Von Dingen, die im Weltraum gefunden werden

Der erste entdeckte interstellare Asteroid Oumuamua, bei dem die Vermutung aufkam, es handele sich um ein außerirdisches Artefakt. Bild: ESO/M. Kornmesser

Außerirdische Hinterlassenschaften als Thema der Zukunftsforschung

Im Juli jährt sich zum fünfzigsten Mal die erste Landung von Menschen auf einem fremden Himmelskörper. An dieses Großereignis werden uns um das Datum der Mondlandung herum zahllose Medienberichte und wissenschaftliche Essays erinnern. Die Rückblicke werden dabei, je nach fachlichem und persönlichem Zugang, mal raumfahrtgeschichtlich, mal kulturhistorisch und häufig wohl auch kulturkritisch ausfallen.

Wir möchten uns mit unserem Beitrag weder unter den Gratulanten noch bei den Kritikerinnen einreihen. Unser Blick geht nicht zurück, sondern nach vorn. Wir nutzen die öffentliche Aufmerksamkeit, die ein solches Jubiläum notwendig erzeugt, für die Nachfrage, was uns denn zukünftig erwarten könnte, wenn wir "als Menschheit" (organisiert über Nationalstaaten oder Wirtschaftsunternehmen) suchend und forschend immer weiter in den Weltraum vordringen. Von den vielen möglichen Auskünften, die die Futurologie zur Frage nach der ‚Zukunft der Menschheit im Weltraum’ geben könnte, heben wir hier eine ganz spezielle hervor. Denn bei all den üblichen raumfahrttechnisch orientierten Ausblicken bleibt ein mögliches Ereignis regelmäßig ausgeblendet: Der unerwartete Fund eines gänzlich fremden, nämlich außerirdischen Artefakts in unserem Sonnensystem (vgl. Schetsche/Anton 2019: 147-158).

Dieser auf den ersten Blick außergewöhnlichen Frage gehen wir nach, weil sich in den letzten beiden Jahrzehnten gezeigt hat, dass es in unserer Galaxis nur so von Planeten wimmelt. Astrophysiker schätzen heute, dass es in der Milchstraße, die ja nur eine von unzähligen Galaxien im Universum ist, ebenso viele Planeten wie Sterne gibt, nämlich 200 bis 400 Milliarden. Und auf vielen von ihnen herrschen wahrscheinlich Umweltbedingungen, die Leben ermöglichen würden (zur Mittelmäßigkeit der Erde siehe den Beitrag von Rojas in diesem Journal). Es kommt hinzu, dass Leben offensichtlich extrem robust und anpassungsfähig ist - zumindest auf unserem Planeten hat es im Laufe der Jahrmilliarden selbst die unwirtlichsten Zonen besiedelt (vgl. Schetsche/Anton 2019: 43-72).

In den Astrowissenschaften denken inzwischen viele, dass auch die Wahrscheinlichkeit für die Existenz intelligenten Lebens außerhalb der Erde hoch ist. Dies lässt es sinnvoll erscheinen, Themen auf die sozialwissenschaftliche Tagesordnung zu setzen, die noch vor einigen Jahren eher im Bereich der Science Fiction verortet waren. Die betrifft etwa die Frage nach den globalen Folgen des Kontakts mit einer außerirdischen Zivilisation.

Zukunftsforschung

In der Logik der Zukunftsforschung stellt die plötzliche Konfrontation mit einer extraterrestrischen Intelligenz oder ihren Hinterlassenschaften ein sogenanntes Wild Card-Ereignis dar. Es zeichnet sich dadurch aus, dass die Wahrscheinlichkeit seines Eintritts zwar gering ist, es im Falle des Falles jedoch schwerwiegende und lang andauernde Auswirkungen hätte: Für die Gesellschaft insgesamt oder für einzelne Subsysteme - für verschiedene Nationalstaaten, aber auch für die Menschheit als solche.

Es leuchtet unmittelbar ein, dass die Folgen solcher abrupten Ereignisse nicht einfach zu prognostizieren sind. Denn neben den unmittelbaren Konsequenzen ist auch mit sekundären und tertiären Folgen zu rechnen. "Die Wirkung der Wild Cards ist so groß, weil sie aus dem gängigen Bezugssystem ausbrechen, es erschüttern, die Normalität in Frage stellen, die Denkschablonen unterlaufen, mit denen wir die Welt konstruieren", schrieben Angela und Heinz Steinmüller in ihrem Buch "Wild Cards" (2004, S. 22).

