Von Maschinenintelligenz und dem Aufruf zum Widerstand gegen die Opponenten des Fortschritts

Viel Zukunft auf der Extro-5

Forscher, Denker, und Zukunftsorientierte folgten am 16./17. Juni im dreizehnten Jahr seines Bestehens dem Ruf des Extropy Institute nach Kalifornien zur Extro-5-Konferenz, die dieses Mal unter dem Motto "Shaping Things to Come" stand und einen deutlich politischeren Beigeschmack hatte.

Nachdem der Schwerpunkt der Extro-4 auf der Biotechnik gelegen hatte (Die Extropianer trafen sich wieder zur Extro 4), widmete man sich in diesem Jahr den Themen Maschinenintelligenz, Leben in der Informationswirtschaft, Beherrschung der Informationsflut und dem wachsenden Widerstand durch Biokonservative und Technikgegner. Der dazu passend ausgewählte Konferenzort war ein Hotel der oberen Klasse im Herz von San Jose, der selbsternannten Hauptstadt des Silicon Valley.

Schon am Freitag, am Vorabend der eigentlichen Veranstaltung, versammelten sich etwa 120 Zuhörer zu Ray Kurzweils Vortrag über das Näherrücken der Singularität, dem Zeitpunkt, an dem sich der technische Fortschritt so beschleunigt, dass er hinter dem Horizont des heute Verstehbaren verschwinden soll. Kurzweil, dessen Buch "The Age of Spiritual Machines" (Spirituelle Maschinen) weithin für Aufsehen sorgte, ist prominenter Gegner von Bill Joy in der öffentlichen Debatte um die Gefahren zukünftiger Technik (Angst vor der Zukunft). Mit seinem Vortrag gab er einen Einblick in sein für Anfang 2002 angekündigtes nächstes Buch "The Singularity Is Near".

Der teilweise als offene Diskussion gestaltete Vortrag stand ganz im Zeichen der Exponentialfunktion. Das Denken der Menschen tendiere zur Linearität. Dagegen zeigte Kurzweil eine Fülle von Graphen, die auf Basis der von seinem Team gesammelten Fakten den Fortschritt auf verschiedenen Gebieten veranschaulichten. Telekommunikation, Miniaturisierung, Wissen, E-Commerce, amerikanisches Bruttosozialprodukt, ja selbst die zunehmende Bildung zeige ein exponentielles Wachstum. Gleichzeitig steige auch die Menge der Ressourcen, die in diese Bereiche investiert würden, was noch einmal zu einem schnelleren Zuwachs führe. Selbst das Sorgenkind Software befinde sich in einem, wenn auch langsameren, exponentiellen Aufstieg.

Lieblingskind Kurzweils war der Gewinn an verfügbarer schierer Rechenleistung, den er gar als Doppel-Exponentialfunktion ausmachte - auch bei logarithmischer Achsenbeschriftung zeigte der Graph einen exponentiellen Zuwachs. Moores Gesetz habe schon seit einem Jahrhundert Bestand - über Mechanik, Relais, Röhren, Transistoren und integrierte Schaltkreise hinweg. Ein Ende sei nicht abzusehen, der nächste Schritt bei Auslaufen des aktuellen technischen Paradigmas sei die dreidimensionale Integration.

Soviel Fortschritt kann nicht ohne Folgen bleiben. Für 2010 sagt Kurzweil die Allgegenwart von in Alltagsgegenständen integrierten Rechnern ("ubiquitous computing") voraus, Netzhautdisplays, Netzanbindung rund um die Uhr, audio-visuelle virtuelle Realität und "augmented reality", das Einblenden von virtuellen Elementen in die Wahrnehmung der physischen Realität. Bis 2030 soll neben voller VR inklusive Unterstützung des Tastsinns auch eine vollständige Abtastung des menschlichen Gehirns vorhanden sein. Die Kopplung von Mensch und Maschine werde Bürger im Jahr 2040 eine Milliarde Mal intelligenter machen als einen einfachen Menschen. Was danach komme, könnten wir verständlicherweise nicht mehr wissen.

