Von Fridays for Future zur Extinction Rebellion

Extinction Rebellion, London, November 2018. Bild: David Holt/CC BY 2.0

Kann der neue Umweltaktivismus das apokalyptische Denken ablegen und Teil einer Bewegung für ein schönes Leben für Alle werden?

Am Dienstagmittag war extinctionrebellion.de zeitweise nicht erreichbar. Die Webseite war dem Ansturm nicht gewachsen. Denn die Rebellion "gegen das Aussterben" wurde vor allem in Deutschland erst nach dem 15. April so richtig bekannt. An diesem Tag begannen die transnationalen Rebellion Weeks mit Schwerpunkt in London.

Dort kam es zu Auseinandersetzungen zwischen Klimaaktivisten und der Polizei. Der schon seit Jahrzehnten bekannte umweltgefährdende Konzern Shell, der auch schon mal Privatdetektive auf Kritiker ansetzte, wurde attackiert. In Berlin blieben hingegen am 15. April die Aktionen auf dem Level des zivilen Ungehorsams.

Etwa 300 Menschen hatten mit der Blockade der Oberbaumbrücke zwischen Kreuzberg und Friedrichshain nicht nur für einige Stunden für bessere Luft gesorgt, sondern auch an eine der vielen fast vergessenen Kampagnen der außerparlamentarischen Berliner Linken erinnert. Unter dem Motto "Oberbaumbrücke bleibt Stadtringlücke" setzen sie sich in den frühen 1990er Jahren dafür ein, dass die Brücke für den Automobilverkehr gesperrt bleibt. Die Kampagne war zukunftsweisend, obwohl sich nicht mehr viele Menschen daran erinnern. In einem Nachbereitungspapier hieß es:

Eine Zeitlang stand die Brücke im Zentrum der Bewegung gegen Umstrukturierung. Am 9. November 1994 wurde die Oberbaumbrücke dann vom damaligen Bezirksbürgermeister Peter Strieder und dem regierenden Bürgermeister Eberhard Diepgen feierlich geöffnet. Von da an rollten die Autos und die Brückenini konstatierte: "Wir haben den Kampf gegen die Öffnung der Oberbaumbrücke verloren". Aber ihre Erfahrungen, die sie während dieser Zeit gesammelt hatten, wollten sie "nicht in den Gully fegen".

Papier der Brückenini vom November 1994

Damit wird deutlich, dass die Aktionen der neuen Umweltbewegung sich durchaus in der Tradition einer linken Praxis befinden, die schon vor mehr als 25 Jahren das Thema Stadtentwicklung, die Diskussion über eine lebenswerte Stadt, in der sich nicht nur Reiche das Wohnen in angesagten Bezirken leisten können, mit der Drosselung des Automobilverkehrs verbunden hat.

Wäre die Oberbaumbrücke damals Stadtringlücke geblieben, wäre das Berliner Spreeufer nicht mit hochpreisigen Lofts zugebaut, der Druck auf Mieter mit geringen Einkommen wäre in der Umgebung nicht so stark und die Umwelt wäre auch sauberer.

Umwelt, Mieten und eine Stadt, in der nicht nur die Reichen leben können

Es sind genau die gleichen Fragen, die heute wieder viele in Berlin bewegen - Umwelt, Mieten und darüber hinaus eine Stadt, in der nicht nur die Reichen leben können. Da gäbe es also für die neue Klimabewegung genügend Ansätze für eine Verbreiterung ihres Widerstands. Eine Stadt wie Berlin möglichst autofrei zu machen, wäre ein lohnendes und auch durchaus realistisches Ziel.

Es knüpft tatsächlich an Bewegungen wie die genannte der Brücken-Initiative gegen die Oberbaumbrücke an, aber sie kann sich auch auf die Erfahrungen vieler Menschen berufen, die keinen Sinn darin sehen, mit dem Auto durch eine Stadt wie Berlin zu fahren, nur um von einem Stau in den nächsten zu geraten.

Die zunehmend zahlreicheren und mit wachsendem Selbstbewusstsein ausgestatteten Radfahrer sehen es genau wie die passionierten Fußgänger und Flaneure weniger denn je ein, dass ihnen anachronistische Automobile Platz rauben und die Luft zum Atmen nehmen. Natürlich muss, wer sich wie die Brückenbesetzer vom 15. April 2019 für eine autofreie Stadt einsetzt, auch über eine andere Mobilität Gedanken machen.

