Volksentscheid in der Schweiz über mindestens sechs Wochen Urlaub

Die Befürworter der heiß umstrittenen Initiative führen wachsenden Stress und überfällige Beteiligung am Wirtschaftsaufschwung, die Gegner Gefährdung von Arbeitsplätzen und der Schweizer Wirtschaft ins Feld

Am 11.3. stimmen die Schweizer über eine Reihe von Initiativen ab. So geht es um einen Volksentscheid über die Wiedereinführung der Buchpreisbindung oder die Forderung, dass Gewinne aus Gewinnspielen und Lotterien einzig gemeinnützigen Zwecken zukommen sollen. Abgestimmt wird auch über eine Reduzierung der Genehmigungen für den Bau von Zweitwohnungen und die Förderung von Wohneigentum. Am umstrittensten ist allerdings die Forderung der Gewerkschaft Travail.Suisse, den Urlaub für alle Arbeitnehmer von mindestens vier auf sechs Wochen zu erhöhen.

Die Wirtschaft läuft Sturm und beschwört den Verlust von Arbeitsplätzen und die Gefährdung des Standorts Schweiz, das Parlament und der Bundesrat haben die Forderung bereits abgelehnt. Gewerkschaften haben, unterstützt durch Sozialdemokraten und Grüne, die Volksinitiative 6 Wochen Ferien für alle bereits 2009 auf den Weg gebracht. Sollte die Initiative angenommen werden und der Urlaubsanspruch in die Bundesverfassung aufgenommen werden, würde die Arbeitszeit nicht sofort gekürzt, sondern es sollen zusätzliche Urlaubstage Schritt für Schritt im Verlauf von sechs Jahren eingebracht werden.

Begründet wird die Forderung nach mehr Urlaub mit dem steigenden Stress in der Arbeit, der angeblich 10 Milliarden Franken an Kosten verursache und zu Frühpenionierungen führe, sowie mit dem Anspruch auf eine Beteiligung am wirtschaftlichen Erfolg:

Viele Arbeitnehmende macht die steigende Arbeitsbelastung krank. Das Familienleben und die Freizeit kommen unter die Räder. Mehr Ferien ermöglichen eine vollständige Erholung, verbessern die Vereinbarkeit von Arbeit und Familie. Sie tragen den Veränderungen der Arbeitswelt Rechnung. Zudem sind mehr Ferien eine gerechte Beteiligung der Arbeitnehmenden am wirtschaftlichen Fortschritt der letzten zwanzig Jahre. Fünf Franken pro Tag und Arbeitnehmende sind für die Schweizer Wirtschaft tragbar.

So wird darauf hingewiesen, dass die Arbeitsproduktivität zwischen 1992 und 2007 um mehr als 21 Prozent, die Reallöhne aber nur um 4 Prozent gestiegen seien, weswegen die Arbeitnehmer für denselben Lohn deutlich mehr als früher leisten würden.

2011 hatte eine Umfrage ergeben, dass 76 Prozent der Schweizer und 86 Prozent der Arbeitnehmer für mehr Urlaub sind. 57 Prozent wollten für die Initiative stimmen, 34 Prozent dagegen. Ob sich das halten lässt, ist fraglich. Bei einer nicht repräsentativen Online-Umfrage von 20min.ch ist die Zustimmung deutlich geschrumpft. Hatten Anfang Februar noch fast 70 Prozent für die Initiative gestimmt, waren es jetzt nur noch knapp mehr als 50 Prozent. Nach einer Umfrage des Schweizer Fernsehens im Februar würde aber eine Mehrheit von 63 Prozent dagegen stimmen. Die Angst vor den möglichen wirtschaftlichen Folgen scheint zu wachsen.

Die Arbeitgeber wenden ein, Urlaub sei ein Teil der Arbeitskosten, die in der Schweiz hoch seien. Da zudem der Franken derzeit sehr hoch bewertet sei und damit Exporte schon teurer geworden seien, könne man sich höhere Personalkosten nicht leisten. Eine Ferienwoche entspreche einer Erhöhung um 2 Prozent, was zu jährlichen Mehrkosten von sechs Milliarden Franken würde. Auf der Kampagnenseite Mehr Ferien - weniger Jobs des Arbeitgeberverbands liest man, dass die Forderung nach mehr Urlaub die Wettbewerbsfähigkeit der Schweiz und Arbeitsplätze gefährdet:

Ausserdem durchkreuzt die Initiative bewährte sozialpartnerschaftliche Lösungen, verhindert Lohnerhöhungen und sorgt gar für mehr Stress am Arbeitsplatz. Deshalb lehnen der Bundesrat, alle bürgerlichen Parteien und alle Wirtschaftsverbände die Vorlage ab.

Zwar haben viele Arbeitnehmer, vor allem die Besserverdiener, auch jetzt mehr als den Mindesturlaub, aber gesetzlich ist die Urlaubszeit in der Schweiz mit dem Anspruch auf 20 Urlaubstage und 8 Feiertagen nicht sehr hoch. Auch in Großbritannien oder Holland kommen die Arbeitnehmer mit den Feiertagen auf 28 freie Tage. In Deutschland sind es 33 Tage, in Frankreich oder Portugal 36, in Griechenland 38, in Finnland sogar 39 Tage. (Florian Rötzer)