"Vogel- und Insektensterben": Die industrielle Landwirtschaft als Quelle des Übels?

Foto: Christian Fischer / CC BY-SA 3.0

Zwei Studien bekräftigen dringende Argumente für eine "Agrarwende"

Zwei Studien bestärken die Befürworter einer "Agrarwende" mit Material zu den Stichworten "Vogelsterben" und "Insektensterben", die sich, wie sich vor allem bei letzterem schon im Sommer gezeigt hat, gut für Dramatisierung und Polemik eignen.

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Sie eignen sich aber auch für ernstzunehmende politische Argumente. Die Frage wird sein, ob es die Grünen etwa in den Koalitionsverhandlungen schaffen, gute Konzepte in Richtung einer maßvolleren, ökologischeren Landwirtschaft aufzustellen.

Es gab eine Reihe von Beobachtungen, die aufgrund von weniger toten Insekten auf der Windschutzscheibe oder im Rotorblattgetriebe von Modellflugzeugen auf ein allgemeineres, größeres Schwund-Phänomen schlossen, und dies zum Beispiel im Sommer eine Debatte hineinbrachten, die um das Bienen- oder Schmetterlingssterben kreiste und auf Zusammenhänge mit der Landwirtschaft zielte.

"Bis zu 80 Prozent weniger Insekten" wurde zu einem Wahlkampfthema der Grünen, wie dies Peter Mühlbauer an dieser Stelle im Juli beschrieb. Es war viel Polemik im Spiel und den Kritikern der Grünen fiel es leicht, auf die Unwissenschaftlichkeit oder methodischen Fehler hinter der Behauptung aufmerksam zu machen.

Die Grundlage für die Behauptung sei keineswegs eine neue deutschlandweite Studie", wie von einem Kommunikationsexperten argumentiert wurde, sondern Beobachtungen eines "Vereins von Hobbyforschern in Krefeld" an ganzen zwei Standorten im Krefelder Naturschutzgebiet Orbroicher Bruch.

Die Polemik ist unübersehbar, der Schluss einfach: Da der "Hobby-Entomologie" auf die Frage, ob sich die "beiden Messpunkte problemlos auf ganz Deutschland hochrechnen" ließen, mit "natürlich nicht" antwortete, war die Sache als aufgeblähtes Wahlkampfgerede ab getan. Die beeindruckende Zahl ist nicht belegt, schloss der Kommunikationsexperte Hasso Manfeld und riet in seinem Meedia-Beitrag dazu, besser zu recherchieren. Seine Referenz war ein Artikel der FAS über die Untersuchungen der Insektenforscher.

Inzwischen sieht die Wochentagsausgabe der Frankfurter Zeitung die Sache erheblich anders: "Das Insektensterben in Deutschland ist ganz offensichtlich nicht die Erfindung einzelner Insektenliebhaber oder Entomologen Vereine", steht am Anfang eines Artikels, der die Studie unter Leitung von Caspar A. Hallmann von der Radboud-Universität zum Thema hat.

Das Ergebnis der Studie: Nicht 80 Prozent, sondern nur "mehr als 75 Prozent" beträgt der Rückgang der Biomasse von flugfähigen Insekten nach Schätzungen der Studie, die sich über einen Zeitraum von 27 Jahren, von 1989 bis 2016 erstreckt. Gemeint ist damit das Gewicht von gefangenen Biomassen, das in diesem Zeitraum um diesen Prozentanteil abgenommen hat.

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Die Studie hat als Ausgangsmaterial die Masse an flugfähigen Insekten, die sich in sogenannten Malaise-Fallen angesammelt haben. Die Fallen waren in 63 unterschiedlichen (Natur-)Schutzgebieten in Nordrhein-Westfalen (57), Rheinland-Pfalz (1) und Brandenburg (5) aufgestellt.

Am Ende kamen 53,54 kg Biomasse zusammen, das entspreche "Millionen von Insekten", so die Studie. Unterschiede zwischen den Insekten wurden nicht gemacht, eine Aufschlüsselung des Insektenschwundes nach Arten war der ohnehin sehr aufwendigen Studie also nicht möglich.

Die in standardisierten Malaise-Fallen aufgefangenen Insekten wurden im Durchschnitt jeden elften Tag eingesammelt. Wichtig ist, dass in 39 Standorten nur in einem Jahr gesammelt wurde, bei 20 Standorten in zwei Jahren, in 5 Standorten während drei Jahren und in einem Standort vier Jahre lang. Die Studie verfolgte also nicht die Entwicklung des Bestands von Insekten an 63 Standorten über 27 Jahre lang, in dem sie Jahr für Jahr die Anzahl der an den immer selben Standorten gefangenen Insekten miteinander verglich.

