Von Gott gerechtfertigte Kriegspolitik?

In einem Interview machte der britische Regierungschef seine religiöse Nähe zu Bush im Irak-Krieg deutlich

Es reicht offenbar nicht, dass islamistische Terroristen und Aufständische ihre Aktionen mit der Berufung auf Allah rechtfertigen. Auch US-Präsident Bush sieht sich als Beauftragter Gottes, der gegen das Böse vorgeht und an der Spitze der Supermacht der Welt – göttliche oder amerikanische? – Freiheit und Demokratie notfalls auch mit Gewalt schenkt. Nun hat sich aber auch noch der britische Regierungschef Tony Blair als Kämpfer im Namen Gottes geoutet.

Der wiedergeborene US-Präsident Bush hatte zu Beginn des „globalen Kriegs gegen den Terrorismus“ schon einmal vom „Kreuzzug“ gesprochen. Seine Spindoktoren haben natürlich schnell versucht, diesen Rückgriff auf die Feindschaften eines alten Religionskriegs wieder zu verbannen, den die islamistischen Gegner ihrerseits gerne benutzen. Doch die Sprache mancher seiner Reden offenbart auch in Bezug auf die Außenpolitik weiterhin religiöse Motive, die vermutlich von ihm – wie von seinen Vorgängern im Präsidentenamt – auch in einem überwiegend christlich geprägten Staat erwartet werden.

In einem Interview mit dem britischen Sender ITV ging Blair zwar nicht so weit wie sein Kollege Bush, den Irak-Krieg als Auf trag Gottes zu bezeichnen, aber für sein Entscheidung, britische Soldaten in den Krieg zu schicken, beruft er sich doch auf Gott. Gefragt, wie er mit der Entscheidung zum Krieg lebe, sagte er, dass solche Entscheidungen getroffen werden müssen, mit denen man zu leben habe, aber dass es schließlich ein letztes Urteil darüber gibt: „Wenn man mit Glauben an solche Dinge herangeht, erkennt man, dass die Beurteilung durch andere Menschen geschieht. Und wenn man an Gott glaubt, dann wird sie auch von Gott gemacht.“

Aus der Perspektive eines Nichtreligiösen lässt sich aus solchen Berufungen auf Gott natürlich stets das Bemühen herauslesen, nicht alleine zur Verantwortung gezogen werden zu können. Handelt man im Auftrag Gottes oder Allahs, ist man eine Art göttliches Werkzeug oder ein göttlicher Gesandter, der letztlich die Konsequenzen auf eine andere Instanz mit ihrem unerforschlichen Willen abwälzen kann.

Blair war von seinen Beratern angewiesen worden, seine religiöse Orientierung möglichst nicht öffentlich zu erwähnen, um nicht in dieselben Probleme wie Bush zu tappen. So wollte er seine Ansprache zu Beginn des Irak-Krieges mit den Worten enden: „God bless you.“ Er soll dann mit seinen Beratern geschimpft haben, die ein „unchristliches Haufen“ seien, aber schließlich die Mahnung berücksichtigt haben. Seine Ansprache beendete er mit einem profanen „Thank you“. Blairs ehemaliger Spindoktor Alastair Campbell soll gesagt haben: "We don't do God."

Auch jetzt gab Blair sich möglichst bedeckt. Bei Entscheidungen über Leben oder Tod müsse man anhand seines Gewissens entscheiden. Aber dann müsse man die Entscheidung „dem Urteil überlassen, das die Geschichte fällen wird“. Von Rechten oder dem Parlament will der Regierungschef offenbar nichts wissen, der sein Gewissen, das religiös fundiert ist, mit der Weltgeschichte direkt verbindet. Ob er daher auch zu Gott bei solchen Entscheidungen bete, wollte der Interviewer wissen. Blair entzog sich hier lieber der Antwort und wollte darüber nicht reden: "Well, I don't want to get into something like that." Es gab Gerüchte, dass er und Bush gemeinsam gebetet hätten, die freilich nie bestätigt wurden.

Blair meinte, die Religion habe ihn zur Politik gebracht. Auf die Frage, ob er sich denn als „christlichen Sozialisten“ sehe, antwortete er bezeichnenderweise: „Es ist lange her, dass mich jemand mit dem Wort Sozialist bezeichnet hat.“ Seine Politik könne man im Hinblick auf „die Werte und die Philosophie“ als christlich begreifen. Und er meinte auch, dass die Religion politische Entscheidungen beeinflusst: „Wenn man einen religiösen Glauben hat, dann tut er dies (nämlich sich auf die Politik auswirken) -, aber es ist wahrscheinlich besser, das nicht zu weit reichen zu lassen.“ (Florian Rötzer)