Vom Geheimkrieg zum Doomsday-Plan

Links: Präsident Kennedy, CIA-Chef Allen Dulles. Bild: CIA. Rechts: CIA-General Charles Cabell. Bild: U.S. Air Force

Der General mit dem Knall - Die geheimen Pläne des Lyman Louis Lemnitzer - Teil 3

Lemnitzer stimmte für eine mit der CIA koordinierte paramilitärische Geheiminvasion auf Kuba, die zum Scheitern bestimmt war. In der Sowjetunion und China wollte er es präventiv knallen lassen, sobald es technisch effizient möglich sei. Der Dritte Weltkrieg war als „Blitzkrieg“ für Dezember 1963 vorgesehen. Ein Anlass würde sich schon finden.

Teil 2: Von der V2 zum Krieg der Sterne

Die führenden Militärs hegten gegen die Zivilisten in Washington traditionell tiefes Misstrauen. Hatte bislang General a. D. Eisenhower für hinreichende Berücksichtigung der militärischen Belange gebürgt und sich als Oberbefehlshaber im Zweiten Weltkrieg allgemeinen Respekt erworben, so zog nun ein relativ junger Mann ins Weiße Haus ein, der während seiner Dienstzeit einen ungleich niedrigeren Rang bekleidet hatte, zudem auch noch Katholik war. Dass dieser sich selbst als Kriegsheld empfand, beeindruckte Lemnitzer, der selbst nie an vorderster Front gekämpft hatte, wenig.

Die Zivilisten Präsident Kennedy und McNamara wollten keinen Atomkrieg. Bild: U.S. Federal Government

Bereits vor der Amtseinführung John F. Kennedys 1961 nutzte Lemnitzer die Gelegenheit, seinen künftigen Präsidenten zu verraten. Er steckte Eisenhower Kennedys Pläne, als Heeresminister den pensionierten General James M. Gavin einzusetzen, der sich öffentlich gegen Eisenhowers Atom- und Raumfahrtpolitik ausgesprochen hatte, woraufhin Gavin seinen Hut hatte nehmen müssen. Der über die Auswahl erboste „Ike“ beauftragte Lem, gegen den ihm verhassten Kandidaten zu intrigieren, wozu es aber nicht kam, da Gavin stattdessen Botschafter in Frankreich wurde.Kennedy berief jedoch den in vorzeitigen Ruhestand gegangenen Eisenhower-Kritiker General a.D. Taylor als engen militärischen Berater – und damit Lemnitzers Vorgänger und inzwischen Rivalen. Verteidigungsminister wurde überraschend der Ford-Manager Robert McNamara, der im Zweiten Weltkrieg im Stab von Air Force General LeMay für Effizienz gesorgt hatte.

Wie die anderen Spitzen der Streitkräfte war auch der höchste Soldat Lemnitzer bei der Inaugurationsfeier des neuen Präsidenten zugegen, die mit allerhand militärischem Zeremoniell begangen wurde. Die ehemalige Garde der Militärs verfolgte die TV-Übertragung des Ereignisses gemeinsam, darunter Lemnitzers JCS-Vorgänger Admiral Arthur Redford. In diesem Kreis eingefleischter Kennedy-Hasser befand sich auch ein scheidender Arzt des Weißen Hauses, der Zugang zu den geheimen Krankenakten von FBI und Secret Service über den neuen Präsidenten hatte. Dieser kolportierte den Militärs Kennedys sorgfältig verborgenen Gesundheitszustand, etwa eine Nebenniereninsuffizienz, die ein morgendliches Hochspritzen mit Kortison erforderte. Die Vorstellung, dass der Präsident etwa nachts nicht einsatzfähig sein würde, erachteten die Krieger als unakzeptabel – und sollten sich schon bald bestätigt sehen.

Wie aus 2001 freigegebenen Akten folgt, hoffte CIA-Chef Allen Dulles zunächst, dass Castro aufgrund fehlender britischer Waffenlieferungen sich langfristig bei der Sowjetunion werde umsehen müssen. Eine solche Zusammenarbeit hätte als Vorwand für die ohnehin längst geplante Invasion verwendet werden können. Doch man wollte nicht abwarten, zumal man einen stimulierten Aufstand gegen Castro für realistisch hielt.

