"Viele junge Araber haben sich völlig von der Religion abgewandt"

Arabischer Atheismus: Eine wachsender Gegentrend, der sich die Revolution zurückholt?

Sie sind klar in der Minderheit, aber sie existieren: Atheisten in arabischen Ländern. Mit dem Aufkommen von sozialen Netzwerken haben sie eine Plattform gefunden, um der Zensur zu entgehen. Zwischen 2009 und 2010 wurde das Arab Atheist Network gegründet. Auf Facebook findet sich beispielsweise die Arab Atheist Alliance. Die Gegnerschaft der militanten Glaubenseiferer ist groß und die Atheisten haben in manchen Ländern bei Entdeckung die Todesstrafe zu befürchten.

Laut einem saudi-arabischen Atheisten bieten Twitter und Facebook die Gelegenheit, Treffen zu organisieren: "Auch wenn sie wirklich kaum zu bemerken sind, wenn Sie sich einmal zu einem solchen Treffen begeben, werden Sie schockiert sein, wie viele es sind und welche Gesellschaftsschichten sie repräsentieren."

Es sei unwahrscheinlich, dass die westlichen Medien davon Notiz nehmen, aber es scheint ganz so, als ob der arabische Atheismus derzeit eine Erneuerung erfahre, beobachtet der in den USA lebende arabische Autor und Professor für politische Wissenschaft As'ad AbuKhalil in seiner Kolumne für die Zeitung Al-Akhbar. Auch er verweist darauf, dass sich das Phänomen längst im Internet zeige, wo entsprechende Seiten immer populärer würden.

Der Autor, bekannt unter dem nom de guerre "Angry Arab" - durch das gleichnamige Blog -, wird seinem Namen gerecht, indem er seinen Zorn auf die von politischen Interessen und Beschränkungen verstellte Berichterstattung im Westen wie in arabischen Ländern äußert. Die westlichen Medien seien diesbezüglich wieder einmal ahnungslos und die, entweder vom saudi-arabischen oder vom katarischen Herrscherhaus dominierten, arabischen Medien würden den missliebigen Trend ignorieren.

Ob es Wunschdenken ist oder genaue Beobachtung, wird sich zeigen. Jedenfalls sieht AbuKhalil, dem eine gewisse Sympathie zu Hegel in seinen Publikationen abzulesen ist, eine Dialektik am Werk, die angesichts der gegenwärtigen Lage in Ägypten, Syrien oder Tunesien nicht jedem ersichtlich ist. Die Haupthese seiner Kolumne lautet nämlich, dass die Machtübernahme der Muslimbrüder in Ägypten und Tunesien (!) von kurzer Dauer sein wird, weil sie, ebenso wie die öffentlichen Auftritte der Salafisten in vielen arabischen Ländern, einen "gegenläufigen Effekt gehabt haben". Die Vergangenheitsform hat AbuKhalil mit Bedacht gesetzt. Nach seiner Auffassung hat die Wirkung schon eingesetzt, hat sich das Rad der Geschichte bereits in die andere Richtung bewegt:

Viele junge Araber haben sich völlig von der Religion abgewandt.

Ob die Aktion der tunesischen Femenaktivistin Amina ("Man muss gegen diese Plage kämpfen, um unsere jungen Mädchen zu retten"), die in der symbolträchtigen Stadt Kairuan ihre Brüste entblößte und angeblich die Mauer der berühmten Moschee mit einem Graffiti um ein neues Symbol bereichern wollte, tatsächlich ein signifikantes Zeichen für den neuen Aufbruch ist und keine sporadische Einzelaktion ist, sei dahingestellt. AbuKhali nimmt sich die Freiheit des Kolumnisten und erkennt, ohne dies deutlich belegen zu müssen, in den Nacktprotesten, die es auch in Ägypten gebe, trotz deren Oberflächlichkeit ein Zeichen für einen mutigen Trend, der sich von der Religion nicht einschüchtern lässt.

Auch die Aussage eines ägyptischen Aktivisten, der davon spricht, dass es einen weit verbreitete Abneigung gegen religiöse Personen und sogar bärtige Personen gebe, dass säkulare und kommunistische Bücher von jüngeren nachgefragt würden, dass sich Bauern in seinem Dorf kategorisch weigern, den Bärtigen oder Religiösen eine Stimmezu geben und das Facebookseite Arab atheists kürzlich 347 Zugänge aus Ägypten verzeichnete, ist die Stimme eines Einzelnen, die von AbuKhalil als Teil einer größeren Bewegung gesehen wird.

Aber der Politikprofessor trifft einen interessanten Punkt, wenn er auf etwas aufmerksam macht, was in den letzten Monaten völlig aus den Medien verdrängt wurde: Dass die Aufstände in den arabischen Ländern zu einem wesentlichen Teil von Personen und Organisationen, z.B. in Tunesien wie in Ägypten von Gewerkschaften, getragen wurden, die keine religiöse Weltanschauung im Gepäck hatten. Die Revolution sei später gekapert worden, entrüsteten sich ägyptische Aktivisten schon vor vielen Monaten und die Empörung in Tunesien flammte die letzten Tage noch einmal hoch, als Islamisten Sätze äußerten, die die Revolution für sie reklamierten.

Dass hier - in der Rivalität zwischen den Muslimbrüdern und der Jugend sowie den säkularen Bewegungen, die die Aufstände initiiert und weitergetragen haben, das letzte Wort noch nicht gesprochen ist, davon dürfte nicht nur AbuKhalil überzeugt sein. Auch sein Verweis auf eine gar nicht so alte säkulare Tradition in arabischen Ländern, auf die kommunistischen Parteien z.B. in Ägypten und im Irak, auf kommunistische oder linke Widersacher Baschar al-Assads ("(in Syria, those communists suffered early imprisonment and repression by the regime, which prefers to face Islamists of the various kinds"), auf Gewerkschaftsbewegungen, auf den Nasserismus zeugt von einer nicht-religiösen politischen Kraft, die der gegenwärtigen islamistischen Welle gegengerichtet ist. AbuKahlil traut ihr mehr zu als ihren linken Vorgängern im letzten Jahrhundert:

The new leftists and communists, and secularists in general, are far more brave and daring than the discredited class of orthodox Stalinist Marxists who — under strict orders from Moscow — did not wish to challenge religious authorities and did not wish to spread atheist beliefs.

Ob und in welcher Stärke diese Gegenbewegung sich politisch aufzurichten versteht, ist schlecht auszumachen. Der Angry Arab, der in seinem Kommentar auf eine große klassisch-moderne Tradition säkularer Denker in arabischen Ländern Anfang des 20.Jahrhunderts hinweist, die den säkularen Bewegungen in den 1960ern voranging, gibt sich selten mit dem Mittelmaß der Gegenwart zufrieden - er sieht die nächste große Welle am Horizont aufziehen:

Es gibt Zeichen, dass die arabischen Aufstände und der Aufstieg zur Macht der Islamisten in einigen arabischen Ländern den Anfang zu einer neuen politischen und intellektuellen Ära gelegt haben: die (zweite) Epoche des modernen arabischen Atheismus.

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