Von Boko Haram in die Fänge der Mafia

Nigerianische Armee. Foto: VOA/Nicolas Pinault / gemeinfrei

Nigerianische Frauen werden als Prostituierte nach Europa verschoben. Das Land destabilisiert sich von der Weltöffentlichkeit weitestgehend unbeachtet immer mehr

Seit Ende der 1990er Jahre ist bekannt, dass afrikanische - vorwiegend nigerianische - Frauen in Europa als Prostituierte arbeiten. Die Nigerianerin Joana Adesuwa Reiterer kam einem Händlerring auf die Schliche, und machte ihre schockierende Entdeckung vor etwa 10 Jahren öffentlich: Die betroffenen Frauen sind größtenteils Opfer brutalen Menschenhandels.

Seitdem hat sich das Land von der Weltöffentlichkeit weitestgehend unbeachtet mehr und mehr destabilisiert. Millionen Menschen sind auf der Flucht. Sie werden in Camps für sogenannte Internally Displaced People (IDP) aufgefangen. Viele Frauen machen schon dort die Erfahrung, dass die immer zu knappen Hilfsgüter nicht einfach den Möglichkeiten entsprechend verteilt, sondern dass ihnen sexuelle Leistungen dafür abverlangt werden.

Die Schlepper, Männer wie Frauen, denen viele auf den Leim gehen, und die ihnen ein Leben wahlweise als Supermodel oder Putzfrau in Europa versprechen, gehören kriminellen Banden an, die sie in Europa, vor allem in Italien, aber zunehmend auch in Deutschland, zur Prostitution zwingen.

Laut der italienischen Organisation Progetto Integrazione Accoglienza Migranti (PIAM), die von einer Betroffenen, Princess Inyang Okokon, gegründet wurde und sich um die Frauen kümmert, gibt es den nigerianisch-italienischen Frauenhandel seit den 1980er Jahren. Damals seien Menschen aus Nigeria als Saisonarbeiter auf den Obst- und Gemüseplantagen angeworben worden. Die nigerianischen Männer hätten indes schnell begriffen, dass das Geschäft mit den Frauen leichter - und auch einträglicher - sei, als Tomaten zu pflücken. Laut PIAM sind seitdem etwa 30.000 nigerianische Frauen in Italien zur Prostitution gezwungen worden.

Im ersten Halbjahr 2016 kamen knapp 4.000 nigerianische Frauen mit den Flüchtlingstrecks nach Italien. Die International Organisation for Migration (IOM) der UN geht davon aus, dass etwa 80% von ihnen in Italien zur Prostitution gezwungen werden und dass dies entweder schon in Nigeria so geplant worden sei oder die Frauenhändler in den Flüchtlingslagern problemlos Opfer finden. Die IOM fordert daher, die nigerianischen Frauen von vorneherein als Menschenhandelsopfer zu behandeln und in speziellen Unterkünften einzuquartieren.

Manchen der betroffenen Frauen wurden schon als Mädchen sexualiserte Gewalt angetan, weil sie in die Fänge der islamischen Terrorgruppe Boko Haram geraten sind. Mit einem "Juju Schwur", Joana Adesuwa Reiterer übersetzt es mit "Voodoo", wird den Frauen die Angst vor den Menschenhändlern tief in die Seele gebrannt. Das hält sie von Beratungsstellen, wie z.B. die von Reiterer aufgebaute Exit, die Opfer von Frauenhandel berät, ab und bewahrt ihre Peiniger davor, dass die Mädchen gegen sie aussagen.

Laut Definition der Vereinten Nationen im Zusatzprotokoll zur Palermo-Konvention vom 15. November 2000 bedeutet Menschenhandel die Ausbeutung einer Person gegen ihren Willen durch eine andere Person mit Hilfe verschiedener Mittel, wie z. B. Androhung von Gewalt, Täuschung, Betrug oder Missbrauch etc. Das gilt für Menschen, die unter diesen Bedingungen außer Landes gebracht werden, aber auch für jene, die in ihrem Heimatland gewaltsam in Abhängigkeit gebracht werden, um deren Arbeitskraft oder ihre Körper auszubeuten.

Dabei ist zu unterscheiden zwischen dem oben beschriebenen Menschenhandel und dem Menschenschmuggel. Letzterem geht es ausschließlich darum, Menschen illegal über Grenzen zu bringen. Doch wie Reiterer aufgedeckt hat, sind die Übergänge fließend.

Mit der Palermo Konvention wurde erstmals Prävention und Bekämpfung der Organisierten Kriminalität (OK) in einem völkerrechtlichen Vertrag global geregelt und Rechtsgrundlagen für internationale Rechtshilfe, Auslieferung und Polizeikooperation geschaffen. Das kann aber nur wirksam werden, wenn es Zeugen gibt, die gegen die Hintermänner aussagen.

