Volatile Stromerzeugung und Flexibilitäten

Energiewirtschaft: Fossile Großkraftwerke werden aus klimapolitischen Gründen vom Markt genommen und durch Erneuerbare ersetzt, was heißt das auf der Verbraucherseite?

Energiewirtschaft und Politik tasten sich derzeit an die Änderungen heran, die durch den Beschluss zur Energiewende ausgelöst wurden. Über viele Jahrzehnte war der Trend zu zentralen fossil befeuerten Großkraftwerken ungebrochen und führte aufgrund der damit verbundenen Kostendegression zur Stilllegung kleinerer dezentraler Stromerzeuger.

Emissionen, die zur Bildung von saurem Regen und in Folge zum Waldsterben führten, wurden durch aufwendige Filteranlagen und technische Maßnahmen reduziert oder wie im Falle abgebrannter Brennstäbe einfach zwischengelagert.

Pumpspeicherkraftwerke werden unwirtschaftlich

Mit der Hinwendung zu den volatilen Erneuerbaren steht man vor dem Problem, dass die als Kurzfrist-Reserve für thermische Großkraftwerke konzipierten großen Pumpspeicherkraftwerke zusehends unwirtschaftlich wurden und ein flächendeckender Ausbau großer Batteriespeicher wegen des damit verbundenen Flächenverbrauchs wohl kaum Realisierungschancen hat, wie sich am Beispiel der Widerstände gegen den Netzbooster der TransnetBW in Kupferzell gezeigt hat.

Auch die Idee von Entso-E, dem europäischen Verband der Übertragungsnetzbetreiber, in ganz Europa Kühlschränke, Gefriertruhen, Waschmaschinen, Warmwasserboiler und vergleichbare Geräte auf Kosten der Verbraucher mit fernsteuerbaren Schaltern ausstatten zu lassen, um bei Strommangel die Geräte dann ohne Wissen der Verbraucher vom Netz nehmen zu können, wenn Strom knapp und teuer wird, ließ sich politisch nicht durchsetzen.

Mit der inzwischen zurückgezogenen Änderung des Paragrafen 14a des Energiewirtschaftsgesetzes wurde aktuell der letzte Anlauf, die privaten Stromkunden an der Glättung der Lastspitzen zu beteiligen verworfen. Der Wunsch der Bürger, ihr E-Mobil jederzeit aufladen zu können, hat sich zumindest vorerst durchgesetzt.

Handelbare Flexibilitäten

Da Wind und Sonne inzwischen gut vorhersehbar, jedoch nicht kontinuierlich verfügbar sind und sich Speicher nur kleinräumig politisch durchsetzen lassen oder mit der eigenen PV-Anlage einrichten lassen und auf der anderen Seite die Abregelung von Erneuerbaren bei hohen Verfügbarkeiten auch für allerhand Widerspruch sorgt, scheint derzeit guter Rat teuer zu sein.

Für Abhilfe wollen hier Anbieter sorgen, die mit der Flexibilitätsvermarktung für zusätzliche Erlöse sorgen wollen. Die dazu benötigten Flexibilitäten können sowohl durch steuerbare Erzeugungsanlagen als auch durch flexibel einsetzbare Verbraucher bereitgestellt werden. Bei hoher Nachfrage kann dabei die Erzeugungsleistung erhöht oder bei vermindertem Angebot die Verbrauchslast zeitlich verschoben oder reduziert werden. Die Flexibilitätsvermarktung im kontinuierlichen Intraday-Handel gewinnt deshalb zunehmend an Bedeutung.

Marktteilnehmer wie Stadtwerke, Kraftwerksbetreiber und Industrieunternehmen können in diesem Umfeld durch einen variablen Kraftwerkseinsatz oder ein gutes Demand Side Management neben den zusätzlichen Erlösen auch einen Beitrag zur Stabilisierung des Energiemarktes leisten.

Im Gegensatz zum Regelenergiemarkt, bei dem die Anlagen durch feste Vermarktungszeiträume gebunden sind und eine aufwendige Präqualifikation notwendig ist, bietet die Flexibilitätsvermarktung am Intraday-Markt mehr Freiheiten bei der Einsatzplanung der jeweils verfügbaren Erzeugungs- oder Verbrauchs-Anlagen.

Die Vermarktung von Flexibilitäten wird somit wirtschaftlich attraktiv, wenn man bei der Einsatzplanung über ausreichende Freiheiten verfügt. Gerade in der Küstenregion hat es sich als für alle Seiten sinnvoll erwiesen, den Strombezug großer gut gedämmter Kühlhäuser vom jeweils aktuellen Stromangebot oder -bedarf abhängig zu machen.

Die Tatsache, dass die Preisvolatilität am Intraday-Markt in den vergangenen Jahren erheblich gestiegen ist und mit dem Ausbau der regenerativen Energien ebenso zunimmt wie das Marktvolumen, bietet beweglichen Marktteilnehmern zunehmend bessere Möglichkeiten ihre Flexibilitäten zu vermarkten.

Ziel des Intraday-Handels ist es, kurzfristig auf Änderungen der vorliegenden Prognosen zu reagieren und somit Ausgleichsenergiekosten zu vermindern. Der Markt ermöglicht es somit, Geld zu verdienen, indem man zusätzliche Strommengen abnimmt oder im umgekehrten Fall, den Strombezug zurückstellt.

Dass der kontinuierliche Intraday-Handel an den europäischen Energiebörsen stattfindet, wo Stunden- und Viertelstundenprodukte des laufenden und folgenden Kalendertages bis fünf Minuten vor deren physischer Erfüllung gehandelt werden und die kleinste handelbare Einheit bei 0,1 MW liegt, steht dieser Markt den privaten Endverbrauchern natürlich nicht zur Verfügung, denn für seine Strommengen wären die Transaktionskosten viel zu hoch. (Christoph Jehle)