Bill Joys Ruf nach Verzicht sei unangemessen und unrealistisch. Im selben Maß wie das Potenzial für Aggression wachse auch die Abwehrfähigkeit. Die Bereiche der Technik seien zu eng verzahnt, die Miniaturisierung allgegenwärtig, so dass ein gezielter Verzicht auf Nanotechnik gar nicht möglich sei, ohne die komplette technische Entwicklung anzuhalten. Interessanterweise baue Bill Joys Firma Sun weiterhin immer schnellere Rechner mit immer kleineren Prozessorstrukturen und mache keinerlei Anstalten sich im von Joy gepredigten Verzicht zu üben.

Alles in allem erwies sich Ray Kurzweil als rhetorisch geübter Redner und sein Vortrag nicht allein wegen der Prominenz des Sprechers schon als ein früher Höhepunkt der Veranstaltung. Interessant aber auch, dass selbst bei diesem Publikum, dem die Ideen des Vortrags ebenso vertraut wie willkommen waren, eine gewisse Skepsis blieb, ob Kurzweils Sicht nicht zu sehr auf blinden Optimismus setze, was im weiteren Verlauf der Konferenz noch mehrfach thematisiert werden sollte.

Am Samstag Morgen eröffnete der Gründer und Vorsitzende des Extropy Institute, Max More, die Tagung. Mit etwa 170 Besuchern erreichte die Konferenz die gleiche Teilnehmerzahl wie vor zwei Jahren. Das Publikum war ähnlich: die meisten im Alter von 20 bis 40; weitgehend männlich, mit leicht gewachsenem Frauenanteil; weiße Amerikaner, dazwischen eine Handvoll Europäer; die Kleidung durchgängig informell; einige Notebooks, PDAs und viele Digitalkameras.

Max More rief ins Bewusstsein, wie aktuelle Schlagzeilen wohl noch im Jahr 1980 gewirkt hätten: Arbeit an Stammzellen, der Papst veröffentlicht eine Stellungnahme zu menschlichem Klonen - aus der Sicht von vor 20 Jahren eine Welt aus der Science Fiction. Informations- und Biotechnik konvergieren. Kaum bemerkt machen sich im Hintergrund kulturelle Veränderungen breit. Als Beispiel nannte More die japanischen und europäischen Jugendlichen, die durch SMS-Mitteilungen ständig mit ihren Freunden in Kontakt stehen und für die Vorstellung anhaltender Trennung befremdlich wirken müsse.

Der Samstag Morgen stand im Zeichen des Themas Maschinenintelligenz. Den Anfang machte ein Podium aus Eliezer S. Yudkowsy, Anders Sandberg, Michael Korns und John Smart, die unter der Moderation von Robert Bradbury Vorträge, Podiums- und Publikumsdiskussion verwoben. Anders Sandberg, universalgebildeter schwedischer Neuroforscher und Transhumanist, eröffnete mit einer Kurzeinführung in die Problematik: Was ist allgemeine Intelligenz überhaupt, was Superintelligenz, was freundliche Superintelligenz? Aus seiner Sicht ist die Schaffung einer freundlich gesonnen Superintelligenz letztlich ein praktisches Problem.

Direkt im Anschluss präsentierte Eliezer Yudkowsky einen Abriss seines Konzepts einer freundlichen künstlichen Intelligenz. Für viele der Anwesenden war dies die erste leibhaftige Begegnung mit einer der schillerndsten Figuren der Extropianer-Szene. Der Autodidakt, bei dem sich eindrucksvolle Intelligenz mit einem völligen Versagen im amerikanischen Bildungssystem paarten, entfloh kurz nach Erreichen der Volljährigkeit förmlich seiner orthodox-jüdischen Familie und lebt seitdem in Atlanta, wo er im Rahmen des Singularity Institute for Artificial Intelligence (SIAI) an der Entwicklung einer Saat-KI arbeitet, die sich, einmal in Gang gesetzt, durch explosionsartige Selbstverbesserung rasch zu einer Superintelligenz entwickeln und dann nicht nur die materiellen Probleme der Menschheit lösen, sondern insbesondere unsere drohende Selbstauslöschung verhindern soll.

