Virtuelles Sit-In gegenüber den WTO-Servern angeblich erfolgreich gewesen

Die "Electrohippies" planen weitere Aktionen

Als Protest gegen die Vorhaben zur weiteren Handelsliberalisierung der WTO hatte die britische Gruppe unter dem Namen Electrohippies dazu aufgefordert, an einem virtuellen Sit-In während der Tagung teilzunehmen und mit dem Programm Floodnet zu versuchen, gemeinsam die offiziellen Websites der WTO zu blockieren.

Am Freitag um 12 Uhr GTM wurde die Aktion wieder abgeblasen. Auch wenn wohl kaum jemand Auswirkungen des virtuellen Sit-Ins bemerkt haben wird, so sprechen die Initiatoren in einem Zwischenbericht von einem großen Erfolg der Aktion. Der Erfolg betrifft natürlich auch die Berichterstattung in den Medien, schließlich ist diese Öffentlichkeit in der Aufmerksamkeitsökonomie fast das Wichtigste.

Angeblich sei das Projekt "hundert Mal größer gewesen, als wir uns dies jemals vorgestellt haben", liest man bei den Electrohippies. Die Seiten, auf denen man beim virtuellen Sit-In teilnehmen konnten, seien am 30.11. 105000 und am 1.12. 137000 Mal aufgerufen worden. Für die anderen Tag liegen noch keine Zahlen vor. Der Andrang sei so groß gewesen, dass der Server öfter überlastet war. Möglicherweise habe es auch einen Crackversuch gegeben, der mit einer gefälschten IP-Adresse durchgeführt wurde.

Wie die Electrohippies sagen, soll der Server der WTO am Dienstag zeitweise nicht erreichbar und der Server für Webcasts der Konferenz sehr langsam gewesen sei. Langsam seien sie auch am Mittwoch gewesen. Das freilich muss keineswegs aufgrund der Aktion geschehen sein. Festgestellt habe man auch, dass der Internet Explorer 5 das Java-Script für Floodnet nicht richtig einbaut, weswegen man eine alternative Version des Browsers für die nächste Aktion anbieten will. Jedenfalls habe man gezeigt, dass das öffentliche Informationssystem der WTO nicht immun gegenüber "öffentlichem Druck" sei, und will demnächst eine Email-Aktion starten, um die Briefkästen zu überfluten. Und irgendwann im Frühjahr werde man eine ganz andere Aktion in Großbritannien realisieren, die aber noch bis Mitte Januar ein Geheimnis bleibt.

Auf Anfragen nach der Rechtfertigung der Aktion habe man individuell geantwortet, erklärt aber in dem Zwischenbericht allgemein, dass die Aktion gegen die WTO sich vor allem darauf begründet, dass bei dem Konzept von deren Freihandel vorwiegend die großen Konzerne und die reichen Staaten Nutznießer seien, während die Verbraucher und die Entwicklungsländer benachteiligt würden. Um den Menschen, die nicht nach Seattle zum Protestieren gehen konnten, ein Äquivalent im Netz zur Verfügung zu stellen, habe man das virtuelle Sit-In arrangiert: "Die Strategie "Auge um Auge" ist nicht legitim, aber in diesem Fall ist der durch die Aktion der WTO bewirkte Angriff so, dass unsere Aktionen, die WTO-Server für die Menschen zu blockieren, die darauf zugreifen wollen, aus unserer Perspektive gerechtfertigt sind." Das ist natürlich nicht gerade eine üppige Begründung. (Florian Rötzer)