Vom hasserfüllten Neid auf die Kinderlosen zur Kritik der heimatlosen "Globalisten"

Anmerkungen zur Alltagspsychologie des Faschismus

Eine US-Amerikanerin, sich selbst als "wild mommy" bezeichnend, beschimpft im Internet1 aufs Wüsteste eine angeblich kinderlose Frau - zumindest hatte diese offensichtlich kein Kind dabei -, die in der "Disney World" von Orlando, Florida, vor ihr und ihrem dreijährigen Sohn in einer offensichtlich langen Schlange steht und daher eine "Micky-Maus-Bretzel" ergattert, während sie warten muss, weshalb ihr Kleiner in Tränen ausgebrochen sein soll. Der Charakter der Vorwürfe ist interessant und lässt tief in die Alltagspsychologie des Übergangs in faschistische Hassgefühle auf abweichende Lebensstile blicken.

"Es kotzt mich so dermaßen an, wenn ich kinderlose Paare in Disney World sehe", beginnt der Eintrag, der vor aggressiven Kraftausdrücken nur so strotzt. "Disney World ist ein Familienvergnügungspark!!!!" Um ihrer Wut Nachdruck zu verleihen, spart die Dame weder an Ausrufezeichen, Großbuchstaben noch an wütenden Smileys, die sie in Reihe hinter einzelne Sätze packt. Diese "unreifen Millennials" würden ihre ganze Kohle für "nutzlosen Mist" wegwerfen. Sie hätten ja "keine Ahnung, welch Freude und Glück es für Mütter ist, ihren Babys Leckereien und Spielzeug zu kaufen"." Am liebsten hätte sie daher dem "Flittchen" die "verfickte Brezel" abgenommen.

Von neid- und hasserfüllten Vergleichen

Eine Frau, die gerne Kinder hat, erfreut sich an diesen einfach und akzeptiert die Lebensweise kinderloser Paare - jene betrifft sie ja unmittelbar nicht. Dagegen Hass auf eine andere Frau zu empfinden, weil diese (vermutlich!) keine Kinder haben will oder wollte, lässt eine gewisse Unzufriedenheit mit der eigenen Situation vermuten, die man auf die angebliche Leichtigkeit und Sorglosigkeit des Lebens anderer projiziert, die ihren Pflichten nicht nachkommen (Nachwuchs zu erzeugen) oder, um eine ähnliche Denkfigur anzuführen, gar nicht von hier sind (Migranten/innen), aber dennoch - zumindest in der eigenen Vorstellungswelt - Vorteile genießen, die einem selbst versagt bleiben.

Während man sein eigenes Einkommen zuvörderst für die Kinder bereithalten muss, geben die Kinderlosen ihr Geld nach Lust und Laune aus; während man gerade mit seiner Rente rumkommt, wirft man den dunkelhäutigen Fremden einfach Geld hinterher; während man selbst für ein ziemlich beschränktes Einkommen arbeiten muss, hängen "die Schwarzen" den ganzen Tag herum und brauchen sich um nichts zu kümmern.

Summa summarum gilt hier demgemäß: Es gibt "Andersartige", abweichend vom "gesunden Volksempfinden", sei es in Aussehen oder Lebensweise, die den Grund für die eigenen Hindernisse und Misserfolge im Leben abgeben. Nur dann kommt man auf die Idee, an der vor einem in der Warteschlange stehenden Person die Eigenschaft herauszugreifen, dass sie keine Kinder hat. Ein solcher Standpunkt bewertet die Gesellschaftsmitglieder hinsichtlich des - subjektiv willkürlich festgelegten - Grads des Dazugehörens und der in der eigenen Vorstellung daran geknüpften Berechtigungen.

In solchen gleichermaßen neid- und hasserfüllten Vergleichen, deren beispielhafte Reihe man endlos fortsetzen könnte, drückt sich eine Elementarform des psychologischen Übergangs zum Faschismus aus: Diese Leute kommen niemals auf die Idee, z.B. mehr Verkaufsstellen für Micky-Maus-Bretzeln zu fordern, so dass niemand ungebührlich lange warten muss oder gar die Geldmaschine Disney-Konzern anzuprangern, die vor allem ihre Profitmaximierung im Kopf hat und die Beschäftigtenzahlen in ihren Freizeitparks danach ausrichtet. Oder nur den Zufall des eigenen Standplatzes in der Reihe als das zu nehmen, was er ist.