Doch genau das ist der springende Punkt: Die Betroffenen werden unter Druck gesetzt oder, wie oben beschrieben, mit Voodoo-Zauber eingeschüchtert, ihnen und ihren Familien in den Herkunftsländern wird gedroht. Dieser Druck, der auch mit roher Gewalt ausgeübt wird, bringt die Betroffenen zum Schweigen. Schwarze Magie ist in Afrika weit verbreitet.

"Zauberkräfte können allen Dingen innewohnen: Affenschädeln und Hühnerkrallen, wie sie auf dem Juju-Markt von Ibadan in Nigeria feilgeboten werden; Bäumen, Tieren und bestimmten Menschen. Sie können dem einzelnen nützen oder schaden", schreibt der Spiegel.

Einige betroffene Frauen schilderten den österreichischen Autorinnen des Buches "Ware Frau", Mary Kreutzer und Corinna Milborn sowie der deutschen Journalistin Inge Bell als Gastautorin, den Kult, dem sie in der nigerianischen Hafenstadt Benin City ausgesetzt wurden, bevor es auf die Reise in ein, wie sie hofften, besseres Leben in Europa ging. In diesen Schilderungen spielen häufig Hühnerkrallen und Tierblut, das auf die Betroffenen gespritzt wird, gepaart mit furchteinflößenden Gesten eine Rolle.

In der Sendung "Flucht in die Sklaverei: Wie die Mafia Migrantinnen in die Prostitution treibt" von Report München vom 16.1.2017 ist ein solches Ritual zu beobachten. Diese Rituale verfehlen ihre Wirkung nicht. Der Fluch holt die Frauen in den harmlosesten Situationen ein, etwa wenn sie sich versehentlich in den Finger schneiden, und erinnert sie an ihr Treue-Gelübde ihren Peinigern gegenüber. Menschenhandel hat viele Gesichter, Prostitution ist eines davon.

Darüber hinaus zählen das Baugewerbe, Fischerei, Gastronomie, Bergbau und Landwirtschaft zu den Branchen, in denen Menschen teilweise regelrecht versklavt werden. Außerdem besteht in wohlsituierten privaten Haushalten ein schier unstillbarer Bedarf nach billigen und willigen Arbeits- und Pflegekräften, die häufig in Kammern oder Kellern gesperrt werden, rund um die Uhr im Einsatz und den Launen ihrer "Herr- bzw. Frauschaft" ausgeliefert sind - und nicht selten auch der Lust des Hausherrn oder der heranwachsenden Söhne. Das gilt auch für die korrupten Eliten in sogenannten unterentwickelten Staaten.

Viele der Betroffenen ertragen ihr Los, weil es für sie die einzige Möglichkeit ist, überhaupt irgendwo und irgendwie Geld zu verdienen, mit dem sie ihre Familien im Herkunftsland unterstützen. Oft wurden ihnen ihre Pässe weggenommen, sie sprechen die Landessprache nicht, und ihnen sagt niemand, an wen sie sich wenden könnten, falls sie doch Hilfe in Anspruch nehmen möchten.

Vielen gilt die Polizei aufgrund der Erfahrungen in ihren Herkunftsländern als nicht besonders vertrauenswürdig. Außerdem erleben sie die Gesellschaft um sie herum, zumindest das, was sie davon mitbekommen, vielfach als feindlich und rassistisch.


Voraussetzung dafür, dass Menschen Opfer von Menschenhändlern werden, sind in den häufigsten Fällen miserable Lebensbedingungen. Das gilt nicht nur für Opfer aus dem Ausland: Gewalterfahrungen, Armut und Drogenabhängigkeit sind nicht selten die Ursache für den Einstieg in die Prostitution.

"Aber Frauenhandel betrifft nicht nur Migrantinnen: Rund ein Viertel der Betroffenen in Deutschland sind Deutsche. Die Betroffenen verlieren durch die aufgezwungenen Arbeits- und Lebensbedingungen, die oft von extremer Gewalt geprägt sind, jede Möglichkeit, über ihr Leben selbst zu bestimmen", stellt die Menschenrechtsorganisation Terre des Femmes (TdF) klar .

Wie so ein Weg in die Prostitution aussieht, beschreibt Huschke Mau vom Verein Sisters, der sich für ein Sexkauf-Verbot nach dem nordischen Modell einsetzt, in einem SZ-Artikel: Ein Elternhaus, in dem der Vater brutale Gewalt gegen die ganze Familie ausübte. Aus Angst vor Vergewaltigung floh die Tochter mit 17 aus dem Elternhaus und wandte sich an das Jugendamt.

