Vertrauen: "Welt aus dem Gleichgewicht"

Nach einer Umfrage in 26 Ländern über das Vertrauen in Institutionen scheint die Kluft zwischen einer Elite aus akademischen Gutverdienern und dem Rest der Bevölkerung zu wachsen

Nach einer Befragung in 26 Ländern, die Ende 2018 durchgeführt wurde, ist das "Vertrauen" in NGOs, Unternehmen, Regierungen und Medien zwar gegenüber 2017 ein wenig von 47 auf 49 Prozent in der breiten Masse gestiegen. Am wenigsten im Übrigen das in Regierungen und Medien. Vertrauen wird aber erst ab durchschnittlichen 60 Prozent attestiert. Gefragt wird dabei nur, wie viel Vertrauen jemand auf einer 9-Punkte-Skala in Institutionen hat, nicht, was dies näher bedeutet. Das Vertrauen in die Institutionen ist in einer gesellschaftlichen Elite, genannt "informierte Öffentlichkeit", auf einem Höchststand von 65 Prozent - gefragt wird seit 2012. Die Kluft beträgt 16 Prozentpunkte und dürfte teilweise die Kluft zwischen "denen da oben und denen da unten" widerspiegeln.

Der Edelman Trust Barometer will das Vertrauen messen. Wichtig scheint zu sein, die "informierte Öffentlichkeit" von der übrigen allgemeinen Bevölkerung abzuheben. Die "informierte Öffentlichkeit" muss 16 Prozent der Gesamtbevölkerung über 18 Jahre ausmachen. Junge und Alte gehören da offenbar nicht hin, nur wer zwischen 25 und 64 Jahre alt ist, also vermutlich arbeitet. Zudem ist Voraussetzung eine Hochschulausbildung und ein Haushaltseinkommen, das im obersten Viertel liegt. Dazu gehört auch, wer den vorherigen Kategorien genügt und von sich behauptet, er nutze in starkem Umfang Nachrichtenmedien und beschäftige sich mit Politik und Wirtschaftsnachrichten.

Es handelt sich also weniger um eine "informierte Öffentlichkeit", sondern um eine Elite gut verdienender Akademiker oder potentieller Konsumenten. Die Umfrage wird bezeichnenderweise auch nicht in Ländern, sondern in "Märkten" durchgeführt. Nach dem Schema ist die "informierte Öffentlichkeit" die Spitze einer Pyramide, die restliche Bevölkerung von 86 Prozent über 18 Jahre ist darunter angesiedelt, was schon das herrschende Welt- oder Gesellschaftsbild deutlich macht.

Wo ist das Vertrauen am höchsten?

Interessant ist, dass ausgerechnet in China, Indien, Indonesien, den Vereinigten Arabischen Emiraten und in Singapur das Vertrauen der breiten Bevölkerung in die vier Institutionen am höchsten ist. In den USA soll es nach Kolumbien (52 Prozent) noch bei 49 Prozent liegen. Deutschland liegt mit 44 Prozent sogar hinter der Türkei (45 Prozent). Wenn es aber nach der "informierten Öffentlichkeit" geht, so ist Vertrauen auch in den USA, Großbritannien und Deutschland hoch. In einem weiteren Umfrageteil ist das Ergebnis, dass das Vertrauen der Arbeitnehmer in ihre Arbeitgeber ziemlich hoch ist, vielleicht ist das auch eher Ausdruck der Hoffnung als eine realistische Einschätzung.

Im Bericht heißt es zu dieser Spaltung: "Eine Welt aus dem Gleichgewicht". Die Spaltung herrscht auch zwischen Frauen und Männern, die Frauen sind in einer noch weitgehend männerdominierten Welt wohl einfach skeptischer. Die größten Unterschiede zwischen Frauen und Männer gibt es allgemein in Deutschland, in den USA und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Auch beim Vertrauen in die einzelnen Institutionen ist der Unterschied zwischen Frauen und Männern mit an der Spitze, besonders hoch gegenüber Unternehmern, aber auch gegenüber Medien. Das ist erstaunlich, sollte man doch vermuten, dass die Wutbürger, die gegen die "Lügenpresse" schimpfen, eher Männer sein sollten. Aber allgemein ist einer solchen Umfrage vorzuhalten, dass ein Begriff wie Vertrauen für jemanden in der Unterschicht oder einem Angehörigen einer Minderheit anders aufgeladen ist als für einen Angehörigen der Bevölkerungsmehrheit oder der reichen Oberschicht.

