Virtuelle west-östliche Kreuzzüge

Ein neues Spiel aus Syrien hat den "Befreiungskampf des palästinensischen Volkes" zum Thema, während im Westen muslimische Terroristen gejagt werden

Seit einigen Jahren gibt es nicht nur Computerspiele aus dem Westen, die militärische Konflikte im Mittleren Osten propagandistisch ausschlachten. Special Force aus dem Hause der Hisbollah und Under Ashes von Afkar Media in Damaskus glorifizierten den Widerstand gegen israelische Okkupation im Libanon und in Palästina (Mit Ahmed in den Krieg gegen Israel). Die Spiele arabischer Provenienz sollten ein "unterhaltsames Gegengewicht" zu den Wargames aus den USA und Israel liefern. Nun ist Under Siege erschienen, das ganz aktuell und realistisch den Kampf des palästinensischen Volkes gegen die Besatzer aus Israel zeigen will.

Die Uzis knattern, Handgranaten krachen, im Rauch der Explosionen sterben die israelischen Soldaten hinter den hohen Barrikaden ihres Militärpostens mit einem tiefen "Ahhhh". Das Punktekonto schnellt in die Höhe. Nun ist der Weg frei für das nächste Level im Kampf gegen die zionistischen Besatzer Palästinas.

"Under Siege" ist ein neues Computerspiel, das den "Befreiungskampf des palästinensischen Volkes" zum unterhaltsamen Thema macht. Produziert wurde es von der in Damaskus ansässigen Softwarefirma Afkar Media. 2001 hatte sie bereits "Under Ashes", herausgebracht, die Lebensgeschichte von Ahmed, einem Jungen in der Intifada 2000, die bisher über 500.000 Mal von der Firmenwebseite heruntergeladen und 15.000 Mal im Mittleren Osten verkauft worden war. Aufgrund des großen Erfolgs erweiterte die syrische Firma ihren Stab von fünf auf 18 Mitarbeiter und entschloss sich, einen aktualisierten Nachfolger auf den Markt zu bringen.

Wir waren wirklich überrascht vom Erfolg. Unsere Region ist ein Zentrum der Piraterie, gerade im digitalen Bereich. Man sieht, es gibt einen Markt für diese andere Art der Computerspiele.

Radwan Kasmiya, Manager von Afkar Media

Wie schon "Under Ashes" basiert auch das neue "Under Siege" auf realen Gegebenheiten. In der Eröffnungssequenz wird das Attentat von Baruch Goldstein, einem aus New York stammende hebräische Arzt, auf die Moschee von Jericho gezeigt. 1994 hatte der radikale Jude 27 palästinensische Gläubige beim Gebet getötet und über 100 verletzt. Dem Spieler von "Under Siege" wird nun Gelegenheit gegeben, die Ereignisse ungeschehen zu machen. Es gilt Baruch Goldstein möglichst schnell und genau abzuschießen.

Wir versuchen, eine neue Art von digitaler Würde zu liefern.

Radwan Kasmiya

"Under Siege" sei keine Antwort auf die Bestsellerspiele aus den USA, wie Delta Force oder America's Army, die meist nur arabische Klischees und Stereotypen bedienen.

"Unser Spiel geht nicht über das Töten. Wir erzählen eine Geschichte", meint Kasmiya, der bereits mit 13 angefangen hat, zu programmieren. Die Geschichten handeln von Jugendlichen, die mit Steinschleudern gegen Panzer vorgehen und Tränengasbomben zurückwerfen, sowie von erwachsenen Kämpfern, die mit dem Maschinengewehr in der Hand, das israelische Militär bekämpfen.

In Israel bezeichnete man "Under Siege" als "Computerspiel, das den Anti-Israeli-Terrorismus" simuliert. Nicht zuletzt wegen einer Selbstmordattentat-Episode. Eine junge Frau liefert ihre Kinder bei den Verwandten ab, bevor sie eine Granate inmitten von israelischen Soldaten zündet.

Das ist keine Geschichte der Verzweiflung. Hier geht es um die Bereitschaft, sein Leben für andere zu opfern.

Radwan Kasmiya

Mit dieser "Opferbereitschaft" hinkt das Softwarehaus aus Damaskus nun jedoch etwas der Zeit hinterher, nachdem sich palästinensische und israelische Politiker angenähert und einen Waffenstillstand vereinbart haben. Auch nach neuesten Umfragen in Palästina befürworten nach der Wahl Mahmud Abbas zum Präsidenten nur noch 29 Prozent der Menschen "Selbstmordunternehmen". Vor sechs Monaten hatten dagegen noch 77 Prozent der palästinensischen Bevölkerung für derartige Aktionen votiert.

Die Programmierer von "Under Siege" versuchen aber bei ihrer Selbstmordattentäterin "political correct" zu bleiben. Zum einen wurde der Mann der "Märtyrerin" kurz vorher von den israelischen Soldaten kaltblütig erschossen und zum anderen kommen keine Zivilisten zu Schaden. Für den Manager, Radwan Kasmiya, ein wichtiger pädagogischer Bestandteil.

Wenn man einen Zivilisten erschießt, egal ob Israeli oder Palästinenser, gibt es Punkteabzug. Man kann keinen Frieden haben, wenn man nicht für Gerechtigkeit sorgt.

Beim Vorgängerspiel "Under Ashes" hieß es noch "Game Over", wenn ein Zivilist getötet wurde. Es scheint, als hätte sich bei "Under Siege", das in kurzer Zeit auch in Englisch erscheinen soll, die Toleranzgrenze etwas verschoben.

Trotzdem liegt "Under Siege", was "Unmenschlichkeit" und "Blutrünstigkeit" anbelangt, weit hinter den kommerziell so erfolgreichen Spielen aus den USA und Israel. Knapp 1,5 Millionen Menschen sind für "America's Army" registriert, das auf der Webseite der US-Armee zu finden ist. Von den 35.000 Menschen, die es täglich spielen, klicken laut US-Verteidigungsministerium zwischen 20 und 30 Prozent die Rekrutierungsseite der Armee an. Bei "America's Army" gilt es, Terroristen im Irak und Afghanistan zu vernichten, wobei keine Rücksicht auf Kollateralschäden genommen wird.

Ganz ähnlich bei "Israeli Airforce". Als Pilot eines israelischen Kampfflugzeuges kann man während der Invasion des Libanons 1982 die Option "Carpetbombing over Beiurt" wählen. Beide Spiele wurden in einschlägigen Magazinen und Webseiten wegen ihrer "realistischen Wiedergabe" gerühmt. "Angesichts der aktuellen politischen Entwicklung im Irak", heißt es auf einer Webseite, "sind in den USA derartige Kriegsspiele auf dem Vormarsch."

Eines von vielen ist Terrorist Takedown, das im November letzten Jahres erschienen ist. "Als Soldat der US-Armee bist du in vorderster Front im Kampf gegen den Terrorismus…" (Alfred Hackensberger)

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