Vom Wert, Mehrwert, Gebrauchswert – und einem Eimer voller Kohlen

Was hat dieser Eimer Kohlen mit Karl Marx zu tun? Bild: Pixabay

Ein Versuch zur Veranschaulichung des Unanschaulichen

Unsere Alltagssprache wimmelt von abstrakten Begriffen, die uns erstmal völlig vertraut scheinen, doch beim genaueren Hinsehen rätselhaft werden. Zu meiner Studienzeit gab es den folgenden Witz:

Professor fragt den Prüfling: "Erklären sie mal: Was ist Elektrizität?"

Der Prüfling stottert: "Oh, als ich draußen war, habe ich es noch gewusst. Aber jetzt habe ich es vergessen."

Der Professor rauft sich die Haare: "Na so ein Unglück! Sie waren der einzige Mensch auf der Welt, der es gewusst hat! Und sie haben es vergessen!"

Anlass für diesen Artikel sind die dankenswerten Versuche vieler Autoren – meines Wissens durchweg männliche – unter reger Beteiligung vieler Foristen – vielerlei Geschlechts –, den Telepolis-LeserInnen die Marx‘schen Analysen und vor allem die Werttheorie zu erklären.

Dabei wurde jedoch auch deutlich, wie schwer es ist, manchen Denkern in ihren komplexen Theorien zu folgen, ohne sich darin zu verirren. Und umgekehrt: Wie schwer es manchen Geisteswissenschaffenden fällt, ihre Denkgebäude übersichtlich und barrierefrei zu gestalten, begehbar auch für "nur" mit Alltagsverstand ausgerüstete Menschen.

Höhe- oder auch Tiefpunkt, wie man es nimmt, war der Artikel Zur Wertdefinition von Heinrich Harbach und Werner Richter vom Jahresanfang. Angetreten mit dem Anspruch, eine "wissenschaftliche Definition" des Wertes zu liefern, bestätigte er im Ergebnis eher das Vorurteil, die Philosophie und leider auch die Ökonomie hätten zur Analyse und Beschreibung komplexer Phänomene - wo die Physik und andere Naturwissenschaften klar definierte Begriffe und mathematisch fundierte Instrumente entwickelt haben - vor allem eins: viele Worte.

Die Autoren und ganz exemplarisch Dieter Wolf, auf den sie sich mehrfach beziehen, umkreisen den fraglichen Gegenstand mit schier endlosen redundanten Satzkonstruktionen, ohne ihn je zu fassen, wie, ein extremes Beispiel, hier.

Anschaulicher Vorstellung und Verständnis läuft dies konträr. Das muss nicht so sein, deshalb will ich versuchen, eine Brücke zu schlagen zwischen der unanschaulichen Begriffswelt der Marx‘schen Werttheorie und den – zumindest für technikaffine Menschen – besser vorstellbaren Begriffen und Modellen der Physik.

Sie werden im Folgenden zwischen den Disziplinen also öfter etwas "querdenken" müssen. Es geht dabei nicht um eine Verbindung der Theorien, wie das von Podolinsky bis Altvater öfter versucht (und hier energisch kritisiert) wurde, sondern um Analogien. Analogien sind ein bewährtes heuristisches Prinzip zur Erkenntnisgewinnung, Marx selbst verwendete Analogien an vielen Stellen.

Wert und Gewicht

Als Ofenheizung im Berliner "Prenzlberg" noch sehr verbreitet und ich ein Schuljunge war, brachte ich jeden Wintertag einen Eimer Kohlen aus dem Keller in unsere Wohnung im vierten Stock. Der volle Eimer wog etwa zehn Kilo und enthielt - in Form von Braunkohlebriketts - etwa 50 Kilowattstunden Heizenergie, was außer für den Kachelofen im Wohnzimmer oft auch noch für den Badeofen ausreichte.

Der Preis für diese Kohlenmenge lag bei etwa 35 Pfennig. Oben angekommen, hatte ich selbst eine Menge Energie verausgabt, aber die Energiemenge des Kohleeimers hatte sich auch erhöht: Um ganze 1.177 Joule oder Wattsekunden, das ist nämlich die Zunahme an potenzieller Energie eines Zehn-Kilo-Gewichts, wenn es um zwölf Meter vom Keller bis in den vierten Stock angehoben wird.