Futurologisch wäre hier etwa zu fragen: Worin genau besteht das ungewöhnliche Ereignis? Welche gesellschaftlichen Subsysteme und welche Regionen der Erde wären primär betroffen? Was könnten die unmittelbaren, was die mittelbaren Auswirkungen auf die Gesellschaft sein? Mit welcher zeitlichen, räumlichen und systemischen Dynamik dürften sich die Auswirkungen entfalten? Beantwortet werden können solche und ähnliche Fragen mit unterschiedlichen Methoden, die die Zukunftsforschung in den letzten Jahrzehnten entwickelt hat.

Bei Ereignissen, deren Eintrittswahrscheinlichkeit schlicht nicht abzuschätzen ist, haben qualitative Methoden den Vorrang vor quantitativen. Meist kommt hier eine Szenarioanalyse zum Einsatz; mit ihrer Hilfe werden auf Basis variierender Ausgangsannahmen und Schlüsselfaktoren verschiedene mögliche Zukünfte narrativ skizziert (vgl. Fink und Siebe 2006, S. 15-16; Berghold 2011, S. 27-29.

Wir haben in den letzten Jahren unterschiedliche Szenarien eines zukünftigen Kontakts der Menschheit mit einer außerirdischen Zivilisation prognostisch untersucht - der Fund eines außerirdischen Artefakts, auf den wir uns hier konzentrieren wollen, ist nur eines davon (ein solches Artefakt lässt sich letztlich als spezifische Form einer Technosignatur interpretieren, nach der die NASA zukünftig suchen will). Daneben ging es etwa um einen Fernkontakt via Radiowellen, wie er in der SETI-Forschung herbeigewünscht wird, aber auch um den von seinen Konsequenzen her besonders kritischen Fall eines direkten Kontakts mit Abgesandten einer außerirdischen Zivilisation (dies alles lässt sich in unserem Buch Die Gesellschaft der Außerirdischen. Einführung in die Exosoziologie nachlesen - Schetsche/Anton 2019).

Der Fund

Das hier vorgestellte Szenario geht davon aus, dass die Menschheit bei der zukünftigen Erforschung des Weltraums in relativer Näher zur Erde (etwa im Asteroidengürtel) auf die materiellen Hinterlassenschaften einer außerirdischen Intelligenz stößt (vgl. Harrison und Johnson 2002, S. 113; Michaud 2007, S. 135-140). Damit ein solcher Fund überhaupt kulturelle Folgen haben kann, müssen zwei Bedingungen erfüllt sein: Das Objekt darf nachweislich nicht von der Erde stammen und es muss mit Sicherheit künstlichen Ursprungs sein (die letztgenannte Frage wird etwa bezüglich des Oumuamua genannten Objekts heiß diskutiert).

Die beiden Voraussetzungen realisieren sich im Rahmen unterschiedlich großer Interpretationsspielräume: Die außerirdische Herkunft eines Objekts lässt sich wahrscheinlich bereits aus einem Fundort jenseits der Erde recht sicher ableiten. Hingegen könnte sich die Frage der Zuordnung zu den "künstlich hergestellten Dingen" umso nachdrücklicher stellen, je weiter die technischen Fähigkeiten seiner Erschaffer über die von uns Menschen hinausreichen (oder je stärker sie von ihnen abweichen). Vorstellbar sind Objekte einer solchen Fremdartigkeit, dass nicht nur jede heute bekannte Methode der technischen Untersuchung versagt, sondern bereits die Einordnung nach der Leitdifferenz "künstlich" vs. "natürlich" zweifelhaft bleibt.

Exemplarisch können wir uns hier vorstellen, dass die Raumsonde eines internationalen Konzerns bei der Suche nach abbaubaren Rohstoffen im Asteroidengürtel auf eine solche Hinterlassenschaft einer außerirdischen Zivilisation stößt - seien es die Überreste einer Raumsonde oder auch nur der Weltraummüll, der von einer Erkundung unseres Sonnensystems zurückgeblieben ist.