Diese versuchten zu vermitteln, die Eltern verstießen sie jedoch. Das Ende vom Lied: Huschke Mau stand ganz allein auf der Welt, ihr fehlten sämtliche Dokumente, deren Herausgabe die Eltern verweigerten, ebenso wie für die damals noch Minderjährige wichtige Unterschriften, damit sie z.B. Sozialhilfe beantragen konnte.

Die junge Frau geriet an einen Polizeibeamten, der sie auf den Strich schickte. Zehn Jahre lang, bis sie aus eigener Kraft den Ausstieg schaffte. Ertragen, so schreibt sie, hat sie das alles nur unter Drogen. So dass sie bei ihrem Ausstieg nicht nur gegen das Stigma "Hure" ankämpfen musste, sondern auch gegen ihre Drogensucht .

Das sogenannte Nordische Modell wurde 1999 nach intensiven Recherchen von schwedischen Expertinnen und Experten im Rotlicht-Milieu eingeführt. Grob zusammengefasst betrachtet es Prostitution grundsätzlich als Menschenrechtsverletzung, stellt die Freier unter Strafe und setzt auf freiwillige Ausstiegsangebote bei den Prostituierten. In insgesamt 6 weiteren Ländern wurde dieses Modell inzwischen übernommen.

Wenn die Betroffenen im Ausland unter Vorspiegelung falscher Tatsachen angelockt, verschleppt oder ihren Familien abgekauft werden, gelten sie ganz klassisch als Opfer von Menschenhändlern. In der Prostitution gilt das vor allem für Frauen, aber auch für Trans-Personen und sehr junge Männer.

Im globalen Maßstab sind die reichen Länder des Nordens und des Westens die Nutznießer, werden afrikanische, asiatische und lateinamerikanische Staaten häufig als Herkunftsländer der Opfer genannt. Wie die Zeit 2007 schrieb: "Den Rohstoff liefern meist die Armen, die Absatzmärkte sind oft die Länder der Reichen." Die Rede ist vom "Rohstoff" Mensch, also der Ware, mit der gehandelt wird.

Neben Armut gilt Flucht als eines der größten Risiken für Frauen, aber auch für Kinder, Jugendliche und sehr junge Männer, Opfer sexualisierter Gewalt zu werden und Menschenhändlern in die Hände zu fallen, deren Leistungen sie mit ihrem Körper zahlen müssen. Und von denen sie in ein völlig fremdes Land in die Prostitution verschoben werden. Dort werden insbesondere den Frauen die Papiere abgenommen, und ihnen horrende Rechnungen für die Leistungen bezüglich der Flucht präsentiert, die sie jahrelang zu Sklavinnen ihrer Zuhälter machen.

Doch der Schuldenberg wird nicht unbedingt kleiner, sondern in vielen Fällen wächst er. Denn die Frauen müssen etwa für die Wohnungen oder die Zimmer, in denen zu arbeiten und zu leben sie gezwungen sind, horrende Summen zahlen. Ihnen wird Geld abgenommen für Kleidung, Körperpflege und Kosmetik, und für persönlichen Schutz, der häufig darin besteht, dass ein Zuhälter sich das Recht auf gnadenlose Ausbeutung ihrer Person sichert.

Dass eine Frau als Hure reich wird, ist ein Gerücht. Ich habe zwar immer 120 € für eine Stunde genommen, was sich viel anhört, wenn man von ein paar Freiern am Tag ausgeht und das auf den Monat hochrechnet. So funktioniert das aber nicht.

Die Hälfte bekommt schon mal der Wirtschafter oder Vermieter oder wie immer sich der Zuhälter nennt. Der nächste große Betrag geht für Drogen drauf. Ich habe in zehn Jahren im Milieu keine Prostituierte kennengelernt, die nicht gesoffen, gekifft oder gekokst hat.

Und dann sitzen die Huren tagein, tagaus im Bordell und schaffen an. Sie haben also keine Zeit, einzukaufen, zu kochen, zum Friseur zu gehen oder sonstwas. Das Essen kommt vom Lieferservice, Klamotten werden bestellt, die Friseurin kommt in den Puff. Auf diese Weise ist das alles viel teurer, als wenn man es über normale Wege besorgt.

Huschke Mau

Der Wiener Zeitung erklärt Expertin Reiterer,, wie die Schlepperei in Nigeria funktioniert: "Den Familien wird erzählt, dass ihre Töchter als Babysitter oder im Computerladen arbeiten können. Selbst wenn die jungen Frauen ahnen, dass sie als Prostituierte arbeiten werden, haben sie noch keine Vorstellungen, wie schlecht die Bedingungen hier wirklich sind." Für den Transport würden in Nigeria 45.000 € veranschlagt.

