Von Hitler zum Kommunismus

Richard Scheringers Weg durch das 20. Jahrhundert

Richard Scheringer wird oft als „Nationalkommunist“ gehandelt. Dabei war er zuerst ein „orthodoxer“ internationalistischer Parteikommunist - allerdings einer, dem das Schicksal der deutschen Nation sehr am Herzen lag. Angefangen hat er in der Weimarer Republik als rechter Aktivist, der als Leutnant in der Reichswehr im Geheimen für die NSDAP agitierte. In einem spektakulären Prozess (in dem auch Hitler aussagte) deswegen zu Festungshaft verurteilt, wandelte er sich dort unter dem Einfluss kommunistischer Mithäftlinge zum KPD-Parteigänger. Er sagte sich von Hitler los und versuchte, Soldaten, ehemalige Freikorpskämpfer, NSDAP- und SA-Aktivisten für den Kommunismus zu gewinnen. Im Dritten Reich hatte er zahlreiche Kontakte zum Widerstand. Als Funktionär der KPD nach dem Krieg und später der DKP war er für die deutsche Einheit und bezeichnete noch in den 80iger Jahren die deutsche Spaltung als „schändliche nationale Tragödie“.

Richard Scheringer wird am 13. September 1904 als Sohn des preußischen Offiziers Ernst Scheringer und dessen Frau Johanna in Aachen geboren. Richards Erziehung ist stark von soldatischen Werten geprägt, wie Pflichterfüllung und Kameradschaftlichkeit.

1910 – 1914 besucht er die Grundschule in Rastatt und Koblenz, 1914 – 1924 das Gymnasium in Koblenz und Berlin-Zehlendorf. Am 17. Februar 1915 fällt der Vater an der Westfront.

Bei Ferienaufenthalten auf dem Hofgut der Großeltern mütterlicherseits wird die Liebe zur Landwirtschaft geweckt. Nach dem Tod ihres Mannes engagiert sich Johanna Scheringer im sozialen Bereich und für die Emanzipation der Frau. Sie gehört nach dem Krieg zu den Mitbegründern der bürgerlich-liberalen „Deutschen Demokratischen Partei“ (DDP).

Richard Scheringers Beerdigung am 16. Mai 1986. Foto: Bundesarchiv, Bild 183-1986-0516-027 / Gahlbeck, Friedrich / CC-BY-SA.

Am 28. September 1922 wird Scheringer wegen eines angeblichen tätlichen Übergriffs auf Angehörige der französischen Zivilverwaltung im besetzten Rheinland in Koblenz zu zwei Monaten Gefängnis verurteilt. Er ist empört und diese als ungerecht empfundene Strafe führt zu einer ersten nationalistischen Politisierung. Die „nationale Befreiung“ und die Abschüttelung des Versailler Vertrages sind ab jetzt seine Anliegen.

Scheringer wird nun im Widerstand gegen die französische Besatzungsmacht und die rheinischen Separatisten aktiv. Zum Beispiel beteiligt er sich am Überfall auf eine separatistische Druckerei. Die Polizei nimmt Scheringer fest, lässt ihn aber schnell wieder laufen. Das Amtsgericht leitet nur ein Verfahren wegen Sachbeschädigung ein, aber die französische Besatzungsmacht verlangt von den deutschen Behörden Scheringers Auslieferung. Der flüchtete nach Berlin. Die interalliierte Rheinlandkommission weist daraufhin die Mutter aus. Nach einigen Monaten verurteilt ihn ein französisches Kriegsgericht in Abwesenheit zu zehn Jahren Zuchthaus.

In Berlin schließt er sich einem Turnverein „Olympia“ an, der eine getarnte Wehrsportgruppe ist. Dort wird er an der Waffe ausgebildet. 1923 erhält er eine weitere Ausbildung in Küstrin bei der „Schwarzen Reichswehr“ und nimmt an ihrem „Küstriner Aufstand“ teil.

Am 1. April 1924 wird er Offiziersanwärter beim 5. Artillerieregiment in Ulm. Er sieht in der Reichswehr das Vehikel zur Überwindung von Weimar und Versailles. In Ulm entsteht die Freundschaft mit dem Kameraden Hanns Ludin. 1925 wird Scheringer zum Fahnenjunker, 1927 zum Oberfähnrich und 1928 zum Leutnant befördert. Er lernt in dieser Zeit auch russisch, weil er auf ein Militärbündnis Deutschlands mit der Sowjetunion gegen die Westmächte hofft.

