Viele vermeiden Diskussionen mit Andersdenkenden

Nach einer Umfrage sagen fast alle Amerikaner, dass "kritisches Denken" wichtig sei, aber es wird von wenigen praktiziert und weiter gegeben

Helen Lee Bouygues, die enge Beziehungen zu Frankreich hat, beriet viele Jahre Unternehmen, die in Krise gerieten oder vor der Pleite standen, was sie selbst nicht ärmer machte. Möglicherweise hat sie deshalb entdeckt, dass kritisches Denken nicht nur im Geschäftsleben, sondern auch für die Gesellschaft und den Einzelnen wichtig ist - nicht zuletzt als Schutz gegen Fake News. Kritisches Denken werde nicht gelehrt, obgleich es zur Bewältigung der Informationsflut immer wichtiger werde.

Jedenfalls hat sie die Reboot Stiftung gegründet, die kritisches Denken, beginnend im Elternhaus und in der Schule, zu fördern sucht. Entwickelt werden soll auch ein digitales Programm für Eltern, um diese anzuleiten, das kritische Denken ihrer Kinder zu entwickeln. Ob ausgerechnet die Eltern der beste Ansprechpartner dafür sind, mag dahingestellt sein. Und ob Apps oder ähnliches dafür geeignet sind, unabhängiges Denken nach dem Kantschen Leitspruch der Aufklärung zu stimulieren, kann man auch bezweifeln: "Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!"

Die Stiftung hat nun die Ergebnisse einer Umfrage veröffentlicht, die auch nicht sonderlich ermutigend sein dürften. Ähnlich wie bei anderen "guten" Themen, etwa dem Klimaschutz, sind natürlich auch die meisten für den Gebrauch des kritischen Denkens, aber eher ungern im eigenen Umkreis. Bouygues sagt, ein Unternehmen wieder auf die Füße zu stellen, das aus der Spur gekommen ist, sei eine Übung im kritischen Denken: "Forschung, Analyse und Planung müssen in einer angespannten, unter zeitlichem Druck stehenden Situation Früchte tragen."

Das klingt weniger nach kritischem Denken, sondern nach einem pragmatischen und zielorientierten Lösungsansatz. Aber sie erklärt natürlich auch, dass kritisches Denken vor allem die Fähigkeit ist, Dinge zu hinterfragen, um zu eigenen Entscheidungen der Urteilskraft zu kommen. Als Definition bietet sie an, dass es eine Art des Nachdenkens sei, "das Schlussfolgerung, Logik und Analyse benötigt, um Entscheidungen zu treffen und Probleme zu verstehen. Zu den wichtigen Elementen kritischen Denkens gehört, entgegengesetzte Standpunkt zu untersuchen, Beweise zu verwenden und sich an Diskussionen zu beteiligen."

Gerade an letzterem scheint es aber zu hapern. Befragt wurden für die Studie allerdings über Amazons Mechanical Turk gerade einmal 1100 erwachsene Amerikaner, es ist also keine repräsentative Umfrage. Man habe die Verteilung nach Alter, Geschlecht und Einkommen nach dem American Community Survey überarbeitet. Auf die nicht sonderlich erhellende Frage, ob heute kritisches Denken notwendig sei, sagten, warum auch immer, 1,3 Prozent nein und über 95 Prozent ja. 50 Prozent der Männer sagen, sie hätten kritisches Denken in der Schule gelernt, aber nur 42 Prozent der Frauen, was die Frage entstehen lässt, ob Männer schneller zufriedengestellt sind oder der Unterricht stärker männerorientiert ist.

Wenig verwunderlich ist, wenn die Menschen meinen, dass die jüngere Generation weniger drauf hat. Das ist ein altes Lamento der Kulturkritik und der Generationenfolge. Bei den Befragten sagen 80 Prozent, der jüngeren Generation mangele es an kritischem Denken, was wohl auch heißt, dass man es sich selbst - unkritisch? - zuschreibt. Die Schuld wird etwa der modernen Technik zugeschoben, die kritisches Denken verhindere. Das sagen Männer mit 27 Prozent, bei den Frauen sind es sogar 39 Prozent. Die Jüngeren sind hier weniger skeptisch als die Älteren. Mit 30 Prozent sehen allerdings mehr in der "Gesellschaft" eine Ursache, die kritisches Denken entwertet. Für 26 Prozent ist die Bildung mangelhaft. Hier sehen die Jüngeren stärker ein Schulversagen als die Älteren.