Im Endeffekt seien es 60.000 bis 80.000 €, die die Frauen hier abarbeiten müssen, da sie auch Essen, Kleidung und die Miete zahlen müssen. "Das erfahren sie aber erst in Europa", sagt Reiterer. In Europa werde ihnen dann der Pass abgenommen, sie würden eingeschüchtert und isoliert .

Die nigerianischen Frauen sind dabei ein Beispiel von vielen. Allerdings ist besonders bitter, dass viele von ihnen schon als junges Mädchen sexualisierter Gewalt durch die Terror-Gruppe Boko Haram ausgesetzt waren, deren Herrschaft sie entkommen konnten, um dann, statt mit der erhofften Unterstützung internationaler Hilfsorganisationen ein sorgenfreies Leben aufbauen zu können, irgendwo in Europa auf dem Straßenstrich, in Laufhäusern und Wohnungsbordellen zu landen.

Besonders bitter ist das auch deswegen, weil die Weltöffentlichkeit weder von den Gewaltexzessen, denen Menschen in Nigeria ausgesetzt sind, Notiz nimmt noch von der Ausbreitung der islamischen Terrorgruppe Boko Haram in weite Teile des Landes und über dessen Grenzen hinaus noch von den Folgen, die durch die gnadenlose Ausbeutung der Ressourcen wie z.B. die Ölförderung entstehen.

Auch die gewalttätigen Banden, die aus dem verzweifelten Kampf der Bevölkerung gegen diese Zerstörung aus dem Boden sprießen, nimmt man außerhalb des Landes kaum zur Kenntnis und vom Schicksal der Frauen, die in Europa in der Sex-Industrie brutal ausgebeutet werden, wissen auch nur wenige.

Die Peiniger sind Mafia-Strukturen wie z.B. die Bruderschaft "Black Axe" (Schwarze Axt), die sich in Europa insbesondere in Italien etablieren konnten und neben Menschenhandel mit Drogenhandel, Produktpiraterie und Internetbetrug (Nigeria-Connection) Unsummen verdienen. In der Report-Sendung schildert Geri Ferrara, ein Anti-Mafia-Staatsanwalt aus Palermo, dass die Frauen in Italien zur Prostitution gezwungen, aber auch ins Ausland verbracht werden, etwa nach Holland oder auch nach Deutschland.

Im November 2016 gelang es, 26 Mitglieder der Schwarzen Axt zu verhaften. Das konnte gelingen, weil betroffene Frauen, die "entzaubert" werden konnten, gegen sie aussagten. In dem Beitrag ist eine nigerianische Frau zu sehen, die mit christlichen Ritualen versucht, die Frauen von ihrem Fluch zu befreien.

Eine solche Behandlung könne Wochen dauern, sagt sie. Trotzdem sei sie nicht immer wirksam. Nicht selten träfe sie Frauen, von denen sie gedacht habe, sie seien befreit, dann doch wieder an den einschlägigen Orten an. Der Druck, der auf die Frauen ausgeübt wird, und die schier ausweglose Lage in dem von Armut und Gewalt geprägten Italien, lässt ihnen häufig keine andere Wahl.


Ein destabilisiertes Land hat für die Bevölkerung die Destabilisierung ihrer Lebensverhältnisse, häufig auch die Zunahme von Gewalt, mitunter sogar Bürgerkrieg zur Folge. Korruption, die Ausbreitung gewalttätiger Banden, ökologische Probleme, Armut und Verzweiflung: Nigeria bietet alles, was für eine massenhafte Flucht erforderlich ist.

Nigeria ist mit einer Bevölkerung von ca. 186 Mio. Menschen das mit Abstand bevölkerungsreichste Land Afrikas. Die größte Stadt, Lagos, hat geschätzt 17 - 18 Millionen Einwohner. Insgesamt werden in Nigeria 514 Sprachen und Dialekte gesprochen. Amtssprachen sind neben der Haupt-, der "Kolonialistensprache" Englisch, Igbo, Yoruba und Haussa. Die Deutsche Welle strahlt in dieser Region ein Programm in Haussa aus.

Mehr als die Hälfte der Frauen sprechen allerdings kein Englisch. Bei Männern liegt die Quote bei etwas mehr als einem Drittel. Geschätzt die Hälfte der Bevölkerung ist muslimischen, 40 bis 46 Prozent christlichen Glaubens. Der Rest praktiziert traditionelle afrikanische Religionen. Ahnenkult und Fetischismus spielt jedoch bei allen eine große Rolle. Deshalb wirkt der von Reiterer angesprochene Voodoo-Zauber auch so nachhaltig.

Etwa 50% aller Kinder besuchen eine Schule. Muslimische Schulsysteme haben zunehmend an Bedeutung gewonnen. Teilweise gibt es auch Schulen, die westliche und islamische Bildung vermischen.