Diese Energie, mal angenommen, man könnte sie komplett in zusätzliche Wärme umsetzen, hätte die kellerkalten Kohlen allerdings gerade einmal um etwa zehn Grad, also auf Zimmertemperatur erwärmt. Restlos und deutlich effektvoller hätte sich die gespeicherte potenzielle Energie nur "realisieren" lassen (mit einem Umweg über eine gleich große kinetische Energie), wenn ich den Eimer aus dem Fenster geworfen hätte.

In punkto Heizenergie war mein Arbeitsaufwand also einerseits komplett nutzlos, andererseits jedoch dringend notwendig, denn Kohlen, die im Keller liegen, haben fürs Heizen im vierten Stock wenig Gebrauchswert, genau gesagt: Null. Der Transport zum Ort ihrer thermischen Verwertung war Voraussetzung dafür, dass sie ihren Gebrauchswert überhaupt entfalten konnten. Waren die Kohlen dadurch vielleicht sogar selbst wertvoller geworden?

Immerhin bekam ich, wenn ich mal einen Eimer für die Nachbarin nach oben holte, 50 Pfennig in die Hand gedrückt. Man kann zwar meine Schlepperei als eigenständige, bezahlte Dienstleistung interpretieren, aber auch als in ein Gebrauchsgut (die Kohlebriketts) investierte zusätzliche Arbeitsleistung, die dessen Wert erhöht.

Schleppte ich nämlich für den Eigenbedarf, war dies sicher keine Dienstleistung, doch die investierte Arbeit war ja die gleiche und sollte sich nicht nur auf der energetischen Ebene (potenzielle Energie), sondern auch auf der ökonomischen Ebene bemerkbar machen.

Bevor darauf zurückgekommen wird, schauen wir erst einmal auf einen weiteren Aspekt des Kohleeimers: sein Gewicht. Zehn Kilo, wie gesagt. Spätestens auf der zweiten Etage musste ich den Eimer absetzen, es kam mir vor, als zögen da nicht nur ein paar Briketts, sondern der ganze Planet dran.

Und das tat der ja auch!

"Gewicht" ist nämlich keine Eigenschaft von Materie. "Masse" ist solch eine Eigenschaft. Gewicht entsteht erst durch die Beziehung von wenigstens zwei massehaltigen Objekten, hier von Eimer und Planet. Hätte ein Antimaterie-Asteroid urplötzlich die mir abgewandte Erdhälfte annihiliert, wäre mein Eimer urplötzlich um die Hälfte leichter geworden. Gewicht wird nicht ohne Grund in Kilopond (veraltet) oder Newton gemessen, was Maße der Kraft sind, welche mit der in Kilogramm gemessenen Masse über die Schwerebeschleunigung im Schwerefeld in Beziehung stehen. Letztere beträgt bei der Erde g = 9,81 m/s², womit der Eimer (Masse zehn Kilogramm) mit einer Kraft von zehn Kilopond oder 98,1 Newton angezogen wird (ein Newton = ein kg*m/s²)

Gewicht ist ein Fetisch

Was an meiner Hand zog, war also nur oberflächlich gesehen der Eimer selbst. Marx hätte das Gewicht einen "Fetisch" genannt. Das sinnlich spürbare Gewicht verdeckt, dass dahinter eine Kraft steckt, an der die Masse des Eimers den allergeringsten Anteil hat. Ganz ähnlich wirkt der von Marx entdeckte "Warenfetisch": Dass ein Produkt Ware ist und einen Wert hat, scheinen oberflächlich gesehen Eigenschaften dieses Produkts zu sein, in Wahrheit spiegelt dies jedoch die gesellschaftlichen Produktions- und Austauschverhältnisse wider.

Ersetzen wir einmal die Erde durch eine riesige Ansammlung von Kohleeimern verschiedener Größe und Inhalt. Sie alle ziehen sich jetzt gegenseitig an. Die Kraft, die auf einen einzelnen Eimer wirkt - also sein Gewicht - hängt von den Massen aller anderen Eimer ab. Alle Eimer befinden sich in einem über die Gravitationskraft vermittelten "Austauschverhältnis", das auf alle Elemente zurückwirkt. Es ist diese Beziehung, die jedem einzelnen Eimer das individuelle Gewicht verleiht.

