"Vertrauen Sie nur auf Ihren intuitiven Ernährungsnavigator"

"Die Ära der Superfoods hat stets nur eine kurze Halbwertzeit"

Wer sind die Profiteure dieser Ersatzreligion und warum ist sie so erfolgreich, wenn sie medizinisch eher kontraproduktiv ist?
Uwe Knop: Zum einen profitieren Ernährungsgurus und -päpstinnen, die alles für Geld anbieten, um ihre Essjünger zu beglücken: Bücher, Kurse, Seminare, Online-Coachings, eigene Lebensmittel. Dann die Influencer und Clickbaiter, die durch den Online-Konsum ihrer Videos, Posts und Podcasts Geld verdienen. Last but not least die Lebensmittelindustrie, die aber nur eine opportunistische Rolle einnimmt: Sobald ein Trend durch die Marktforschung über das Marketing bis hin zur Geschäftsführung durchgedrungen ist und die um ein Vielfaches höheren Margen der Besser-Esser- Produkte die Dollarzeichen in den Controlleraugen glänzen lassen, steigen die Hersteller ein und bedienen den Trend mit Massenware - oft jedoch sehr oder zu spät, denn die Ära der Superfoods hat stets nur eine kurze Halbwertzeit.
Und Besser-Esser-Hypes kannibalisieren sich schnell. Momentan liegen die megahypten Veggieburger wie Blei in den Discounterregalen - da hilft es auch nicht, wenn bereits wenige Wochen nach dem Launch der Preis um fast ein Drittel gesenkt wurde.

"Mit Beobachtungsstudien ist nichts zu holen"

Gibt es namhafte Wissenschaftler, die sich gegen die Diäten-Ideologie aussprechen?
Uwe Knop: Zahlreiche internationale Wissenschaftler fordern ein Umdenken in der Ernährungsforschung. In meinem Buch habe ich allein ein ganzes Kapitel den konzertierten Statements von 20 Professoren und Professorinnen gewidmet, die sich klar positionieren: Mit Beobachtungsstudien und den daraus resultierenden Korrelatiönchen ist nichts zu holen, auch mit einer Million mehr davon werden wir keinen Deut schlauer - geschweige denn hält die "bemitleidenswerte" Ernährungsforschung die Menschen gesünder oder bewahrt sie vor Krankheitsrisiken. Einer der prominentesten Kritiker ist Professor John Ioannidis, Stanford University, einer der meist zitierten Wissenschaftler Welt, der die Ernährungsforschung so klar und deutlich anzählt wie kaum ein Zweiter.
Er empfiehlt in Papers beispielsweise in JAMA, dass die Ernährungswissenschaften einer radikalen Reform unterzogen werden soll und die Forscher am besten nochmal ganz von vorne anfangen. Sonst fährt der Karren irgendwann vollends gegen die Wand, sprich die Glaubwürdigkeit geht komplett verloren. Davor und vor vielen anderen negativen Folgen warnten auch jüngst holländische Ökotrophologen in einem "Weckrufpaper" im European Journal of Nutrition. Kurzum: Es muss was passieren. Aber noch herrscht Schweigen auf dem Teller. Fragt sich nur, wie lange noch.

"Essen Sie nur dann, wenn Sie echten, körperlichen Hunger spüren"

Letzte Frage: Wie ernährt man sich denn gesund?
Uwe Knop: Wenn man weiß, dass die Ernährungswissenschaft keine Beweise - im Sinne valider Kausalevidenz, und nur die zählt hinsichtlich potenzieller Essempfehlungen - für gesunde Ernährung liefern konnte, kann und können wird und dass die sieben großen ernährungswissenschaftlichen Institutionen in D-A-CH eine Pauschaleinteilung in gesunde und ungesunde Lebensmittel kategorisch ablehnen, dann stellt sich die Frage: Auf wen soll ich hören beim Essen? Oder anders gefragt: Wer außer Ihrem Organismus kann wissen, welche Nährstoffe Sie wann benötigen und welches Essen gut, verträglichund gesund für Sie ist? Ganz einfach: Niemand.
Für gesunde Menschen gilt daher die Empfehlung: Vertrauen Sie beim Essen nur auf ihren intuitiven Ernährungsnavigator - und finden Sie so den natürlichen Weg zu Ihrem besten Essen aller Zeiten. Es gibt so viele gesunde Ernährungen, wie es Menschen gibt, denn: Jeder Mensch ist und isst anders. Konkret: Essen Sie nur dann, wenn Sie echten, körperlichen Hunger spüren, und zwar nur das, worauf Sie Lust haben, was Ihnen schmeckt und was Sie - ganz wichtig - gut vertragen. Essen Sie, bis Sie satt sind.
Denn im Umkehrschluss ist klar: Wie kann etwas gesund für Sie sein, das Ihnen nicht schmeckt (der Körper lehnt es ab) und fiese Blähungen, fettes Bauchweh und Übelkeit oder Unwohlsein beschert? Machen Sie sich frei von den Predigten aller Besser-Esser-Besserwisser, von den Superwirkungen von Superfood und vor allem vom omnipräsenten Ernährungswahn.
Werden Sie sich im Klaren darüber, worauf es beim Essen wirklich ankommt: Es wird Zeit, dass Ernährungshypes, -hybris und -hypochonder vom Teller verschwinden und Ernährung wieder das wird, was sie ist - und zwar die wichtigste und schönste Hauptsache der Welt: entspannt und genussvoll Essen zur Lebenserhaltung.

Die ganz subjektiven Top 10 unter den neuen Identitätsmarkern (10 Bilder)

Steckerlfisch. Foto: Rainer Zenz. Lizenz: CC BY-SA 3.0
(Reinhard Jellen)