Wie stark die kulturellen Auswirkungen einer solchen Entdeckung sein werden, hängt nach unserer Analyse primär von zwei Faktoren ab:

(a) Eine mögliche Altersbestimmung würde das gefundene Objekt in den menschlichen Zeithorizont hinein oder im Gegenteil aus ihm hinaus rücken. So hätte ein geschätztes oder berechnetes Alter von einhundert Jahren eine gänzlich andere Bedeutung als eines von zehn Millionen Jahren. Im ersteren Falle wären wir mit unmittelbaren "zeitlichen Nachbarn" konfrontiert, die wahrscheinlich über die Existenz einer Zivilisation auf der Erde Bescheid wüssten. Im letzteren Falle hingegen würden sich alle derartigen Überlegungen erübrigen (vgl. Michaud 2007, S. 212).

(b) Wenn das gefundene Objekt sich als materielle Basis irgendeiner Art technischer Funktionalität interpretieren ließe, würde dies unmittelbar zu Spekulationen über die Art jener Funktion(en) und sicherlich auch über die aktuelle Funktionsfähigkeit führen. Die Frage wäre dann nicht nur, was das Objekt tun kann, sondern auch, welche Konsequenzen dies für seine nähere oder weitere Umgebung hätte. Dies zieht verschiedene schwerwiegende Fragen nach sich: Soll das Objekt möglichst unberührt bleiben oder sollte es wissenschaftlich untersucht werden? Kann und soll es an einen anderen Ort transportiert, gegebenenfalls sogar aus dem Weltraum auf die Erde gebracht werden? Soll es - falls technisch überhaupt möglich - zerlegt und damit zerstört werden?

Konsequenzen eines Funds

Wenn wir einmal vom Fund eines oder mehrerer außerirdischer Artefakte auf einem nicht allzu erdfernen Asteroiden ausgehen, sind die Folgen der Entdeckung auf die Weltbilder der Menschen sicher erheblich. Verglichen mit den traditionellen Annahmen der SETI-Forschung über einen Fernkontakt via Radiowellen ist die kulturelle Brisanz hier deutlich höher: Die reine "Es-gibt-uns"-Botschaft wird durch eine "Wir-waren-hier"-Botschaft nicht nur überlagert, sondern auch wissenschaftlich und psychosozial dominiert. Spätestens mit einem solchen Fund wären alle Annahmen über die raumfahrttechnische Unüberbrückbarkeit interstellarer Entfernungen schlagartig als anthropozentrisches Vorurteil entlarvt.

Eine unmittelbare Konsequenz des Fundes dürfte sein, dass Raumfahrtnationen und Raumfahrtkonzerne große Anstrengungen unternehmen, weitere solcher außerirdischen Artefakte im Sonnensystem zu finden. Die dabei eingesetzten technischen und finanziellen Ressourcen würden die Erforschung des Sonnensystems sicherlich revolutionieren. Wir gehen davon aus, dass von einem Fund dieser Art im Sonnensystem, unabhängig von allen konkreten Details, sehr starke Impulse für die unbemannte, vielleicht aber auch für die bemannte Raumfahrt ausgehen würden. Eine solche Entdeckung würde wahrscheinlich den Beginn einer Phase der intensiven wissenschaftlich-technischen Erforschung und damit auch der (ökonomischen wie kulturellen) Aneignung weiter Teile des Sonnensystems markieren.

Im wissenschaftlichen Bereich würde der Fund darüber hinaus wohl eine ganze Reihe von Forschungsprojekten anstoßen, in denen es darum geht, maximale Informationen aus dem oder den Objekten herauszuholen. Hieran wären sicherlich diverse Disziplinen beteiligt: Die Astrophysik würde versuchen, etwas über die Herkunft des Objekts herauszubekommen. Chemie, Physik und Materialkunde würden sich um dessen Beschaffenheit kümmern. Falls eine Funktionalität auch nur zu erahnen ist, wäre es die Aufgabe diverser ingenieurwissenschaftlicher Disziplinen, hier Näheres in Erfahrungen zu bringen.

Und wenn sich am Objekt Symbole finden lassen, wäre deren Untersuchung eine Aufgabe für Linguistik und Symbolologie. Auch die vergleichende Anthropologie sowie die Kultur- und Sozialwissenschaften könnten ihren Beitrag leisten, wenn es um die Fragen geht, mit welchen technischen Mitteln und auch mit welcher Art von Extremitäten ein solches Objekt gebaut worden ist, welches sein Zweck war oder ist und was wir daraus über die Kultur seiner Schöpfer ableiten können. Je mehr die Untersuchungen in diese Richtung gehen, desto spekulativer und langwieriger würden sie werden.

