Von Dingen, die im Weltraum gefunden werden

Der erste entdeckte interstellare Asteroid Oumuamua, bei dem die Vermutung aufkam, es handele sich um ein außerirdisches Artefakt. Bild: ESO/M. Kornmesser

Außerirdische Hinterlassenschaften als Thema der Zukunftsforschung

Im Juli jährt sich zum fünfzigsten Mal die erste Landung von Menschen auf einem fremden Himmelskörper. An dieses Großereignis werden uns um das Datum der Mondlandung herum zahllose Medienberichte und wissenschaftliche Essays erinnern. Die Rückblicke werden dabei, je nach fachlichem und persönlichem Zugang, mal raumfahrtgeschichtlich, mal kulturhistorisch und häufig wohl auch kulturkritisch ausfallen.

Wir möchten uns mit unserem Beitrag weder unter den Gratulanten noch bei den Kritikerinnen einreihen. Unser Blick geht nicht zurück, sondern nach vorn. Wir nutzen die öffentliche Aufmerksamkeit, die ein solches Jubiläum notwendig erzeugt, für die Nachfrage, was uns denn zukünftig erwarten könnte, wenn wir "als Menschheit" (organisiert über Nationalstaaten oder Wirtschaftsunternehmen) suchend und forschend immer weiter in den Weltraum vordringen. Von den vielen möglichen Auskünften, die die Futurologie zur Frage nach der ‚Zukunft der Menschheit im Weltraum’ geben könnte, heben wir hier eine ganz spezielle hervor. Denn bei all den üblichen raumfahrttechnisch orientierten Ausblicken bleibt ein mögliches Ereignis regelmäßig ausgeblendet: Der unerwartete Fund eines gänzlich fremden, nämlich außerirdischen Artefakts in unserem Sonnensystem (vgl. Schetsche/Anton 2019: 147-158).

Dieser auf den ersten Blick außergewöhnlichen Frage gehen wir nach, weil sich in den letzten beiden Jahrzehnten gezeigt hat, dass es in unserer Galaxis nur so von Planeten wimmelt. Astrophysiker schätzen heute, dass es in der Milchstraße, die ja nur eine von unzähligen Galaxien im Universum ist, ebenso viele Planeten wie Sterne gibt, nämlich 200 bis 400 Milliarden. Und auf vielen von ihnen herrschen wahrscheinlich Umweltbedingungen, die Leben ermöglichen würden (zur Mittelmäßigkeit der Erde siehe den Beitrag von Rojas in diesem Journal). Es kommt hinzu, dass Leben offensichtlich extrem robust und anpassungsfähig ist - zumindest auf unserem Planeten hat es im Laufe der Jahrmilliarden selbst die unwirtlichsten Zonen besiedelt (vgl. Schetsche/Anton 2019: 43-72).

In den Astrowissenschaften denken inzwischen viele, dass auch die Wahrscheinlichkeit für die Existenz intelligenten Lebens außerhalb der Erde hoch ist. Dies lässt es sinnvoll erscheinen, Themen auf die sozialwissenschaftliche Tagesordnung zu setzen, die noch vor einigen Jahren eher im Bereich der Science Fiction verortet waren. Die betrifft etwa die Frage nach den globalen Folgen des Kontakts mit einer außerirdischen Zivilisation.

Zukunftsforschung

In der Logik der Zukunftsforschung stellt die plötzliche Konfrontation mit einer extraterrestrischen Intelligenz oder ihren Hinterlassenschaften ein sogenanntes Wild Card-Ereignis dar. Es zeichnet sich dadurch aus, dass die Wahrscheinlichkeit seines Eintritts zwar gering ist, es im Falle des Falles jedoch schwerwiegende und lang andauernde Auswirkungen hätte: Für die Gesellschaft insgesamt oder für einzelne Subsysteme - für verschiedene Nationalstaaten, aber auch für die Menschheit als solche.

Es leuchtet unmittelbar ein, dass die Folgen solcher abrupten Ereignisse nicht einfach zu prognostizieren sind. Denn neben den unmittelbaren Konsequenzen ist auch mit sekundären und tertiären Folgen zu rechnen. "Die Wirkung der Wild Cards ist so groß, weil sie aus dem gängigen Bezugssystem ausbrechen, es erschüttern, die Normalität in Frage stellen, die Denkschablonen unterlaufen, mit denen wir die Welt konstruieren", schrieben Angela und Heinz Steinmüller in ihrem Buch "Wild Cards" (2004, S. 22).

Futurologisch wäre hier etwa zu fragen: Worin genau besteht das ungewöhnliche Ereignis? Welche gesellschaftlichen Subsysteme und welche Regionen der Erde wären primär betroffen? Was könnten die unmittelbaren, was die mittelbaren Auswirkungen auf die Gesellschaft sein? Mit welcher zeitlichen, räumlichen und systemischen Dynamik dürften sich die Auswirkungen entfalten? Beantwortet werden können solche und ähnliche Fragen mit unterschiedlichen Methoden, die die Zukunftsforschung in den letzten Jahrzehnten entwickelt hat.

