the area designated as the Global Balkans contained 68 percent of the world's proven oil reserves and 41 percent of the world's proven natural gas reserves; it accounted for 32 percent of world oil production and 15 percent of world natural gas production. In 2020, the area is projected to produce roughly 42 million barrels of oil per day--39 percent of the global production total (107.8 million barrels per day). Three key regions-Europe, the United States and the Far East--collectively are projected to consume 60 percent of that global production (16 percent, 25 percent and 19 percent, respectively).

Diese Kombination aus Bodenschätzen und "ethnischem Hexenkessel" lässt der Supermacht keine andere Wahl. Sie muss sich dort politisch engagieren, Mitspieler, Dompteur und Schiedsrichter zugleich sein, schon deswegen, weil auch Russland und der Iran ein Auge auf diese Region und ihre Schätze geworfen haben und mit der Supermacht darum rivalisieren. Die gegenwärtigen Streitigkeiten darum, wie die Pipelines verlaufen sollen, ob weiterhin durchs russische Territorium zum Schwarzen Meer (Noworossijsk) oder durch die Türkei zum Mittelmeer (Cheyhan-Linie), oder auch durch Afghanistan zum Indischen Ozean, legen beredtes Zeugnis davon ab.

Die "Religionskriege" im Irak und in Afghanistan sind dafür eher kontraproduktiv. Einerseits führen sie dazu, dass die bisher eher lose verbundenen, religiös und ethnisch verschiedenen und häufig miteinander konkurrierenden Islamistengruppen sich politisch einigen. Sie haben nun einen gemeinsamen Feind, den sie bekämpfen können; andererseits gefährden sie Amerikas Anstrengungen, die Unabhängigkeit der kaspischen Staaten voranzutreiben und so zu stabilisieren.

Brzezinski plädiert darum anders als die Bushies vehement dafür, den Iran als zentrale Regionalmacht anzuerkennen, ihn in ein politisches Netzwerk einzubinden und dem Land, statt es zur Achse des Bösen zu erklären und damit politisch zu isolieren, alternative Sicherheitsgarantien anzubieten, die es vom Eigenerwerb von Atomwaffen abhalten. Amerika müsse hier den Europäern folgen, es sollte auf den Iran zugehen und in die Weltgemeinschaft wieder einbinden. Weiter plädiert er dafür, die Allianz zwischen der EU und den USA neu zu beleben. Nur gemeinsam, nicht als Rivalen, könnten sie die mächtigen Probleme und Schwierigkeiten, die der Greater Middle East für den Westen aufwirft, stemmen, dessen Stabilisierung sicher mehrere Jahrzehnte dauern wird.

Ohne die EU läuft nichts

Doch Europa sollte auf der Hut sein, es sich weder von Brzezinskis noch von anderen Kampagnen und Versprechungen verführen und in geopolitische Abenteuer hineinziehen lassen. Der Irak sollte Warnung genug sein, und die Lage in Afghanistan oder auf dem europäischen Balkan ist auch nicht gerade ermutigend. Dem Imperium geht es dabei nämlich weniger um Partnerschaft, um Demokratie und gemeinsame Werte, als darum die Finanzstärke und Wirtschaftskraft der EU für ihre politischen Pläne zu nutzen.

We fight not just for ourselves but for all mankind.

Benjamin Franklin

Die einseitige Anerkennung der israelischen Siedlungsgebiete im West-Jordanland, die Brüskierung der UN und Missachtung aller vorherigen Resolutionen durch die Bushies machen den Europäern klar, woher der Wind weht. Außerdem ist die EU mit der Osterweiterung, der Stabilisierung des Balkans und der möglichen Aufnahme der Türkei in die EU auf Jahrzehnte hin wirtschaftlich wie politisch gebunden. Es muss sich erst noch erweisen, ob Europa die Kraft, den Willen und die Energie hat, all das zu meistern, ohne dass der Laden auseinander fliegt.

Auch Brzezinski ist, obwohl politischer Realist, Anhänger Woodraw Wilsons. Wie andere Bushies paart auch er Machtpolitik mit universalistischen Prinzipien und Vorstellungen. Obgleich der "alte Oberstratege" mit den Bushies hart ins Gericht geht, vor allem was die Ausklammerung des israelisch-palästinensisches Konflikts aus der "Greater Middle East Initiative" angeht, dessen Lösung für ihn der Schlüssel zur Befriedung des gesamten Gebietes ist, verfolgt er alles andere als eine Schwächung der amerikanischen Position.

Geopolitische Dominanz in "Political Leadership" zu übersetzen, ist allenfalls eine rhetorische Figur. Sie justiert nur die Politik der Bush-Administration neu und gibt ihr, wie ein Kritiker zu Recht anmerkt, ein "menschlicheres Antlitz" (The American Mission). Anders gesagt: Die Verpackung ist anders, der Inhalt ist gleich; Oberfläche und Außendarstellung werden aufpoliert, der Macht- und Führungsanspruch, der dahinter steckt, bleibt derselbe. Wie wir aus anderen Publikationen wissen, sind für den Geostrategen die Vereinigten Staaten, eine "world-transforming society, even revolutionary in its subversive impact on sovereignty-based international politics." Weshalb die USA nicht nur die "unverzichtbare Nation" sind, die der Garant für "globale Stabilität" sind, sondern auch eine historische Mission zu erfüllen haben.

Genau genommen folgt Brzezinski damit einer Whigschen Deutung von Geschichte (The Whig Interpretation of History). Ihre Anhänger heben den Erfolg von Revolutionen hervor, entdecken gewisse Gesetze oder Prinzipien des Fortschritts in der Vergangenheit und künden von einer Geschichte, die die Gegenwart rechtfertigt und mitunter auch glorifiziert.

Für Brzezinski läuft die Geschichte auf die Vereinigten Staaten zu. Eine Balance of Power ist darin nicht vorgesehen, sie stört eher. Darin weiß er sich wieder mit der "Princess of War" einig:

The reality is that 'multi-polarity' was never a unifying idea, or a vision. It was a necessary evil that sustained the absence of war but it did not promote the triumph of peace. Multipolarity is a theory of rivalry; of competing interests -- and at its worst -- competing values. We have tried this before. It led to the Great War -- which cascaded into the Good War, which gave way to the Cold War.

Remarks by Dr. Condoleezza Rice

Amerika hat die "einzigartige" und "außergewöhnliche" Aufgabe, die Welt auf die Pfade der Freiheit zu führen. Und diese historische Mission ist göttlichen Ursprungs. Gott hat dem Land diesen Auftrag gegeben. Er hat es dafür erkoren und dazu auserwählt. Es liegt an Amerika, "seinen Willen" zu erfüllen und umzusetzen. Allahu Akhbar. Gott ist groß. God bless America. (Rudolf Maresch)