Von Kühen und UFOs

Mehrere hundert Rinder wurden in den vergangenen Wochen in Argentinien grausam verstümmelt aufgefunden; die Landbevölkerung glaubt an das Werk von Außerirdischen

Seit Mitte Juni melden die argentinischen Tageszeitungen täglich unerklärliche Funde von verstümmelten Kühen in verschiedenen Provinzen des Landes. Den Tieren fehlen zumeist ein Auge, ein Ohr, die Zunge, die Genitalien und verschiedene innere Organe. Augenzeugen berichten von chirurgisch perfekten Schnitten und von sonderbar sauberer Arbeit. Die Täter hinterlassen keine Spuren, nicht einmal Blutspritzer soll es geben. Während die argentinischen Behörden nach einer irdischen Erklärung für die mysteriösen Vorfälle suchen, machen die Dorfbewohner UFO-Piloten und Fabelwesen für den Organraub verantwortlich - genau wie vor 30 Jahren, als das Phänomen der Tierverstümmelung erstmals auftrat. Damals waren die USA, Kanada, Mexiko und Costa Rica betroffen.

Argentiniens Polizei ist ratlos. "Diese Kühe wurden nicht mit menschlichen Techniken getötet", gab Hauptkommissar Gonzáles de Trenque Lauquen kürzlich vor Journalisten zu Protokoll und offenbarte damit die Erklärungsnot der Ermittler. Dabei ist das Rätsel der ausgeweideten Kühe alles andere als neu. Bereits in den 70er Jahren hatte sich das FBI mit ähnlichen Fällen beschäftigt. Heraus kam damals ein 128 Seiten starker Untersuchungsbericht - eine Dokumentation ohne Ergebnis.

In Argentinien vermischt sich der UFO-Glaube mit der Volksmythologie

Angefangen hat alles mit der Stute Lady. Das Pferd lag am Morgen des 8. September 1967 tot auf einer Weide im US-Bundesstaat Colorado. Haut und Fleisch des Kopfes waren bis auf das blanke Skelett restlos entfernt, zahlreiche innere Organe sowie das Gehirn und das Rückgrat des Tieres fehlten. Durch präzise Schnitte hatte man die Muskeln feinsäuberlich vom Knochen getrennt, Blutspuren wurden nicht gefunden.

Der mysteriöse Tod der Stute ließ sich nach Ansicht der Einwohner des San Luis Valley nur durch das Eingreifen Außerirdischer erklären, zumal die Lokalzeitung "Pueblo Chieftain" zur gleichen Zeit verstärkt von UFO-Sichtungen berichtet hatte. Als sich in den 70er Jahren die Meldungen von verstümmelten Pferden und Rindern in den USA und anderen amerikanischen Ländern häuften, tauchten auch immer mehr Zeugen auf, die UFOs in der Nähe der Tatorte gesehen haben wollten. Hauptargumente für die extraterrestrische Aktivität waren die ungewöhnliche Präzision der Schnitte und das Fehlen jeglicher Spuren.

Nicht einmal die sonst so beliebten Verschwörungstheorien konnten sich gegen die Vorstellung von einer Bedrohung aus dem All durchsetzen. Nur manch ein Schlaumeier mutmaßte, die Tierverstümmelung sei ein weltweites Experiment zur psychologischen Kriegführung, bei dem der amerikanische Geheimdienst an den Einwohnern seines eigenen Landes testen wollte, inwieweit diese an eine fremde Macht glaubten.

In der argentinischen Landbevölkerung sind die Reaktionen auf das seltsame Kuhsterben von heute ähnlich. Allerdings vermischen sich hier UFO-Visionen mit südamerikanischer Volksmythologie. Der größte Konkurrent des Marsmenschen in der aktuellen Diskussion ist der mexikanische Chupacabras, der berüchtigte Blutsauger-Ziegenbock. Es handelt sich dabei um eine Mischung aus Fledermaus, Känguruh und Alien mit langen, spitzen Krallen. Der Chupacabras springt oder fliegt von Baum zu Baum und greift alle Haustiere von Hühnern bis zu Pferden an, um ihnen das Blut vollständig auszusaugen.

So steht es jedenfalls auf der Internetseite der 10 000-Seelen-Gemeinde Salliqueló, einer Ortschaft, die ca. 550 Kilometer von der Hauptstadt Buenos Aires entfernt liegt. Auf der Homepage des Dorfes wurden vor kurzem mehrere Chat-Channels eingerichtet, in denen die Einwohner die mysteriösen Vorfälle in der Region erörtern können. In einem Kommentar heißt es dort: "Bis jetzt hat man noch keine logischen Gründe gefunden. Die Unsicherheit ist groß und daher haben im Moment alle Hypothesen - von den verrücktesten bis zu den vernünftigsten - den gleichen Wert."