Dennoch kann von einem "Langzeit-Monitoring" gesprochen werden, das Daten aus einem längeren Zeitraum aus unterschiedlichen Zonen in Deutschland gewonnen hat und diese dann rechnerisch aufbereitet. Dies ist also keineswegs eine Studie, die von Hobbyforschern mit zwei Standorten betrieben wurde.

Die ehrenamtlichen Insektenkundler vom Entomologen-Verein Krefeld waren zwar unterstützend und mit großer Fleißarbeit, wie die FAZ schreibt, mit von der Partie. Doch hatte die Studie, wie bei PLOS nachzulesen, wissenschaftliche Leitung und Format.

Bemerkenswert ist nun, dass die Studie zwar ermittelt, dass Faktoren wie etwa unterschiedliche Böden, Windgeschwindigkeit und Bepflanzung oder Bodennutzung keine wesentliche Rolle für den Schwund spielten, der in der Sommerperiode am höchsten war - 81,6 Prozent (79,7 bis 83,4 Prozent) - und in der Vegetationsperiode von April bis Oktober 76,7 Prozent (74,8 bis 78,5) betrug, aber keine wissenschaftlich belegte Erklärung für diesen Trend hat, sondern nur die Folgerung daraus schließt, dass man es mit großen Faktoren zu tun hat:

Der Schwund in der Insekten-Biomasse, der offensichtlich ist in den Jahreszeiten der Wachstumsphase und vom Typus des Habitats oder der Landschaft unabhängig ist, legt nahe, dass große Faktoren eine Rolle spielen.

Studie

Ersichtlich ist, dass die Studie einige Lücken hat und auch durch die Auswahl von Naturschutzzonen begrenzt ist und damit auch Besonderheiten ins Spiel bringt. Auch konnten die Autoren nicht alle klimatisch relevanten Faktoren einschließen, weitere Analysen sind nötig.

Nun werden daraus unterschiedliche Schlüsse gezogen. So nennt der Zoologe Johannes Steidle von der Universität Hohenheim die Ergebnisse "schockierend" und spricht gar von einem Albtraum:

Wir befinden uns mitten in einem Albtraum, da Insekten eine zentrale Rolle für das Funktionieren unserer Ökosysteme spielen.

Johannes Steidel

Der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) erläutert die Studie ebenfalls, der Akzent liegt schon in der Überschrift auf dem bestätigenden Charakter der Studie und der ihr innewohnenden Dramatik. Dass dies gleich mit einem großen Bienenfoto illustriert wird, obwohl Bienen nicht Thema der Studie waren, verweist auf den größeren politischen Rahmen, in den der Nabu diese Untersuchung stellt. Es geht dem Naturschutzbund um Zusammenhänge mit der Landwirtschaft:

Durch die Studie konnte nicht abschließend geklärt werden, wie groß der Einfluss durch die intensive Landwirtschaft auf den Zustand der Insektenwelt tatsächlich ist. Ein Hinweis, dass die Wahrscheinlichkeit hierfür sehr groß ist, liefert uns die Studie aber dennoch. Bei den Untersuchungsflächen weisen nämlich 90 Prozent der Standorte im Umfeld intensive Landwirtschaft auf. Damit sind diese Standorte ganz typisch für Schutzgebiete der heutigen Kulturlandschaft Deutschlands.

Nabu

Pestizide und Überdüngung spielen eine Rolle, folgert der Nabu:

Etwa 60 Prozent aller Naturschutzgebiete sind hierzulande kleiner als 50 Hektar. Die Gebiete werden durch ihre Insellage und durch ihre langen Außengrenze stark von ihrer Umgebung beeinflusst - äußere Einflüsse, wie der Eintrag von Pestiziden oder Nährstoffen (Eutrophierung) können nicht ausreichend abgepuffert werden. So liegt es nahe, dass durch Praktiken der intensiven Landwirtschaft der Erhaltungszustand vieler Schutzgebiete massiv beeinträchtigt wird - und nicht zuletzt der von Insekten.

Nabu

Und:

Dass der Insektenrückgang besonders in dem Zeitraum eingesetzt hat, in welchem auch diese Pestizide erstmalig auf den Markt kamen, ist sicherlich kein Zufall. Es könnte ein Hinweis darauf sein, dass sie einen großen Anteil beim Insektensterben spielen.

Till-David Schade, NABU-Referent für Biologische Vielfalt

Gefährdet sind aber nicht nur die Insekten, sondern auch die Vögel, wie der Naturschutzbund ergänzt. In einer Auswertung der Vogelbestandsdaten der Jahre 1998 bis 2009, die die Bundesregierung 2013 an die EU gemeldet hat, kommt der Nabu zu einem ebenfalls dramatischen Ergebnis: Die Zahl der Vögel in Deutschland gehe deutlich zurück.

