Vom Gartenhaus nach Buchenwald

Tank- und Rastanlage Rhynern, erbaut um 1938. Bild: Georg Brox / CC-BY-SA-3.0

Der Heimatschutzstil ist ein Gegenentwurf zur Moderne, aus der er stammt

"Ein wilder Volksstamm, Heidschnucken genannt, bewohnt die Lüneburger Heide." Selbst wenn Madame de Stael, die dies 1814 in ihrem Deutschlandbuch schrieb, eine Verwechslung mit Heiducken unterlaufen sein sollte, wird das Missverständnis nicht geringer. Die Heidelandschaft zog eine Fülle von Schriftstellern an, von Theodor Storm über Anette Droste-Hülshoff und Hermann Löns bis zu Arno Schmidt, und jeder sah in ihr etwas anderes, wenngleich in einer Art verwehter Innerlichkeit. Liegen die Missverständnisse am Heidekraut?

Keine Pflanze ist in Deutschland stärker politisiert worden. Die Aufladung reicht vom heiteren Jugendstil in Worpswede bis zum Nazi-Lied "Auf der Heide blüht ein kleines Blümelein, und das heißt Erika", das von der Bundeswehr übernommen worden ist. Man glaubt zu hören - rumsrumsrums - wie das garstige Kraut, das eigentlich ein Mägdelein symbolisiert, unter dem Marschtritt zermalmt wird.

Der "Heidedichter" Löns bediente die Wandervogel-Bewegung mit einem (Zeitschriften-)"Organ für Heideforschung". Die Landschaft zwischen Moor und Steppe ist ein Hort der Ende des 19. Jahrhunderts aufblühenden Heimatschutzbewegung. Und sie ist ein Tableau. Die Bauwerke sollen sich ins Gesicht der Landschaft einschreiben und das Gesicht des Bauern, das dann nicht sehr stark ausdifferenziert sein dürfte, in sein Haus. Heide verbürgt Heimat. Hegemonialansprüche Niederdeutschlands gegenüber den Alpenländlern sind unverkennbar, aber landschaftsgebundenes Bauen ist auch im Süden möglich, selbst wenn etwa die dunklere "dinarische" Rasse - wie es dann bei den Nazis hieß - nicht ganz so treuherzig ist wie die... Heidschnucken.

Vom Gartenhaus nach Buchenwald (24 Bilder)

Goethes Gartenhaus in Weimar in einer Darstellung von 1868. Bild: Public Domain

Aus heutiger Sicht klingt es paradox, dass sich Architekten und Planer verschiedenster Richtungen vor dem Ersten Weltkrieg einig darin waren, mit neuer Architektur zu einer Sozialreform beizutragen. Alle waren Lebensreformer und jugendbewegt. Man fand sich 1907 im "Werkbund" zusammen. Das Wohnungselend durch Zustrom der Massen in die Städte war herkömmlich nicht mehr zu bewältigen. Eklektizismus und Historismus überdeckten das Elend, indem sie artifizielle Ornamente an die Fassaden klebten.

Während aber die eine Gruppe zur (November-)Revolution und zur internationalistischen Neuen Sachlichkeit vorwärtsstürmte, machte die andere Gruppe die Rolle rückwärts über den Historismus hinweg und landete beim Baustil um 1800. Mehr Stadt war ihnen das falsche Rezept. Die giftgeschwängerte Atmosphäre des städtischen Sündenbabels hatte die Heimat verschandelt und vernichtet. Biedermeierliche Beschaulichkeit und bäuerliche Bescheidenheit, Sinnbilder der Epoche des Klassizismus, waren ihre Quelle, aus der sie die Wiederauferstehung der verlorenen Heimat schöpften. Sie verstanden darunter nicht eine getreue Reproduktion oder Konservierung des alten Stils, sondern eine vorsichtige Adaption.

Bei Durchsicht der zahlreichen exemplarischen Lehrbücher mit meist fotografischer Dokumentation fragt sich allerdings, wie die abgebildeten, gar nicht so bescheidenen Palais oder Höfe - ganz zu schweigen vom niederdeutschen Hallenhaus - den sozialen und hygienischen Defiziten der Industriegesellschaft um 1900 gerecht werden sollten. Das hinderte Paul Mebes nicht daran, sein Beispielbuch "Um 1800" zu betiteln.