Nicht jedoch für den Tiermediziner Alejandro Martínez. Seiner Meinung nach sind die vielzitierten "perfekten chirurgischen Schnitte", die angeblich nur mit größtem technischen Aufwand bewerkstelligt werden können, sehr einfach mit einem gewöhnlichen Instrument durchführbar, das in der Tiermedizin seit 50 Jahren eingesetzt wird. Das Instrument ist eine Art Brennmesser, das ohne weitere Energiequelle funktioniert. Einmal angezündet (z.B. mit einem Feuerzeug) erhitzt es sich auf 760 Grad. Beim Schneiden kauterisiert die Hitze gleichzeitig die behandelte Stelle, so daß kein Tropfen Blut fließt.

Auch die Tatsache, daß die Täter keine Spuren hinterlassen, ist für Martínez kein Zeichen besonderer außerirdischer Raffinesse. Im banalen Fall eines Tierdiebstahls würden auch keine Spuren gefunden, da die Diebe normalerweise Schuhe mit glatten Sohlen benutzten, sagte der Veterinär der Tageszeitung Pagina12. "Sicherlich kommen diese Leute mit einem Wagen, aber logischerweise stellen sie ihn mindestens einen Kilometer entfernt ab."

Das Werk einer Phallus-Sekte, der Mafia oder ausländischer Rindfleischproduzenten?

Doch wer hat die Tiere getötet, wenn nicht die Außerirdischen? In der argentinischen Presse werden derzeit vier Hypothesen diskutiert. Erstens: Hinter den Taten steht eine blutrünstige Phallus-Sekte, die den Körpersaft und die Geschlechtsorgane der Tiere für rituelle Zwecke verwendet. Zweitens: Eine esoterische Vereinigung inszeniert die Tierverstümmelungen, um damit ihrer Anhängerschaft die Existenz übernatürlicher Phänomene vorzugaukeln. Drittens: Eine Mafia-ähnliche Organisation möchte den Gutsbesitzern Angst einjagen, damit diese ihrer Felder billig verkaufen. Und viertens: Ausländische Rindfleisch-Produzenten versuchen, mit schmutzigen Tricks den argentinischen Rinder-Export zu ruinieren.

Eindeutige Indizien für die eine oder andere These gibt es allerdings nicht. Auch die eigens eingesetzte Untersuchungskommission der nationalen Tiergesundheitsbehörde Senasa konnte noch keine durchschlagenden Ergebnisse präsentieren. Nur ein paar schauerliche Gerüchte wurden entkräftet. Zum Beispiel dieses, dass die Tiere nach der Verstümmelung nicht verwesen, oder jenes, dass sich selbst Aasfresser vor den unheimlichen Kadavern fernhalten.

Eine weitere Merkwürdigkeit haben die Pathologen aber doch noch entdeckt: Man hat bislang keine Kühe gefunden, die weniger als 72 Stunden tot waren. Auch damals nicht in den Vereinigten Staaten, wo immerhin 1.500 Fälle dokumentiert sind. Dies ist ebenso seltsam wie ärgerlich, denn die Untersuchung der genauen Todesursache wird dadurch fast unmöglich.

Oder einfach nur Versicherungsbetrug ...

Wurden die Kühe also doch von UFOs entführt und nach drei Tagen amputiert auf ihre Weide zurückgeworfen? Oder alarmierten die Bauern erst Tage nach dem Ableben der Tiere die Behörden, um etwas zu vertuschen? In einer äußerst UFO-skeptischen mexikanischen Publikation wird ein Landarbeiter zitiert, dessen Bemerkungen letzteres plausibler erscheinen lassen.

Nach seiner Aussage versichern alle Bauern ihre Kühe. Um Geld zu sparen, schlössen die meisten Farmer allerdings eher Policen gegen seltene Katastrophen ab - wie gegen Blitzschlag, Brand, Ermordung der Kühe durch Psychopathen oder gegen außerirdische Angreifer, nicht aber gegen gewöhnliche Krankheiten, Schlangenbisse und vergiftete Fangeisen. Für eine normal verendete Kuh bekommen diese Bauern daher nichts - sie müssen den Kadaver sogar noch auf eigene Kosten entsorgen.

Vor diesem Hintergrund erscheint es kaum merkwürdig, daß die Zahl der Verstümmelungen direkt proportional zur Bereitschaft der Versicherung oder der lokalen Behörde ist, für einen mysteriösen Unglücksfall Schadenersatz zu zahlen. "Die Bauern spielen ihr Spiel gut", resümiert der mexikanische Informant. "Wenn man sie befragt, stehen ihnen die Haare zu Berge während sie von Lichtern in der Nacht sprechen. Aber bitte keinen, Dir sein Messer zu zeigen..." (Caroline Mayer)

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