Vietnamesische Rechenaufgabe: "30 Minuten Kopfzerbrechen normal"

Ein Mathe-Test für Drittklässler und die ewige Frage nach angemessenen Ansprüchen an Schüler

Das von der Mehrheit befragter Deutscher gewünschte neue Unterrichtsfach ("Benehmen" als Schulpflichtfach) hilft bei der Lösung dieser Aufgabe nicht - höchstens bei der Verarbeitung des Ärgers über eigene Unzulänglichkeiten. Die größeren Schwierigkeiten mit dem Management unkontrollierter Agressionen dürften Erwachsene haben, nicht die Kinder. Es reicht die Kenntnis der Grundrechenarten. In die leeren Kästchen einzufügen wären Zahlen von 1 bis 9.

Dreißig Minuten Genervtsein ist die normale Folge, bemerkt das französische Magazin Slate dazu.

Die Aufgabe wurde Drittklässlern, also 8-Jährigen, in Bao Loc, Vietnam, gestellt. Medien in Frankreich und Großbritannien haben sie aufgegriffen und fordern ihre Leser auf, die eigene mathematische Fitness zu checken.

Im Kommentarteil zum Guardian-Bericht finden sich unter weit über 1.000 Postings unzählige Lösungsvorschläge in Form von Programmen oder unterschiedlicher Formeln, z.B. a+((13*b)/c)+d+(12*e)) - f -11+(g*h/i) - 10 = 66 oder: a + d - f + 13b/c + 12e + gh/k =87. Manche listen mögliche 128 Lösungen in Zahlenreihen auf.

Die vermutlich meist erwachsenen Forenten legten sich also ziemlich ins Zeug. Womit sie einen Gegenbeweis zur These antraten, die in der Zeitungsnachricht steckt, die die Matheaufgabe ins internationale Medien-Curriculum schickte. Im Bericht der vietnamesische Zeitung VNE-Express geht es um nämlich um die Klage eines Großvaters über den in seinen Augen unangemessenen Schwierigkeitsgrad der Aufgabe für seinen 8-jährigen Enkel. Die Schule sollte sich mal Gedanken darüber machen, ob solche Aufgaben für Drittklässler geeignet sind.

Selbst Lehrer und Ökonomen mit Doktortitel hätten sich daran die Zähne ausgebissen, meldet die Zeitung. Dies bestätigt auch ein Lehrer, der allerdings darauf verweist, dass die Schüler am Ende der dritten Klasse das rechnerische Rüstzeug für die Lösung haben sollten.

Genau in der Anforderungshöhe liegt wohl, neben dem sportlich-mathematischen Ehrgeiz, den die Rechenaufgabe stimuliert, der Grund für das große Interesse, das sie auslöst. Es geht wieder einmal um den Wettbewerb zwischen asiatischen und westlichen Schulen. Kein Zufall, dass in den britischen und französischen Publikationen auf den guten Rang hingewiesen wird, den Vietnam bei den Mathe-PISA-Tests belegt, anders als bei den französischen und britischen Schülern.

Das Level in vietnamesischen Schulen sei höher, lautet denn auch ein typischer Kommentar, der sich in mancherlei Variationen unter den Artikeln findet: "I don't think either British or North American education systems look so good".

Wieviele Schüler, die Aufgabe lösen konnten, ist im genannten Zeitungsbericht aus Vietnam nicht zu erfahren. Hauptsache also die Ansprüche sind hoch?

Wenn sie aus Asien kommen, werden sie hierzulande vom Mythos verstärkt, der unter Eliteeltern gern gesehen ist und gerne weiterverbreitet wird. Demnach gehe man in Singapur, China oder in Südkorea nicht so zimperlich mit den Schülern um, wie in unserem System, das zu sehr auf die Schwachen achten würde. Stattfessen scheue man sich in den "asiatischen Ländern" nicht, den Schülern etwas zuzutrauen, woraus dann logischerweise auch bessere Leistungen folgen.

Wer sich Schulhefte von Viertklässlern hierzulande anschaut, wird allerdings auch die ein oder andere Aufgabe finden, die einige Überlegung braucht. Etwa wenn es darum geht, für eine Gleichung, in der alle Grundrechenarten vorkommen, für grafisch unterschiedlich gestalteten Kästchen die richtigen Zahlen zu finden. Die ganze, nicht gerade kurze, Gleichung besteht ausschließlich aus Kästchen. Es wird keine Zahl vorgegeben.

Zuhause sitzt dann die Frage mit am Tisch, ob die Ansprüche an die Schüler zum Vergnügen am Nachdenken anregen, sie also, was ja gewünscht ist, herausfordern oder ob sie schon jenseits der Grenze liegen, dort wo die Frustration beginnt und Mathematik wieder zum alten Klischee-Schreckensgespenst wird. Offensichtlich stellt sich die Frage auch in vietnamesischen Haushalten. (Thomas Pany)

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