Auch dazu liegen bereits seit Jahren für viele Städte machbare Pläne in den Schubladen. Es geht um den Ausbau eines günstigen, möglichst kostenfreien Nahverkehrs ohne Barrieren jeglicher Art. Dazu gehören auch die oft vergessenen sozialen Gründe. Wenn man sich schließlich damit beschäftigt, warum in fast allen Städten seit Jahrzehnten gegen jegliche Vernunft, gegen die menschliche Gesundheit und die Umwelt der Automobilverkehr gefördert wurde und noch immer wird, landet man beim kapitalistischen System, das auf Profit basiert.

So wie in der Verkehrsfrage kann auch an vielen anderen Beispielen, die in der Umweltbewegung heute diskutiert werden, die kapitalistische Schranke festgestellt werden. Wenn die Klimaaktivisten die Parole "System change not climate change" fordern, sind sie schon auf der richtigen Spur. Die Teilnehmer der Brückenblockade machten auch durchaus den Eindruck, als würden sie diese Spur weiterverfolgen.

Gelingt der Umweltbewegung der Abschied vom apokalyptischen Denken?

Es wird sich zeigen, ob sich eine solche Orientierung durchsetzt gegen das apokalyptische Denken, das wie in vielen anderen kleinbürgerlichen Umweltbewegungen auch bei der Extinction Rebellion zu sehen ist. Das fängt schon beim Namen an, eine Bewegung gegen das Aussterben hat eher Anklänge an Bewegungen des Spätmittelalters, als der Totenkult allgegenwärtig war und der Welt- bzw. Menschenuntergang in den verschiedenen Formen zelebriert wurde.

Damals war der Tod durch Hunger, Epidemien etc. allgegenwärtig. Wenn heute in einer Gesellschaft, in der der Stand der Produktivkräfte ein schönes Leben für die große Mehrheit möglich machen würde, ein solches apokalyptisches Denken wieder Zulauf bekommt, liegt das auch am Versagen einer Linken, die in ihrer Theorie und Praxis oft mit Recht selbst mit "Tonnenideologie" und unkritischer Industrieverherrlichung verwechselt wird.

Dabei wird übersehen, dass sich sowohl in den Arbeiten von Marx und Engels als auch in verschiedenen Schriften von ökosozialistischen Autoren Ansätze einer egalitären Gesellschaft finden, die auch das Mensch-Umwelt-Verhältnis beachten.

Würden solche Ansätze auch in der neuen Umweltbewegung mehr berücksichtigt, bestünde die Hoffnung, dass sich die Bewegung vom apokalyptischen Denken verabschiedet und auch von einem mystischen Naturbegriff, der den menschlichen Fingerabdruck nicht als Ausdruck der Zivilisation, sondern als zu behebenden Makel ansieht.

Für wen läuft die Sanduhr ab?

Dann könnte die Sanduhr, die auf den Fahnen der neuen Bewegung zu sehen ist, aufzeigen, dass die Zeit für den Kapitalismus abläuft und gerade dadurch die Chance bestünde, dass für das schöne Leben für alle näher rückt.

Übrigens haben auch die spätmittelalterlichen Todesapokalytiker das Ende der Feudalgesellschaft mit dem Ende der Menschheit bzw. dem Weltuntergang kurzgeschlossen. Die heutigen Apokalyptiker handeln also in einem notwendigen Irrtum, wenn sie Spätkapitalismus in seiner Endphase mit dem Ende der Welt verwechseln. Wenn schon mal "der Tod auf Probe für den Klimaschutz" ausgerufen wird, werden solche irrationalen Tendenzen verstärkt.

Die Auseinandersetzung mit dem apokalyptischen Denken ist eine der zentralen Aufgaben, die sich die neue Bewegung stellen muss. Gelingt das nicht, ist sie offen für allerlei esoterische, irrationale und auch offen rechte Bewegungen. Unter einer "Bewegung gegen das Aussterben" können sich alle möglichen versammeln. Da kann auch einer Ökodiktatur das Wort geredet werden. Fiktiv wird dieser Möglichkeitsraum längst bearbeitet. Wir kennen genügend Filme, in denen nach einer großen Katastrophe starke Männer und ihre Gefolgschaft dem Rest das Leben diktieren.

Es gab in den letzten Jahren einige Bewegungen, die schnell durch das Internet an Bedeutung gewannen und genauso schnell wieder verschwanden. Erinnert sei nur an die Occupy-Bewegung und die Bewegung der Platzbesetzungen. Einige haben sich in der Bewegung politisiert und wurden Teil von sozialen Bewegungen in Stadtteilen oder an den Arbeitsplätzen.