Yudkowsky hat mehrere, inzwischen auf Buchumfang angeschwollene Entwurfsaufsätze veröffentlicht und plant, Ende des Jahres mit der Implementierung zu beginnen. Auf Mailinglisten ebenso durch Kompromisslosigkeit wie messerscharfe Intelligenz aufgefallen, entpuppte sich Yudkowsky als ein äußerlich unauffälliger junger Mann Anfang 20 mit sorgfältig gestutztem Vollbart, mit bedächtiger Stimme sprechend und bei jedem Satz einen wohlüberlegten Eindruck hinterlassend.

Nach Yudkowskys extrem anspruchsvollen Vortrag ergriff noch einmal Anders Sandberg das Wort, um einige weitere Aspekte des Problems der Entwicklung einer der Menschheit freundlich gesonnenen Superintelligenz zu erörtern. Dabei hält er im Gegensatz zu Yudkowsky eine rasante Selbstentwicklung ("hard takeoff") für unwahrscheinlich und rechnet mit einer langsamen Weiterentwicklung von einfacher KI zur Superintelligenz, wobei auch der Gesamtkontext und wirtschaftliche Faktoren eine Rolle spielen werden. Wie einer der Konferenzteilnehmer später am Tag bemerkte, schien es, dass Sandberg all die entscheidenden Fragen aufzeigte, aber keine sicheren Antworten zu geben wusste, während Yudkowsky große Gewissheit in seinen Antworten zeigte, aber offen blieb, ob diese auch die richtigen Fragen trafen.

Es folgten zwei Kurzvorträge. Michael Korns, seit 37 Jahren im Informatikbereich tätig, improvisierte, inspiriert von einer Diskussion des vergangenen Abends, über Ray Kurzweils Konzept des "Inloading". Während "Uploading" den Transfer eines Bewusstseins in eine Maschine bezeichnet - in Extropianer-Kreisen ein alter Hut - werden beim Inloading winzige Nanobots ins Gehirn gesetzt, wo sie sich an Neuronen anschließen, neue Verbindungen herstellen, die Funktion von Neuronen emulieren, und auf diese Art das Bewusstsein langsam in die Nanobots hineinwächst, die viel schneller als natürliche Neuronen sind. John Smart befand in seinem Vortrag, dass viele Katastrophen, die ein scheinbares Ende einer exponentiellen Entwicklung bedeuten, nur eine kleine, für die Gesamtheit unbedeutende Auswirkung hätten, nur ein Zipfel einer Gaußglocke seien, und dass trotz allem die Exponentialentwicklung weitergehe. Die Zuhörerschaft reagierte mit Skepsis.

Einige tiefgehende Fragen aus dem Publikum zeigten, dass sich einige der Anwesenden schon vorher auch mit speziellen Konzepten wie dem von Yudkowsky vertraut gemacht hatten. Beachtenswert auch die Beiträge von Ben Goertzel, dessen Firma Webmind Inc. kurz zuvor Konkurs anmelden musste, und der auch auf der Extro nach neuen Finanzgebern suchte, um die nach seinen Angaben bereits zu drei Vierteln abgeschlossene Arbeit an einer ersten KI (unklarer Mächtigkeit) zu vollenden.