Auch für Hanns Ludin ist ein wesentlicher Beweggrund für die Aufnahme der Offizierslaufbahn der nationale Befreiungskampf. Schlüsselerlebnis ist für ihn die Hinrichtung des nationalistischen Aktivisten Albert Leo Schlageter 1923, der auf dem gleichen Gymnasium war wie er.

Da sie von der Reichswehrführung keine entscheidenden nationalrevolutionären Initiativen mehr erwarten, wenden sich 1929 die beiden Offiziere mit der Frage, was in Sachen nationaler Befreiungskampf zu machen sei, an die NSDAP in München. Zusammen mit dem Oberleutnant Hans Friedrich Wendt beginnen sie, herumzureisen und unter Offizieren für die Nationalsozialisten zu werben und Verbindungen zu knüpfen.

Sie werden von einem Gesprächspartner an ihre Vorgesetzten verraten. Am 10. bzw. 11. März werden Scheringer, Ludin und Wendt wegen des Verdachts auf nationalsozialistische Zellenbildung in der Reichswehr vom Dienst weg verhaftet.

Im „Ulmer Reichswehrprozess“ in Leipzig werden die drei am 4. Oktober 1930 zu 18 Monaten Festungshaft verurteilt. Scheringer und Ludin werden aus der Armee entlassen.

Am 25. September 1930 wird Hitler in dem Prozess als Zeuge vernommen und schwört seinen Legalitätseid. Die NSDAP wird ihre Ziele nur auf legalem, parlamentarischem Wege erreichen. Bei dem revolutionär gesinnten Scheringer löst dieses Bekenntnis eine große Enttäuschung und Ernüchterung aus. Vorerst feiern die Nationalsozialisten ihn aber als Märtyrer.

Scheringer freundet sich in der Haftzeit mit kommunistischen Mithäftlingen, gebildeten und erfahrenen Kadern, an. Er studiert mit ihnen marxistische Klassiker wie das „Kapital“ von Marx und ist von dem geschlossenen und stringenten Weltbild der Kommunisten beeindruckt.

Im Februar 1931 kommt es während eines Hafturlaubes in München zu einer Begegnung mit Hitler und Goebbels. In den Gesprächen wird Scheringer klar, dass es den NSDAP-Führern mit dem Sozialismus nicht ernst ist. Hitler bekennt sich noch einmal zur Legalität. Scheringer ist von dem NS-Führer auch als Person sehr enttäuscht.

Als er von seiner Reise zurückkehrt, pfeift er als Zeichen für die Mitgefangenen die „Internationale“. Er hat eine Entscheidung getroffen.

Am 19. März 1931 verliest der KPD-Abgeordnete Hans Kippenberger im Reichstag eine Erklärung Scheringers: „Ich reihe mich als Soldat ein in die Front des wehrhaften Proletariats“.

Die Nationalsozialisten sind irritiert. Goebbels attestiert in seinem Tagebuch eine Haftpsychose.

Die Kommunisten wollen nun die Entscheidung ihres neuen Anhängers gebührend propagandistisch ausnutzen. Es wird die Zeitschrift „Aufbruch im Sinne des Leutnants a.D. Scheringer“ gegründet. Sie erscheint zwischen 1931 und 1933 in zwölf Ausgaben. Leser der Zeitschrift sammeln sich in „Aufbruch-Arbeitskreisen“ (AAK). In dem Blatt kommen ehemalige Nationalsozialisten und Nationalrevolutionäre wie Josef „Beppo“ Römer zu Wort, die sich für den Kommunismus entschieden haben. Es wird eine nationalistische Terminologie gepflegt, um dem parteikommunistischen Zweck zu dienen. Bezug genommen wird bei der Behauptung, dass die wahren Sachwalter der Nation die Kommunisten seien, auf die „Programmerklärung zur nationalen und sozialen Befreiung des deutschen Volkes“ vom 24. August 1930, in der die KPD NSDAP-Rhetorik aus taktischen Gründen aufnimmt und gegen den Versailler Vertrag agitiert.