1861 begann die Kolonialisierung durch Großbritannien, die erst 100 Jahre später, im Jahre 1960 endete. Die folgenden zivilen Regierungen zeichneten sich durch Korruption aus, insbesondere durch den Ausverkauf der Ölvorkommen an internationale Konzerne. Nigeria wurde der größte Öl-Exporteur Afrikas. Im November 2005 schrieb der Spiegel: "Über 280 Milliarden Petrodollar soll das schwarze Gold in den vergangenen 30 Jahren allein Nigeria eingebracht haben ..."

Davon sah die Bevölkerung indes nichts, sondern die Öl-Dollars verschwanden in den Taschen der korrupten Politiker. Die Menschen im Niger-Delta mussten mit ansehen, wie die Ölbohrungen und die Förderung ihre Lebensgrundlage zerstörte. Das schürte den Widerstand.

Im November 1993 putschte sich Diktator Sani Abacha an die Macht, der ein brutales Regime führte und Oppositionelle gnadenlos verfolgen und ermorden ließ. Weltweite Aufmerksamkeit erregte 1995 die Hinrichtung der "Ogoni Nine", insbesondere der Name Ken Saro-Wiwa ist vielen in Erinnerung geblieben. Der Widerstand nahm durchaus militante Formen an und wurde zum ernstzunehmenden ökonomischen Problem für die Konzerne. Laut Spiegel verlor Shell jährlich fast eine Milliarde Dollar durch Öl, das abgezapft wurde, oder durch Sabotage.

Das Magazin berichtete 2005 von rund 130 Banden, die sich in dem Zusammenhang gebildet hätten. Diese Banden beließen es allerdings nicht bei der Sabotage, sondern wendeten Gewalt gegen die Beschäftigten von Shell an. Laut dem Hamburger Nachrichtenmagazin wurden "12 Mitarbeiter ermordet, zwischen 50 und 70 entführt und insgesamt 314 kriminelle Zwischenfälle gezählt".

Die Sabotageakte fanden größtenteils unter Billigung der Bevölkerung teil. Doch die aktiv Beteiligten verfolgten nicht unbedingt hehre politische Ziele, sondern waren teilweise ganz gemeine Diebesbanden. Das wiederum hatte Auswirkungen auf die Sicherheit der Bevölkerung.

Abacha starb 1998, im Jahre 1999 wurde der ehemalige Militärpräsident Olusegun Obasanjo als erster Präsident der IV. Republik vereidigt und 2003 in umstrittenen Wahlen für eine zweite Amtszeit bestätigt. Auch Obasanjo erfreute sich nicht eben größter Beliebtheit. Trotz halbherziger Demokratieversuche ist das Land bis heute von starken inneren Unruhen gekennzeichnet.

Wie Kreutzer und Milborn schreiben, bekommen Frauen und Mädchen die Folgen dieser Destabilisierung am härtesten zu spüren: Vor allem sind es Mädchen, die nicht mehr zur Schule geschickt werden. "Frauenrechte werden sukzessive abgebaut", schreiben sie. Auch die Stellung der Frau in den Familien wird zunehmend die einer Dienerin.

Joana Adesuwa Reiterer erzählte den Autorinnen, dass ihr Mann, der Menschenhändler, ihr befahl, ihm sein Essen auf Knien zu servieren. Um vor den anwesenden "Geschäftspartnern" als ganzer Kerl dazustehen. Ihr selbst sei eine solche unwürdige Behandlung fremd gewesen, so Reiter, aber sie wisse, dass solche Art von Misshandlungen in Nigeria um sich greifen.

Das geschah, lange bevor Boko Haram sich landesweit und über die Grenzen Nigerias hinaus ausbreiten konnte. Die Autorinnen beschreiben in dem Buch, dass Menschenhandel in Nigeria weit verbreitet ist. Schon lange werden nigerianische Frauen innerhalb Afrikas als Prostituierte verschoben. Zunehmend allerdings ins Ausland, nach Italien, aber auch nach Venezuela. Dazu wurde die alte Sklavenhandelsroute, in der die heutige nigerianische Großstadt Benin City als Hafenstadt eine wesentliche Rolle spielte, wieder reaktiviert.

Beschrieben wird zudem eine besonders perfide Form von Kinderhandel: Diese werden den Familien mit falschen Versprechen abgekauft, in die Nachbarländer gebracht, dort vor Autos gestoßen, in der Hoffnung, dass sie den Unfall nicht überleben, und den Autofahrern ein sogenanntes "Blutgeld" abverlangt werden könne.

