Von Kapitänen und Trollen

Bild: Pixabay

Es ist schon lange an der Zeit, sich darüber Gedanken zu machen, wie man die Wirksamkeit rechter Hetze im Internet mindern kann

Im August 2013 filmte ich zufällig einen kurzen Auftritt der Sängerin Sarah Lesch in Tübingen. Einen Clip mit ihrem Lied "Der Kapitän" lud ich auf Youtube hoch.

Damit könnte eigentlich schon alles gesagt sein, aber wir leben in Zeiten, die das verhindern. Fünf Jahre später hat das Video fast 1,2 Millionen Views, und jeden Tag kommen durchschnittlich 1.000 dazu. Kein anderes meiner Videos erreicht auch nur annähernd diese Klickzahlen. Weder der Song "Tolerante Nazis" der Band Egotronic noch ein kleiner Film über den Wehrmachtssoldaten Peter Fox und sein kurzes Leben.

Das liegt sicher nicht am überlegenen "production value" von "Der Kapitän". Ich musste mit einem Monopod auskommen, was man deutlich sieht. Kamera und Objektiv waren absolute Durchschnittsware.

Der einzige Grund dafür, dass das Video so oft angeschaut wird: Sarah Lesch besingt darin Stefan Schmidt, der 2004 als Kapitän der Cap Anamur 37 afrikanische Flüchtlinge aus Seenot rettete und nach Italien brachte. Die italienische Justiz betrachtete Schmidts Rettungsaktion als "bandenmäßige Beihilfe zur illegalen Einreise in einem besonders schweren Fall".

Von diesem Vorwurf wurde Schmidt erst 2009 freigesprochen. Im gleichen Jahr erhielt er die Carl-von-Ossietzky-Medaille der internationalen Liga für Menschenrechte. Diese Preisverleihung bildet das narrative Rückgrat von Sarah Leschs Song. Aktuell ist Stefan Schmidt der ehrenamtliche Landesflüchtlings- und Zuwanderungsbeauftragten des Landes Schleswig-Holstein.

Das einfache Lied zu einem an sich einfachen Vorgang der Seenotrettung findet viele interessierte, gerührte, begeisterte Zuhörer. Manche berichten von Tränen oder verhalten sich wie Fanboys. Manche bedauern, dass das Lied über die Jahre so aktuell geblieben ist. Und dann sind da die anderen.

Man könnte vielleicht meinen, dass Leute, denen der Film oder der Song oder sein Thema nicht gefällt, ihre Kritik in gemessenen Worten ausdrücken können. Aber wir leben in Zeiten, die das nicht erlauben. Stattdessen gibt es gar keine kritischen Beiträge im eigentlichen Sinne.

Die Sängerin wird sexistisch oder anderweitig beleidigt, Stefan Schmidt ist ein "Schlepper". Schäumender, stammelnder Wahn nach dem zehnten Bier, kalt abgehangener, sprachlich sauber verbrämter Hass, "Sollen sie doch alle absaufen!", "Merkel muss weg!" - alles, was man heutzutage an Sorgen bei den besorgten Bürgern zu erwarten hat, ist dabei.

Interessant: Der damalige deutsche Innenminister Otto Schily hat schon 2004 zusammen mit seinem italienischen Kollegen Pepe Bisanu im Fall Cap Anamur die rhetorischen Bausteine zusammengestellt, mit denen die Seenotrettung im Mittelmeer auch heute sabotiert wird. Die beiden Politiker wollten die Anlandung der Geretteten verhindern, um keinen "gefährlichen Präzedenzfall" zu schaffen.

Als die Cap Anamur schließlich doch in Porto Empedocle einlief, wurde das Schiff sofort beschlagnahmt und erst nach Monaten wieder freigegeben. Die Wut- und Hutbürger wissen wahrscheinlich gar nicht, dass sie sich als späte Fans von Otto Schily zu erkennen geben.

Warum sollte ich solche "Wortbeiträge" durchlassen? Diese Leute wollen Energie abziehen, Lügen verbreiten und Diskussionen anstiften, die nur in Geschrei enden können, weil das genau ihr eigentlicher Zweck ist.

Dass ich den Unsinn herausfiltere, wird auch von den Usern bemerkt, die das Video mögen. Der Krawall scheint ihnen nicht zu fehlen. Und wer weiß, vielleicht kommt ja auch noch eines Tages Kritik, die man ernst nehmen kann. Bis jetzt ist der Ausschluss der Saboteure und Wut-Ochsenfrösche nur zu empfehlen. (Marcus Hammerschmitt)

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