Lemnitzer plante, Castro durch ein Militärregime unter US-Regie zu ersetzen, wie es die CIA in etlichen anderen Ländern arrangiert hatte. Wie schon in Guatemala (s. inzwischen freigegebene Dokumente) und im Iran sollte die CIA Aufstände organisieren, wobei stets ausschließlich aus den Zielländern stammende Agenten eingesetzt werden sollten, um die amerikanische Beteiligung plausibel abstreiten zu können. Hierzu hatte die CIA Exilkubaner rekrutiert, die man durch vom US-Militär ausgeliehene Ausbilder in geheimen Lagern paramilitärisch trainierte.

Die Versuche, Agenten dieser „Brigade 2506“ nach Kuba einzuschleusen, um Widerstandszellen aufzubauen, endeten stets mit Totalverlusten. Schließlich erhöhte man die Zahl der Kämpfer drastisch, um mit 1400 Mann in einem paramilitärischen „D-Day“ heimlich amphibisch in Kuba anzulanden. Der Plan sah vor, am Strand eine Basis als Brückenkopf zu installieren, einen Aufstand zu provozieren oder wenigstens vorzutäuschen und im Namen einer provisorischen Regierung eines „freien Kuba“ die USA per Funk offiziell um Beistand zu bitten. Den hätten die zufällig zur Stelle stehenden USA generös gewährt und den Rest militärisch erledigt. Alles in allem ging es Lemnitzer stets darum, das Problem letztlich durch sein Militär zu lösen. Eine Beteiligung der USA jeglicher Art bei der ursprünglichen Invasion, die Sache der CIA war, sollte abgestritten werden.

Kennedy hatte die sich bereits im fortgeschrittenen Stadium befindlichen Pläne geerbt, denen der bekennende James Bond-Enthusiast trotz Bedenken nicht widerstehen konnte. Er bestand jedoch ausdrücklich darauf, keinesfalls eine amerikanische Entsprechung zum militärisch niedergeschlagenen Ungarnaufstand bieten zu wollen. Obwohl der Präsident mit Nachdruck klargestellt hatte, dass es eine offizielle Beteiligung der USA keinesfalls geben werde, war von den Beteiligten allgemein darauf spekuliert worden, dass Kennedy früher oder später doch zur Gewährung von Luftunterstützung durch die US Air Force gedrängt bzw. von den Ereignissen gezwungen sein werde. CIA-Chef Allen Dulles hatte schon unter Eisenhower gemacht, was er wollte.

Um Castros eigene Luftwaffe inklusive der gefürchteten T 33-Jets auszuschalten – eine von Lemnitzer als unabdingbar erkannte Voraussetzung - bemühte man einen faulen Trick: Man tarnte amerikanische B 26-Bomber, über welche Castros Luftwaffe ebenfalls verfügte, mit kubanischen Hoheitszeichen und simulierte „desertierte Castro-Piloten“. Diese scheinbaren „Deserteure“ bombardierten Castros Flieger, jedoch mit deutlich geringerem Erfolg, als vermeldet, sodass Castro unerwartet durch seine zu 70% einsatzfähige Luftwaffe einen taktischen Vorteil hatte. Der Weltpresse präsentierten die USA scheinbar desertierte Piloten nebst eines angeblich kubanischen B 26-Bombers, der jedoch erkennbar anderer Bauart war. Da auch auffiel, dass die Bordkanonen gar nicht abgefeuert worden waren, endete die CIA-Inszenierung in einem PR-Desaster.

Castros Flieger schossen den mit Nachschub-Munition vollbeladenen Frachter Rio Escondido in Flammen, der schließlich in einem so gigantischen Feuerball explodierte, dass ihn Beobachter zunächst einer Atombombe zuschrieben. Schließlich gestattete Kennedy doch, den „kubanischen“ B 26-Bombern eine US-Fliegerstaffel als Geleitschutz zu gewähren. Da sich die in Nicaragua gestarteten Bomberpiloten jedoch an der entsprechenden Ortszeit orientierten, überflogen sie den Treffpunkt um eine Stunde zu früh, sodass der Angriff mangels startklarer Eskorte scheiterte.

Den Exilkubanern am Boden hatte man vollmundig Luftunterstützung durch militärische Angriffe sowie vor allem durch Munitionsabwurf versprochen, der vollends ausblieb. Die in der Nacht begonnene Aktion endete in einem Desaster, das inzwischen anhand der freigegeben Akten auch aus dem War Room nachvollzogen werden kann. Über 1200 Angreifer, die vergebens Nachschub erwartet hatten, gingen in Gefangenschaft, etliche weitere in den Tod.

