Von Angst getrieben

Grafik: TP

Wie ich lernte, die Fake-News zu lieben, Teil 2

Zu Teil 1: Wie ich lernte, die Fake-News zu lieben

Obgleich der Begriff Fake-News (wie in Teil 1 beschrieben) nicht weiter spezifiziert wird, sind die Weichen zur Bekämpfung dieser "Gefahr" bereits gestellt. So überlegt Bundesinnenminister Thomas de Maiziere, ein dem Bundeskanzleramt unterstehendes "Abwehrzentrum gegen Desinformation" einzurichten.

Dies entbehrt nicht einer gewissen Komik. Herr Seiberts Rhetorik angesichts des No-Spy-Abkommens, welches ihm zufolge schon "in greifbare Nähe gerückt war" sowie Thomas de Maizieres erfundene 70% der Ausreisepflichtigen unter 40 Jahren, die wegen falscher Atteste nicht abgeschoben werden können, zeigen, dass gerade diese beiden Herren im Bereich der Desinformation weniger die Beobachter als die Beobachteten sein sollten.

Dieses Verhalten ist symptomatisch für die Politik, die die Fake-News stets bei anderen verortet. Derzeit steht insbesondere Facebook am Pranger - doch auch Blogger oder ausländische Medien werden als Fake-News-Verbreiter in die Diskussion eingebracht, während man die Rolle der Politik selbst, die oft genug Erfundenes als Basis für ihre Kampagnen nutzt, nicht weiter beleuchtet.

Dabei hat die politische Lüge eine lange Tradition - und so, wie derzeit auch beim Thema Fake-News eine konkrete Antwort auf Fragen vermieden wird, wurde beispielsweise auch beim Thema Sperren/Löschen von Seiten mit kinderpornographischen Abbildungen agiert: Erfundene Zahlen, Annahmen und Vorurteile ersetzten die Fakten, Kritiker wurden mit Phrasen und/oder Angriffen bedacht, die suggerierten, hier sei jemand dagegen, Kindern zu helfen.

Ministerin von der Leyen schreckte dabei nicht einmal davor zurück, fremde Länder in Verruf zu bringen. Doch die Liste der allein in Deutschland genutzten Lügen, um die eigene Agenda voranzutreiben, ist weitaus länger - erinnert sei hier nur an Wolfgang Clements Aussage, 25% der ALG-II-Empfänger würden Leistungsmissbrauch betreiben.

Was all diese Fälle verbindet, ist, dass die Verantwortlichen auch dann, wenn ihnen nachgewiesen wurde, dass sie gelogen hatten, weder Einsicht noch Selbstkritik zeigten oder sich gar entschuldigten.

Wenn nun gerade jene, die selbst für Propaganda sorgen, laut den Einsatz gegen Propaganda fordern, so zeugt das von stark selektiver Wahrnehmung. Dafür spricht auch, dass Kritik an den etablierten Medien in der Diskussion fast keine Rolle spielt - die Faker sind stets die anderen.

Doch noch etwas ist, wie es Hadmut Danisch treffend analysiert, symptomatisch für die Selbsttäuschung der Politiker: Sie wähnen die Gefahr stets nur in Lügen und Manipulationen (die sie selbst natürlich auch nutzen) und suggerieren, die Wahrheit wäre für sie nicht nur gefahrlos, sondern erstrebenswert. Wenn der Bundeswahlleiter jetzt davor warnt, dass Fake-News den Wahlkampf beeinflussen könnten und allen Ernstes verkündet: "Die Bürger und die Medien müssen in diesem Wahlkampf besonders sensibel auf Nachrichten reagieren, sie müssen wissen, dass es Versuche gibt, sie zu manipulieren", dann stellt sich die Frage, ob er die Bürger allgemein für dumm hält oder tatsächlich annimmt, es sei den Menschen nicht klar, dass sie manipuliert werden.

Egal wie man über den Begriff "Lügenpresse" denkt - er steht dafür, dass die Menschen sich manipuliert fühlen. Die Politik, die jetzt überall Fake-News sieht, nur bei sich selbst nicht, erinnert da in erschreckender Weise an jene, die überall die "Lügenpresse" wittern, nur bei den von ihnen geschätzten Medien nicht - sie wollen ihrer Denkweise weiter frönen und ihre Sicht der Dinge nicht einmal kritisch beleuchten.