Erfolg haben diese Bestrebungen nur in bescheidenem Maße. Immerhin folgen Männer wie der Landvolkführer Bruno von Salomon und der aus der NSDAP kommende Schriftsteller Bodo Uhse Scheringer. In der NSDAP gärt es zwar. Jedoch finden etwa die SA-Rebellen um den Hauptmann a. D. Walter Stennes, die am 1. April 1931 einen Putsch gegen die Führung des nationalsozialistischen Wehrverbandes durchführen, nicht zur KPD.

Am 11. April 1932 wird Scheringer wegen seiner kommunistischen Publikationen wegen literarischem Hochverrat zu zwei Jahren und sechs Monaten verurteilt. Durch die Fürsprache seines Freundes Hanns Ludin, wird er im September 1933 aus der Haft entlassen. Ludin wurde im Juni 1931 begnadigt und ist der NSDAP beigetreten. Er ist 1933 zu einem Führer der südwestdeutschen SA aufgestiegen.

Die NS-Führung wirbt um Scheringer. Es gibt Angebote, am Aufbau des Reichsarbeitsdienstes mitzuarbeiten oder in die schlesische SA einzutreten. Nach der Entlassung arbeitet Scheringer zuerst in Münchsmünster, dann auf dem Dürrnhof in Kösching bei Ingolstadt, den seine Mutter 1929 gekauft hat, als Landwirt.

Im Nationalsozialismus setzt Scheringer zuerst Hoffnungen in die SA und eine mögliche zweite, sozialistische Welle der Umwälzungen. Diese Frage erörtert er immer wieder mit Hanns Ludin, der zwischen einer sozialistischen Orientierung und seiner Hitler-Loyalität schwankt. Scheringer reist herum, knüpft Kontakte zu SA-Zirkeln und hält andererseits Kontakt zum Beispiel zum Widerstandskreis des Ernst Niekisch und zu einzelnen Kommunisten.

Scheringer macht aber auch negative Erfahrungen mit der SA. Im März 1934 wird er wegen „Nichterweisung des Hitlergrußes“ von SA-Mitgliedern verhaftet und 10 Tage in Nürnberg inhaftiert. Durch erneute Intervention von Ludin kommt er frei.

Scheringer wird zu einem SA-Aufmarsch für den 30. Juni 1934 eingeladen, auf dem der Wehrverband Stärke beweisen will. Als er auf dem Weg dorthin einen Reichswehrkameraden in Landsberg abholen will, kann der nicht mitkommen, weil die Reichswehr in Alarmbereitschaft versetzt ist. Scheringer wird in Schutzhaft genommen und kann somit nicht am vorgesehenen Treffpunkt in Bad Wiessee erscheinen, wo am selben Tag Ernst Röhm und andere SA-Führer von der SS verhaftet und dann in Stadelheim erschossen werden. Hanns Ludin wird als einer von wenigen SA-Führern von Hitler begnadigt. Die Hoffnung auf eine „zweite Revolution“ ist mit dem sogenannten „Röhm-Putsch“ dahin.

Scheringers Kontakte zu Kreisen des Widerstands brechen nicht ab. Er hat viel mit der Familie Scholl zu tun, deren junge Mitglieder, von denen Hans und Sophie Scholl als Märtyrer der „Weißen Rose“ in die Geschichte eingehen, ab Sommer 1938 ihre Ferien auf dem Dürrnhof verbringen. Scheringer hilft auch einigen Kommunisten, die er zeitweise vor den Häschern des „Dritten Reiches“ versteckt.

Nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges kommt es zu einer heute irritierenden Reaktion Scheringers. Er meldet sich freiwillig an die Westfront. Ein Grund ist der Hitler-Stalin-Pakt und die daraus folgende zeitweilige Illusion, es gebe jetzt eine Frontstellung von russischem Kommunismus und deutschem Nationalismus gegen die Westmächte.

1939 – 1940 kommt es zu seinem Einsatz in Frankreich in der Batterie von Hanns Ludin. Im Juni 1941 findet sich Scheringer an der Ostfront wieder. Auch jetzt kommt für ihn eine Desertion aus dem Ethos der soldatischen Pflichterfüllung heraus, das in ihm noch stark wirksam ist, nicht in Frage. 1941 – 1944 ist er als Landwirt unabkömmlich geschrieben. Vom 23. September 1944 – 27. April 1945 ist er wieder bei der Wehrmacht, zuerst im Ruhrgebiet, dann im Raum Ingolstadt. Er bemüht sich um eine kampflose Übergabe des Gebietes um Ingolstadt an die amerikanischen Truppen.