Wie groß der Forschungsaufwand insgesamt wäre, hängt selbstredend auch von der Größe des Objekts und dem Fundort ab: Muss (oder auch: sollte) es vor Ort untersucht werden, oder kann das ganze Objekt oder können zumindest Teile davon zur Erde gebracht werden?

Spätestens diese letzte Frage führt uns in den Bereich der Politik. Hier dürfte sich alles um einen Punkt drehen: Wer hat die Verfügungsgewalt über das Objekt - rechtlich gesehen, aber insbesondere auch ganz faktisch? Wir gehen davon aus, dass es nach dem Fund zu hitzigen politischen Auseinandersetzung um die Besitzrechte an dem fremden "Ding" kommen würde.

Für außerhalb der Erde gefundene außerirdische Artefakte gibt es bislang keine internationalen Bestimmungen. Aber selbst wenn solche Regelungen zum Zeitpunkt der Entdeckung des Artefakts vorhanden sein sollten, bleibt die Frage, ob sich multinationale Konzerne oder mächtige Nationalstaaten daran halten würden. Zumindest jedoch gäbe es dann internationale Regeln, auf die Akteure sich berufen könnten - und an die einige sich vielleicht sogar halten würden - einer der wenigen politischen Akteure, die sich überhaupt für diese Frage interessieren, ist der deutsche Bundestagsabgeordnete Dieter Janecek: Leben im All).

Doch solange kein internationales Regelwerk existiert, ist zu befürchten, dass der Fund eines Artefakts, das von verschiedenen Akteuren für technologisch wertvoll gehalten wird, zu risikoreichen internationalen Konflikten führen könnte. Und diese Konflikte könnten durchaus militärische Optionen einschließen. Pointiert formuliert: Falls ein gefundenes Objekt nicht eilig geborgen und auf die Erde gebracht werden kann, ist nicht nur ein Wettrennen staatlicher und privater Weltraumakteure um den Zugriff auf das Artefakt wahrscheinlich - wir schließen auch die Möglichkeit einer direkten militärischen Konfrontation im Weltraum nicht aus.

Doch selbst wenn das Objekt schnell auf die Erde gebracht werden kann, es bleibt als potenzieller Kriegsauslöser eine weitere Gefahr - etwa falls Untersuchungen ergeben, dass das Objekt nutzbare Technologie in einer Menge oder Qualität enthält, die dem Besitzer einen praktisch unaufholbaren technologischen Vorsprung garantiert. Von Geheimoperationen bis zu offener Kriegsführung sind alle Strategien vorstellbar, um in den Besitz der "Alien-Technologie" zu gelangen.

Die Öffentlichkeit würde dies alles vermutlich mit mal mehr, mal weniger Aufmerksamkeit verfolgen. Wie mit dem notwendigen Weltbildwechsel umgegangen wird und welche Auswirkungen dies auf die öffentliche Meinung hat, hängt sicherlich von den bereits angesprochenen Parametern ab: Das öffentliche Interesse dürfte umso größer sein, je jünger das Objekt ist und je besser es gelingt, ihm gewisse Funktionalitäten zuzuschreiben. Diese beiden Faktoren bestimmen aber auch die Frage, welche "emotionale Färbung" das öffentliche Interesse erhält. Ein relativ neues Objekt legt die Frage nahe, ob seine Erbauer in naher Zukunft wiederkehren könnten, was durchaus eine ganze Reihe mal mehr, mal weniger begründeter Ängste in der Öffentlichkeit schüren könnte.

Ob der Fund im Bereich der Ökonomie sinn- und damit auch profitstiftend ist, dürfte zum einen davon abhängen, ob sich aus dem Artefakt technologisch verwertbare Informationen gleichsam extrahieren lassen. Und natürlich davon, ob es Unternehmen oder Nationalstaaten gelingt, den Zugriff auf diese Informationen zu monopolisieren. Dies alles ist schwer abschätzbar, weil vorab unmöglich zu sagen ist, ob sich aus einem solchen Objekt irgendwelche technologisch wie ökonomisch nutzbaren Informationen gewinnen lassen könnten. So könnte es durchaus sein, dass das entdecke Artefakt derartig fremdartig bzw. so weit fortgeschritten ist, dass es für uns Menschen auf unabsehbarer Zeit unmöglich ist, nur die kleinste verwendbare technologische Information zu gewinnen.

