"Viele Männer wissen nicht mal, wo der Kitzler liegt"

Die junge Autorin Nina Wagner erzählt im Interview über Online-Dates, Sex und die Suche nach der Liebe

Nina Wagner, 28, lebt in Berlin, hat ein Chemie-Studium abgebrochen und arbeitet nun als Selekteurin an den Türen diverser Clubs. Nebenbei ist sie als Bloggerin aktiv - dabei entstand ihr neues Buch "Fucking Good", das über die ebenso alte wie aktuelle Frage handelt: Wie klappt das denn jetzt mit dem guten Sex, der funktionierenden Beziehung und überhaupt der Liebe?

Beziehungs-, Liebes- und Sexratgeber gibt es wie Sand am Meer. Warum haben Sie dieses Buch geschrieben?
Nina Wagner: Die meisten Ratgeber wollen uns verklickern, wie der perfekte Sex sein muss. Aber den gibt’s eh nicht, obwohl uns das solche Bücher und die ganzen Frauenzeitschriften weismachen wollen: Niemand vögelt so wie im Mainstream-Porno, dennoch glauben viele, genau das erreichen zu müssen. Dagegen schreibe ich an. Außerdem habe ich keinen Ratgeber gefunden, den eine junge Frau geschrieben hat - und auch kaum einen, der ehrlich die ganzen Unsicherheiten und dazugehörigen Lernprozesse benennt. Insofern ist das Buch auch ziemlich autobiographisch.
Wo haben Sie diese persönlichen Erfahrungen gesammelt?
Nina Wagner: Ein Schwerpunkt des Buchs liegt auf dem Online-Dating. Die älteren Generationen haben noch am Bartresen geflirtet und dort jemanden zum ersten Mal kennengelernt. Unsere Generation trifft viele Menschen zum ersten Mal im Internet; bei uns hat sich ein Großteil der Kommunikation ins Digitale verschoben. Wir sind ja mit der Geburtsstunde des Internet aufgewachsen und stießen dort auf wildfremde Leute, wir haben auf MSN oder ICQ geflirtet, später in den zahllosen Foren, auf MySpace oder Facebook.
Und welche Portale sind jetzt angesagt?
Nina Wagner: Ich war nur auf kostenlosen Portalen wie beispielsweise Finya, eDarling, Lovoo. Die Dating-App Tinder war für mich am wichtigsten: Auf Tinder ist gefühlt die Hälfte unserer Generation unterwegs.
Nina Wagner. Bild: Jule Müller

Man macht erstmal den Warenkorb voll und "liked" alle Menschen und guckt dann, was bei rauskommt

Was macht Tinder so besonders?
Nina Wagner: Also, man hat da diese App, die einem anzeigt, wer in der Umgebung verfügbar ist und ein Date sucht, und dann klickt man diese Person an. Aber erst, wenn beide Seiten Ihr Häkchen setzen, es also zu einem Match kommt, kann man sich Nachrichten senden. Das mit dem Vorselektieren finde ich super, weil einem so jede Menge Spam erspart bleibt.
Haben Dating- und vor allem Sex-Dating-Seiten nicht den Charakter von einem riesigen kapitalistischen Onlineshop, wo ich mir Menschen rauspicke?
Nina Wagner: Stimmt schon: Man macht erstmal den Warenkorb voll und "liked" alle Menschen und guckt dann, was bei rauskommt. Am Anfang fand ich das spannend, aber ich habe mich schnell gelangweilt, als ich täglich in den digitalen Menschenmassen fischte. Die Menschen dort werden völlig austauschbar, ja, das ist wie beim Onlineshopping.
Aber Sie haben das Portal trotzdem benutzt?
Nina Wagner: Ja, anfangs ist der Suchtfaktor ziemlich hoch. Jedes Match gibt einem Bestätigung und ein kleines Hochgefühl, weil das eigene Ego gepusht wird und man vielleicht sogar Komplimente bekommt. Umgekehrt habe ich viele Downer erlebt, wenn sich gar keiner bei mir gemeldet hat.
Das ganze wurde dann aber schnell öde, es gibt dort eine schnelle Abnutzung: Wenn man sich trifft, erzählt man oft immer wieder das gleiche. Und auch der Reiz des Unbekannten beim Sex - wenn’s dazu kommt - geht dann schon bald verloren. Irgendwann wird man total abgeklärt. Nach dem Motto: Ich kenn das ja jetzt schon … Mittlerweile habe ich mich dort abgemeldet.
Wie schnell kam die Langeweile auf?
Nina Wagner: Schneller als man denkt, bei mir so nach acht Dates.
Und bei allen ging’s zur Sache?
Nina Wagner: Nö, gar nicht. Da war alles dabei: Manchen hab ich gesagt: "Sorry, geht gar nicht", mit manchen hab ich mich ganz gut verstanden, aber es war klar, da läuft nix im Bett. Und ja, mit manchen hatte ich dann auch Sex.
Haben Sie eigentlich auch Rollen gespielt, also eine neue "Nina Wagner" erfunden?
Nina Wagner: Sehr viele schummeln bei Alter und Größe. Wie beschissen ist das denn bitte? Wenn man sich trifft, fliegt das doch sowieso auf. Bei solchen Sachen habe ich nicht gemogelt. Aber ich bin ein paar Mal in andere Rollen geschlüpft und habe dann zum Beispiel die sexuell total Unerfahrene gespielt.
Le Printemps by Pierre Auguste Cot (1873); Foto: Wikimedia; gemeinfrei
Schwingt bei den meisten NutzerInnen von Tinder und ähnlichen Portalen nicht doch die Hoffnung mit, einen festen Partner zu finden?
Nina Wagner: Den Eindruck hatte ich schon. Vor allem bei den Frauen suchen viele, wenn auch nicht alle, nach einem festen Partner. Bei den Männern hingegen wollen viele einfach nur Sex. Da gibt’s auf jeden Fall eine gewisse Schieflage. Manche Männer, mit denen ich über diese Portale gesprochen habe, beschwerten sich auch, dass die Frauen dort nicht einfach mal nur vögeln wollen.

