Vom Winde verweht

Englische Studie: Gen-Pflanzen lassen sich in der freien Natur weniger kontrollieren als angenommen

In Deutschland wird es noch erprobt. Woanders weiß man es schon, dass es nicht schadlos funktioniert: das Nebeneinander von gentechnisch veränderten und nicht gentechnisch veränderten Pflanzen.

Während die "Koexistenzfähigkeit" von gentechnisch verändertem und konventionellem Mais bei Versuchen in Groß Lüsewitz, Wendhausen, Mariensee, Braunschweig und Forchheim bis 2009 getestet werden soll (vgl. Rückschlag für Genmais-Anbau in Deutschland), haben Wissenschaftler der englischen Universität Exeter bereits herausgefunden, dass das Mischpotential, das sogenannte „Auskreuzungsrisiko“, in Versuchsfeldern meist deutlich unterschätzt wird.

Aber vielleicht kommt den deutschen Großversuchen zugute, was die englischen Wissenschaftler aus ihren Beobachtungen entwickelt haben, eine Methode nämlich, die Windgeschwindigkeit und Windrichtung als wichtige Faktoren für die Voraussage des Auskreuzungsrisikos miteinbezieht.

Wie die Exeter School of Biosciences-Forscher ermittelt haben, haben große Unterschiede im Grad der Auskreuzung oft relativ simple Gründe: z.B. die Lage des Feldes im Wind während der Blüte:

The findings show huge variation in the amount of cross-pollination between GM and non-GM crops of maize, oilseed rape, rice and sugar beet. Levels vary according to whether the GM field is upwind or downwind of the non-GM field given the direction of the prevailing wind over the flowering period of the crop.

Anscheinend wird der Einfluss der Windrichtung für das Auskreuzungspotential bei Versuchsfeldern bislang nicht genügend berücksichtigt, anders ist die zentrale Aussage von Martin Hoyle, Mitglied des Forschungsteams der University of Exeter nicht zu verstehen:

Wir waren vollkommen verblüfft über den starken Einfluss, den die Windrichtung auf das Ausmaß der Auskreuzung hatte. Windgeschwindigkeit und Windrichtung sind wichtige Faktoren, die außerhalb unserer Kontrolle liegen, die aber bislang nicht in Richtlinien eingegangen sind, welche den minimalen Abstand zwischen den Feldern festlegen. Empfohlene Mindestdistanzen zwischen gen-manipuliertem und konventionellen Feldfrüchten müssten nach unseren Erkenntnissen möglicherweise vergrößert werden.

Möglich, dass auch das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit auf das Computermodell aus Exeter, das den Wind in seine Berechnungen aufnimmt, zurückgreifen muss. Der Mindestabstand, mit dem in Deutschland derzeit gearbeitet wird, legt nämlich nahe, dass dieser Faktor tatsächlich unterschätzt wird. Im Entwurf zur Gentechnik-Novelle vom 28. Februar dieses Jahres (vgl. Mangelnder Abstand), dessen Umsetzung zwar noch in Arbeit ist, dessen Eckpunkte vom Kabinett aber schon abgesegnet sind, ist von einem Abstand die Rede, der von Ahnunglosigkeit bzw. großer Sympathie für bestimmte Konzerne angeweht scheint:

So ist in dem abgesegneten Entwurf nach wie vor ein Mindestabstand von 150 Metern zwischen Feldern mit Gen-Mais und herkömmlich oder ökologisch bewirtschafteten Flächen vorgesehen – obwohl längst belegt ist, dass ein so geringer Abstand keinerlei Schutz vor Kontaminationen gentech-freier Kulturen bietet. Selbst Parteifreunde Seehofers wie CSU-Generalsekretär Markus Söder hatten angesichts von Protesten bayrischer Bauern für einen Mindestabstand von 300 Metern plädiert. In Luxemburg wurden unlängst vom Parlament 800 Meter festgelegt. Doch selbst bei einem solchen Abstand kann laut Untersuchungen des Umweltinstituts München eine Kontamination via Pollenflug nicht ausgeschlossen werden.

Rainer Balcerowiak

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