Die architektonischen Leitbilder, welche den Heimatschutzstil ausmachten, sind zusammengefasst: landschaftsgebundene Bauweise, Verwendung regionaltypischer Baustoffe, sparsam gesetzte Lisenen und betonte Giebel. Dächer in allen möglichen Formen, ob Sattel-, Schopfwalm- oder Mansarddach, Hauptsache geneigt. Die Fenster sind durch Sprossen gegliedert. Die einheimischen Steine und Hölzer sind durch das lokale Handwerk materialgerecht zu behandeln.

Handwerkliches wird großgeschrieben. Das Wohnen wird mit dem Begriff des Werks, des Aufbauens und Erhaltens verknüpft. Die ideale Werkstatt, in welcher die alte landschaftsgebundene Baukunst praktisch gelehrt wird, taucht in Adalbert Stifters Roman "Der Nachsommer" von 1857 auf. In gedrechselter Manieriertheit beschreibt Stifter ein ideales, dabei bescheidenes bürgerliches Leben.

Im Mittelpunkt steht das "Rosenhaus". Es ist mit einer Restaurierungswerkstatt verbunden, in der architektonische Fragmente zusammengetragen und zusammengesetzt werden. Damit ist auch das Leben der Bewohner zu einer idealen Gutbürgerlichkeit zusammengesetzt. Allerdings müssen sie sich auf Filzschuhen im eigenen Haus bewegen. Da schrumpft Stifters Bescheidenheitsgestus zur Musealisierung. Das literarische Rosenhaus, das in seiner ganzen modellhaften Fiktionalität in die Ausbildung an der konservativen Stuttgarter Schule der Architektur integriert war, hat nichtsdestotrotz ein reales Vorbild: Goethes Gartenhaus in Weimar.

Im unscheinbaren Rosenhaus paart sich schlichte Zweckmäßigkeit in der Anordnung mit edler Materialbehandlung im Detail und prägt das ästhetische Dasein der Bewohner. Die Bezüge zur englischen Arts-an-Crafts-Bewegung liegen auf der Hand. Das Rosenhaus ist andererseits die Urhütte des Heimatschutzstils. Zum Archetypischen gehört die Natur. Stifter: "Endlich waren alle Bauwerke aus Naturdingen entstanden, welche die Vorbilder gaben, etwa aus Felskuppen oder Felsenzacken oder selbst aus Tannen, Fichten oder anderen Bäumen."

Vegetabilische Ornamente, Zacken und asymmetrische Vorsprünge sprechen nicht gerade für einen geglätteten und regelmäßigen klassizistischen Stil. Passen auch Mittelalter-Zitate zum Heimatschutzstil? Passen verwinkelte Enge und Butzenscheibenromantik ins Heimatstil-Weltbild? Der Dichter Arno Holz malt es aus:

Wirrfirstig, zickzackig, wunderlich / Verbaute, gleißend, schrägschief, rundrings hochkletternde / Städtchen.

Die Phantasie, welche sich die Vergangenheit als Modell einer besseren Zukunft ausmalt, hat viele Kammern. Wo liegen die bevorzugten Orte des Heimatschutzstils - in der Stadt, auf dem Land, oder besser im Dazwischen, in der Unbestimmtheit der Kleinstadt oder des Landhauses? Im Grunde nirgends. Aus den vorhandenen und überlieferten Baubeständen wird ein Extrakt gezogen, der auf gröbste Typisierungen von Siedlungsformen bezogen und zur Norm erhoben wird. Eine Abstraktion wird zur Realität umgedeutet.

In Wahrheit werden die Siedlungen zu Kulissen fiktionalisiert. So sahen die Musterdörfer auf den Industrie- und Gartenausstellungen vor dem Ersten Weltkrieg denn auch aus. Die Nazis, die Deutschland in drei oder vier Landschaften einteilten, sollten dann den Heimatschutz, der den Kern ihrer Ideologie bildete, ins Nichts der abgeräumten Landschaften des Ostens überführen.

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