Viel Schatten, ein bißchen Licht

Lesen, was in und über Afrika gebloggt wird

Es stimmt schon, am Anfang des 21.Jahrhunderts scheint Afrika die klischeebeladene Rede vom "dunklen Kontinent" auf neue alte Weise mit Realität erfüllen zu wollen. Der Herzschlag der Finsternis ist nicht nur zu vernehmen in Denis Johnsons Berichten aus der Hölle, auch Dinge wie der zeitweise Ausschluss Simbabwes aus dem Internet sprechen eher von Rückentwicklung als von Fortschritt. Aber wenn diese Finsternis naturgemäß auch in die Blogs aus und über Afrika einsickert, so findet sich in ihnen doch ein differenzierteres Bild des Kontinents.

Zerfallende Staaten, vergiftete oder kriegszerstörte Städte, Korruption, religiöser Wahn, Bürgerkriege, die Folgen des alten und des neuen Kolonialismus, Hunger, Mord und Totschlag: Von all dem gibt es in Afrika heute viel zu viel.

Aber es mag sich lohnen, abseits der westlichen Tagespresse die Blogs zu lesen, die von Afrikanern und Afrikanerinnen geschrieben werden, ob sie sich nun in Afrika selbst befinden oder im Exil. Und auch Blogger, die zwar selbst keine Afrikaner sind, aber einzelne Länder oder große Teile des Kontinents kennen, tragen mit ihrem persönlichen Journalismus dazu bei, ein differenzierteres Bild von Afrika zu zeichnen, als es die westliche Tagespresse im allgemeinen will und kann.

Zunächst mag es ja einmal erstaunlich sein, dass es so etwas wie originär afrikanische Blogs überhaupt gibt, denn innerhalb des Elendsszenarios vom aufgegebenen Kontinent hat so etwas nur schwer Platz. Aber wenn auch ein Blogger wie Ethan Zuckerman zugibt, dass die meisten afrikanischen Blogs aus der hauchdünnen urbanen Oberschicht stammen, die in den Hauptstädten der "gesünderen" afrikanischen Staaten existiert, so gibt es doch immer wieder Geschichten wie von "Kachumbari" zu erzählen, einem Kleinhändler aus Nyahururu/Kenia, der bis zu seinem tragischen Tod bei einem Verkehrsunfall als "True Villager" gebloggt hat.

Auch die Reaktion anderer Afrika-Blogger auf seinen Unfalltod macht deutlich, dass er zwar bei seinen Gehversuchen im Internet eine Ausnahme, aber nicht absolut einzigartig war; vor allem, dass er auch gelesen wurde.

Die chinesischen Onkel mit der dicken Brieftasche

Zu den Details um Kachumbaris Leben und Sterben gehört auch, dass die Hinterbliebenen glücklicherweise nicht völlig mittellos sind, weil er von seinem niedrigen Einkommen Beiträge zu einer Versicherung abzweigen konnte. Überhaupt die Details. Interessant, wie chinesische Investoren in Afrika mittlerweile in großem Maßstab die Rolle des Onkels mit der dicken Brieftasche spielen, die bisher traditionellerweise mit amerikanischen und europäischen Akteuren besetzt war.

Und wenn Soyapi Mumba aus Lilongwe/Malawi zu eventuellen Investitionen von Lenovo in Mozambique ausruft: "Long live globalization!", dann kann man wohl davon ausgehen, dass er hofft, auch in Zukunft zu den wenigen Globalisierungsgewinnern in Afrika zu gehören. Wie lehrreich ist es doch festzustellen, dass die neokoloniale Konstellation dieselben Konsequenzen hat, völlig unabhängig von dem Herkunftsland des Kolonialisten. Das geht halt alles auch auf Chinesisch, in Sambia, Mozambique und Nigeria.

Oder wie wäre es mit einem Kurzartikel namens "Pop-Culture and Saving Africa"?

Vor allem die genervte Reaktion auf den Rettungseifer westlicher Prominenter in Bezug auf Afrika scheint mir hier interessant zu sein - Malawi ist furchtbar arm, aber das herablassende Getue der Onkel mit den dicken Brieftaschen und sinnlose Einzelaktionen wie die Adoption eines malawischen Kindes durch Madonna stoßen auf wachsenden Unwillen.

In Kenia, das allgemein zu den "gesünderen" afrikanischen Staaten gerechnet wird, protestiert eine Gewerkschaft der Universitätsangestellten an der Kenyatta-Universität in Nairobi gegen Repressionsmethoden des Staates und der Universitätsführung. Der offene Brief an den Präsidenten Mwai Kibaki wirft der Staatsführung vor, die autoritären Methoden des Moi-KANU-Regimes aus früheren Zeiten zu reproduzieren.

Weniger Kreisen um persönliche Befindlichkeiten

Die Diskussion zu dem Artikel wird von den Lesern durchaus kontrovers geführt. Andernorts macht sich der Architekt Ugo Okafor über die Standardisierung der traditionellen afrikanischen Lehmbauweise Gedanken - er berichtet von interessanten Versuchen, industrielle Normen und Rationalisierungstechniken auf vorindustrielle Materialien und Bauweisen anzuwenden.

Das sind nur einige Beispiele von vielen, ein gutes Sprungbrett zu den afrikanischen Blogs ist das Portal BlogAfrica. Kennzeichen der Blogs aus und über Afrika scheint zu sein, dass sie allgemein weniger als ihre europäischen und amerikanischen Gegenstücke um die persönlichen Befindlichkeiten der Autoren und Autorinnen kreisen. Das ist nicht gut, denn hätten sie eher Liebeskummer, elektronische Gadgets oder Medienerzeugnisse zum Thema, könnte man davon ausgehen, dass immerhin die afrikanischen Blogger Zeit für so etwas haben; andererseits werden ihre Blogs dadurch dem Anspruch des persönlichen Journalismus eher gerecht als der millionste Mp3-Linkdump.

Am wichtigsten aber: In ihren Blogs erscheinen Afrikaner und Afrikanerinnen als Subjekte, die sich aktiv und konstruktiv mit den politischen Zuständen in ihren Ländern auseinandersetzen. Sie sind nicht die Klischeefiguren, die man aus tausend Medienberichten kennt, keine Hungeropfer, keine bluttriefenden Diktatoren oder Milizenführer. Natürlich macht es keinen Sinn, über der Existenz dieser winzigen "Szene" die Zustände in Somalia, im Sudan, in Uganda, im Kongo zu vergessen. Aber ein kleines ermutigendes Zeichen ist sie allemal. (Marcus Hammerschmitt)

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