Am 27. April 1945 kommt er in Kriegsgefangenschaft, zuerst in Bad Kreuznach, dann in Attigny bei Soisson in Frankreich. Im September 1945 wird er schwerkrank entlassen.

Hanns Ludin, der von Januar 1941 bis April 1945 „Gesandter I. Klasse und Bevollmächtigter Minister des Großdeutschen Reiches“ in der nur pro forma unabhängigen Slowakei gewesen ist und an der Deportation von 60.000 slowakischen Juden im Rahmen des Holocausts beteiligt, wird als Kriegsverbrecher am 9. Dezember 1947 in Bratislava, Tschechoslowakei, hingerichtet.

Am 1. November 1945 tritt Scheringer der KPD bei. Er wird unter der amerikanischen Besatzungsmacht kurzzeitig Staatssekretär im bayerischen Landwirtschaftsministerium. Allerdings wird er nach drei Tagen wegen seines früheren Widerstandes gegen die amerikanischen Besatzer im Rheinland abgesetzt.

Von 1946 bis zum Verbot 1956 gehört er der Landesleitung der KPD in Bayern an. Er ist Mitglied der bayerischen Verfassungsgebenden Versammlung. Er wird Mitglied im Bezirksrat von Oberbayern, des Kreistags von Ingolstadt und des Markt-Gemeinderats von Kösching. 1950 – 1951 ist Scheringer Vorsitzender des „Gesamtdeutschen Arbeitskreises für Land- und Forstwirtschaft“, der 1954 verboten wird.

1953 siedelt Scheringer auf seinem privaten Besitz vier heimatvertriebene Bauernfamilien an und versucht Experimente mit einer genossenschaftlichen Wirtschaftsweise anzuregen.

Scheringer arbeitet am „Programm zur nationalen Wiedervereinigung Deutschlands“ der KPD mit, das am 2. November 1952 verkündet wird. Hier wird der „unversöhnliche und revolutionäre Kampf aller deutschen Patrioten“ „zum Sturz des Adenauer-Regimes“ gefordert.

Deshalb verurteilt der Bundesgerichtshof Scheringer wegen Vorbereitung eines hochverräterischen Unternehmens am 13. Juli 1956 zu zwei Jahren Gefängnis. Die Strafe wird mit einer Bewährungsfrist von vier Jahren zeitweilig ausgesetzt. 1961 wird sie aber vollstreckt, nachdem Scheringer wegen Beleidigung von Franz-Josef Strauß in einer Faschingszeitung verurteilt wird.

Zwischen dem 8. November 1961 und dem 13. September 1962 sitzt er in der Strafanstalt Landsberg. Dann begnadigt ihn Bundespräsident Theodor Heuss.

1968 beteiligt er sich an der Neukonstituierung der Kommunistischen Partei als DKP. Lange Jahre gehört er ihrem Vorstand an. Von 1972 bis 1982 vertritt er sie im Markt-Gemeinderat Kösching.

Richard Scheringer stirbt am 9. Mai 1986. Er hinterlässt seine Frau Marianne und elf Kinder.

In der Hauptphase der nationalistisch gefärbten Agitation der KPD spielt er eine herausragende Rolle. Der Begriff „Scheringer-Kurs“ bezeichnet diesen Abschnitt kommunistischer Politik. Diese Phase reicht vom August 1930 bis Oktober 1932.

Ein erster Vorstoß der Kommunisten, um radikal nationalistische Elemente zu gewinnen, ist die Schlageter-Rede von Karl Radek auf dem 3. Plenum des „Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale“ (EKKI) am 20. Juni 1923, bei der er den am 26. Mai 1923 von den Franzosen wegen Spionage und mehrerer Sprengstoffanschläge während der französisch-belgischen Ruhrbesetzung hingerichteten NS-Aktivisten Albert Leo Schlageter als „Märtyrer des deutschen Nationalismus“, der „eindeutig auf der falschen Seite gekämpft hat“, bezeichnet. „Wir werden alles tun, dass Männer wie Schlageter, die bereit waren, für eine allgemeine Sache in den Tod zu gehen, nicht Wanderer ins Nichts, sondern Wanderer in eine bessere Zukunft der gesamten Menschheit werden.“

Nationalistische Rhetorik bedient die KPD weiterhin mit dem „Programm zur nationalen und sozialen Befreiung“ vom 24. August 1930.

