Vom Aberglauben zum Wissenschaftsglauben

Die Dialektik der Aufklärung

Dies ist keine neue Fragestellung. Die Kritische Theorie stellte sie bereits in Reaktion auf die barbarischen Folgen der letzten großen kapitalistischen Systemkrise der 30er Jahre des 20. Jahrhunderts. Wie konnten - in Gestalt Nazideutschlands - im Herzen des "zivilisierten" und rationalisierten Europas, der Heimat der Aufklärung, Barbarei und Mythos triumphieren? Die Beantwortung dieser Frage, die sich angesichts der aktuellen populistischen Dynamik mit neuer Dringlichkeit stellt, verweist auf den Prozess der Aufklärung selber.

Es sei der einseitige, sich selbst gegenüber blinde Prozess der Aufklärung, der in den Mythos umschlage, konstatierten Adorno und Horkheimer in ihrer berühmten Dialektik der Aufklärung. Die "vollends aufgeklärte" kapitalistische Welt strahle im "Zeichen triumphalen Unheils", obwohl die Aufklärung den Menschen von seiner Furcht befreien und "als Herrn" einsetzen wollte, hieß es in dem 1944 veröffentlichten Klassiker der Kritischen Theorie. Der spätkapitalistische Zustand von Ohnmacht und Angst, aus dem im Gefolge von Krisenschüben der Mythos erwächst, ist gerade der blinden, positivistischen instrumentellen Rationalität geschuldet, die der Aufklärungsprozess etablierte:

Die glückliche Ehe zwischen dem menschlichen Verstand und der Natur der Dinge ... ist patriarchal: der Verstand, der den Aberglauben besiegt, soll über die entzauberte Natur gebieten. Das Wissen, das Macht ist, kennt keine Schranken, weder in der Versklavung der Kreatur noch in der Willfährigkeit gegen die Herren der Welt. Wie allen Zwecken der bürgerlichen Wirtschaft in der Fabrik und auf dem Schlachtfeld, so steht es den Unternehmenden ohne Ansehen der Herkunft zu Gebot. Die Könige verfügen über die Technik nicht unmittelbarer als die Kaufleute: sie ist so demokratisch wie das Wirtschaftssystem, mit dem sie sich entfaltet. Technik ist das Wesen dieses Wissens. Es zielt nicht auf Begriffe und Bilder, nicht auf das Glück der Einsicht, sondern auf Methode, Ausnutzung der Arbeit anderer, Kapital. …

Was die Menschen von der Natur lernen wollen, ist, sie anzuwenden, um sie und die Menschen vollends zu beherrschen. Nichts anderes gilt. Rücksichtslos gegen sich selbst hat die Aufklärung noch den letzten Rest ihres eigenen Selbstbewußtseins ausgebrannt. Nur solches Denken ist hart genug, die Mythen zu zerbrechen, das sich selbst Gewalt antut.

Dialektik der Aufklärung

Die vom Aufklärungsprozess hervorgebrachte Wissenschaftsmethode ist somit hohl, eines jedweden Inhalts jenseits des Studienobjekts beraubt. Sie ist reine Methode, reines Mittel, das blind den Zwecken gegenüber ist, die damit verfolgt werden - und das ist es ja, worauf der Wissenschaftler in Gestalt seiner wissenschaftlichen Objektivität so stolz ist.

Das Wissen, das nur Mittel sein will, wird somit zu einem Instrument der Herrschaft über eine Welt, die nur noch als Objekt wahrgenommen wird. Diese Blindheit der Wissenschaftsmethode gegenüber sich selbst ist somit dem kapitalistisch deformierten Aufklärungsprozess inhärent. Und hier schon ist alle folgende Barbarei angelegt. Die irrationalsten, wahnsinnigsten Zwecke können seit dem Durchbruch der Aufklärung vermittels rationaler Methoden verfolgt werden. Bisheriger Gipfelpunkt dieser Entwicklung ist die wissenschaftlich betriebene Vernichtungsfabrik Auschwitz.

Das "hohle", auf Beherrschung zielende Denke der Aufklärung, die selber nur Mittel ist, predigt einen extremen Positivismus. Hierin sei die Aufklärung "totalitär", so Adorno und Horkheimer:

Auf dem Weg zur neuzeitlichen Wissenschaft leisten die Menschen auf Sinn Verzicht. Sie ersetzen den Begriff durch die Formel, Ursache durch Regel und Wahrscheinlichkeit. … Von nun an soll die Materie endlich ohne Illusion waltender oder innewohnender Kräfte, verborgener Eigenschaften beherrscht werden. Was dem Maß von Berechenbarkeit und Nützlichkeit sich nicht fügen will, gilt der Aufklärung für verdächtig.

Dialektik der Aufklärung

Es gibt nichts, das sich nicht messen, das sich nicht zählen lässt - dies ist die Tendenz des Wissenschaftspositivismus. Nur Tatsachen zählen. Letztendlich schmilzt das Aufklärungsdenken auf einen blanken, öden Fakten- und Zahlenkult, der Ausdruck der Verdinglichung des spätkapitalistischen Bewusstseins ist. Die jüngsten Diskussionen um das Modewort "postfaktisch" legen gerade das ganze Elend des spätkapitalistischen Positivismus dar, der schon in mythisches Denken umzuschlagen droht.

Der Positivismus ist dabei nur Ausfluss der reellen, letztendlich irrationalen Reproduktionsbewegung der kapitalistischen Gesellschaften, dem Selbstzweck uferloser Akkumulation immer größerer Quanta von Kapital - also abstrakten Wert. Die Nähe des Aufklärungspositivismus und Ideologie ist evident. Hierzu nochmals die Dialektik der Aufklärung:

Die bürgerliche Gesellschaft ist beherrscht vom Äquivalent. Sie macht Ungleichnamiges komparabel, indem sie es auf abstrakte Größen reduziert. Der Aufklärung wird zum Schein, was in Zahlen, zuletzt in der Eins, nicht aufgeht; der moderne Positivismus verweist es in die Dichtung.

Dialektik der Aufklärung

Die scheinbare Vielfalt der kapitalistischen Gesellschaften trügt: alles im Kapitalismus ist Ware, jede Ware ist nur als Träger abstrakten Werts von Belang, den es zu akkumulieren gilt. Nichts wird unterm Kapital anerkannt, was nicht Wert ist - weshalb in Krisenzeiten die Tendenz überhand gewinnt, die gesamte Gesellschaft zu homogenisieren, der kriselnden Wertabstraktion anzugleichen (als homogene Rasse, Nation, Religion, etc.).