Verursachen psychisch Kranke finanziellen Schaden?

Ökonomische Konstrukte und ihre Folgen

Der gesellschaftliche Druck zur Kosteneffizienz ist groß. Gilt das auch für kranke Menschen - und vielleicht sogar für diejenigen, die gerade unter dem Effizienzdruck leiden? Gesundheitsökonomen jonglieren gerne mit Zahlen, die die Bedeutung der psychischen wie allgemeinen Gesundheit untermauern. Dabei werden vor allem verlorene Arbeitsstunden als Kostenpunkt berücksichtigt. Mit anderen Worten: Wer nicht 100% effizient ist, gilt als Kostenfaktor. Durch dieses Denken steht schnell die Menschenwürde auf dem Spiel. Ich vertrete eine Alternative zum ökonomischen Menschenbild.

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Neulich im Zug erwies es sich einmal wieder als wichtig, mit offenen Augen durch die Welt zu gehen: Kurz vorm Aussteigen fiel mein Blick nämlich auf die Zeitung einer Mitreisenden. Dort stand in großen Buchstaben (auf niederländisch): "Depressionen kosten die Gesellschaft 1,5 Milliarden Euro." Eine Online-Suche führte mich schnell auf die Seiten des Financieel Dagblad vom 10. Januar. Erst auf den zweiten Blick wurde mir klar, dass die Überschrift dort anders lautete: "Depressiver Niederländer kostet die Gesellschaft 1,5 Milliarden Euro."

Zum Vergleich hier noch einmal die beiden Aussagen:

(1) Depressionen kosten die Gesellschaft 1,5 Milliarden Euro.

(2) Depressiver Niederländer kostet die Gesellschaft 1,5 Milliarden Euro.

Machen Sie sich vielleicht selbst erst einmal Gedanken darüber, was der Unterschied zwischen den beiden Aussagen ist, bevor Sie weiterlesen.

Es ist verwunderlich, dass die Online-Redaktion hier wohl eigenmächtig den Titel geändert hat, ohne groß darüber nachzudenken. Stellen Sie sich einmal vor, Sie würden von Niedergeschlagenheit geplagt, von Verzweiflung, könnten sich über nichts mehr freuen, hätten vielleicht auch Schuldgefühle... und dann läsen Sie in Überschrift zwei, dass Sie die Gesellschaft auch noch Milliarden kosten!

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Laien ist wahrscheinlich nicht klar, wie solche Schätzungen zustande kommen. In der medizinischen Fachliteratur findet man ständig derartige Berechnungen. Vor wenigen Jahren berichteten beispielsweise noch Epidemiologen um den Dresdner Professor Hans-Ulrich Wittchen, psychische Störungen würden in der EU jährliche Kosten in Höhe von 277 Milliarden Euro verursachen.

Wenn man seine Ziele auf die politische Agenda setzen oder beim Einwerben von Forschungsmitteln oben auf der Prioritätsliste enden will, dann sind solche Zahlen natürlich von Vorteil. Sie täuschen aber auch: Erstens sind es grobe ökonomische Konstrukte, die wenig mit der Realität der Betroffenen zu tun haben. Zweitens vernachlässigen die Schätzungen, dass mit Krankheit wiederum selbst sehr viel Geld erwirtschaftet wird.

In einem Aufsatz im British Journal of Psychiatry berichteten vor Kurzem kritische Forscherinnen und Forscher, in den USA würden jährlich im Durchschnitt pro Kopf rund 4300 US-Dollar für die Gesundheitsversorgung ausgegeben. Dennoch schneidet deren Gesundheitssystem weltweit nur mittelmäßig ab und gibt es innerhalb der Bevölkerung gravierende Unterschiede im Zugang zur Versorgung.

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