Vom Himmel in die Hölle und wieder zurück

Die Göttliche Komödie auf YouTube

Erst der Hegel, dann das Vergnügen: Man kann ein gelungenes Kunstwerk begreifen als angemessene und wohlproportionierte Vermitteltheit der Teile unter sich selbst und mit dem Ganzen, dessen erfassbare Bedeutungsebenen über das Empirische hinaus weisen. Dementsprechend gilt im Umkehrschluss für das misslungene, dass entweder die Teile nicht sinnhaft angeordnet sind, in Disproportionalität zum Ganzen stehen, oder die Bedeutungsebene sich nicht begrifflich rekonstituieren lässt - beziehungsweise nicht über das Unmittelbare hinauskommt. Dieses künstlerisch Misslungene wird aber erst dann realsatirisch-komisch, wenn der Unterschied zwischen Ausgesagtem und Gemeintem, Wesen und Erscheinung, so groß ist, dass Mittel und Zweck in Kollision geraten, sich die subjektiv intendierte Pointe objektiv und unmittelbar in ihr Gegenteil verkehrt und Erhabenes als Lächerliches, Sein als Schein, wie auch das Idealisierte durch das Faktische entlarvt wird.

Im Falle der finnischen Coverversion und Transformation des überschwänglichen Schwulenklassikers “YMCA“ der Village People in die recht zurückgenommene Sportvereinshymne "NMKY", auf die wir durch den lesenswerten Exspex-Blog aufmerksam wurden, haben wir es aber nicht mit einem schlechten, sondern einem ungewollt ironischen Kunstwerk zu tun, das nicht nur aus der Diskrepanz mit dem Original, sondern auch wegen des bizarren Fernsehauftritts des Sängers, der Band und der Background-Tänzer seinen speziellen Charme entwickelt. Der Clip ist ein Meisterwerk, weil er 90 Sekunden lang mit jeder Einstellung immer absurder, komischer und besser wird.

In der Einganssequenz fiept uns verschmitzt ein gutgelaunter 70´s-Physiklehrer-Lookalike auf seinem Bontempo-Synthesizer skandinavisch reduziert das bombastische Disco-Intro entgegen und bereitet uns schon einmal optisch und akustisch auf die Dinge vor, die weiter kommen werden. Der nächste Schnitt zeigt uns das bleiche Gesicht des blonden Kevin-Kline-Doppelgängers und Sängers Gregorius, der, begleitet von einem (offenbar unter dem Einfluss von Psychopharmaka stehenden) Mini-Orchester, anscheinend das finnische Pendant zum Deutschen Turnerbund besingt.

Dies vollführt er, wie der nächste Einstellung offenbart, in kurzer Hose und mit außergewöhnlichen storchenhaften Vorwärts-Rückwärts-Oben-Unten-Bewegungen, die mit der grazilen Art, in der er das Mikrofon hält, und dem finnischen Gesang das Nordländisch-Exotische unterstreichen. Anschließend zeigt YouTube jugendliche Turn-Tänzer, die sich erfolgreich am finnischen Disco-Step versuchen. Große Kunst!

Ebenfalls um großartiges skandinavisches Spass-Understatement handelt es sich bei dem Clip "I wanna love you tender" von Armi & Danny. Wer bislang gemeint hat, schlimmere Musik als deutsche volkstümliche Schlagermusik könne es nicht geben, der wird hier eines besseren belehrt. Jedoch war der Choreograph entweder ein Wahnsinniger oder ein Genie, der mit seinem Ballett das Schleimrockgeschehen mit an Fatboy Slim gemahnender absurder Großartigkeit konterkariert.

Mit der Subversion des dämlich Affirmativen macht uns der Clip "Torres Gemelas" des ecuadorianischen Sängers Delfin Quishpe bekannt, der den Anschlag auf die Twin-Towers zum Inhalt hat. Ein Höhepunkt an grotesker Geschmacklosigkeit: Hier ist ein Punkt erreicht, wo ein naiver Pro-Amerikanismus ästhetisch in einen handfesten Anti-Amerikanismus umschlägt. Wer solche Freunde hat, braucht sich um seine Feinde nicht mehr zu sorgen.

Das es aber immer noch um einiges härter geht, beweisen die Deutschen. Die Performance der Poetry-Slamerin Lydia Daher ist von solch überwältigender Intensität, dass wir es trotz mannigfacher Versuche noch immer nicht geschafft haben, den Clip ganz zu sehen. Von nun an steigen wir wieder ans Licht. Beinahe unerträglich ist der Clip "Private Hell"von The Jam. Hier wird aus der Perspektive einer frustrierten Hausfrau gesungen, die sich von sich selbst entfremdet hat, den Kontakt zu ihrer Umwelt nicht aufrecht erhalten kann und ihren Mann als Feind erlebt. Sie versucht dies durch einen geregelten Lebenswandel und Shopping zu kompensieren, zerbricht dabei aber innerlich, während sie als abgelebte Hülle, als diszipliniertes Gespenst, weiter fort existiert.

The Jam wurden am Höhepunkt der Ära Thatcher von ihrem Publikum geliebt wie einst die Beatles. Kein Wunder: Selten kam wie hier die Katharsis in Form eines Dampfhammers daher, mit Musik so scharf wie ein Schlachtermesser und einem Text, bei dem jede Pointe sitzt. Es ist, als wäre der soziale Zunder, der englischer Subkultur seit den Kinks und den Who innewohnt, auf Atombombenwirksamkeit komprimiert worden. Paul Weller war der Arthur Harris des Pop.

Eine echte Perle des Pop reicht uns auch die im Jahr 2000 tragisch ums Leben gekommene Kirsty MacColl mit "He's On The Beach", die mit ihrer warmen und wahren Sicht auch männlichen Selbsterkundungstrips in Australien melancholisch-klug sympathische Seiten abgewinnen kann. Hier wird gezeigt, dass die Diskrepanz von Geschriebenem und Wahrem auch ausgesprochen gut funktionieren kann.

Das elysische Finale bestreitet der französische Chansonnier Charles Trénet, der uns in "La Mer" mit den Augen eines Kindes, den Worten eines Philosophen und seinem bezaubernden Gesang jeglichen Schorf von unseren geschundenen Seelen kratzt und uns das Wunder eines Morgens am Meer begreifbar macht.

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