Vilém Flusser: Medientheorie mit ethischem Anspruch

Zum 10. Todestag des heimatlosen Philosophen, dessen Vorträge vom Takt der Schreibmaschine bestimmt waren

"Ich habe ein Manuskript vorbereitet, aber ich werde es beiseite legen und mich nicht daran halten..." Wer Vilém Flusser bei Vorträgen und Diskussionen zuhören durfte, kannte diesen Satz, mit dem er seine begeisternden Gedanken in der öffentlichen Rede einleitete. In diesem Satz drückte Flusser die produktive Spannung zwischen mündlicher und schriftlicher Rede aus, die sein philosophische Biographie bestimmten. Vilém Flusser besaß die seltene Gabe, Medientheorie als ethischen Anspruch zu formulieren. Diese Gabe ist aus der Not entstanden, als Emigrant in Brasilien ein Auskommen als Medientechniker und Publizist finden zu müssen. Sein legendärer Vortrag "Heimat und Heimatlosigkeit", der 1999 auf einer Audio CD erschienen ist, verdeutlicht den Zusammenhang zwischen Medientechnik und der ethischen Frage nach dem Umgang mit dem Anderen und dem Fremden.1.

Man hört auf der CD den 1920 in Prag geborenen Juden, wie er zunächst eine Autobiographie als philosophisches Problem darstellt: "Wer seine eigene Biographie schildert, der hat überhaupt nicht gelebt", ist sein bezeichnender Satz. Es kennzeichnet seine Lust und Not im Widerspruch zwischen philosophischer Einsicht und dem Drang zu publizieren. Er hat gleichwohl zahlreiche autobiographische Versuche hinterlassen, von denen einige in der philosophischen Autobiographie "Bodenlos"2 versammelt sind.

Flusser studierte in Prag Philosophie, bevor von dort vor den Nazis flüchten musste. Er emigrierte über London nach Sao Paulo in Brasilien. Dort war er zunächst in der Wirtschaft tätig, bevor er die Notlage, ein Fremdsprachler zu sein, als große Chance begriff. Das in Brasilien gesprochene Portugiesisch erschien ihm nämlich als eine programmierbare Webmaschine, die es Zuwanderern aus Japan, Italien und eben auch dem jüdischen Emigranten Flusser gestattet, Worte aus ihren Muttersprachen melodisch miteinander zu vermischen. Flusser sah in dieser werdenden Sprache eine willkommene Gelegenheit, abstrakte Begriffe aus der Wissenschaft- und Kommunikationstheorie elegant darzustellen.

Das heile Haus mit Dach, Mauer, Fenster und Tür gibt es nur noch in Märchenbüchern. Materielle und immaterielle Kabel haben es wie einen Emmentaler durchlöchert: auf dem Dach die Antenne, durch die Mauer der Telephondraht, statt Fenster das Fernsehen, und statt Tür die Garage mit dem Auto. Das heile Haus wurde zur Ruine, durch deren Risse der Wind der Kommunikation bläst. Das ist ein schäbiges Flickwerk. Eine neue Architektur, ein neues Design ist vonnöten.

Viém Flusser: Durchlöchert wie ein Emmentaler

Die Sprache als formales System zu begreifen, das derjenige vorteilhaft bedienen kann, der nicht in den Wurzeln der Sprache verhaftet ist, das ist ein Gedanke, den sich der Mathematiker Alan Turing im selben Zeitraum stellt. Die Turing-Maschine operiert abstrakt auf einem "potenziell" endlosen Band und ist weder orts- noch zeitgebunden, also ohne Bodenhaftung und ohne den Ballast der Vergangenheit. Flusser spricht zwar in der Metaphorik des mechanischen Zeitalters, wenn er in seiner Autobiographie "Bodenlos" die brasilianische Sprache einen "Webstuhl" nennt", doch betont er zugleich ihre Manipulierbarkeit. Es stilisiert sich damit zu einem Sprachtechniker, der auf Grund seiner mangelnden Haftung auf einem nationalen Boden, Worte und ihre Verknüpfungsregeln als Datensätze betrachten kann, die frei von heimatgebundenen Sentimentalitäten prozessiert werden können.

Flussers Sprachprogramm war erfolgreich. Er wurde zum gefragten Essayisten, dessen Stil jüngere Autoren nachahmten, avancierte zum Professor für Kommunikationstheorie und war als Berater der Biennale von Sao Paulo tätig. Man soll ihm sogar einen Ministerposten angeboten haben, den er jedoch mit dem schlichten Kommentar ablehnte, dass solch ein politischer Posten für einen gelehrten Mann unehrenhaft sei. Es waren wohl auch Bemerkungen wie diese, die seine Situation in dem von Militärs regierten Brasilien so erschwerten, dass er 1972 erneut emigrieren musste und sich in Frankreich niederließ. Flusser starb am 27.11. 1991 bei einem Autounfall nahe der tschechisch-deutschen Grenze.