Die zweite Hälfte des Vormittags widmete sich der Frage, ob die Entstehung einer zukünftigen Superintelligenz unter Eingliederung des Menschen oder getrennt von ihm verlaufen würde. Marc Stiegler, Autor des Romans "Earthweb", präsentierte seine Vorstellung, dass sich das World Wide Web zu einer Art Organismus entwickle, der eine erste Superintelligenz werden könne. Dabei unterscheide sich das Verhalten des Gesamtorganismus von dem seiner Zellen (einzelne Menschen). Im Gegensatz zu dem in der populären Kultur verbreiteten Bild des Borg-Kollektivs aus "Star Trek" würden die einzelnen Zellen sich freiwillig in das Earthweb integrieren, was ein viel stärkeres Ganzes ergebe. Natürlich sei das WWW zur Zeit noch sehr primitiv, für die Zukunft nahm Stiegler bidirektionale Links, Reputationsverwaltung und einen Ideen-Markt an. Für den Fall, dass das Earthweb auf eine KI im Keller eines Bastlers stieße, würde es diese schlicht vereinnahmen.

Anschließend untersuchte Anders Sandberg noch einmal allerlei Fragen zum Thema Intelligenz, insbesondere was allgemeine Intelligenz im Gegensatz zu spezieller auszeichnet. In seinem Szenario werden wir eine langsame Entwicklung von künstlicher Intelligenz erleben, mit einer Vielfalt verschiedener intelligenter Systeme, die nacheinander allgemeine Intelligenz erhalten werden.

Peter Voss, der ebenfalls am Entwurf eines konkreten KI-Systems arbeitet, vertrat einen teilweise gegensätzlichen Standpunkt. So rechnet er wie Yudkowsky mit einer schnellen Selbstentwicklung, sobald das erste wirkliche intelligente System aktiviert wird. Allgemeine Intelligenz hält er in zehn Jahren für möglich, schließlich beweise der Mensch, dass diese Fähigkeit grundsätzlich realisierbar sei. Entworfene System seien viel einfacher weiterzuentwickeln als durch die Evolution gewachsene, die aktuelle Hard- und Software sei sehr ineffizient für KI und eine Verbesserung um den Faktor einer Million wahrscheinlich leicht möglich. Computer, die intelligent genug seien, um das menschliche Gehirn zu verbessern, würden erst recht sich selbst verbessern können - ganz zu schweigen von den gesellschaftlichen und gesetzlichen Problemen von Experimenten am Menschen. Es entbrannte eine rege Debatte, ob die Zukunft von einer Intelligenzverstärkung des Menschen oder selbständigen künstlichen Intelligenzen bestimmt würde.

Der Nachmittagsblock wandte sich wirtschaftlichen Themen zu. Hal Varian, von der Universität von Kalifornien in Berkeley und Kolumnist für die New York Times, sprach über eine computervermittelte Wirtschaft, wo Rechner als neutrale Dritte in Verhandlungen auftreten und auch die Einhaltung komplizierter Verträge überwachen könnten. Varian zeigte sich zuversichtlich, dass es Märkte auch noch im nächsten Jahrtausend geben werde, auch wenn wir die Natur der dort gehandelten Güter nicht mehr verstehen. Der Aktienmarkt werde in Zukunft komplette ins Netz wandern, der Handel durch autonome Agenten stattfinden. Insgesamt werde die Computerisierung bereits vorhandene wirtschaftliche Erscheinungen verstärken.

Steve Flinn, Geschäftsführer von ManyWorlds Inc., diskutierte anhand gegenwärtiger Trends Geschäftsmodelle für die Zukunft. Ohne Innovation könne kein Gewinn mehr erzielt werden und die Wertschöpfung geschehe nun bei Firmen, wo die Innovation bei den Geschäftsmodellen selbst erfolge. In Zukunft werde man verstärkt modulare Geschäftsprozesse und daraus zusammengesetzte Geschäftsmodelle erleben.

Nick Szabo, Verschlüsselungsforscher, stellte sein Konzept der intelligenten Verträge und sogenannter Proplets vor, nanotechnische Systeme zur Überwachung der Verträge. Für die ferne Zukunft entwarf er ein Bild, wo Materie, Raum und Strahlung im ganzen Universum einen Besitzer haben und rechtssicher erfasst sein könnten.

