Vertrauensverlust gegenüber den Medien in Russland

Bild: Saperaud/ CC-BY-SA-3.0

Von der Vagheit der Umfragen und der womöglich zunehmenden Einschließung in Informationsblasen

In Deutschland wächst nach Umfragen das Misstrauen gegenüber Medien. Die großen Medien gelten manchen bekanntlich als "Lügenpresse" (Forsa-Umfrage: 44 Prozent der Befragten sehen eine "Lügenpresse"). Journalisten der sehr einseitigen Art, die vor allem mit dem Schüren von Ängsten und Vorurteilen in entsprechenden Verlagen und Publikationen ihr Geld machen, bezeichnen ihre Kollegen als "gekaufte Journalisten" und nähren die Ansicht, "Politiker, Geheimdienste und Hochfinanz" würden die Massenmedien lenken.

Solche Ressentiments scheinen vor allem in der rechtsnationalen Ecke zu gedeihen (Teile der Bevölkerung informieren sich aus unseriösen Quellen). Auch in Polen marschierten die Anhänger der rechtsnationalen PiS am vergangenen Sonntag gegen die "Lügen der Medien". Ein Priester veranstaltete gegen die liberale polnischen Zeitung "Gazeta Wyborcza" gar eine Teufelsaustreibung , was das Ganze zum Kasperletheater macht, aber offensichtlich ernst gemeint war.

In Polen wird es weniger der Fall sein, in Deutschland sehen hingegen viele der rechtsnationalen Kritiker aus dem Umkreis von AfD, Pegida und Co. ausgerechnet in staatlichen russischen Medien wie Russia Today ein Korrektiv zur "Lügenpresse", unter die etwa öffentlich-rechtlichen Sender subsummiert werden. Da präsentiert dann RT Deutsch den angeblichen "fehlenden Part", z.B. eine Eva Hermann, die darüber schwadroniert, dass es einen "Vorsatz" gebe, dass die "Flüchtlingsströme" nach Europa kommen. Ansonsten werden alle möglichen Kritiker eingesammelt - nur nicht solche, die auch russische Verhältnisse anprangern oder die Politik der russischen Regierung bzw. die der befreundeten Regierungen hinterfragen. Dass dieser Part fehlt, was eben ein Propagandamedium auszeichnet, wird dann offenbar schon weniger zur Kenntnis genommen. Das gilt natürlich auch umgekehrt, wenn die EU meint, sie müsse mit Propaganda die russischen Propagandamedien untergraben, aber dabei weder in die Medienlandschaft der Ukraine schaut, noch in die von Ungarn (Die Propaganda-Offensive der EU wird das Misstrauen gegenüber den Medien stärken).

In Russland scheint nach einer Umfrage des Levada-Zentrums das Vertrauen in Fernsehnachrichten als Informationsquelle allerdings ebenfalls zurückzugehen - und zwar kräftig. 2009 trauten den überwiegend staatlichen Fernsehsendern noch 79 Prozent, 2015 nur noch 41 Prozent. Schon im März 2014 war das Vertrauen auf 50 Prozent gefallen, bereits eine Reaktion auf die Ereignisse in der Ukraine und die vermehrte Propaganda im Staatsfernsehen? Verdoppelt hat sich seit 2009 das Vertrauen in Freunde, Verwandte und Nachbarn sowie in Online-Medien, auch wenn es mit 19 bzw. 18 Prozent noch niedrig ist.

Gleichwohl bleibt das Fernsehen für 85 Prozent noch die wichtigste Nachrichtenquelle. An zweiter Stelle liegen bei der Frage, für die Mehrfachnennungen möglich waren, mit 24 Prozent Freunde, Verwandte oder Nachbarn. 21 Prozent nutzen Onlinemedien, deutlich mehr als die 9 Prozent im Jahr 2009, aber seit 2013 etwa gleichbleibend. Soziale Netzwerke nutzen 13 Prozent, ebenso viel wie Zeitungen und Rundfunk, die aber seit 2009 beträchtlich von 37 bzw. 43 Prozent abgesunken sind

Wenn 8 Prozent sagen, sie würden überhaupt kein Medium als vertrauenswürdig erachten, doppelt so viel wie 2009, dann zeigt sich hier vielleicht am deutlichsten der Vertrauensverlust in Medien. Man könnte aber eine solche Haltung auch als kritische Distanz verstehen, denn an sich ist ja schon die Frage, ob man "dem" Fernsehen oder "den" Online-Medien vertraut, eigentlich unsinnig, wenn man nicht nach einzelnen Sendern oder auch nach einzelnen Sendungen oder Journalisten frägt. Misstrauisch zu sein, ist durchaus vernünftig, wenig vernünftig ist hingegen, pauschal Mediengruppen als "Lügenpresse" zu bezeichnen, wenn man gleichzeitig anderen Medien traut, die ganz offensichtlich ein politisches Interesse verfolgen.