Bei Ereignissen, deren Eintrittswahrscheinlichkeit schlicht nicht abzuschätzen ist, haben qualitative Methoden den Vorrang vor quantitativen. Meist kommt hier eine Szenarioanalyse zum Einsatz; mit ihrer Hilfe werden auf Basis variierender Ausgangsannahmen und Schlüsselfaktoren verschiedene mögliche Zukünfte narrativ skizziert (vgl. Fink und Siebe 2006, S. 15-16; Berghold 2011, S. 27-29.

Wir haben in den letzten Jahren unterschiedliche Szenarien eines zukünftigen Kontakts der Menschheit mit einer außerirdischen Zivilisation prognostisch untersucht - der Fund eines außerirdischen Artefakts, auf den wir uns hier konzentrieren wollen, ist nur eines davon (ein solches Artefakt lässt sich letztlich als spezifische Form einer Technosignatur interpretieren, nach der die NASA zukünftig suchen will). Daneben ging es etwa um einen Fernkontakt via Radiowellen, wie er in der SETI-Forschung herbeigewünscht wird, aber auch um den von seinen Konsequenzen her besonders kritischen Fall eines direkten Kontakts mit Abgesandten einer außerirdischen Zivilisation (dies alles lässt sich in unserem Buch Die Gesellschaft der Außerirdischen. Einführung in die Exosoziologie nachlesen - Schetsche/Anton 2019).

Der Fund

Das hier vorgestellte Szenario geht davon aus, dass die Menschheit bei der zukünftigen Erforschung des Weltraums in relativer Näher zur Erde (etwa im Asteroidengürtel) auf die materiellen Hinterlassenschaften einer außerirdischen Intelligenz stößt (vgl. Harrison und Johnson 2002, S. 113; Michaud 2007, S. 135-140). Damit ein solcher Fund überhaupt kulturelle Folgen haben kann, müssen zwei Bedingungen erfüllt sein: Das Objekt darf nachweislich nicht von der Erde stammen und es muss mit Sicherheit künstlichen Ursprungs sein (die letztgenannte Frage wird etwa bezüglich des Oumuamua genannten Objekts heiß diskutiert).

Die beiden Voraussetzungen realisieren sich im Rahmen unterschiedlich großer Interpretationsspielräume: Die außerirdische Herkunft eines Objekts lässt sich wahrscheinlich bereits aus einem Fundort jenseits der Erde recht sicher ableiten. Hingegen könnte sich die Frage der Zuordnung zu den "künstlich hergestellten Dingen" umso nachdrücklicher stellen, je weiter die technischen Fähigkeiten seiner Erschaffer über die von uns Menschen hinausreichen (oder je stärker sie von ihnen abweichen). Vorstellbar sind Objekte einer solchen Fremdartigkeit, dass nicht nur jede heute bekannte Methode der technischen Untersuchung versagt, sondern bereits die Einordnung nach der Leitdifferenz "künstlich" vs. "natürlich" zweifelhaft bleibt.

Exemplarisch können wir uns hier vorstellen, dass die Raumsonde eines internationalen Konzerns bei der Suche nach abbaubaren Rohstoffen im Asteroidengürtel auf eine solche Hinterlassenschaft einer außerirdischen Zivilisation stößt - seien es die Überreste einer Raumsonde oder auch nur der Weltraummüll, der von einer Erkundung unseres Sonnensystems zurückgeblieben ist.

Wie stark die kulturellen Auswirkungen einer solchen Entdeckung sein werden, hängt nach unserer Analyse primär von zwei Faktoren ab:

(a) Eine mögliche Altersbestimmung würde das gefundene Objekt in den menschlichen Zeithorizont hinein oder im Gegenteil aus ihm hinaus rücken. So hätte ein geschätztes oder berechnetes Alter von einhundert Jahren eine gänzlich andere Bedeutung als eines von zehn Millionen Jahren. Im ersteren Falle wären wir mit unmittelbaren "zeitlichen Nachbarn" konfrontiert, die wahrscheinlich über die Existenz einer Zivilisation auf der Erde Bescheid wüssten. Im letzteren Falle hingegen würden sich alle derartigen Überlegungen erübrigen (vgl. Michaud 2007, S. 212).

(b) Wenn das gefundene Objekt sich als materielle Basis irgendeiner Art technischer Funktionalität interpretieren ließe, würde dies unmittelbar zu Spekulationen über die Art jener Funktion(en) und sicherlich auch über die aktuelle Funktionsfähigkeit führen. Die Frage wäre dann nicht nur, was das Objekt tun kann, sondern auch, welche Konsequenzen dies für seine nähere oder weitere Umgebung hätte. Dies zieht verschiedene schwerwiegende Fragen nach sich: Soll das Objekt möglichst unberührt bleiben oder sollte es wissenschaftlich untersucht werden? Kann und soll es an einen anderen Ort transportiert, gegebenenfalls sogar aus dem Weltraum auf die Erde gebracht werden? Soll es - falls technisch überhaupt möglich - zerlegt und damit zerstört werden?