Mark Miller eröffnete seinen Vortrag mit einer Analogie, die tatsächlich auch schon als Experiment durchgeführt wurde: Man versuche einen wissenschaftlichen Text mit einem Stift zu schreiben oder mit einem Stift, der an einen Ziegelstein gebunden ist. Und obwohl es sich um eine vornehmlich geistige Arbeit handle, würde der Ziegelstein die Qualität der Ausarbeitung drastisch vermindern. Ziel müsse es sein, den nächsten Ziegelstein zu entfernen. Miller erläuterte, dass es in vielen armen Gebieten der Welt nicht an Werten, wohl aber an verfügbarem Kapital mangele, weil vertrauenswürdige Strukturen fehlten, ohne die keine komplexe Zusammenarbeit und damit kein fortgeschrittenes Wirtschaften möglich sei. Verschlüsselte Kommunikation über das Internet erlaube auch diesen Regionen die etablierten Vertrauensstrukturen der ersten Welt in Anspruch zu nehmen, an lokaler Gesetzgebung oder deren Fehlen und Korruption vorbei, um sich so den eigenen Wohlstand zu erschließen. Die kryptoanarchistische Bewegung lässt grüßen.

Wie sich schon bei früheren Konferenzen gezeigt hatte, machte einen großen Teil des Interesses nicht das offizielle Vortragsprogramm aus, sondern die Möglichkeit Gleichgesinnte zu treffen und körperlosen Email-Adressen und Netzkontakten endlich Gesichter zuzuordnen. In den Pausen und an den Abenden bildeten sich vielfach spontane Diskussionsgruppen zu einer Fülle von Themen. Einige Teilnehmer nutzten auch die Gelegenheit ihre geschäftlichen Projekte vorzustellen, von zukunftsgerichtetem Consulting für Großfirmen bis zu Wearables und Augmented Reality. Laptops wurden hervorgeholt, Präsentationen am runden Tisch gezeigt.

Den Samstag Abend nahm ein gemeinsames Bankett ein, an dessen Anschluss Greg Burch, Anwalt aus Houston und stellvertretender Vorsitzender des Extropy Institute, eine Ansprache hielt, die von den Teilnehmern einhellig als Höhepunkt der Konferenz beurteilt wurde. Der hünenhafte Texaner beschrieb den Ursprung der fortschrittsfeindlichen Bewegungen der Gegenwart, angefangen von Plato über den Irrglauben vom edlen Wilden zu den drei Tendenzen der romantischen Naturverherrlichung, des Wächterglaubens (eine kleine Elite müsse das Volk vor sich selbst schützen) und des alten Aberglaubens mit ihren jeweiligen modernen Manifestationen in Form der radikalen Umweltbewegung und amerikanischen Grünen, des Sozialismus und der europäischen Grünen. Dazu gehören auch die traditionellen Religionen und der New-Age-Spiritualismus.

Extropianer und Gleichgesinnte seien dagegen die neue vorderste Front der klassischen Aufklärung. Für den unvermeidlichen Konflikt umriss Burch mehrere Strategien. Die Rede wurde mit stehenden Ovationen aufgenommen.

Die erste Hälfte des zweiten Konferenztags wandte sich der Informationsgesellschaft zu. Zuerst flößte Harvey Newstrom, Berater im Bereich Rechnersicherheit, den Zuhörern eine überfällige Dosis Paranoia ein. Vom Missbrauch von Cookies und JavaScript im Web war zu hören, vom Erstellen von Profilen, Verknüpfen von Benutzerdaten und ihrem Verkauf, von Würmern, trojanischen Pferden, Spähprogrammen und regelrechten Kriegen, die sich Kopierschutz- und Gegenmaßnahmen auf dem eigenen PC liefern. Firmen würden regelmäßig gegen gesetzliche Regelungen und versprochend Datenschutzverpflichtungen verstoßen. Könne ihnen etwas nachgewiesen werden, würden sie zuerst leugnen und dann behaupten, alles sei nur ein Versehen gewesen. Für die Zukunft sei mit einem Cyberwar im Internet und auf jedem PC zu rechnen.