Die Unzufriedenheit resultiert aber auch aus einem enormen Performance-Druck

Ist der Sex in festen Partnerschaften nicht intensiver, wärmer, gefühlvoller?
Nina Wagner: Ich würde das nicht pauschal für jede Situation sagen. Aber oft ist der Sex in einer Partnerschaft besser, weil man sich kennt - und den Körper des anderen und dessen Vorlieben.
Dennoch sind viele unzufrieden mit ihrem Liebesleben, auch in Beziehungen. Woran hapert es da?
Nina Wagner: Jede Beziehung birgt die Gefahr, dass sich Routine einschleicht. Da muss man einfach viel, viel miteinander reden! Denn Lust haben wir ja meistens schon. Man muss es schaffen, Sex und Alltagsleben irgendwie voneinander zu trennen. Ich für meinen Teil finde es zum Beispiel gut, nicht mit meinem Partner zusammenzuziehen. Wenn man doch zusammenwohnt, muss man es hinkriegen, die Gewohnheiten zu durchbrechen oder den Alltag hinter sich zu lassen.
Die Unzufriedenheit resultiert aber auch aus einem enormen Performance-Druck: Medien, Werbung und Mainstream-Pornos verklickern uns ein angeblich perfektes Bild davon, wie unser Sex auszusehen hat - und wie eine romantische Beziehung zu sein hat. Ganz schlimm ist da zum Beispiel "Fifty Shades of Grey": Im Kern handeln Buch und Film davon, dass eine zarte Prinzessin die harte Schale eines Prinzen knackt. Das bisschen Rumgepeitsche ist nur Beiwerk, am Ende des Buchs reden beide von Hochzeit und Kindern, ganz konservativ also. Diese und andere Bilder brennen sich ins kollektive Bewusstsein.
Im kollektiven Bewusstsein spielt Treue eine wichtige Rolle, wird das Prinzip Treue auch überschätzt?
Nina Wagner: Nö, gar nicht. Das muss halt jeder für sich ausmachen. Natürlich gibt es das Eifersuchtsprinzip, also das Gefühl, ersetzbar zu sein. Da muss man auch erstmal mit sich selbst klarkommen. Das ist einfacher gesagt als getan - ich meine, dass man sich selbst wirklich akzeptiert und nicht versucht, anderen Menschen zu gefallen und sich dabei zu verstellen. Wenn man das schafft, ist man auch weniger eifersüchtig, zumindest, wenn es keinen konkreten Anlass gibt wie eben Untreue.
Mal ganz konkret: Die meisten Frauen kommen beim Masturbieren zum Orgasmus - ebenso jene, die in lesbischen Beziehungen leben. Wenn aber Frauen auf Männer treffen, hakt es ziemlich oft. Warum?
Nina Wagner: Es ist zum Beispiel echt frustrierend, dass die meisten Männer nicht gut lecken können. Es gibt Ausnahmen, klar, aber es ist de facto so, dass die meisten Männer davon überzeugt sind, die Weisheit über die weibliche Sexualität mit Löffeln gefressen zu haben, dabei aber nicht mal wissen, wo der Kitzler liegt. Und hier spreche ich für viele Frauen. Warum in aller Welt sind viele Männer nicht empathisch genug, um herauszufinden, was eine Frau befriedigt? Die Themen sind medial omnipräsent - und trotzdem macht es in vielen Köpfen nicht Klick.
Ein Großteil der Männer weiß einfach nicht, dass Frauen ganz anders zum Orgasmus kommen. Auch hier gilt: viel reden! Und allzu viele tun das einfach nicht. So wissen viele Männer dann einfach nicht, was die Frau, mit der sie gerade zusammen sind, wirklich will. Und jede Frau will etwas anderes, deshalb reicht es nicht aus, in irgendwelchen Magazinen eine Anleitung zum vermeintlich perfekten Sex zu lesen. Das ist eine ganz individuelle Sache. Deshalb: Wir sollten außerhalb vom Bett miteinander über das reden, was wir uns im Bett wünschen. Oder wir zeigen im Bett auch einfach mal nonverbal, wie wir’s lieber haben wollen.
Wenn das Thema Sex so omnipräsent ist: Warum tun wir uns so schwer damit?
Nina Wagner: Wenn man mit guten Freunden über das Thema redet, liegt die Toleranzgrenze höher, glaube ich. Wenn man das Thema nämlich in einer Partnerschaft anspricht, kann schnell die Angst vor Kritik aufkommen: "Oh Gott, der oder die findet mich jetzt scheiße und verlässt mich!" Und man kann einen Mann mit wenigem derart verletzen und wütend machen, als wenn man sagt: "Du bist eine Niete im Bett." So sollten wir natürlich nicht miteinander reden, sondern einfühlsam und der Situation angemessen. Kommunikation ist das A und O, dann wird auch der Sex besser - oder nach zu viel Routine wieder spannender. (Patrick Spät)
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