Vom Deutschland-Nationalspieler zum Dschihadisten

Der Fall Burak Karan zeigt, dass Sport kein Integrations-Wundermittel ist

Der 1987 geborene türkischstämmige Wuppertaler Burak Karan erlangte in den Nuller Jahren nicht nur als Mittelfeldfußballer bei Hannover 96 und Alemannia Aachen eine gewisse Berühmtheit, sondern auch als Nationalspieler für die deutschen U-16- und U-17-Auswahlteams. Nun wurde bekannt, dass er im Oktober bei Kampfhandlungen im Norden Syriens ums Leben kam.

Karan war nicht etwa verschleppt worden, sondern hatte sich freiwillig dort hin begeben: Bereits 2010 soll er erfolglos versucht haben, zusammen mit den Wuppertaler Salafisten Bünyamin und Emrah E. nach Afghanistan auszureisen. Bünyamin E. wurde dort bei einem Drohnenangriff getötet, sein Bruder reiste 2011 nach Somalia und im Jahr darauf nach Tansania weiter und steht nach seiner Auslieferung an Deutschland wegen Mitgliedschaft in den Terrorgruppen al-Qaida und al-Schabab vor Gericht. Auch gegen Karan ermittelten die Bundesanwaltschaft und die Staatsanwaltschaft Düsseldorf wegen Unterstützung ausländischer Terrorgruppen und der Vorbereitung schwerer staatsgefährdender Gewalttaten.

Karan-Videoepitaph bei YouTube. Screenshot: Telepolis

In einem YouTube-Video schreibt ein mutmaßlicher Dschihadist, Karan (alias "Abu Abdullah al-Turki") sei nach Syrien gekommen, um den Willen Allahs zu erfüllen und zu kämpfen. In der Nähe der Stadt Azaz sei er "wie ein Löwe in das Gebiet der Kuffar gestürmt" (womit offenbar Kurdenmilizen gemeint sind). Und er hatte angeblich "Freude daran […] sie zu bekämpfen". Karans Verwandtschaft will das trotz Fotos des "Märtyrers" mit Sturmgewehr nicht glauben und meint gegenüber deutschen Boulevardzeitungen, er habe ihres Wissens nach lediglich "Hilfsgüter verteilt" und allenfalls Transporte "geschützt".

Der Schalke-04-Fußballprofi Kevin-Prince Boateng nennt den Terrorverdächtigen auf Twitter, nicht nur einen "Freund", sondern auch einen "Bruder". Solche Äußerungen und der Fall Karan selbst zeigen, dass Fußball nicht das Integrations-Wundermittel ist, als das er von Politikern und Funktionären (die Geld fordern) gerne dargestellt wird. Tatsächlich häufen sich in diesem Bereich wenig vorbildliche Verhaltensweisen sogar in auffälliger Weise: Da gibt es Spieler, die Linienrichter totprügeln, Zuschauer, die Schiedsrichter lynchen, Brandstifter, Steuerhinterzieher, die mit den Waffen einer Frau buhlen, und einen "Kaiser", der 220 Jahre nach dem Tod von Marie Antionette öffentlich verlautbart, er habe in Katar keinen einzigen Sklaven in Ketten gesehen.

All das ist auch deshalb ein Problem, weil Fußball in Deutschland und in anderen Ländern nicht als privat finanzierte Privatsache gehandhabt, sondern als Bestandteil eines Gemeinwohls verklärt wird, das mit Milliarden an Steuergeldern und zwangsweise eingezogenen Rundfunkgebühren finanziert werden muss. Die deutschen Kommunen, die über einen angeblich drohenden finanziellen "Kollaps" klagen, wollen diese Sportförderung weiter ausbauen.

Sogar in Städten mit Dritt- und Viertligaklubs wie Erfurt und Magdeburg lassen Kommunalpolitiker zahlreiche völlig überdimensionierte Stadien bauen. Ein besonders eindrucksvolles Beispiel ist die Ruhrgebietsstadt Essen, die im letzten Jahr nur mit 100 Millionen Euro Hilfsgeldern aus dem nordrhein-westfälischen Landeshaushalt ihren Zahlungsverpflichtungen nachkommen konnte. Trotzdem bekommt ihr Viertligaklub ein 43 Millionen Steuer-Euro teures Stadion mit VIP-Lounge hingestellt.

Dass solche Verschwendung sich ausbreitet, liegt auch daran, dass Sportförderung einen ähnlichen politischen Zweck hat, wie das Verschenken von Bildbänden an Abiturienten und von Geschenkkörben bei Jubiläen: Fotos und Bratwurstmeldungen für die Presse, mit denen auf Kosten der Steuerzahler Wähler geworben werden. In dem mit einer Milliarde Euro verschuldeten Saarbrücken ließ die SPD-Oberbürgermeisterin im letzten Wahlkampf den Bau eines 28 Millionen Euro teuren Stadions für den örtlichen Drittliga-Fußballklub beschließen - und wurde prompt wiedergewählt, was sie als "angenehmen Nebeneffekt" wertet. (Peter Mühlbauer)

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