Vom Schleppnetz auf den Tisch: Kein Fisch mehr aus der Tiefe?

Schwarzer Degenfisch (Espada), Supermarkt in Madeira. Foto: AngMoKio; Lizenz: CC BY-SA 2.5

Vor der EU-Verbotsentscheidung über Tiefseefischerei: Ein Comic und Wissenschaftler gegen Lobbyisten, die mit dem Verlust tausender Arbeitsplätze in Regionen drohen, wo soziale Unruhen befürchtet werden

Die französische Supermarktkette Casino nimmt ab Januar 2014 drei Tiefseefische aus ihrem Angebot, die deliziösen Säbelfische bzw. Degenfisch1, die schmackhaften Grenadierfische und den vitaminreichen Lumb. Entscheidungen über Dinge, die man essen kann, werden auch im gegenwärtigen Frankreich noch mit großem Eifer besprochen - aber, weshalb der Casino-Nachricht beachtliche Aufmerksamkeit zukommt, liegt viel mehr daran, dass im Nachbarland die Gegnerschaft zur Tiefseefischerei lauter wird, stärker und akuter.

Mehrmals schon hat das EU-Parlament die Abstimmung über Lizenzierungen des Tiefseefangs im Nordostatlantik verschoben, nun kommt die Schleppnetzfischerei nächste Woche, am 9. und 10. Dezember, erneut vors Plenum. Auf dem Tisch ist ein Vorschlag der EU-Kommission vom vergangenen Jahr, die umstrittene Tiefsee-Grundschleppnetzfischerei durch europäische Fangflotten in EU-Gewässern und der Hochsee des Nordostatlantiks zu verbieten.

Wie man weiß, stehen hinter Lizenzierungs/Verbots-Voten immer Kämpfe zwischen Lobbygruppen der Industrie und Gegnern, die vor gravierenden Konsequenzen einer Entscheidung warnen, welche den industriellen Interessen zu weit entgegenkommt. Im Fall der Tiefseefischerei spricht man sogar von einem "Krieg" zwischen Fischerei-Lobbys und ihren Gegnern.

An deren Front steht die Vereinigung Bloom, die diese Tage einen enormen Aufmerksamkeitserfolg in der Öffentlichkeit erzielen konnten. Mit einem Comic.

Was Prominenten wie Richard Bransen, Matthieu Ricard ("molekularbiologischer Buddhist") oder der Umweltschützer-Celebrity Nicolas Hulot (für "Autos mit eingebauter Geschwindigkeitsbeschränkung und mit 2 Liter Verbrauch"") und einem Aufruf von 300 Wissenschaftlern nicht gelang, schaffte die virale Comic-Aktion - auf Englisch: Take Five Minutes and sign this - innerhalb kürzester Zeit: 700.000 Stimmen für eine Petition an Staatspräsident Hollande mit der Aufforderung, den Verbotsvorschlag unmissverständlich zu unterstützen.

Das ist in Frankreich nicht ganz einfach. "Die Franzosen machen Vollbremsung gegen alle Maßnahmen, die Auswirkungen auf die Beschäftigungslage in der Bretagne hat", berichtet Le Monde.

Umso mehr als dort die Rote-Mützen-Proteste, geschürt durch Entlassungen infolge von Schließungen von Fabriken über eine Ökosteuer ausgebrochen sind. Dass der Staat nun auch beim Lastwagenverkehr, dem Transport von Fischereiprodukten, Hindernisse aufbaut, hat das Fass zum Überlaufen gebracht (Frankreich: Eine Ökosteuer als Auslöser eines landesweiten Aufstandes?). Die Proteste könnten sich noch weiter ausdehnen, hieß es Mitte November (vgl. "Eine Gesellschaft mit zum Zerreißen gespannten Nerven, die der Erbitterung und der Wut ausgeliefert ist"). Vergange Woche gabe es eine Umfrage zu lesen, wonach nicht nur die Präfekten, sondern auch mehr als 60 Prozent der Franzosen einen stärkeren Ausbruch von sozialen Unruhen in der nächsten Zeit für möglich hält.

Eine eindeutige Positionierung fällt Hollande bei kontroversen Themen sehr schwer, das wird aller Wahrscheinlichkeit nach auch beim Verbot der Tiefseefischerei der Fall sein. Zumal der Druck aus der Fischereiindustrie und Lobbyverbänden nicht gerade klein ist. Die Gründerin von Bloom, Claire Nouvian, vergleicht den Kampf gegen die Fischereiindustrie mit dem Kampf, der andernorts gegen die Tabakindustrie geführt wurde.

Der Streit über die Schleppnetzfischerei wird schon seit einigen Jahren geführt. Die immensen Schäden, welche die Hochleistungstrawler an Tiefseelebewesen, die sich nicht schnell regenerieren können, anrichten, wird seit Jahren publik gemacht - oft verbunden mit dem Hinweis auf das allgemeine Phänomen der Überfischung, die mit der technischen Aufrüstung und einer der Industrie gegenüber favorablen Staatspolitik einhergeht (siehe dazu Europas Raubzüge zur See). Davon profitieren meist größere Unternehmen, nicht die kleineren - was als Assoziation bei vielen noch aufkommt, wenn von Fischerei die Rede ist.

Nachdem Dänemark 2003 ein System übertragbarer Fanganteile eingeführt hatte, kaufte eine Handvoll Großbetriebe, in der dänischen Presse "Quoten-Magnaten" genannt, in kürzester Zeit die Konzessionen der kleinsten Fischer auf. Das Resultat ist, dass im Juli 2011 im Bereich der Hochseefischerei ganze acht Schiffe einen Ertrag von insgesamt 644 Millionen Euro erbrachten, was wertmäßig ein Viertel des gesamten dänischen Fischfangs ausmacht.

Monde Diplomatique

Entsprechend stark treten auch die Lobbyverbände auf, in Frankreich werden genannt La Scapêche, Blue Fish und das Comité national de la pêche. Sie argumentieren damit, dass es ihnen gelänge "nachhaltig zu fischen" - was Wissenschaftler bestreiten. Eindeutige Positionen gegen die Tiefseefischerei sind auch im Wissenschaftsmagazin Natur zu lesen.

Während französische Meeresforscher damit argumentieren, dass die Tiefsee-Grundschleppnetzfischerei, die mit vielen staatlichen Subventionen unterstützt wird, unrentabel sei, - und es keinen Dissens unter Wissenschaftlern über die Schädlichkeit gebe -, spielen die Industrievertreter die Angst vor dem Verlust von Arbeitsplätzen aus.

Gegner, wie Claire Nouvian behaupten, dass vom Verbot der Tiefsee-Fischerei imgrunde nur 200 Arbeitsplätze in Europa wegfallen würden. Die Industrievertreter nennen da ganz andere Zahlen.

Die Tiefsee-Fischerei sei die "Lokomotive der Fischerei", an ihr hängen 3.000 Arbeitsplätze allein in der Region Lorient/ Bretagne , so Cécile Bigot, Chefin der Abteilung Fischerei der Regierungsbehörde DPMA, die dem Ministerium für Ökologie (plus: der nachhaltigen Entwicklung und der Energie) untergeordnet ist.

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