Nach seiner Übersiedlung in das französische Robion entwirft Flusser den Plan einer Autobiographie, die nicht an einer linearen zeitlichen Verlaufserzählungen orientiert sein soll, sondern an Begegnungen und Phasen, die sich miteinander überschneiden und das Netz von Freunden verdeutlichen soll. Die publizierte Biographie ist ein Fragment, das die in Frankreich geschriebenen Passagen mit Texten aus dem Nachlass vereint und ein offenes System bleibt, das über eine grundlegende Dichotomie zwischen monologischen Essays und Portraits von Dialogpartnern Flussers informiert. Erkennbar wird zugleich die grundsätzliche Spannung, die Flussers Medientheorie bestimmt, nämlich zwischen den schriftliche ausgearbeiteten Diskursen und dem Interesse an der mündlichen Wechselrede. Das Schreiben und der monologisierende Vortrag anhand eines Manuskripts war für Flusser Fluch und Berufung zugleich; die mündliche Artikulation und die Neugier auf die Rede seiner Freunde ein Desiderat, das Flusser in legendären Versammlungen auf der Terrasse seines Hauses in Sao Paulo wöchentlich kultivierte und in zahlreichen Interviews artikulierte, in denen er geduldig Journalisten seine Ideen zum Ende der Buchkultur und zum Beginn einer neuen elektronischen Dialogizität auseinander setzte.

In Deutschland ist der "Nomade" Flusser als Theoretiker der Fotografie und der neuen Medien bekannt geworden. Er veröffentlichte in verschiedenen Sprachen, die er als unterschiedliche Medien begriff, darunter auch das Deutsch seiner Prager Herkunft. Flusser traf in Deutschland auf glückliche Umstände und begeisterte einsatzfreudige Menschen, die ihm halfen, sich einen Namen als Medientheoretiker zu machen. Beste Voraussetzung dafür war noch einmal mehr die Not des Flüchtlings, in fremden Situationen kommunizieren zu müssen, dann aber auch ein lebendiges Bewusstsein für die deutsche Philosophie vor dem Nationalsozialismus, die Flusser ohne Rücksicht auf die akademischen Positionierungen der deutschen Nachkriegszeit lebendig hielt. Er hatte es nicht nötig, sich als Heideggerianer oder als neokantianischen Kulturphilosophen von der Phänomenologie Husserls oder dem Wiener Positivismus abzugrenzen. Flusser rezipierte diese Strömungen zunächst in Prag und dann mit größter Intensität im Selbststudium neben seiner Tätigkeit als Unternehmer im brasilianischen Sao Paulo oder Rio de Janeiro. Anfangs las er Cassirer, Wittgenstein und Carnap auf der Suche nach einem Lebenssinn unter den Bedingungen der Flucht vor dem Holocaust und dem ökonomischen Streben der Kriegsgewinnler in Brasilien, dann aber - und das ist die wesentliche Bedingung seines Erfolgs als Medientheoretiker - interpretierte Flusser die Krise der abendländischen Erkenntnistheorie als Befreiung von metaphysischen und nationalen Wurzeln. Eine Krise, die seiner Ansicht nach in der Perspektive transnational wirkender Medientechniken, besonders der Photographie und des Computers zu einem utopischen Potential wird.

Gespräche mit dem befreundeten Ingenieur und brasilianischen Mentor Milton Vargas ließen Flusser schon in den fünfziger Jahren erkennen, dass Computer Wirtschaft und Gesellschaft revolutionieren werden. Der Erfolg Flussers in Deutschland ist vor dem Hintergrund des Engagements von Freunden und Dialogpartner Flussers zu betrachten. Harry Pross zum Beispiel hat Flusser wiederholt zu Seminaren eingeladen und dem Nomaden aus Brasilien die Gelegenheit zum Gedankenaustausch mit der wissenschaftlichen Publizistik in Deutschland bereitet. Der Verleger Andreas Müller-Pohle hat in Zusammenarbeit mit dem unermüdlichen Texter dessen zahlreiche Manuskripte, Vorträge und Essays in Monographien wie "Für eine Philosophie der Photographie"3, "Ins Universum der technischen Bilder"4 und "Die Schrift"5 überführt. Diese Publikationen sind Longseller, deren Erfolg in der Fähigkeit Flussers zum Brückenschlag zwischen Wissenschaftstheorie und Publizistik einerseits und dem breiten öffentlichen Bedarf an Orientierungswissen über die mediale Gesellschaft andererseits begründet liegt.