Schnelles Verschwinden oder Kooperieren mit anderen sozialen Bewegungen ist auch die Perspektive der neuen Umweltbewegung. Dabei hat Extinction Rebellion schon mal den Vorteil, dass sie nicht mehr mit Greta Thunberg identifiziert wird und auf Vordenker oder gar Gurus verzichtet.

Gegen den wohlwollenden Paternalismus

Dabei sind die größten Gegner der Klimabewegung nicht die, die sich noch immer über Jugendliche empören, die für einige Stunden ihre Schulpflicht verletzen. Das sind ja vorhersehbare Reaktionen.

Gefährlicher sind die, die sich so vollständig in die neue Bewegung hineinversetzen, dass sie feuchte Augen über die "widerständige Jugend" kriegen und gleichzeitig froh sind, dass sie doch so viel vernünftiger und realpolitischer als die früheren linken Bewegungen ist. Das zeigt beispielsweise eine Kolumne von Klaus Raab in der Wochenzeitung Freitag:

"Ich habe mit Gleichgesinnten gegen das Wettrüsten demonstriert, gegen Hunger und für eine Zukunft ohne Atomkraft - aber immer war klar, dass es sich gegen die herrschende Klasse richtete", schrieb dieser Tage ein Kolumnist, der alterstechnisch knapp dreimal erwachsen ist. Heute dagegen, ach je: "Selbst die Bundeskanzlerin hat ihre Sympathie bekundet. Wie soll man einen Jugendprotest nennen, der mit dem Segen der Erwachsenen durchgeführt wird?" Von Gegenbewegung könne man jedenfalls nicht sprechen. Dass die Jugendlichen womöglich gar keine Gegenbewegung sein wollen, sondern einige Jahrzehnte weiter sind als wir alten Zausel, die wir seinerzeit aber auch nicht in einer als derart komplex vermittelten Welt aufgewachsen sind: Die Möglichkeit scheint nicht denkbar zu sein. Und wenn es eine "Dafürbewegung" wäre, weil billiges Dagegensein dank der Zausel längst nur noch Pose ist? Wenn es nicht um das Stürzen der "herrschenden Klasse" ginge, sondern nur darum, dass die endlich ihre eigenen Klimaabkommen umsetzt? Aber wo kämen wir denn hin, wenn wir Jugendliche wie handelnde und denkende Subjekte behandeln würden? Nö, lieber Adultsplaining.

Klaus Raab, Freitag

Hier wird deutlich, dass ein Kolumnist vorgeblich einen Paternalismus älterer Menschen kritisiert und selbst paternalistisch argumentiert. Denn wie bei jeder realen Bewegung ist Kritik das Beste, was ihr passieren kann. Wenn es dann noch eine Kritik von Menschen ist, die bereits in ähnlichen Bewegungen der Vergangenheit Erfahrungen gesammelt haben, dann kann daraus eine Auseinandersetzung, aber auch eine Kooperation entstehen.

Es ist reiner Paternalismus, wenn nun die Kritik von Erwachsenen damit abgewehrt wird, dass man die Jugendlichen nicht bevormunden will. Das heißt doch in Wirklichkeit, man nimmt sie nicht ernst. Sonst würde man nicht an sie andere Maßstäbe als an andere Bewegungen ansetzen. Zudem ist es schon bedenklich, dass der Bewegung wohlwollende Kommentatoren wie Raab so betonen, dass es eine Jugendbewegung ist. Es war immer schon eine Taktik von Etablierten, neue Protestbewegungen, in denen schon häufiger die Jugend tonangebend war, auf genau die Altersfrage festnageln zu wollen.

Das ist dann auch eine Form von Entpolitisierung, weil der Jugend das Privileg eingeräumt wird, kritischer und rebellischer zu sein. Obwohl die Apo um 1968 zwar von der damals jüngeren Generation an den Hochschulen, aber auch in den Ausbildungsstellen, angeführt wurde, war sie aber nie eine reine Jugendbewegung. Es gab die vielfältigsten theoretischen und auch praktischen Kontakte zu älteren Linken.

So ist auch die neue Umweltbewegung keine reine Jugendbewegung. Das hat sich am 15. April in Berlin deutlich gezeigt. Wer die Bewegung unterstützen will, sollte deshalb solche Zuschreibungen wie "Jugend" nicht noch verstärken. Dagegen muss Kritik das Ziel haben, den neuen Umweltaktivismus als Teil einer dringend benötigten Bewegung für ein schönes Leben jenseits von Kapitalismus und Wertgesetz zu machen, unabhängig vom Alter der Beteiligten.

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