Sie kämen auch niemals auf die Idee, sich zu vergegenwärtigen, dass sie z.B. ohne die Anwesenheit der Migranten/innen keinen Cent mehr Rente bekämen, da ihre Rente nicht wegen eines Geldmangels des Staates, sondern der rechtlich-politischen Prinzipien des Rentensystems so bescheiden ausfällt. Sie stellen sich die staatlichen Haushalte, das komplexe staatliche Finanzwesen mit seiner hoheitlichen Verschuldungslizenz kontrafaktisch wie das Haushaltsbuch armer Leute vor.

Diejenigen, die den nationalistischen Resonanzboden von AfD, PEGIDA &Co abgeben, kritisieren daher auch nicht ihre werten "Beschäftiger" für die Höhe der gezahlten Löhne und zweifeln nicht an den Strukturen und Eigentumsverhältnissen des kapitalistischen Wirtschaftssystems als Ursache der gegebenen Einkommensverteilung, sondern neiden lieber anderen deren vorgestelltes besseres Leben, wobei sie von den spezifischen Lebenslagen und Nöten dieser anderen, vor allem "Fremden", nichts wissen und wissen wollen.

Genau so hat übrigens auch die verlogene Brexit-Kampagne verfangen: Die Agitatoren der "Leavers" sind mit einem knallroten Bus durch die Lande gefahren, dessen Aufschrift2 glauben machen sollte, dass für die Gesundheitsversorgung der (älteren) Briten nur deshalb so wenig zur Verfügung stünde, weil das gute britische Geld an die übermächtige ("Let’s take back control!") Europäische Union weggegeben werden müsse.

Wegen der Fremden, wegen der ausländischen Mächte, oder aber auch wegen der nicht ihren staatlichen Pflichten nachkommenden, verantwortungslosen Kantonisten der (amerikanischen, britischen, deutschen) Volksgemeinschaft kommt der staatskonforme, fleißige Normalbürger nicht zurecht. Diese Argumentation taucht in Krisenzeiten mit eherner Unerbittlichkeit immer und überall auf, in stets neuen Varianten.

Neid und das Beleidigtsein stellen komplementäre moralische Gefühle dar

Gerade wegen ihrer personalisierenden, "Schuldige" brandmarkenden Einfachheit verfängt eine auf gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit beruhende politische Agitation, die bestimmten Menschengruppen oder als "außen" definierten Personen & Mächten den "Schwarzen Peter" für die jeweiligen politisch-ökonomischen Zustände zuschiebt, immer wieder von Neuem.

Die "linke" Kritik an den gesellschaftlichen Verhältnissen, an der kapitalistischen Ökonomie, an den Zielen und Zwecken der darauf positiv bezogenen Politik usw. ist, egal wie weit sie je nach Position geht und wie stichhaltig sie im Einzelnen ist, immer an theoretisches, auf begründbare Argumente gestütztes Wissen über die Gesellschaftsordnung, in der man lebt, geknüpft. Sie setzt also Bereitschaft und Fähigkeit zu einer gewissen intellektuellen Auseinandersetzung mit den politisch-ökonomischen Strukturen des Landes, in dem man lebt, voraus und, daran geknüpft, die Bereitschaft, die diversen ökonomischen Interessenlagen zu erkennen, auseinanderzuhalten und zu kritisieren, die aus diesen Produktions- und Verteilungsverhältnissen ihren Nutzen ziehen.

Da hat es der "Fan" faschistischer "Lösungen" ungleich einfacher: Die Verhältnisse sind halt nun mal so, wie sie sind; und er hat für seine Frust bringende, wenig erfreuliche Unterordnung unter und Anpassung an diese unbegriffen vorausgesetzten "Umstände" wenigstens verdient, dass es anderen genauso, also nicht besser ergeht. Und vor allem keinesfalls denjenigen besser, die es nicht verdient haben, weil sie nicht dazugehören: Nicht zu den volkstreuen, selbstlosen Kindermachern, nicht zu den fleißigen, fraglos alle Anforderungen erfüllenden deutschen Arbeitskräften, nicht zu den armen deutschen Rentnern, die ein Leben lang geschuftet haben, ohne groß aufzumucken. Waren sie gerade nicht alle gute Deutsche, haben alle Beschränkungen, die ihnen Staat und Wirtschaft auferlegt haben, geduldig ertragen, so dass sie wenigstens Anerkennung verdient haben?

Der Neid und das Beleidigtsein stellen im Rahmen dieses Weltbilds komplementäre moralische Gefühle dar: Neidisch ist man auf die "Geldjuden", auf die "arbeitsscheuen Fremden", auf diejenigen, die sich nicht "einfügen" ins fiktive Volksganze, sowieso. Dabei werden die ökonomischen Klassenunterschiede als quasi natürliche Berufsstände vorausgesetzt, so dass ein Manager, der "Arbeitsplätze gesichert" hat, seinen Reichtum schon verdient hat.