Es ist deshalb deutlich leichter zu prognostizieren, dass der Artefaktfund zumindest eine irdische Branche über die Maßen beflügeln würde, nämlich die auf die Erforschung und Nutzung des Weltraums spezialisierten Unternehmen. Und dabei dürfte jenen Firmen eine Vorreiterrolle zukommen, die bereits an der Rohstoffsuche im All beteiligt sind und über entsprechende Bergungstechnologien verfügen. Es wird also bereits vor einem solchen Ereignis entschieden, wer nach dessen Eintreffen ökonomisch die Nase vorn hat.

Risikobewertung

Zusammenfassend sehen wir für dieses Szenario - neben der (unsicheren) Möglichkeit eines erheblichen Erkenntnisgewinns - drei globale Risiken, die bei der weiteren Erforschung unseres Sonnensystems nicht außer Acht gelassen werden sollten:

1. Massenpsychologische Konsequenzen: Mit dem Fund wäre bewiesen, dass eine außerirdische Intelligenz bereits vor einiger Zeit in der Lage war, unser Sonnensystem zu erforschen. Und das wirft Fragen auf: Was ist, wenn sie wiederkommen? Sind sie vielleicht sogar noch hier? Sind sie uns freundlich oder feindlich gesinnt? Und wie gehen wir Menschen mit der Erfahrung um, nicht die Entdecker einer fremden Spezies, sondern die Entdeckten zu sein?

Dieses Problem dürfte sich noch verschärfen, wenn das fremde Artefakt durch die menschlichen Untersuchungen aktiviert wird und eine Botschaft in die Weiten des Weltraums sendet. Die Science-Fiction-Fans kennen ein solches Szenario aus dem Roman/Film "2001: A Space Odyssey". Der schwarze Monolith lässt grüßen. Gegen solch ein Risiko hilft nur, auf die Untersuchung jedes fremdartigen Funds zu verzichten und einen weiten Bogen darum zu machen. Dies scheint uns wenig realistisch. Deshalb sollten sich Regierungen und internationale Organisationen schon einmal Gedanken über ihre Krisenkommunikation machen, wenn die Menschheit plötzlich erfährt, als - mehr oder weniger - intelligente Spezies nicht allein im Universum zu sein.

2. Folgen einer ungewollten Aktivierung: Ein im Weltraum gefundenes Artefakt kann, wenn es denn zur Erde gebracht wird, völlig unabhängig von den Motiven und Vorgaben seiner Erschaffer, Wirkungen entfalten, die für das hiesige Leben höchst negativ sind. Dies betrifft zum einen die potenzielle Kontaminierung mit gefährlichen Mikroorganismen, zum anderen aber auch mögliche Funktionen, die bei einer Untersuchung aktiviert werden könnten.

Wenn wir davon ausgehen, dass solche Artefakte von einer, verglichen mit der Menschheit, weit fortgeschrittenen Zivilisation hergestellt werden, könnten selbst vergleichsweise kleine Objekte erhebliche Auswirkungen auf ihre Umgebung haben. Und dies bereits im vorgesehenen Normalbetrieb - umso mehr sicherlich, wenn durch unsachgemäße, nämlich menschliche Untersuchungen Fehlfunktionen ausgelöst werden. (Um ein fast noch triviales Beispiel zu nennen: Ein für den Weltraum vorgesehener exotischer Antrieb könnte, auf einer planetaren Oberfläche aktiviert, zu massiven Schäden in der Umgebung führen.)

Im Weltraum gefundene außerirdische Artefakte sollten deshalb nach unserer Überzeugung nicht zur Untersuchung auf die Erde oder auch nur in den erdnahen Weltraum gebracht werden. Eine Alternative zur Vorort-Untersuchung wäre die Schaffung einer Weltraumstation im Mond- oder Marsorbit, die für solche und ähnliche Fälle (etwa den Fund außerirdischer Mikroorganismen im Sonnensystem) ausgerüstet ist.

3. Irdische Machtkonflikte: Ein Hauptproblem ist sicherlich der Mangel an verbindlichen internationalen Normen auf diesem Gebiet. Bislang existiert lediglich für den Fernkontakt im Rahmen der SETI-Forschung eine Vereinbarung der zuständigen wissenschaftlichen Fachgesellschaften (die Declaration of Principles Concerning the Conduct of the Search for Extraterrestrial Intelligence). Es handelt sich dabei allerdings um keinen rechtsverbindlichen Vertrag, sondern um eine Selbstverpflichtung der in diesem Bereich tätigen Forscher und Forscherinnen. Darüber hinaus enthält die Deklaration keine Regelungen für den Fall, dass außerirdische Artefakte in der Nähe der Erde gefunden werden (vgl. Schrogl 2008; Gertz 2017, S. 3-4).

