Virus mit Stallpflicht

Pekingenten, beliebt in der Massentierhaltung. Foto: Ramon FVelasquez / CC BY-SA 3.0

Zwei Jahre lang war Ruhe um die Vogelgrippe. Jetzt macht sie wieder von sich reden. Schuld sind angeblich in Deutschland rastende Wildvögel. Andere Erklärungen werden offiziell ausgeblendet

Ende Oktober, Anfang November wurde das Virus in elf europäischen Staaten entdeckt - vor allem bei verendeten Wasservögeln. Laut dem Niedersächsischen Landesverband für Verbraucherschutz (LAVES) wurden in Deutschland bis zum 9. Dezember 2016 mehr als 530 Wildvögel, darunter Reiherenten, Schwäne, diverse Tauchentenarten, Säger, Blesshühner sowie Meeresenten in 13 Bundesländern positiv auf das hoch pathogene aviäre Influenzavirus H5N8 getestet.

Glaubt man dem Friedrich-Löffler-Institut (FLI), wurde das aus Asien stammende Virus von Wildvögeln eingeschleppt. In einer Risikoeinschätzung vom 2.12.2016 erklärt das Institut, der Ausbruch der Grippe bei wild lebenden Vögeln als auch bei Tieren in zoologischen Gärten habe ein nie gekanntes Ausmaß angenommen. Die räumliche Ausbreitung der Infektion erfolge mit "großer Dynamik".

H5N8 wurde bisher in zwölf Geflügelhaltungen und vier Zoos bzw. Tierparks nachgewiesen - zumeist in Gebieten, in denen das Virus bereits in toten Wasservögeln gefunden worden war. Die Wissenschaftler halten einen Eintrag über kontaminierte Schuhe, Fahrzeuge oder andere Gegenstände für die wahrscheinlichste Infektionsquelle. Eine andere Möglichkeit wären infizierte Wildvögel ohne Symptome. Auch Tiere, die sich in der Inkubationszeit befinden, könnten das Virus übertragen.

Während beim Ausbruch im Winter 2014/2015 der Erreger bei vereinzelten - gesund erscheinenden - Wildvögeln gefunden worden sei, so die Autoren des FLI, käme es diesmal bei Wasservögeln und Arten wie Bussard, Seeadler und Möwe, die sich von Aas ernähren, zu vermehrten Todesfällen.

Die Wasservögel könnten auf den Ackerflächen oder an Gewässern das Virus mit dem Kot ausscheiden und die Umwelt mit dem Virus infizieren. Außerdem könnten Innereien infizierter toter Wasservögel von Füchsen, Mardern, Greifvögel und Krähen aufgenommen und das Virus auf diesem Wege weiter verschleppt werden. Die Autoren empfehlen strenge Biosicherheitsmaßnahmen in denjenigen Regionen, in denen das Virus nachgewiesen wurde. Und das ist inzwischen in fast allen Bundesländern der Fall.

In Deutschland wurden zunächst Hunderte toter Reiherenten an den Ufern des Großen Plöner Sees in Schleswig-Holstein entdeckt, die unter dem Verdacht standen, sich mit der Vogelgrippe-Virus infiziert zu haben. Warum gerade hier, und warum gerade die Reiherenten?

Das Wissenschaftsforum Aviäre Influenza (WAI) verfolgt in einer Stellungnahme vom 24.11.2016 eine bemerkenswerte Theorie. In den Jahren 2014 bis 2016 sei das Virus in drei Regionen aufgetreten: in Ungarn/Kroatien, in westlichen Ostseeanrainerstaaten wie Deutschland, Polen und Dänemark, Holland sowie in der Bodensee-Region mit späterer Ausbreitung zum Genfer See und nach Bayern.

Die aktuelle Ausbruchserie knüpfe an die letzten Ausbrüche vom Winter 2014/15 als, als das Virus in Ungarn (in derselben Provinz) festgestellt wurde sowie an die beiden letzten deutschen Ausbrüche in Mecklenburg-Vorpommern. Auch deute sich an, dass ein großer deutscher Geflügelkonzern involviert sei, der auch schon 2014 betroffen war.

Ungarn exportiert sein Geflügel unter anderem nach Polen, Deutschland und Österreich. Angenommen, ein Geflügel-Transport kommt aus Ungarn und fährt durch Polen bis nach Stettin und schließlich gen Westen an der Küste entlang - in diesem Fall sei es denkbar, dass ein mit den Tieren eingeschlepptes Virus aus dem Transporter entweicht und sich entlang der Fahrroute verbreitet. Um Kosten für die Autobahnmaut zu sparen, befahren die Tiertransporter übrigens gerne abgelegene Landstraßen.

Der Naturschutzbund Deutschland (NABU) bezeichnet es als grob fahrlässig, dass das Friedrich-Löffler-Institut (FLI) nicht daran denkt, die Stoffströme der Geflügelwirtschaft zu untersuchen. Angesichts der Zustände in Intensivtierhaltungen mit den viel zu hohen Besatzdichten sei es nicht von der Hand zu weisen, dass sich aus niedrig-pathogenen hoch pathogene Stämme entwickeln können.

Wenn noch dazu an zwei Standorten eines Betriebes derselbe H5-Typus zeitgleich auftritt, sei eine gemeinsame interne Quelle nahe liegend. Mit der niedrig pathogenen Form des Virus seien Wildvögel ohnehin in geringem Umfang infiziert. In jedem Fall müsse dem Handel mit Tierprodukten deutlich mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden.

Da könnte was dran sein, wenn man bedenkt, dass auch die Giganten unter den Geflügelfarmen immer öfter vom Virus befallen werden: So wurde Mitte November auf einem holländischen Betrieb mit 150.000 Legehennen der Erreger bei einzelnen Tieren nachgewiesen. Getötet wurde der gesamte Bestand.

Sowohl in Sachsen-Anhalt als auch in NRW trat das Virus erstmalig in einem Tier haltenden Betrieb auf. Mitte Dezember töteten die Behörden in Nordrhein-Westfalen 30.000 Stück Geflügel. In einem Mastbetrieb bei Soest wurden am 18. Dezember rund 7.600 Puten und 14. 000 Küken gekeult. Am selben Wochenende ließen 9.500 Enten in einem Betrieb nahe Magdeburg ihr Leben.

Nun ist ein konventioneller Geflügelhaltungsbetrieb in der Regel hermetisch abgeriegelt. Keine Maus kommt hier rein ohne Passkontrolle. Wer die Stallräume betritt, wechselt die Kleider, desinfiziert die Hände usw.. Schließlich verdient auch die chemische Industrie viel Geld mit der so genannten Biosicherheit. Geht man davon aus, dass keine Wildvögel Einlass fanden, stellt sich schon die Frage, wie es den Viren gelang, in ein derartig geschlossenes System einzudringen.

Kommentare lesen (79 Beiträge)
Anzeige