Binnen zwölf Jahren seien 12,7 Millionen Brutpaare verloren gegangen - ein Minus von 15 Prozent. Die Brutpaare aller Vogelarten seien von 97,5 auf 84,8 Millionen gesunken. Besonders betroffen seien vorneweg der Star, mit fast 2,6 Millionen Brutpaaren weniger, und auf den nächsten Plätzen häufige Arten wie Haussperling, Wintergoldhähnchen und Buchfink.

Man müsse von einem "regelrechten Vogelsterben" sprechen, so der Nabu-Präsident:

Während wir es schaffen, große und seltene Vogelarten durch gezielten Artenschutz zu erhalten, brechen gleichzeitig die Bestände unserer Allerweltsvögel ein. Sie finden einfach in unserer heutigen aufgeräumten Agrarlandschaft außerhalb von Naturschutzgebieten keine Überlebensmöglichkeiten mehr.

Olaf Tschimpke, Nabu

Auch beim "Vogelsterben" steht die Landwirtschaft in der Kritik, vor allem die Bewirtschaftung, die auf großen Mais- und Rapsfelder setzt. "In der Entwicklung unserer landwirtschaftlich genutzten Flächen ist auch der mutmaßliche Grund für diesen massiven Bestandseinbruch zu suchen", so der Nabu-Vogelexperte Lars Lachmann. Im betroffenen Zeitraum habe der Anteil an artenreichen Wiesen und Weiden oder Brachflächen drastisch abgenommen, stark zugenommen habe dagegen der Anbau von Mais und Raps.

Der Deutsche Bauernverband sah sich zu einer Reaktion aufgefordert. Man verwies, wie üblich, auf die Lücken der Untersuchungen und betonte, wie ernst es dem Bauernverband mit der Erhaltung der Artenvielfalt sei:

Wir Landwirte haben großes Interesse an der Erhaltung der Vielfalt von Insekten und Vögeln, da wir mit der Natur arbeiten und dies die Grundlage unserer Existenz ist. Die heute vorgestellte Studie über die Entwicklung der Insekten in Deutschland bestätigt und betont ausdrücklich, dass es noch dringenden Forschungsbedarf zum Umfang und den Ursachen des dargestellten Insektenrückgangs gibt. Wir brauchen ein repräsentatives Monitoring, um belastbare Datenreihen zu bekommen.

Deutscher Bauernverband

Eindeutige Rückschlüsse auf die Ursachen der Bestandstrends lassen sich nicht ziehen, das ist die Argumentationslinie, die sich anbietet und die der Interessensverband der Bauern nicht liegen lässt. Landwirtschaftliches Handeln setzte er in seinem Statement ans Ende der aufgezählten Faktoren:

Es gibt sicher vielfältige Einflüsse auf die Entwicklung der Artenvielfalt wie Industrie, Urbanität, Verkehr, Jahreswitterung, Klimaveränderungen und auch landwirtschaftliches Handeln.

Deutscher Bauernverband

Hinzugefügt wird, dass man eine ganze Menge macht. Man betreibe eine Reihe von Projekten wie "Lerchenfenster, Blühstreifen, blühende Herbstsaaten und Naturschutzprojekte". Auf jedem dritten Hektar würden freiwillig Agrarumweltprogramme umgesetzt, "zusätzlich beteiligen sich die Landwirte an Vertragsnaturschutzprogrammen, legen Blühstreifen und Landschaftselemente an. In Biodiversitätsprojekten erarbeiten Landwirte und Naturschützer gemeinsam praktikable und wirtschaftlich tragfähige Maßnahmen".

Offensichtlich reichen diese Maßnahmen nicht, so der Eindruck, den nicht nur der Nabu erhebt und der Thema vieler Gespräche von aufmerksamen Zeitgenossen ist und nun durch zwei mit wissenschaftlicher Systematik durchgeführten Lagebefunde zum Rückgang der Vögel-und Insektenpopulation (die zur Nahrung der Vögel gehören) erhärtet wird.

Zwar scheint es angesichts unserer Ernährungsgewohnheiten, die mit der industriellen Landwirtschaft verzahnt sind, derzeit unrealistisch im großen Ganzen auf absolute Forderungen wie völliges Unterlassen des Gebrauchs von Pestiziden zu setzen, und bis es nur mehr biologisch arbeitende Bauernhöfe schaffen, das notwendige Nahrungsangebot bereitzustellen, wird es wohl dauern. Wenn das überhaupt gelingen kann oder gelingen muss. Es gibt schließlich auch Landwirtschaftsbetriebe, die nicht "bio" sind, aber mit Sorgfalt für die Umwelt produzieren.

Aber man kann sich auch hier nicht auf einem "Weiter so" ausruhen. In den Blick genommen werden muss, wie sehr Konzerne die Art der landwirtschaftlichen Produktion bestimmen und wie sehr Subventionen einseitig eine Produktionsweise fördern, die zu schlimmen Konsequenzen führt.

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