Sinnvoller als wissenschaftliche Absichtserklärungen wären verbindliche Abkommen, die entsprechende Artefakte bestenfalls unter Aufsicht der Vereinten Nationen stellen. Auch wenn wir wissen, dass die Macht der UN zur Durchsetzung solcher Regelungen begrenzt ist, glauben wir doch an die konfliktreduzierende Wirkung entsprechender internationaler Verträge.

Fazit: Finden, ohne zu suchen

Wir könnten bei unserer Erforschung des Weltraums auf Dinge stoßen, die wir gar nicht gesucht haben. Und das könnte durchaus schwerwiegende Konsequenzen zeitigen. Die Erforschung des Sonnensystems ist nicht nur eine technische Herausforderung, die aus heutiger Warte reichlich Gewinn (Wissen, Ressourcen, Geld) verspricht - sie kann sich auch zu einem Wagnis mit schwer einschätzbaren Konsequenzen für die Menschheit entwickeln.

In der Katastrophenforschung wird das Risiko eines Ereignisses durch zwei Faktoren bestimmt: durch seine Eintrittswahrscheinlichkeit und durch das Ausmaß seiner negativen Konsequenzen. Der Kontakt mit einer außerirdischen Intelligenz wäre, wie die meisten Forscher und Forscherinnen auf diesem Feld meinen, eines der einschneidendsten Ereignisse der Menschheitsgeschichte. Und zwar eines, das schlimmstenfalls verheerende kulturelle und soziale Auswirkungen haben könnte.

Wenn dies so ist, kann die Wahrscheinlichkeit für ein solches Ereignisses fast beliebig gering werden, ohne dass das Gesamtrisiko vernachlässigbar wird. Denn wenn die negativen Konsequenzen von Geschehnissen gegen unendlich gehen, bestimmen nur noch sie, nicht aber die Eintrittswahrscheinlichkeit die risikotechnische Relevanz (die Zukunftsforschung nennt dies "Low-probability, High-impact Events" - vgl. den Beitrag von Kenzo Hiroki 2012). Nicht für solche Fälle zu planen, wäre unverantwortlich.

Die heute von der Öffentlichkeit und von politischen Institutionen an den Tag gelegte Ignoranz hinsichtlich dieser Frage funktioniert als Handlungsoption überhaupt nur, weil und solange es (noch) keine offensichtlichen Indizien für die Existenz außerirdischer Intelligenzen gibt. Diese Strategie aber wird in dem Moment prekär, wenn wir im Weltraum künstliche Objekte finden, die nicht von unserer Welt sind.

Die Autoren gehören zu den Initiatoren des interdisziplinären Forschungsnetzwerks Extraterrestrische Intelligenz. Anfang des Jahres ist ihre Monographie "Die Gesellschaft der Außerirdischen. Einführung in die Exosoziologie" im Verlag Springer VS erschienen.

Literatur Berghold, Christina (2011): Die Szenario-Technik. Leitfaden zur strategischen Planung mit Szenarien vor dem Hintergrund einer dynamischen Umwelt. Göttingen: Optimus.

Fink, Alexander; Siebe, Andreas (2006): Handbuch Zukunftsmanagement. Werkzeuge der strategischen Planung und Früherkennung. Frankfurt am Main: Campus.

Harrison, Albert A.; Johnson, Joel T. (2002): Leben mit Außerirdischen. In S.E.T.I. Die Suche nach dem Außerirdischen, Hrsg. Tobias Daniel Wabbel, 95-116. München: Beust.

Michaud, Michael A. G. (2007): Contact with Alien Civilizations. Our Hopes and Fears about Encountering Extraterrestrials. New York: Springer.

Schetsche, Michael; Anton, Andreas (2019): Die Gesellschaft der Außerirdischen. Einführung in die Exosoziologie. Wiesbaden: Springer VS.

Steinmüller, Angela; Steinmüller, Heinz (2004): Wild Cards. Wenn das Unwahrscheinliche eintritt. Hamburg: Murmann; zweite Auflage.