Einem später von Kennedy angeforderten und seit 1998 freigegebenen Bericht zufolge hatte die CIA eine bei weitem zu optimistische Lageeinschätzung vorgenommen, der angeblich auch das Pentagon aufgesessen sei. Dem damaligen Generalinspektor der CIA nach habe die CIA gar nicht mehr den Überblick gehabt, was sie denn tue. Auch sei eine Geheimhaltung der US-Beteiligung von Anfang an völlig illusorisch gewesen. Total unterschätzt habe man den Rückhalt Castros in der Bevölkerung, welche er vom verhassten Batista-Regime befreit und der er Zugang zu Bildung, Gesundheitswesen und Infrastruktur verschafft hatte.

Von Kennedys standhafter Verweigerung von Luftunterstützung wollte Lemnitzer erst um 7.00 Uhr morgens im Lagezentrum erfahren haben, die er lautstark als „absolutely reprehensible, almost criminal“ verfluchte. Tatsächlich hatte er bereits um 2.00 Uhr nachts Kenntnis genommen, wie aus seiner 52 Seiten starken handschriftlichen Dokumentation folgt, die sein Biograph L. James Binder für seine Biographie „Lemnitzer. A Soldier for his Time“ (1997) sichten konnte. Ferner zitierte Lemnitzer dort aus einer geheimen Vorab-Analyse des Vereinigten Generalstabs (JCS), das neben der rasch ausgebauten Schlagkraft Castros vor allem „wegen Fehlens massenhafter Opposition auf absehbare Zeit“ ein Erfolg als „sehr zweifelhaft“ erscheine.

Tatsächlich also hatte das JCS eine realistische Auffassung – die es dem Präsidenten jedoch vorenthielt, und stattdessen Verteidigungsminister McNamara eine positive Beurteilung der Pläne übergab. Die intern zuletzt mit 15-20% gehandelte Erfolgswahrscheinlichkeit wurde in der offiziellen Beurteilung als „faire Chance“ deklariert.

Deutlicher urteilt der Geheimdienstexperte James Bamford, der hierin eine Intrige des Pentagons sieht, in der die Militärs die mit ihnen rivalisierende zivile CIA und den verhassten Präsidenten ins offene Messer rennen lassen wollten, um anschließend das gewünschte Ergebnis konservativ mit den US-Streitkräften herbeizuführen. Der versierte Planer Lemnitzer habe unmöglich die absolute Untauglichkeit der Pläne übersehen können. Definitiv hatte sich Lemnitzer Dritten gegenüber gegen die von Kennedy favorisierte Planänderung ausgesprochen, die Landung statt bei Trinidad in der strategisch ungünstigeren Schweinebucht auf der Zapata-Halbinsel durchzuführen. Im JCS-Exemplar des Angriffsplans hatte Lemnitzer sogar handschriftlich „Nuts!“ („verrückt“) vermerkt. In der entscheidenden letzten Sitzung verschwieg der General seinen Einwand gegenüber Kennedy, stimmte sogar per Handzeichen für die Durchführung – und ließ damit die exilkubanischen Kämpfer ins Verderben rennen.

Question: If the Chiefs had had any question as to feasibility, the Chiefs would have spoken up. Is that a fair statement?

General Lemnitzer: I'm sure they would.

Protokoll einer nachträglichen internen Analyse

Und auch die CIA war dann doch nicht ganz so naiv, wie lange angenommen. 2005 wurde eine 300 Seiten starke Dokumentation von Chefplaner Prof. Richard Bissell freigegeben, die auch ein CIA-Memo vom 16.11.1960 enthielt, in dem das Ziel zutreffend als ohne militärische Hilfe „unerreichbar“ eingeschätzt wurde.

Damit nicht genug, war Castro sogar vorab gewarnt worden. Die Exilkubaner waren bei ihren Wochenendausflügen redselig gewesen, sodass die Vorbereitungen als solche längst kein Geheimnis mehr gewesen waren. 2001 gab Kuba ein Dokument vom Januar 1961 frei, demzufolge Castro mit einer 6.000 Mann starken Streitmacht gerechnet hatte.