Der NSDAP wird hier abgesprochen, eine nationale und sozialistische Partei zu sein. Dabei polemisiert die KP gegen den „Versailler Raubfrieden, den Ausgangspunkt der Versklavung aller Werktätigen Deutschlands“. „Wir erklären feierlich vor allen Völkern der Erde, vor allen Regierungen und Kapitalisten des Auslandes, dass wir im Falle unserer Machtergreifung alle sich aus dem Versailler Frieden ergebenden Verpflichtungen für null und nichtig erklären werden, dass wir keinen Pfennig Zinszahlungen für die imperialistischen Anleihen, Kredite und Kapitalanlagen in Deutschland leisten werden.“

Die KPD ist gegen „die auf Grund des Versailler Gewaltfriedens durchgeführte territoriale Zerreißung und Ausplünderung Deutschlands.“ Die Kommunisten werden sich „für das volle Selbstbestimmungsrecht aller Nationen einsetzen“ und „denjenigen deutschen Gebieten, die den Wunsch danach äußern werden, die Möglichkeit des Anschlusses an Sowjetdeutschland sichern.“

Die KPD engagiert sich für den - am Ende gescheiterten - Volksentscheid zur Auflösung des preußischen Landtags von 1931, den ansonsten auch die Rechtsparteien DNVP, DVP und NSDAP unterstützen. Die Kommunisten dokumentieren dadurch ihre Bereitschaft, mit den „Nationalfaschisten“ gegen die sozialdemokratischen „Sozialfaschisten“ zusammenzuarbeiten.

Der oppositionelle Kommunist Leo Trotzki polemisiert gegen diese Parteinahme der KPD und den „Nationalkommunismus“. Scheringer ist für ihn kleinbürgerlich, reaktionär-utopisch und chauvinistisch. Er kritisiert die „schäbige Konkurrenz mit dem Faschismus“. Trotzki sieht in Scheringers politischen Positionen die „nationalistische Ideologie faschistischer Offiziere“.

Trotzdem muss man doch sagen, dass die Aufnahme nationalistischer Parolen durch die KPD immer eine deutliche Grenze hat. Die nationale Revolution bleibt der sozialen immer nachgeordnet. Hier besteht ein klarer Unterschied zum „Nationalbolschewismus“ etwa eines Ernst Niekisch, der das Primat des Nationalen vor dem Sozialen betont und damit trotz der prosowjetischen Orientierung eindeutig eine Ideologie der Rechten ist.

Der „Scheringer-Kurs“ bleibt ein Zwischenspiel. Auf der Reichskonferenz der KPD vom 20. 10. 1932 wird der maßgeblich von dem bis dahin führenden Funktionär Heinz Neumann vertretene „nationalkommunistische“ Kurs endgültig verurteilt.

Nachklänge dieses Kurses auf der Linken gibt es bis heute. 1993 veröffentlichte die rechtskonservative Zeitung Junge Freiheit ein Interview mit dem Sohn Scheringers, Johann Scheringer. Der war damals Fraktionsvorsitzender der PDS im Landtag von Mecklenburg-Vorpommern. Daraus haben Beobachter auf „nationalbolschewistische“ Tendenzen in der PDS geschlossen. Solche Tendenzen unterstellte auch der Spiegel der Partei angesichts einer Debatte in den Seiten des Neuen Deutschland über die nationale Frage 1998, in der neben Johann Scheringer auch der Junge Freiheit-Mitarbeiter Roland Wehl zu Wort kam. Hier kritisiert etwa der ND-Redakteur Hans Dieter Schütt, dass von der Linken „alles Nationale in die Nähe des Völkischen gerückt“ werde. Ein Gerd Walliser fordert, dass sich die deutsche Linke „mit weniger Scheu den nationalen Fragen und Phrasen stellen“ solle. In der DDR hätten „Preußentum und Sozialismus“ ganz gut zusammengepasst. (Dietmar Gottfried)

Anzeige