Bei Harbach/Richter klingt dies, bezogen auf den Wert, als Quintessenz ihrer Definitionsbemühungen so:

Der Wert ist also eine "Geltungsbeziehung" von menschlichen Arbeitsprodukten, eine gesellschaftliche Beziehung, die durch ihre allgemeine gesellschaftliche Gültigkeit und durch die Durchdringung aller gesellschaftlichen Bereiche wie ein Sein wirkt.

Im physikalischen Bild ist das Gewicht ebenfalls eine "Geltungsbeziehung" (gilt ja nur zwischen mindestens zwei Massen), die von allgemeiner Gültigkeit ist, in ihrer Kraftform (Gravitationskraft) alle Bereiche durchdringt und "wie ein Sein" wirkt, denn es ist ja in der Hand deutlich spürbar.

Man kann auch sagen, die Eimer-Ansammlung ist der Marktplatz, auf dem diese ihre jeweiligen Gewichtswerte aushandeln, wobei der Maßstab die Masse jedes Eimers ist. Und die Masse ist wiederum eine Abstraktion von fast allen konkreten Eigenschaften der Materie, hier also der Kohlebriketts. Übrig bleibt eine Eigenschaft, die man weder sehen noch spüren, wohl aber sehr exakt messen kann - genauso exakt wie z.B. Arbeitszeit.

Aufbauend auf diesem Vergleich lassen sich weitere Analogien zwischen den Marx‘schen Begriffsbildungen und den physikalischen Begriffen finden:

  • Marx: konkrete, "lebendige" Arbeit schafft ein bestimmtes Produkt (Tisch, Stuhl)
  • Physik: konkrete Materie (Elemente und chem. Verbindungen) bildet ein konkretes "Ding" (Tisch, Kohlebrikett)
  • Marx: Die Arbeitszeit ist eine allgemeine Eigenschaft aller konkreten Arbeiten (wobei von allen anderen Eigenschaften abstrahiert wird), macht diese vergleichbar.
  • Physik: Die Masse ist eine allgemeine Eigenschaft aller konkreten Materie (wobei von allen anderen Eigenschaften abstrahiert wird), macht diese vergleichbar.
  • Marx: Abstrakte gesellschaftliche Arbeit ist der über den Markt vermittelte, gemittelte Arbeitsaufwand vieler Produzenten und schafft den Wert eines Produkts.
  • Physik: Gravitation(-skraft) ist die über das Gravitationsfeld vermittelte Wirkung der beteiligten Massen aufeinander, sie "schafft" deren Gewichtswerte.

Marx sprach vom "Doppelcharakter der Arbeit", wir sehen, dass Arbeit sogar in drei Erscheinungsformen im Arbeitsprodukt "vergegenständlicht" ist: als konkrete lebendige Arbeit, abstrakte (aber noch individuelle) Arbeit in Form von Arbeitszeit und als abstrakte gesellschaftlich notwendige Arbeit bzw. Arbeitszeit.

Letztere ist über den Markt sozusagen gewichtet - wie einzelne Massen über ihr gemeinsames Gravitationsfeld gewichtet werden. Der Marx‘sche Arbeitswert von Waren, die "geronnene Arbeitskraft", die auf dem Markt zum Tauschwert wird, entspricht in dieser Analogie dem Gewicht von Materie im Gravitationsfeld, der "geronnenen" Gravitationskraft.

An dieser Stelle soll die Analogie nicht weitergetrieben werden, denn irgendwann hinken alle Vergleiche. Ein eklatanter Unterschied zwischen den beiden Modellen ist Ihnen vielleicht schon aufgefallen: Im Schwerefeld werden die Gravitationskraft und damit das Gewicht größer, wenn neue Massen hinzukommen. Auf dem Markt freier Konkurrenz fallen dagegen eher die Preise (wenn auch nicht unbedingt die Warenwerte selbst), wenn neue Produzenten hinzustoßen.