Gefragt wurden die Personen auch, ob die Zukunft in 5 Jahren für ihre Familien besser aussehen wird. Die Menschen in den Ländern, die den Institutionen größeres Vertrauen entgegenbringen, sind auch hier bei den Optimisten zu finden, die an Fortschritt glauben, fast egal unter welcher Regierungsform. Die Pessimisten finden sich in den alten Industriestaaten - und deutlich ausgeprägter bei der breiten Bevölkerung, während die Eliten überall optimistischer sind. Die USA liegen in der Mitte, deutlich negative Stimmung herrscht vor allem in Japan, aber auch in Frankreich, Deutschland, den Niederlanden und Australien.

Vertrauen in die Medien am niedrigsten

Allerdings zeigt sich bei einer anderen Frage, dass die Stimmung nicht sonderlich gut und das Vertrauen brüchiger ist, als dies bei den anderen Fragen der Fall zu sein scheint. Nur ein Fünftel sagt, "das System" arbeite für ihn. Dabei unterscheiden sich breite Öffentlichkeit und die Elite kaum. Dass es ungerecht zugeht, sagen jeweils mehr als 70 Prozent, dass sie den Wunsch nach Veränderung haben, fast ebenso viel. Und von einem mangelnden Vertrauen sprechen dann doch 63 Prozent der breiten Öffentlichkeit und sogar 68 Prozent der Elite.

Nach der Umfrage steigt die Rezeption von Nachrichtenmedien, aber 73 Prozent würden über Desinformation und Fakes News besorgt sein, "die als Waffen gebraucht werden". Ausgerechnet den Suchmaschinen wird weltweit das größte Vertrauen entgegengebracht, dann den traditionellen Medien, mit großem Abstand folgen die sozialen Medien. Die Unterscheidung in Medienarten und alt/neu ist allerdings ziemlich schräg. In Europa und Nordamerika genießen die traditionellen Medien ein wenig mehr Vertrauen als die Suchmaschinen, was heißt in erster Linie wohl Google.

Die Studie hält fest, dass Vertrauen in die Medien allgemein am niedrigsten liegt. Besonders niedrig in Russland (26%) und der Türkei (27%), aber auch in Irland, Japan, Frankreich, Spanien und Großbritannien (35-37%) ist es niedrig. In Deutschland herrscht trotz der hier vielbeschworenen Qualitätsmedien mit 44 Prozent auch Misstrauen vor, auch wenn es 2 Punkte geringer als im Vorjahr ist. In Italien schneiden mit 45 Prozent und in den USA mit 48 Prozent die Medien besser ab. Das höchste Vertrauen haben mit 76 Prozent die Chinesen, gefolgt von den Menschen in Indonesien, Indien und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Das gibt zu denken, zumindest müsste stärker hinterfragt werden, was Vertrauen in die Medien näher bedeutet.

Die Deutschen und die traditionellen Medien

Uwe Sander hat sich die Zahl für Deutschland näher angeschaut und kommt trotz des überwiegenden Misstrauens zu dem Schluss: "Das Bewusstsein für die Qualität von Medien und der Bedarf an verlässlichen Informationen sind in Deutschland messbar gestiegen." Nach den Zahlen gab es bei den "traditionellen Medien", zu denen auch die Online-Ausgaben gerechnet werden, 2014-2016 einen Einbruch, während nur digitale Medien einen Anstieg verzeichnen konnten, was wohl mit der Berichterstattung über die Ukraine und Russland zusammenhängen könnte. Das hat sich allerdings seit 2017 anscheinend wieder gegeben. 68 Prozent sagen nun, sie hätten Vertrauen in die traditionellen Medien. In die nur digitalen 48 Prozent, in soziale Medien 32 Prozent. Überraschend auch hier das Vertrauen in die Suchmaschinen, das bei 58 Prozent liegt.

Sander fährt fort: "Der Vertrauensvorsprung der traditionellen Medien gegenüber Social Media liegt in Deutschland deutlich über dem europäischen und nordamerikanischen Durchschnitt. In Lateinamerika sowie im asiatisch-pazifischen Raum und im Nahen Osten fällt das Vertrauen für soziale Medien höher als in westlichen Ländern aus. Dies lässt sich mit der staatlichen Gängelung traditioneller Medien in manchen Ländern erklären. Wo es an Pressefreiheit mangelt und der Staat die Meinungsfreiheit beschneidet, nutzen viele Menschen Facebook, Twitter & Co. zum Aufbau von Gegenöffentlichkeit."

Man muss allerdings dazu sagen, dass überall ähnlich hohes Vertrauen in die traditionellen Medien besteht, die allgemein zwischen 2015 und 2017 einen Vertrauensverlust verzeichnen mussten. Tatsächlich ist das Vertrauen in soziale Medien in Deutschland geringer als anderswo, aber nur knapp unter dem Durschnittwert der europäischen Länder. Ob das aber vor allem mit der fehlenden "staatlichen Gängelung" zu tun hat, ist zweifelhaft, wenn man das hohe Vertrauen betrachtet, das Medien in China genießen. (Florian Rötzer)

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