Sogar die New York Times hatte die Story vorab gebracht. Der kubanische Lobbyist Ernesto Betancourt ermahnte Kreise in Washington, die CIA bereite gerade einen großen Fehler vor und Castro „wisse alles darüber“. Dass die amphibische Invasion vor der im Mai beginnenden „Regenzeit“ stattfinden musste, lag für Strategen ohnehin auf der Hand. Obwohl CIA-Chef Dulles Betancourts Vorwissen mitgeteilt wurde, hielt er an der verratenen Aktion fest. Wie später im CIA-Dossier zu lesen war, hatte Castro sogar die streng geheimen Details des Angriffsplans erfahren. Von einem „Überraschungsangriff“ jedenfalls konnte keine Rede sein.

Man hatte Kennedy also in jeder Hinsicht von Anfang an ein faules Ei untergeschoben, das ihn absehbar in jedem Falle politisch beschädigen musste.

Die CIA-Strategen Dulles und Bissell hatten nicht damit gerechnet, dass Kennedy die Luftunterstützung schlussendlich versagen würde. Selbst Kennedys eindeutige Weisung an die Navy, zu Kuba einen definierten Abstand zu halten, wurde unterlaufen. Aus dem vom Präsidenten genehmigten Minimum „kubanischer“ Bomber hatte Bissell heimlich acht gemacht. Kennedy hatte die ihm eigentlich unterstehende CIA so wenig im Griff wie seine Vorgänger.

Lemnitzer befahl dem Militär Stillschweigen über die Details der fehlgeschlagenen Operation. Auch er selbst rechtfertigte sich damals zunächst nicht öffentlich für sein Verhalten und seine Zustimmung zum Plan, wenngleich er später durchaus einräumte, sein Schweigen gegenüber Kennedy sei wohl ein Fehler gewesen. Intern allerdings bestand er darauf, die CIA habe das Konzept der Operation mehrfach umgestellt, ohne den Generalstab (JCS) zu konsultieren, etwa die Änderung des Anlandeplatzes von Trinidad nach Zapata sowie den Verzicht auf Luftunterstützung. Das JCS sei lediglich um Begutachtung („appraise“) nachgesucht worden, nicht um Befürwortung („approve“). Das Militär habe lediglich unterstützt, nicht aber die Operation geleitet.

Lemnitzers Kollege General Grey vertrat die Ansicht, die beteiligten Planer seien durchweg Planungsstabsmitglieder ohne eigene Kampferfahrung gewesen, die anders als kampferprobte Offiziere weitaus eher bereit seien, tödliche Risiken zu akzeptieren. Lemnitzer ließ vor dem Kongress durchblicken, die Operation sei in erster Linie eine Angelegenheit der CIA gewesen. Man hätte sich auf die militärischen Qualitäten des stellvertretenden CIA-Chefs und Vier Sterne-Generals Charles Cabell verlassen. Allerdings hatte auch der von der Air Force stammende Cabell keine Erfahrung im Bodenkampf gehabt.

Dem JCS verlangte Kennedy schließlich doch keine personellen Konsequenzen ab, jedoch legte er nunmehr eindeutig fest, dass bei weiteren Aktionen jedes Mitglied des JCS bei Zweifeln über den Erfolg solche unaufgefordert mitzuteilen habe. Durch diesen Schachzug hatte er klargestellt, dass weder die CIA, noch das Pentagon künftiges Versagen dem Präsidenten würden anlasten können.

Statt bei den Militärs öffentlich Köpfe rollen zu lassen, übernahm der Präsident selbst die volle Verantwortung. Zu seiner eigenen Überraschung konstatierte Kennedy, dass er ironischerweise dadurch noch beliebter wurde, obwohl er „Schlimmes“ getan hatte. Bei den Militärs und im Geheimdienst jedoch war Kennedy als Verräter verhasst, dessen „unverständliche Verweigerung“ der Luftunterstützung der Nation die denkbar größte Blamage eingebracht hatte. Die gefangen genommenen Exilkubaner schrieben dies Kennedys ausgebliebener Luftunterstützung zu und betrachteten ihn daher offen als Verräter, dem sie Rache schworen.

Langfristig war CIA-Urgestein Dulles trotz Kennedys Protektion nicht zu halten und musste – ohnehin amtsmüde - nach einer Schamfrist in den Ruhestand gehen. Ebenso seine Planer Prof. Bissell und General Cabell.

Noch am 29.04.1961 beauftragte McNamara Lemnitzer mit Plänen, wie die Einnahme Kubas durch das Militär durchgeführt werden könne. Lemnitzer schlug vor, mit einer Truppenstärke von 60.000 Mann vor Ende Juli anzurücken, um der Hurrikan-Saison zuvor zu kommen. Die von Lemnitzer zur vollständigen Kontrolle veranschlagten acht Tage sollten nach McNamara auf fünf verkürzt werden, um die Reaktionszeit für eine mögliche Unterstützung durch das Ausland zu unterlaufen. Die Wahrscheinlichkeit, dass eine solche Unterstützung für die Zuckerinsel aus der Sowjetunion kommen könnte, taxierte das JCS als eher gering.