Anschließend vertraten Tad Hogg, Lee David Crocker und Nick Szabo unterschiedliche Positionen zum Thema Datenschutz. Hogg behandelte Themen wie Anonymität, Pseudonymität und Verschlüsselung für eine begrenzte Preisgabe personenbezogener Informationen. Crocker stellte sich auf die vor einiger Zeit von dem Autor David Brin, der übrigens im Publikum weilte, kontrovers vertretene Position, dass umfassender Datenschutz in der Zukunft schlicht unmöglich sei, wir uns damit abfinden und darauf basierende gesellschaftliche Systeme entwickeln sollten. In diesem Zusammenhang wies er auch auf die Bedeutung von Open Source und offenen Spezifikationen hin. Szabo wiederum erläuterte die Konzepte hinter Hilfsmitteln wie Proxies, Anonymisierern, deren Verkettung, blinden Signaturen und anonymem digitalen Geld. Letztlich entspreche der Verlust personenbezogener Daten dem Verlust der eigenen Freiheit.

Der Schlussabschnitt der Konferenz beschäftigte sich in Fortsetzung der Bankettansprache vom Vorabend mit der Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Bewegungen und konkreten Gruppen, die sich dem Fortschrittsstreben der Extropier entgegenstellen. Hier gab man sich ausgesprochen kämpferisch. Die Podiumsrunde bildeten Greg Burch, der Journalist Ronald Bailey von der Zeitschrift Reason, der Autor Greg Bear, der Genetiker Michael Rose und die Künstlerin Natasha Vita-More.

Bailey erläuterte, dass die zentrale Furcht der Linken und der Umweltbewegung eine wachsende Ungleichheit sei. Sie strebten danach, eine Gesellschaft der Ineffizienz zu formen. Zur Veranschaulichung bediente er sich der Analogie des Kerzenmacher-Irrtums: Wohin kämen wir, wenn wir elektrische Beleuchtung einführten, schließlich verlören dann alle Kerzenmacher ihre Arbeit? Erregt zeigte Bailey sich auch über die Verbreitung des Vorsichtsprinzips ("Cautionary Principle"): Jeder, der neue Technik einführen wolle, müsse ihre absolute Unbedenklichkeit beweisen - der Beweis eines Negativs ist aber wissenschaftlich unmöglich, womit die Anwendung dieses Prinzips jeglichen Fortschritt blockieren könne. Als nächsten Schritt in diese Richtung machte er die angestrebte Einrichtung von Technikfolgeneinschätzungsbehörden bei den Vereinten Nationen aus.

Greg Bear vergaß in seinem Beitrag nicht schon vorab Werbung für seinen nächsten Roman zu machen, in dem er auch seine Erfahrungen von der Extro-4 verarbeitet hat. Wie schon dort lag sein Interesse im Bereich der Biologie, wo uns im Bereich der Bakterien und viraler und bakterieller DNA in unserem Genom noch große Überraschungen und Bedrohungen erwarten würden, im Vergleich zu denen die gesellschaftlichen Widerstände klein seien. Man konnte sich nicht des Eindrucks erwehren, dass Bear einer Art Biomystizismus anheimgefallen war. Was die gesellschaftliche Auseinandersetzung angehe, so gehe es nicht um Vernunft, sondern um irrationale Entscheidungen, und zentral für den Sieg sei die Debatte selbst, nicht ihre Inhalte.

Die Früchte umfassender Recherche präsentierte Natasha Vita-More, die Frau von Max More. Sie identifizierte eine Reihe von oppositionellen Gruppen: die Anzeigenkampagne des Turning Point Project, die Foundation on Economic Trends um Jeremy Rifkin, das Council for Responsible Genetics, Greenpeace und die (amerikanischen) Grünen. Vita-More hatte diese Gruppen kontaktiert und offizielle Stellungnahmen zu einer Reihe von vorgeschlagenen technischen Entwicklungen entgegengenommen.