Frauen sind eher dafür, Kindern schon in frühem Alter kritisches Denken beizubringen, Männer sind da eher skeptischer, fürchten vielleicht eher einen Machtverlust. Auch die Gutverdienenden sind eher für einen Frühbeginn, die Geringverdiener schätzen das weniger.

Bei der Frage, wer verantwortlich ist, dass Kinder kritisches Denken lernen, nannten 48 Prozent die Eltern und 40 Prozent die Schule (es waren Mehrfachnennungen möglich). 24 Prozent sahen eher die Universitäten in der Verantwortung, 8 Prozent schoben es noch weiter auf und gaben die zukünftigen Arbeitgeber an. 22 Prozent kreuzten aber auch, dass die Kinder dafür selbst verantwortlich seien. Man will also nichts damit zu tun haben und wahrscheinlich auch selbst kein Sokrates sein.

Zweidrittel der Befragten behaupten, sie hätten das kritische Denken nach dem College oder der Universität verbessert. Aber fast die Hälfte überlegt vor der Informationssuche gar nicht, wo sie suchen soll, ein Drittel verwendet nur eine Quelle. Ältere über 60 Jahre nutzen öfter mindestens zwei Quellen, das scheinen Jüngere unter 40 Jahre nicht mehr so als notwendig zu erachten. Mehr als ein Drittel sieht auch Wikipedia als eine sorgfältig erarbeitete Enzyklopädie an, Ältere sind da skeptischer. Online nutzen 40 Prozent fast ausschließlich Blogs und andere Quellen, 60 Prozent schauen auch mal bei Website von Medien vorbei. Bei Onlinesuchen schaut sich nur ein Drittel mehr als die ersten fünf Suchergebnisse an.

Am interessantesten ist vielleicht, dass fast alle es eine gute Übung finden, sich mit gegensätzlichen Positionen auseinanderzusetzen. Aber das scheint auch eher Theorie oder Selbstverklärung zu sein, da nur ein Viertel sagt, für eine regelmäßige Diskussion mit Menschen bereit zu sein, die eine andere Meinung haben. Mit 24 Prozent sagen fast genauso viele, dass sie solche Diskussionen regelmäßig vermeiden. In der Studie wird dies als Ausdruck der Homophilie bezeichnet. Man bleibt unter sich, gesellt sich mit anderen Menschen, die einem ähnlich sind, so wie das auch der dämliche Spruch "Mia san mia" ausdrückt. Das sorgt für Homogenisierung, heute spricht man vom Leben in einer Blase oder einer Parallelgesellschaft.

Männer, die auch eher zu populistischen Parteien oder Politikern wie Trump oder die AfD neigen, ziehen die homophile Blase noch stärker vor als Frauen. 33 Prozent vermeiden Diskussionen mit Menschen, die eine andere Meinung haben, aber nur 13 Prozent der Frauen. Ähnlich ist es bei den Geringverdienern.

Es gibt bei dieser Umfrage keine Möglichkeit zu sagen, ob dies früher wesentlich anders war. Für die Studienautoren besteht durch die Diskussionsunlust die Gefahr, die eigenen Vorteile weiter in der Blase auszubrüten und dadurch die politische und gesellschaftliche Polarisierung weiter zu fördern. Man spricht nicht mit den anderen, sondern nur noch über oder gegen den Gegner. Und weil man kritisches Denken nicht in argumentativen Auseinandersetzungen schärft und übt, verfällt die Öffentlichkeit und wird der Einzelne empfänglicher für "Fake News", Gerüchten, Propaganda. (Florian Rötzer)

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