Als Lemnitzer Jahre später vor dem Morse-Unterausschuss nach möglichen Kuba-Plänen des Militärs befragt wurde, bestritt er solche. Dafür gab es einen mehr als delikaten Grund: Eine offizielle amerikanische Invasion hätte vor der Öffentlichkeit durch irgendetwas „gerechtfertigt“ werden müssen, was die Planung als „Reaktion“ darstellbar gemacht hätte. Das JCS schlug zunächst als solchen „Zwischenfall“ einen provozierten kubanischen Angriff auf die US-Basis Guantanamo Bay vor. Man wollte hierzu einen amerikanischen Rückzug vortäuschen, und ein kubanisches Betreten als Aggression darstellen. Ausgerechnet der Täuschungsmanövern höchst aufgeschlossene Lemnitzer äußerte starke Bedenken gegen den geplanten verräterischen Einbezug der Militäreinrichtung.

Im Juni 1961 traf Kennedy erstmals beim Gipfel in Wien auf Kreml-Chef Chruschtschow. Vor diesem ersten Zusammentreffen mit Chruschtschow schrieb Lemnitzer im Einklang mit dem JCS einen ungewöhnlichen Brief. Die Generäle hätten die Möglichkeiten der Gegner der USA analysiert und seien zu dem Schluss gekommen, das US-Militär sei allen anderen überlegen und insbesondere in der Lage, einen Sieg gegen den „Sino-Sowjetischen Block“ zu erzielen. Der Präsident möge diese Stärke in den Verhandlungen zum Ausdruck bringen. Kurz zuvor hatte Lemnitzer Kennedy mündlich mitgeteilt, man verfüge nun über die Fähigkeit, die Sowjetunion zu zerstören.

Chruschtschow, Kennedy. Bild: U.S. Federal Government

Der ungewöhnliche Brief war nicht nur eine Information, sondern enthielt mindestens zwischen den Zeilen eine Anweisung des Militärs an den Präsidenten. Von diesem zeigte sich Chruschtschow allerdings völlig unbeeindruckt. Im Gegenteil ließ er wieder atmosphärische Atombombentests durchführen und behinderte den Berlin-Transfer. Erneut hatte Kennedy Lemnitzer bewiesen, dass der junge Präsident einfach zu weich gegenüber dem Kommunismus war.

Bislang war die US-Regierung anhand von CIA-Einschätzungen von einer dramatischen sowjetischen Übermacht an Interkontinentalraketen ausgegangen und hatte „als Reaktion“ selbst entsprechend auf 185 Interkontinentalrakten sowie 3.400 für Bomber vorgesehene Nuklearbomben hochgerüstet. Nunmehr verifizierten die neuen US-Spionagesatelliten in der Sowjetunion gerade einmal vier stationierte Interkontinentalraketen. Diesen strategischen Vorteil wollte der weitsichtige Lemnitzer nutzen. Am 20.Juli 1961 schlug Lemnitzer die atomare Vernichtung der Sowjetunion und Chinas vor, zu der man plangemäß Ende 1963 in der Lage sei. Der Angriff sollte dann nach enstprechend vorauszugehenden „Spannungen“ erfolgen.

Man müsse den Russen zuvorkommen, China arbeitete ebenfalls an Kernwaffen. Lemnitzer plädierte dafür, den Kommunismus ein für alle mal los zu werden. Die US-Bürger müssten nach dem Bombardement wegen dem radioaktiven Fall Out etwa zwei Wochen in Sicherheitsräumen abwarten. Als Kennedy fragte, warum auch China zerstört werden müsse, das bislang noch keine Atomwaffen entwickelt hatte, antwortete Lemnitzer trocken: "Das ist der Plan".