Wie Kreutzer und Milborn schreiben, werden diese Taten vorwiegend von Frauen ausgeübt. Auch in den Frauen-Menschenhandel nach Europa sind viele Frauen involviert. Als "Madame" wird ihnen die Beaufsichtigung der Mädchen und Frauen, die in der Prostitution ausgebeutet werden, zuteil. Häufig sind es Frauen, die selbst verschleppt und als Prostituierte ausgebeutet wurden, und die, nachdem sie zu alt für den Job wurden, zur "Madame" aufstiegen.

Als ob das alles nicht reichen würde, machte sich die islamische Terrorgruppe Boko Haram breit. Der Name entstammt der Sprache der Haussa, und bedeutet übersetzt "Bücher verboten". Was so viel heißen soll wie "westliche Bildung verboten". Auch wird eine Beteiligung an Wahlen abgelehnt.

Bekannt wurde die Terrormiliz durch die Errichtung des Trainingslagers "Afghanistan" an der Grenze zwischen Niger und Nigeria. Der Name sollte die Verbundenheit mit den Taliban ausdrücken. 2015 hat sich Boko Haram allerdings dem Islamischen Staat (IS) angeschlossen. Im Westen wurde die Terrormiliz ein Begriff, nachdem sie im Frühjahr 2014 etwa 300 christliche Mädchen verschleppte.

195 von ihnen werden bis heute vermisst. Die Initiative #BringBackOurGirls (Bringt Unsere Mädchen Zurück) fordert, sie nach 1064 Tagen endlich zu befreien. Niemand weiß, was aus ihnen geworden ist. Vielleicht gehören auch einige von ihnen zu den nach Italien verbrachten Nigerianerinnen. Weil sie möglicherweise den falschen "Helfern" in die Hände fielen.

Doch auch schon vorher verübte sie zahlreiche Anschläge und Massaker, z.B. am 2. Oktober 2012, wo in einem Studentenwohnheim 40 vorwiegend junge Menschen getötet wurden. Oder am 5./6. Juli 2013 bei einem Überfall auf ein Internat mit 42 Toten. Der Islam-Experte Hamed Abdel-Samad spricht von geschätzt 10.000 Toten, die auf das Konto der Terrormiliz gehen.

Im Herbst 2014 hat Boko Haram ein eigenes Kalifat im Bundesstaat Borno ausgerufen. "In Nordnigeria hat es immer Islamisten gegeben", so Abdel-Samad: http://www.zeit.de/2014/39/islam-religion-krieg/komplettansicht, "aber Boko Haram ist anders, sie haben Zellen überall im Lande. 280.000 Mitglieder sollen es sein".

Im August 2012 kam es zur Festnahme eines Mitarbeiters der Einwanderungsbehörde, dem Zusammenarbeit mit Boko Haram nachgewiesen werden konnte. Durch dessen Aussage gelang es, weitere Regierungsarbeiter, die ebenfalls mit der Terrorgruppe zusammen arbeiten, dingfest zu machen.


Doch auch wenn unterdessen viel über Boko Haram und deren brutaler Siegeszug, der sich nicht mehr "nur" auf Nigeria beschränkt, bekannt ist, geholfen wird den Menschen in Nigeria nicht. Die politisch instabile Lage in dem Land treibt viele Menschen zur Flucht. Viele nutzen willig jeden Strohhalm, der sich ihnen bietet, auch wenn dieser schon ziemlich faserig sein sollte. Und genau das machen sich die mafiösen Strukturen zunutze.

Trotzdem scheint es doch verwunderlich, dass ausgerechnet in Italien eine neue Mafia-Struktur Fuß fassen konnte. Das Land scheint fest in der Hand der Mafia - verfeindeten Clans zumal. Schließlich assoziieren wir blutige Bandenkriege und brutale Bandenmorde mit der italienischen Mafia.

Der deutsch-italienischen Journalistin Petra Reski verdanken wir tiefe Einblicke in die Mafia-Strukturen, insbesondere, was die Verbindungen der italienischen Mafia nach Deutschland angeht. Und wie die Mafia, um in der globalisierten Welt bestehen zu können, sich vom Killer-Trupp in ein modernes Management gewandelt hat.

In Italien gibt es drei verschiedene Mafia-Strukturen, die unterschiedlich organisiert sind: Die Camorra in Apulien, die Cosa Nostra in Sizilien und die 'Ndrangheta in Kalabrien. Während sie früher offen brutale Bandenkriege untereinander und gegeneinander führten, haben sie inzwischen begriffen, dass ihre Geschäfte am problemlosesten betreiben können, wenn sie auf Kooperation statt auf Krieg setzen.

Das bedeutet, dass die Regionen untereinander aufgeteilt wurden und auch die Geschäftsbereiche. Alle drei Strukturen verdienen ihr Geld primär durch Schutzgelderpressung und Drogenhandel. Die 'Ndrangheta ist stark international ausgerichtet.