Der Bedarf an einer Theorie über die Zukunft des technischen Bildes war in den achtziger Jahren enorm und verdeckte die breite philosophische Anlage der Überlegungen des gelehrten Migranten. Er selbst hat es abgelehnt, als Philosoph angesprochen zu werden und sah sich als begnadeten Geschichtenerzähler und gewitzten Metaphoriker. Die Witwe Flussers hat nun gemeinsam mit Klaus Sander "Briefe an Alex Bloch"6 aus dem Fundus des Archivs an der Kunsthochschule für Medien Köln herausgegeben. Die Briefe verdeutlichen das Ringen Flussers mit dem Gegensatz zwischen mündlicher Wechselrede und schriftlicher Fixierung und lassen dahinter einen zwischenmenschliches Drama erkennbar werden.

Die Briefe richten sich an den Prager Juden Bloch, der wie Flusser vor den Nationalsozialisten nach Brasilien geflüchtet ist, sich aber stets publizistischen Ansinnen widersetzt hat. Der Band veröffentlicht ausschließlich Briefe Flussers, denn von Bloch sind selbst nur wenige handgeschriebene und fragmentarische Briefe erhalten; von Flusser hingegen ein Konvolut das nun 212 gedruckte Seiten füllt. Es dokumentiert das Entstehen der Medientheorie im kritischen Dialog. So trägt Flusser das Konzept seiner "Kommunikologie"7, d. h. den geschichtlichen Wandel vom Bild über den Text zum Technobild in einem Brief an Bloch vom 16.12. 1977 vor und diskutiert diese These zugleich in drei Perspektiven, wohlwissend, dass er Bloch als Leser und vertrauten Kritiker nicht mit einer schlichten Perspektive auf die Medienentwicklung zufrieden zustellen werde. In einem Portrait Blochs schildert Flusser den Beitrag seines brasilianischen Freundes zur schriftstellerischen Produktion:

"Man [Flusser] hatte an einem Buch gearbeitet oder einen Essay geschrieben. Man wartete ungeduldig auf Bloch, um ihn vorlesen zu können...Blochs Kritik war der lebende Beweis dafür, dass sich gedankliche Unehrlichkeiten immer stilistisch spiegeln. Keine davon entging ihm... Der eigene Stil und die eigene Denkart sind zum Teil Folgen dieser rücksichtslosen Blochschen Katharsis. Nach der Vorlesung analysierte Bloch nicht so sehr den Inhalt als die Stimmung, in der er geschrieben wurde. Er setzte so den Text in den Kontext der eigenen ‚Wahrheit'... Am Schreiben war er wohl interessiert, denn es war Selbstanalyse. Aber Publizieren war für ihn Eitelkeit, und er hatte dafür nur Verachtung. Er selbst musste eben nicht schrieben, denn das tat man für ihn".

Der Schriftsteller Flusser erscheint so als das Organ des Dialogpartners Bloch, dem man wie Sokrates nachsagen kann, dass er der war, "der nichts schrieb" . Zugleich ist Bloch Mittel und Resonanzboden für Flusser, die entscheidend zur Steigerung der publizistischen Qualität beigetragen haben, aber auch stets das Bewusstsein der formal-medialen Enge der verschriftlichten Standpunkte wachgehalten hat. Die Briefe führen die Genese der Medientheorie Flussers vor und überliefern zugleich die Qualität einer mündlichen Philosophie, der des Gelegenheitsarbeiters Blochs, des "Zuhälters", "Börsenpekulanten" und "Musikologen", der wohlweislich der Chance zu publizieren widersteht.

Flusser sah nun gerade in der computergestützten Kommunikation die Chance, die Verpflichtungen der Schriftkultur, d. h. wissenschaftliches Spezialistentum und fixierte Ideologien, zu verlassen. Die Rede "Heimat und Heimatlosigkeit" erinnert an den ethischen Hintergrund von Flussers Medientheorie, nämlich dass der Computer und die bewusste Formulierung von gesellschaftlichen Codes es ermöglichen, sich von überlieferten Autoritäten der abendländischen Kultur und insbesondere vom Nationalismus zu befreien. In den Vordergrund treten deshalb neue Möglichkeiten des menschlichen Zusammenlebens, die nicht durch abstrakte Autoritäten geregelt werden, sondern durch schnellen und effizienten Austausch von Wissen. Das Verhältnis des Fremden und des Eigenen so zu gestalten, dass der Heimatlose und Fremde in seiner Würde wahrgenommen wird, das kann mit Hilfe neuer Medien geschehen. Die Medientheorie erscheint daher als eine Konsequenz eines ethischen Anspruchs und nicht als Rechtfertigung technologischer Innovation. (Nils Röller)

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