Die Akten betreffend dieser Konversation sind noch immer unter Verschluss, doch Kennedys Berater Arthur Schlesinger erinnerte sich daran, ein vortragender General habe beim Erklären gewirkt wie „im Kindergarten“. Kennedys Sicherheitsberater George Bundy und sein Außenminister Dean Rusk erinnerten sich an Kennedys Kommentar: „Und wir nennen uns die menschliche Rasse ...“

Hätte die US-Regierung tatsächlich Osteuropa und China nuklear vernichtet, hätte dies im Einwanderungsland USA insbesondere bei den Verwandten der Getöteten Spannungen hervorgerufen, die praktisch nur in Form einer Militärdiktatur hätten kontrolliert werden können – ein Konzept, mit dem Lemnitzer nur allzu gute Erfahrung hatte.

Die Kennedys lehnten die Erstschlagspläne u.a. mit dem militärischen Argument ab, dass angesichts der drohenden Vergeltungsschläge keiner der beiden Supermächte einen Erstschlag wagen würde. Dass die sowjetischen Raketen für die gefürchtete Wasserstoffbombe noch keine hinreichende Transportkapazität hatten, war damals unbekannt. Kennedy setzte auf eine Politik der gegenseitigen Abschreckung, nicht aber auf den von den Generälen geforderten konkreten Einsatz der Bombe. Dies hinderte die Militärs jedoch nicht an der weiterer Aufrüstung. Für einen als "Single Integrated Operational Plan (SIOP)" bezeichneten massiven Atomschlag forderten sie 2.400 Interkontinentalraketen und 10.000 Atombomben.

Nachdem jemand den Vorschlag des Doomsday-Plans zur Presse hatte durchsickern lassen, offenbar um die Regierung unter Druck zu setzen, sah sich Kennedy veranlasst, das FBI mit Untersuchungen im Pentagon diesbezüglich zu beauftragen. Die Generäle empfanden dies als Affront und beschwerten sich. Zähneknirschend mussten Lemnitzer und seine Mitstreiter einsehen, dass der Plan, ohne konkreten Anlass den Osten nuklear zu verseuchen, an uneinsichtigen Zivilisten zu scheitern drohte.

Der Ökonom Thomas Schelling riet in einer Analyse zur Berlin-Krise, die Kontrolle über die amerikanischen Atombomben beim Präsidenten zu zentralisieren, um Missverständnisse und Eigenmächtigkeiten von großer Tragweite auszuschließen. Das Timing hätte schwerlich besser sein können.

Einen Anlass für einen atomaren Schlagabtausch sahen die Militärs im überraschend erfolgten Bau der Berliner Mauer im August 1961. Der JCS-Chairman Lemnitzer überreichte Kennedy erneut Pläne zum atomaren Erstschlag. Kennedy ließ lediglich die Aufstockung der US-Truppen in Berlin zu, deren Passieren durch die DDR bereits Potential zur Provokation aufwies. General Lucius Clay jedoch befahl – ohne Washington zu informieren – in einem nahe gelegenen Waldstück mit Panzern zu testen, ob sie die Mauer einfach einreißen konnten.

Checkpoint Charlie, 27.Oktober 1961. Bild: US National Archives

Am 18.Oktober genehmigte Kennedy, für den Fall einer Blockade des Checkpoints Charlie den Einsatz von zwei bis drei Panzern zur Räumung von möglichen Hindernissen. Am 23.Oktober plante man für den Fall weiterer Eskalation den Einsatz der Bombe. Wie Sowjet-Botschafter Valentin Falin später bemerkte, hätten sowjetische Panzerkommandeure einen eigenmächtigen Abriss der auf Ost-Territorium stehenden Mauer als Angriff betrachtet und zurückgeschossen. Falins Bewertung nach seien diese Tage daher der riskanteste Zeitpunkt des Kalten Kriegs gewesen. Am 27.Oktober standen sich am Checkpoint Charlie russische und amerikanische Panzer direkt gegenüber. Drei Tage später ließen die Russen eine Bombe platzen - die bislang größte.

Kennedy nannte die Mauer zwar keine schöne Lösung, aber tausendmal besser als Krieg. Mit diesem seltsamen Präsidenten waren einfach keine richtigen Kriege zu machen. Der vormalige Außenminister Dean Acheson bedauerte Kennedys Weigerung, zu den Waffen zu greifen, mit den Worten, die Nation sei offensichtlich ohne Führung. Tatsächlich hatte Kennedy ein Führungsproblem: Der scheinbar mächtigste Mann der Welt hatte zu keinem Zeitpunkt Kontrolle über seine Militärs und Geheimdienste. Wie weit Lemnitzer und seine Krieger gehen würden, um ihren Krieg zu bekommen, sollte Kennedy schon bald erfahren.

Teil 4: Lie-Man Lemnitzer

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