Drogen bezieht sie über Netzwerke aus Südamerika. Absatzmärkte finden sich in Europa, aber über Kooperationen mit der Russenmafia auch in Russland. Eine der Haupt-Zentralen der 'Ndrangheta außerhalb Italiens ist Erfurt. Insgesamt betreibt die Organisation laut Reski etwa 200 Pizzerien in Deutschland.

Durch Investitionen, z.B. in gastronomische Betriebe, aber auch Gebäude, die für die gewerbliche Vermietung bestimmt sind, wird das schmutzige Mafia-Geld gewaschen. Während in Italien Investoren nachweisen müssen, woher das Geld, oft schwindelerregende Summen, stammt, reicht es in Deutschland, dass es da ist.

Laut dem Publizisten Jürgen Roth wäscht die Russenmafia ihr schmutziges Geld z. B. in der Umgebung von Baden-Baden. Im Kasino selbst, aber auch durch Investitionen in Immobilien. Das zeigt: Auch hier wird der Markt untereinander aufgeteilt. Kooperation statt Krieg.

Das klappt nicht immer, und vor allem, wenn neue Strukturen, wie aktuell etwa armenische Mafia-Gruppen, auftauchen und ein Stück vom Kuchen beanspruchen, dann gibt es oftmals Tote. Solche Gewaltakte werden von den "alteingesessenen" Akteuren allerdings als störend empfunden. Denn ihnen ist nicht daran gelegen, dass sie den Behörden unangenehm auffallen.

Genauso funktioniert das auch in Italien. Merkwürdigerweise ist die italienische Mafia in aller Regel nicht in die Prostitution involviert (bis auf wenige Ausnahmen: So eröffnete die 'Ndrangheta schon bald nach der Wende ein Bordell in Erfurt). Eine wirkliche Erklärung dafür gibt es nicht. Reski und andere gehen davon aus, dass das mit der stark katholisch geprägten Moral der Mafiosi zu tun haben könnte.

Das bedeutet aber, dass dieser Markt quasi "frei" ist. Und da kommen die Nigerianer ins Spiel. Die nicht nur fordern, und Ansprüche stellen, sondern außer Frauen etwas zu bieten haben, von dem auch die italienischen Mafia-Strukturen profitieren können: Drogen. Dazu sind die nigerianischen Banden stark in Produktpiraterie involviert.

Inzwischen ist bekannt, dass ca. 90% der Prostituierten in Palermo Nigerianerinnen, bzw. über nigerianische Banden verschleppte afrikanische Frauen sind. Laut Kreutzer und Milborn stellen sie in Turin "seit Jahren die Mehrheit der Straßenprostituierten."

Menschen auf der Flucht sind hilflos und abhängig und häufig der Willkür von Behörden und auch Hilfsorganisationen ausgesetzt. Auch in den internationalen Flüchtlingscamps. Philip Obaji Jr., der Gründer der Menschenrechtsorganisation 1 Game, die sich für das Recht auf Bildung für nigerianische Kinder einsetzt, beschreibt ein solches Schicksal in einem Artikel in The Daily Beast .

Sarah, so nennt er die junge Frau, über die er schreibt, stammt aus der Region Borno. Dort hat Boko Haram in Anlehnung an den IS ein Kalifat ausgerufen. Wie viele andere auch wurde Sarah schon in frühester Jugend Opfer sexualisierter Gewalt durch die afrikanischen Dschihadisten.

Als sie 17 Jahre alt ist, trifft sie auf eine Frau, die ihr einen Job in Italien verspricht. Sarah hatte schon davon gehört, dass viele Frauen, die nach Italien gehen, dort zur Prostitution gezwungen werden. Aber ein so tolles Mädchen wie Sarah doch nicht, sagte die Frau, vermutlich eine "Madame". Für sie sei es doch keine Schwierigkeit, einen guten Job zu finden.

Sarah wollte ihr das glauben. Denn in dem Flüchtlingslager, in dem sie lebte, seitdem sie Boko Haram entkommen ist, wurden ihr sexuelle Handlungen für die Hilfsleistungen abverlangt. Ihr und vielen anderen Frauen und Mädchen. Schätzungen zufolge werden 66% der Frauen, die aus der Boko-Haram-Region geflohen sind und in Flüchtlingscamp Unterkunft finden, von den Mitarbeitern zu sexuellen Handlungen als Gegenleistung für Hilfsgüter gezwungen.

Sarah fing an, sich für Medizin und etwas Geld zu prostituieren. Damit wollte sie die Reise nach Europa bezahlen. Sollte Sarah sich entschließen, sich tatsächlich auf die Reise nach Italien zu machen, so sei sie eine von ca. 11.000 Frauen, die sich in den vergangenen 13 Monaten auf den Weg gemacht hätten, schreibt Obaji Jr.: Etwa 80% von ihnen würden zur Prostitution gezwungen, und müssten so einen großen Schuldenberg abarbeiten.

