"Vom Teufel Besessene" streiken am Internationalen Frauentag in Spanien

Demonstrierende Frauen in Donostia. Bild: R. Streck

Mehr als fünf Millionen Frauen - aber auch Männer - haben sich am Frauenstreiktag beteiligt, für den 82% der Menschen im Land Gründe sehen

Die Erwartungen vieler Frauen sind am Internationalen Frauentag in Spanien weit übertroffen worden. Aufgerufen war zum Frauenstreiktag am 8. März. Edurne Arruti hatte nicht geglaubt, dass ihre große Bibliothek im baskischen Seebad Donostia-San Sebastian schließen würde. "Ich wollte den ganzen Tag streiken", sagte sie. Schließlich habe die Belegschaft aber entschieden, für vier Stunden zu schließen. "Damit wurde der Streik sichtbarer, als wenn einige den ganzen Tag gestreikt hätten, aber die Bibliothek offen geblieben wäre", erklärte die Baskin.

So streikte sie, wie die große Mehrheit der Frauen - und Männer - im ganzen spanischen Staat nur zwei oder vier Stunden. 4,7 Millionen Beschäftigte hätten sich allein ihrem Aufruf zu einem zweistündigen Streik angeschlossen, erklärten die beiden großen spanischen Gewerkschaften CCOO und UGT, weshalb weit über fünf Millionen Menschen gestreikt haben. Im Baskenland wurde weitgehend vier Stunden gestreikt. Im Koldo Mitxelena wurden deshalb kurz vor 12 Uhr die Besucher höflich zum Verlassen der Bibliothek aufgefordert, dann zogen die Beschäftigten zum Boulevard, um am Sitzstreik und der "Tupper-Party" teilzunehmen, dem großen Essen in der Altstadt. Speisen und Getränke mussten mitgebracht werden, da der Protest durch einen "Konsumstreik" komplettiert wurde.

Auffällig waren die vielen jungen Gesichter. An Schulen und Universitäten war die Beteiligung besonders groß. Vom Markt kamen Marktfrauen zum Sitzstreik, die sich wie Feli einen Ausfall den ganzen Tag über nicht leisten konnten. "Ich mache für vier Stunden dicht, um für unsere Rechte zu kämpfen", erklärte sie. Am Abend geht sie erneut auf die Straße, wo eine besonders große Beteiligung bei allen Demonstrationen erwartet wird.

Der Protest wurde auch zur Kathedrale "Buen Pastor" getragen. Von dort hatte Bischof José Ignacio Munilla den Feministinnen über Radio Maria erklärt, sie seien "vom Teufel besessen". Auf der Webseite der Diözese hatten Anonymus-Teufelchen aber derweil einen Streikaufruf mit dem Titel veröffentlicht: "Gott unterstützt den Frauenstreik." Auf der Straße riefen Frauen: "Munilla, Munilla, deabru zure bila!" (Munilla, der Teufel sucht dich!)

Das Land lahmzulegen, um gegen Macho-Gewalt, Vergewaltigungen, Morde, Benachteiligung und für Gleichberechtigung einzutreten, wurde nicht erreicht. Damit hatten die Organisatorinnen auch nicht wirklich gerechnet. Die breite Mobilisierung über Parteigrenzen hinweg machte die Anliegen über den ganzen 8. März deutlich. Nach Umfragen sahen 82% der Bevölkerung Gründe für den Streik, sogar 66% der Wähler der regierenden ultrakonservativen Volkspartei (PP).

Tupper-Parties im ganzen Land. Bild: R. Streck

Die spanische Rechte hat ihren Diskurs daraufhin von Ablehnung zu Verständnis verändert. Hatten zunächst die PP-Ministerinnen erklärt, sie würden an diesem Tag besonders viel arbeiten, erklärte sogar Parteichef Mariano Rajoy, sich in der diesen "Äußerungen nicht wiederzufinden". Auch er trägt heute eine lila Schleife an der Jacke, um nicht in völligem Widerspruch zum Großteil seiner Wähler zu geraten.

Während sich die Chefin der Ciudadanos (Bürger) in Katalonien vehement gegen den Streik ausgesprochen hatte, der angeblich spalten würde, erklärte der Parteichef Albert Rivera angesichts dieser Umfrageergebnisse plötzlich am Frauenstreiktag opportunistisch: "Wir Männer müssen uns ganz besonders für diese Sache einsetzen."

Die Wirkungen des Streiks waren überall deutlich zu spüren. Schon im Frühprogramm fielen Radio-und Fernsehsendungen genauso aus wie hunderte Züge. Zum Teil mussten Moderatorinnen von männlichen Kollegen ersetzt werden. Mara Torres, die im öffentlich-rechtlichen Fernsehen streiken wollte, war von der RTVE-Leitung, wie viele andere Frauen, zum "Notdienst" verdonnert worden. Sie nutzte ihre Nachrichtensendung in der Nacht aber, um über den Streik zu berichten. Dieser Frauentag sei anders als alle zuvor, "da der bisherige Schwung aufgenommen wurde und es eine globale Mobilisierung ist", sagte sie.

Schon in der Nacht gab es erste lautstarke Demonstrationen im ganzen Land und am frühen Morgen sorgten in vielen Städten "Fahrrad-Streikposten" zum Teil für Verkehrschaos. In Katalonien war wie erwartet der Streik besonders stark, weil dort auch gegen die spanische Zwangsverwaltung und Repression und für Demokratie gestreikt und protestiert wurde. Hier wurden Einfallstraßen zu Städten und Schienen in Bahnhöfen blockiert. Zum Teil wurden Blockaden gewaltsam von der Polizei aufgelöst.

Am Mittag schloss sich in Barcelona auch die Bürgermeisterin den Streikenden und protestierenden Frauen und Männern auf dem Platz Sant Jaume an. "Es ist ein historischer Tag für uns Frauen", erklärte Ada Colau, die an die vielen ermordeten Frauen erinnerte und von einer "strukturellen Gewalt" und "Ungleichbehandlung" sprach. Sie bezog sich auch auf eine gerade veröffentlichte Studie. Mit Daten der europäischen Statistikbehörde Eurostat wurde darauf verwiesen, dass in Europa Frauen durchschnittlich 16% weniger als Männer verdienen. Während Spanien mit Frankreich und Dänemark sogar leicht unter dem Durchschnitt liege, seien die Lohnunterschiede in Deutschland und Großbritannien mit 21% besonders groß. (Ralf Streck)

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