Zur anti-kritischen Grundhaltung der faschistischen Gesellschaftstheorie gehört auch, dass das "gemeine Volk" die gegebene Klassenstruktur als quasi natürlich voraussetzt und sich nur mit "seinesgleichen" vergleicht - das aber dafür umso unnachgiebiger. Dass die realen Gegensätze der modernen Klassengesellschaft nirgendwo Anlass für Gemeinschaftstümelei bieten, wird bewusst ausgeblendet; verlangt wird die kontrafaktische, politische Durchsetzung des Scheins einer Volksgemeinschaft, die nur in der Ignoranz gegenüber den existenten ökonomischen Gegensätzen bestehen kann, weshalb sie mit Gewalt inszeniert werden muss.

Die Idylle der "Volksgemeinschaft" ist ohne Ausgrenzung und Verfolgung aller Andersdenkenden, Anderslebenden und Andersaussehenden nicht zu haben

"Ehre den braven deutschen (italienischen, amerikanischen usw. ) Knechten!" lautet daher der Kern des faschistischen Versprechens an das Volk: Niemandem soll die Anerkennung für die Härten seines Lebens, für die Anpassungsbereitschaft an alle politischen Zumutungen und die überlegene Kapitalmacht, die diesen ökonomisch zugrunde liegt, versagt bleiben. Und zu dieser Anerkennung als "wertvoller Bestandteil der nationalen Gemeinschaft" gehört auch die Anerkennung des Bedürfnisses, dass

  1. sich wirklich alle, zu denen man sich zählt, diesen Zumutungen gleich zu unterwerfen haben - Faulenzer und vaterlandslose "Globalisten" werden nicht geduldet! - und
  2. sich der ideelle "Lohn", das Gefühl der Zugehörigkeit zum ganz großen Ganzen, wirklich nur auf die "Volksgemeinschaft" der "Biodeutschen", "echten" Amerikaner, Deutschen etc. beschränkt.

Die Abgrenzungen zu den "Volksfremden" sind dann je nach historischen Rahmenbedingungen willkürlich und verdanken sich dem Bedürfnis, mit der Ausgrenzung zugleich auch einen Sündenbock zu konstruieren, der nicht nur nicht dazugehört, sondern auch die Schuld daran trägt, dass die braven Knechte nicht so recht vom Fleck gekommen sind. Beleidigt ist man deshalb gegenüber dem politischen "Establishment", den "Volksverrätern", die ihr treu dem Deutschtum ergebenes "Bio-Volk" so sträflich ignorieren und vernachlässigen, seine systemkonforme Leistungs- und Unterordnungsbereitschaft nicht honorieren.

Die etwas gebildetere Variante dieses Standpunkts besteht im globalistischen Narrativ der Neuen Rechten: Da wird eine Klasse der hedonistischen, nur am eigenen Vorteil interessierten, vaterlandslosen "Globalisten" konstruiert, auf die sich die an ihre zufällige "Heimat" gefesselten Daheimgebliebenen zurecht neidisch und beleidigt beziehen dürfen. Die machen sich ein schönes Leben, können allen Zumutungen von Kapital und Staat ausweichen und wir haben die Arschkarte gezogen!

Zugleich ist natürlich diese heimatlose Schar ("wurzellose Rasse" hieß dies auf antisemitisch bei Hitler) zugleich auch schuld, dass im wunderbaren Nationalstaat nicht jene heimatliche Gartenzwergidylle herrscht, die Faschisten ihren Wählern gerne als erreichbares, totalitär harmonisches Ideal von der bodenständigen Heimat auspinseln, ließe man sie nur machen.

Die wirklichen Resultate faschistischer Politik sehen dagegen anders aus: Die Idylle der "Volksgemeinschaft"3 ist ohne Ausgrenzung und Verfolgung aller Andersdenkenden, Anderslebenden und Andersaussehenden nicht zu haben. Die Umsetzung der Idylle des selbstbezüglichen, völkischen Nationalstaats impliziert die Zerstörung des etablierten wirtschaftlichen und politischen Beziehungsgefüges zum Rest der Welt, zieht also Feindschaften und Handelskriege, notfalls bis zum Waffengang, nach sich.

Deshalb wird sich so mancher, der meint, er müsse den Höckes, Gaulands, Le Pens und Salvinis dieser Welt zur Macht verhelfen, irgendwann im Schützengraben wiederfinden, wenn es denn dumm kommt … (Rainer Schreiber)