Die Frauen würden zunächst nach Benin City gebracht, dort werde das Juju-Ritual vollzogen. Anschließend würden sie auf einen Höllen-Tripp durch die Sahara geschickt, mit Pick Ups, aber weite Strecken auch zu Fuß.

Jede Leistung wird in Rechnung gestellt, so dass der Schuldenberg wächst und wächst oder muss von den Frauen und Mädchen mit sexuellen Handlungen bezahlt werden. In dem Artikel ist die Rede davon, dass 66% der Frauen, die Boko Haram entkommen seien, in einem Flüchtlingscamp im Nordosten des Landes durch Mitarbeiter zu sexuellen Handlungen gezwungen würden.

Während bislang die Frauen vorwiegend aus der Region um Benin City kämen, sei Sarahs Geschichte ein Hinweis darauf, dass die Menschenhändlerringe inzwischen ein System etabliert hätten, dem auch die Frauen auf dem Boko-Haram-Kalifat zum Opfer fielen. Das International Centre for Investigative Reporting (ICIR) mit Sitz in der nigerianischen Hauptstadt Abuja habe bereits 2015 darauf hingewiesen, dass Frauen und Mädchen, die vor Boko Haram geflohen seien, zunehmend Opfer sexualisierter Gewalt in den Camps und der Prostitution würden.

Diese Frauen landen auch in Deutschland: auf dem Straßenstrich, in Laufhäusern oder in Wohnungsbordellen. Gerade letztere sind sehr beliebt, um Prostitution zu verschleiern. Die Betreiber, u.a. Ex-Prostituierte, die den einzigen im Milieu möglichen Aufstieg von der Hure zur Zuhälterin geschafft haben, treten als Mieterinnen auf und vermieten zeitweise unter.

So werden die betroffenen Frauen und Mädchen, vor allem Ausländerinnen, von Stadt zu Stadt verschoben. Das verhindert, dass sie irgendwo Kontakte knüpfen können. Gegenwärtig sind das in Deutschland vorwiegend Frauen aus Osteuropa. Wie viele? Niemand weiß es. Die Schätzungen liegen zwischen 200 - und 400.000.

Reiterer erzählt in dem Buch "Ware Frau", dass sie nicht stutzig wurde, als sie bei ihrem Mann gefälschte Pässe, viele davon auf ihren Namen, fand. Viele Menschen in Afrika suchen nach legalen Gelegenheiten, um nach Europa kommen zu können. Ein Pass von Menschen mit geregeltem Aufenthaltsstatus sei ein absoluter Glücksfall. Da sie aus eigener Erfahrung weiß, wie hart das Leben in Nigeria ist, fand sie es nicht verwerflich, den Landsleuten zur Flucht zu verhelfen.

Solche gefälschten Pässe sind nicht nur zur Einreise, sondern auch zur Organisation des Lebens der in die Prostitution gezwungen Frauen nützlich. Nur ihnen selbst werden sie nicht ausgehändigt.

Bundesdeutsche Gerichte erkennen den Status "Opfer von Menschenhandel" für die nigerianischen Frauen inzwischen an. Das Landgericht Berlin verurteilte 2014 einen Mann in einem entsprechenden Fall wegen Menschenhandels. Dieser ging gegen das Urteil in Revision vor dem Bundesgerichtshof (BGH). Doch der BGH folgte dem Berliner Urteil.

Vor allem der auch in der Urteilsbegründung erwähnte Voodoo-Kult hält die Betroffenen davon ab, sich den zuständigen Behörden anzuvertrauen. Reiterer ist deshalb auf die Idee gekommen, die Frauen einem Gegenzauber zu unterziehen. Dafür konnte sie einige katholische Priester gewinnen, die sich auf diesen "Exorzismus" einlassen. Bei der Zeremonie wedeln diese vor allem mit viel Weihwasser. Bei einigen Betroffenen, so Reiterer habe das tatsächlich gewirkt.

Eine sicher ungewöhnliche Methode. Aber solange niemand zu Schaden kommt, wenn es der Wahrheitsfindung dient, sprich, dazu beiträgt, dass die Hintermänner und auch -Frauen gezielt strafrechtlich verfolgt werden können und vor allem die betroffenen Frauen von diesem Fluch befreit, wäre vielen von ihnen diese harmlose Form des "Exorzismus" zu wünschen.

Literatur
May Kreutzer, Corinna Milborn, mit Gastbeiträgen u.a. von Inge Bell: Die Ware Frau, Salzburg, 2008

Petra Reski: Von Paten, Pizzerien und falschen Priestern, München 2009

Petra Reski: Von Karmen nach Corleone, Hamburg 2012

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