Vom Aberglauben zum Wissenschaftsglauben

Opportunistische Rebellion gegen Wissenschaft

Es ist insofern klar, was das spätkapitalistische Ressentiment gegen die Wissenschaft antreibt. Es ist eine reaktionäre, opportunistische Rebellion gegen die wissenschaftlichen Mittel kapitalistischer Herrschaft, da der irrationale Selbstzweck nicht kritisiert werden darf. Das Kapital kann eigentlich nicht mehr infrage gestellt werden. Das Kapitalverhältnis ist ideologisch längst zur "natürlichen Ordnung" sedimentiert, die durchzusetzen die Aufklärung propagierte - während seine Widersprüche zuverlässig externalisiert oder personifiziert werden. Dies geschieht zumeist durch die Präsentation von Sündenböcken.

Der Hass vieler Trump-Anhänger gegen den Wissenschaftsbetrieb wird somit nicht nur durch entsprechende Wirtschaftslobbys - etwa der Klimaleugner - angefacht, er resultiert auch aus den unverstandenen alltäglichen Erfahrungen, wenn etwa neue wissenschaftliche Innovationen Arbeitsplätze vernichten. Die Absurdität einer anachronistischen Gesellschaftsformation, in der zunehmende Effizienz zu zunehmendem Elend führt, wird von der populistischen Anhängerschaft Trumps nicht erkannt. Stattdessen setzt eine Art postmoderner Maschinensturm-Mentalität ein, in der sich Wissenschaftshass mit dem reaktionären Wunsch nach Reindustrialisierung, nach einer Rückkehr in die gute alte Industriegesellschaft paart.

Der Hass auf die Wissenschaft, das ist letztendlich der Hass auf die Folgen eines kapitalistisch deformierten wissenschaftlichen Fortschritts, der den Menschen zu einem bloßen Anhängsel eines verselbstständigten, widerspruchsvollen und irrationalen kapitalistischen Reproduktionsprozesses zurichtet. Je weiter die wissenschaftliche Revolution den kapitalistischen Rationalisierungsprozess vorantreibt, desto disponibler wird der Mensch in der Wirtschaftssphäre.

Gerade in der zunehmenden Verdrängung von Arbeitskraft aus der Sphäre der Warenproduktion tritt der widersprüchliche Charakter wissenschaftlichen Fortschritts im Kapitalismus: einerseits als Potenzial postkapitalistischer Emanzipation, andrerseits als konkretes spätkapitalistisches Verhängnis, bei dem ganze Regionen der USA deindustrialisiert wurden. Ein kapitalistisch verstümmelter Wissenschaftsbetrieb, der unfähig zur kritischen Reflexion der eigenen Stellung im kapitalistischen Reproduktionsprozess ist, trägt somit zum Aufkommen der irrationalen Kräfte bei, die sich gegen Wissenschaft als solch wenden.

Solange aber der Ausbruch aus dem kapitalistischen Gedankengefängnis nicht gewagt wird, kann eine jede wissenschaftliche Innovation in einer Industrie nur mit zur Angst um den Arbeitsplatz führen. Im Ressentiment gegen die Wissenschaft, das sich insbesondere in der Anhängerschaft populistischer Bewegungen wie derjenigen Trumps sammelt, kommt letztendlich die unreflektierte Ahnung der eigenen Überflüssigkeit im Spätkapitalismus zum Ausdruck. (Detlef Buchsbaum)