Frappierend war die allen gemeinsame Aussage, dass man nicht gegen Technik sei - auch wenn prominente Vertreter hinter vorgehaltener Hand schon mal über die Entmenschlichung durch Alltagstechnik wie das Telefon klagen. Vita-More führte ebenfalls eine Kandidatenliste von Organisationen auf, die Ziele der Extropianer teilen und die man als Verbündete in der Auseinandersetzung gewinnen könne. Als Gegengewicht gab sie die Gründung der Progress Action Coaltion, kurz Pro-Act, bekannt, mit dem Ziel einflussreicher Öffentlichkeitsarbeit.

Einen noch schärferen Ton schlug Michael Rose an, der sich offenbar keiner Auseinandersetzung zu schade ist und der durch Debatten gegen christliche Fundamentalisten verhärtet wirkte. Auf der einen Seite argumentierte er, dass sich Wissenschaft und Spritualität nicht gegenseitig ausschließen, dass es Religionen wie den Taoismus gebe, die sehr für die Wissenschaft eintreten, und dass man nicht blind Religion und Spiritualität verdammen dürfe. Auf der anderen Seite verwies er darauf, dass die westliche Wissenschaft Ketzerei wider das Christentum sei und mit Kosmologie, Darwinscher Evolutionslehre und nun der Aussicht der Verlängerung des menschlichen Lebens sich schon in einem Jahrhunderte andauernden Krieg befinde.

Greg Burchs warnte vor einem Gefühl der Unvermeidbarkeit, wie es Ray Kurzweils Präsentation am Freitag suggeriert habe. Das besondere Augenmerk des Texaners lag auf der Rhetorik der oppositionellen Bewegungen, ausgehend von der Beobachtung, dass Jeremy Rifkin in persona einen überaus vernünftigen und gemäßigten Eindruck mache, im Gegensatz zum unverhüllten Radikalismus seiner Bücher. Zentrale Elemente seien die Natur, die in trügerischer Statis dargestellt werde; der wertende Gebrauch von Begriffen wie menschlich und human über verschiedene Bedeutungen hinweg; und die Angst vor Kontrollverlust, Machtkonzentration, rechenschaftsloser Obrigkeit und schlicht dem Unbekannten.

In der anschließenden Podiums- und Publikumsdiskussion fielen deutliche Worte. Mark Rose prophezeite, dass die Auseinandersetzungen um die Zukunftstechnologien - Biotechnik, Nanotechnik, künstliche Intelligenz - dieses Jahrhundert bestimmen und Menschen hierfür leben und sterben würden. Robert Bradbury, prominentes Mitglied der extropianischen Bewegung, brachte es drastisch auf einen Punkt: "Das Blut von Milliarden klebt an den Händen der Gegner dieser Technologien". Und Greg Bear warf den Slogan einer fiktiven Partei aus seinem nächsten Roman ein: "Wer darf euch vorschreiben, dass ihr nicht ewig leben und keine schönen Kinder haben dürft?" Eine der Aufgaben von Pro-Act werde es sein, wohlbegründete und eingängige Antworten auf die meistgestellten Fragen der Fortschrittsgegner zu erarbeiten, die der aktuellen Medienkultur gerecht werden.

Was letztlich nach der Abschlussrede und Danksagung von Max More blieb, waren weniger die technischen Vorträge, sondern neben neu geknüpften persönlichen Kontakten vor allem die Erkenntnis, dass die Bewegungen zur Realisierung einer besseren Zukunft auf Basis der voranschreitenden technischen Entwicklung auch einer politischen Komponente bedürfen, deren Umsetzung unter dem Druck entgegengesetzter Strömungen nunmehr auch ernsthaft angestrebt wird. (Christian Weisgerber)

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