Ein zusätzliches Armutszeugnis für die Parteien ist es, wenn sie vom Bundeswahlleiter dazu aufgefordert werden (müssen), im Wahlkampf auf unlautere Methoden zu verzichten. Wenn es um die Wahl geht, dann klingt in der Fake-News Debatte an, dass die Parteien (bzw. ihre Vertreter) nicht einmal auf die Idee kommen würden, dass ihre Macht/politische Stellung auch ohne Falschmeldungen und politische Schmutzkampagnen schwinden könnte. Dies zeugt bestenfalls von einem Irrglauben daran, selbst ohne Fehl und Tadel zu sein.

Seit langem sieht die Politik in Wahlsiegen der "anderen" wenig Anlass zur Selbstkritik. Vielmehr wird davon ausgegangen, es seien Inhalte falsch vermittelt worden - als seien die Wähler einfach zu dumm gewesen, etwas zu verstehen und wären bei entsprechender Klugheit natürlich sofort in größerer Masse zur Wahl erschienen um ihr Kreuz bei "den Richtigen" zu machen. Eine Taktik, die z.B. die SPD bei der Einführung von ALG II anwandte, als sie behauptete, dass die CDU/CSU und die PDS die Leute "verrückt machen" und viele Details der Reform würden falsch vermittelt werden. Eine Ansicht, die sich bei manchen Sozialdemokraten bis heute gehalten hat.

Es zeigt sich somit, dass letztendlich immer das eigene Verhalten für ausnahmslos korrekt angesehen wird. Fehler machen die anderen. Wenn etwas nicht goutiert wird, ist es falsch vermittelt worden oder trägt den falschen Namen.

Es ist logisch nachvollziehbar, dass sich die Fake-News Diskussion stark auf Facebook konzentriert. Denn Facebook und seine Macht in Bezug auf eine schnelle Informationsvermittlung (Twitter und YouTube sind ähnlich zu behandeln) bedeuten einen Machtverlust der etablierten Medien sowie der Informationshoheit der Politik. Diese hat bisher bei den größeren Medien schon ihre "festen Journalisten" gefunden. Wer zu viel oder zu aggressiv fragt, musste damit rechnen, keine Antworten mehr auf Fragen zu erhalten, bei bestimmten Anlässen keine Akkreditierung zu bekommen etc.

In seinen Anfangszeiten war das Internet tatsächlich Neuland und diente breiten Bevölkerungsschichten eher der Informationsaufnahme als der -verbreitung. Durch einfachere Möglichkeiten, selbst Informationen zu verbreiten, zu vergleichen und zu analysieren, günstige Tarife und neue Geräte wie Smartphones etc. ist es heutzutage leichter, nicht nur der Informationskonsument zu sein. War es früher noch so, dass Leserbriefe oder Anfragen geschrieben und auf deren Antwort bzw. Veröffentlichung gewartet werden musste, so kann heute jeder binnen kurzer Zeit selbst nachhaken und recherchieren. Gerade auch bei den politisch gewollten Lügen und Manipulationen bedeutet dies, dass sie schneller enttarnt werden und richtiggestellt werden können. Dass dies nicht immer erwünscht ist, liegt auf der Hand.

Die Angst vor dem Machtverlust ist dabei sowohl bei den Politikern wie auch den Journalisten zu spüren, die sich beim Thema Fake-News bisher oft genug vornehm zurückhalten und weder kritische Fragen stellen, noch sich dazu äußern, inwiefern denn eine von privaten Institutionen oder gar einem staatlichen Akteur gelenkte Informationszentrale, die entscheidet, was Wahrheit ist und was nicht, sich auf ihren eigenen Berufszweig auswirken würde. Es wirkt, als wären die Akteure der etablierten Medien sich sicher, dass sie Seite an Seite mit der Politik profitieren würden, so die Gefahr der Fake-News eingedämmt wird. Das Gegenteil wäre jedoch der Fall.

Teil 3: Facebook als Neuland oder: die Glaubwürdigkeitslüge

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