Virtuelles Sit-in geht weiter

Auch nach der erzwungenen Schließung der Website des Electronic Distrurbance Theater soll der Protest fortgesetzt werden

Wie im Internet üblich nutzt die Schließung einer Website nichts, um Missliebiges aus der Welt zu schaffen. Kurz nachdem auf Betreiben von eToys.com der Zugang zu The Thing solange blockiert wurde, bis die Seiten des Electronic Disturbance Theater mitsamt dem FloodNet-Programm vom Netz genommen wurden (Der Domainnamenkonflikt zwischen Etoy und eToys spitzt sich zu), konnte man das Java-Script zum automatischen Aufrufen der Website von eToys.com schon wieder auf einer anderen Seite unter dem Titel "Let it snow" herunterladen: www.theamericancenter.net/letitsnow.sit.hqx, um den Protest gegen den Online-Spielehändler fortzusetzen, der durch einen vorläufigen Gerichtsbescheid erreicht hatte, dass die Künstlergruppe Etoy.com ihren Domainnamen nicht mehr verwenden darf.

RTMark ruft dazu auf, sich das Programm herunterzuladen und es auf der eigenen Seite zu installieren sowie es an Freunde weiterzusenden: "Trotz der großen Macht, die eToys.com und das FBI haben, jeden "anstößigen" Web-Aktivismus abzuschalten, wird es für sie unmöglich sein zu erzwingen, dass alle Kopien vom Netz genommen werden müssen. Das gilt besonders für alle Websites außerhalb der USA." Zwar könne es eToys.com womöglich durch eine Gegenmaßnahme erreichen, dass das Programm nicht mehr funktioniert, aber es gehe in erster Linie ja darum, dass man den Protest wahrgenommen habe. Auch wenn eToys.com bereits die Annahme von Bestellungen abgeschlossen hat, die bis Weihnachten ausgeliefert werden, soll der Protest bis zum 25. 12. weitergeführt werden. Für den 27.12. ist der nächste Gerichtstermin über den Domainnamenkonflikt angesetzt.

Neben zwei Seiten in Deutschland: Teschekka und Let it snow, gibt es auch eine in Österreich, von der aus das Programm zum "virtuellen Sit-in" weiter gestartet werden kann: io.aec.at/eKillerToy/index2.html. Die URL lässt vermuten, dass die Solidaritätsaktion von Mitarbeitern des AEC betrieben werden könnte, zumal sowohl Etoy.com als auch das Electronic Disturbance Theater bereits Projekte während der Ars Electronica realisiert haben und Etoy.com überdies mit einem ersten Preis beim Prix Ars Electronica ausgezeichnet wurde. Betrieben wird er aber offenbar von FirstFloorElectronix. Hier wird betont, dass diese Aktion nichts mit dem Ars Electronica Center zu tun habe, sondern lediglich einige Rechner dort gehostet werden.

Entgegen der Aufforderung von RTMark, als Protest gegen eToys.com an einem Internetspiel teilzunehmen, um die Firma ökonomisch zu treffen, wird hier allerdings gewarnt, dass es sich dabei um kein Spiel handelt, sondern die Teilnahme am virtuellen Sit-in ähnliche Konsequenzen wie die an einer Demonstration haben könne. So könne die IP-Adresse des Benutzers von den Behörden erkannt werden, möglicherweise könnten Gegenmaßnahmen auch zu Computerschäden führen. Allerdings haben die Gegenmaßnahmen wie im September 1998 vom Pentagon bislang höchstens dazu geführt, dass der Browser abgestürzt ist. Und überdies könne das "Flooding" nicht nur die Website beeinträchtigen, gegen die sich der Protest richtet, sondern das Netz insgesamt langsamer machen, wenn sich genügend Menschen beteiligen. Das entspreche ebenfalls den Folgen, die eine Demonstration haben könne, die andere Menschen daran hindern kann, ihren Besorgungen nachzugehen. Da virtuelle Sit-ins "symbolische Aktionen" seien, sei auch diese Auswirkung schon ausreichend, um "die kollektive Anwesenheit von Aktivisten" wahrnehmbar zu machen.

Etoy.com selbst protestiert in einer Presseerklärung vom Sonntag gegen die Schließung des Mailsystems durch Network Solutions am Samstag. Der Gerichtsentscheid habe lediglich untersagt, weiterhin die Website mit dem Domainnamen www.etoy.com zu benutzen, aber nicht die Mailadressen zu blockieren. Etoy.com sieht darin den Versuch, den Widerstand durch das Abschneiden der Kommunikation der Gruppe mit ihren Unterstützern zu brechen und bezeichnet dies "als Diebstahl eines digitalen Territoriums, amerikanischen Imperialismus, kommerzielle Vernichtung und Ausübung von Zwang, wie dies im 19. Jahrhundert gemacht wurde." Network Solutions und eToys.com werden "höflich" aufgefordert, die Email-Adressen wieder einzurichten. Für den 20.12. wird eine Pressekonferenz im Museum of Modern Art, New York, angekündigt, um über den Domainnamenkonflikt mit eToys.com und die Zukunft der Internetkunst im Zeitalter des E-Commerce zu sprechen: "representatives from RTMark, eviltoy, praystation, smokinggun, and others announced their appearence to talk about peace & freedom in TOYLAND. several santas, a marching band, children, and stock brokers will also be present." (Florian Rötzer)

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