Allerdings ist es natürlich nicht möglich, alle Nachrichten zu hinterfragen bzw. die Quellen zu sichten, um selbst zu einer begründeten Meinung zu kommen, die in der Regel darauf basieren muss, mediale Informationen zu verarbeiten, also letztlich bestimmten Quellen Glauben zu schenken. Allein aufmerksamkeitsökonomisch werden so Medien verstärkt konsumiert, denen man Vertrauen schenkt, weil man in ihnen - oder in Teilen wie bestimmten Nachrichtensendungen, Wirtschaftsmagazinen, Kulturbeiträgen etc. - gemeinhin als richtig erachtete Informationen gefunden hat und sich deswegen auch weiter darauf verlässt - oder auch nur, weil sie die eigenen Meinungen, Ansichten und Ideologien widerspiegeln.

Einschluss in die ideologische Blase

Gleichzeitig verstärkt diese Komplexitätsreduzierung die Gefahr, sich in einer nach außen abgedichteten Blase zu verfangen und weitgehend nur noch das zur Kenntnis zu nehmen und als richtig, wahr, objektiv etc. zu akzeptieren, was von bestimmten Medien, Netzwerken oder Menschen kommt. Das könnte dann auch die Aggressivität gegenüber denjenigen verstärken, zumal wenn sie - vermeintlich - anonym geäußert wird, die anderer Meinung sind. Es wird nicht mehr argumentiert, sondern nur noch abgeurteilt - womit man in einem religiösen Weltbild von Gut und Böse landet, was derzeit Konjunktur hat, auch wenn es nicht explizit religiös auftritt.

Die fragmentierte Internetöffentlichkeit kann eine solche "Balkanisierung" oder solche Parallelwelten der Meinungsbildung und -verstärkung befördern, da man immer besser den Informations- und Kommunikationsfluss selektieren kann - und auch die Werbung darauf abzielt, das Ähnliche zu verstärken. So haben Wissenschaftler der Indiana University in einer Studie, in der sie 100 Millionen Klicks im Web und 1,3 Milliarden Postings in Sozialen Netzwerken untersuchten, festgestellten, dass diejenigen, die sich in Sozialen Netzwerken informieren, einer höheren Gefahr ausgesetzt seien, sich in einer "kollektiven sozialen Blase" einzuschließen.

Die Wissenschaftler untersuchten, inwieweit die Informationen, die man über den Feed aus Sozialen Netzwerken erhält, unterschiedlicher sind als diejenigen, die sich aus einer Suche mit einer Suchmaschine in der Form von Klicks auf Informationsquellen ergeben. Wer sich primär in Sozialen Netzwerken informiert, so das Ergebnis, erfährt weniger von der Unterschiedlichkeit der Welt bzw. der Weltwahrnehmung. Es komme zu einem Anstieg der "kollektiven sozialen Blase", wo Informationen innerhalb von gleichgesinnten Gruppen geteilt oder gefiltert werden. Die Entdeckung von Informationen würde nicht mehr individuell, sondern sozial kanalisiert erfolgen. Das ist freilich nur eine Verstärkung des Trends, sich in das eigene Weltbild einzuschließen und Störendes bzw. Störende auszuschließen.

Nach einer Allensbach-Umfrage sagen mehr als 70 Prozent der Deutschen, dass sie eine Berichterstattung wollen, die das Faktische ohne Rücksicht auf irgendwelche Belange darstellt (Medien: Mehr "rückhaltlose" Berichterstattung gefordert). Die Umfrage bezog sich freilich vor allem auf die Flüchtlinge, wo etwas mehr als die Hälfte unzufrieden mit der Berichterstattung ist, 41 Prozent halten sie für einseitig. Der Vorwurf scheint zu sein, dass die Lage im Sinne des Merkelschen "Wir schaffen das" beschönigt werde. Aber auch allgemein würden 39 Prozent finden, "an dem von Pegida propagierten Vorwurf der 'Lügenpresse' sei etwas dran, Medien verdrehten Sachverhalte und verheimlichten wesentliche Informationen; in Ostdeutschland halten sogar 44 Prozent diesen Vorwurf für zutreffend". Das Seltsame ist allerdings, dass die vermeintlich Kritischen oft überaus vertrauensselig den "Verdrehungen" Glauben schenken zu scheinen, die von Pegida, AfD etc. verbreitet werden.

Wie in Russland ist das Fernsehen bei den Deutschen die primäre Informationsquelle, hier in erster Linie das öffentlich-rechtliche Fernsehen, nicht die Privatsender! Im Unterschied zu Russland genießen hierzulande die Zeitungen noch ein hohes Ansehen, dann kommen erst Familie, Kollegen und Bekannte. Und nach Allensbach ist allgemein die Zufriedenheit mit der Berichterstattung in Deutschland gestiegen. 8 Prozent sind mit der Berichterstattung "überhaupt nicht zufrieden". Vielleicht finden die Unzufriedenen eben nur bessere Möglichkeiten, sich zu äußern? (Florian Rötzer)

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