Von Mikrofonen und fliederfarbener Bluse

Der Münchner NSU-Prozess weigert sich bisher standhaft, spektakulär zu werden

Ist es so, dass sich nach der medialen Schlacht der Pulverdampf gelegt hat und nun das Kampffeld erkennbar wird? Es ist jedenfalls so, dass wer an diesem Donnerstag um kurz vor neun Uhr in München in den Gerichtssaal 101 zum NSU-Prozess gelangen will, dies auch ohne Probleme kann: Weder das Kontingent der Zuschauertribüne noch der Presseplätze ist ausgeschöpft.

Das mag auch daran liegen, dass das mediale und öffentliche Interesse in den ersten Tagen des Prozesses aufgelaufen ist - an den Gestaden der Strafprozessordnung. Anträge, Verfahrensfragen, immer wieder Unterbrechungen. Nein, es geht hier nicht um die nachmittägliche Gerichtssendung von RTL, sondern am Oberlandesgericht München um die Realität eines geordneten Verfahrens, so "uncool" sich das auch auf die "Quote" auswirken mag. Freilich, auch den medialen "Live-Tickern" - die neue Königsdisziplin des engagierten Journalismus - geht inzwischen irgendwie die inhaltliche Puste aus und sie meldeten am Mittwoch: "Beate Zschäpe, heute ganz in schwarz mit gelbem Poloshirt."

Ich bin jetzt drin im Gerichtsaal und melde (9.30 Uhr): "Beate Zschäpe heute noch immer ganz in schwarz, aber mit fliederfarbener Bluse." Um 9.57 Uhr - es gibt eine Verzögerung von 15 Minuten - betreten die sieben Richter und der Vorsitzende Richter Manfred Götzl mit ihren schwarzen Roben den Saal. Götzl wird an diesem Vormittag die Verhandlung freundlich, souverän und mit leicht fränkischem Dialekt leiten. Neben mir sitzt auf der Zuschauertribüne ein Jura-Student im zehnten Semester, vier dicke Bücher zur Strafprozessordnung vor sich auf dem Boden. Das ist praktisch, weil ich ihn dauernd mit Fragen löchern kann, man weiß ja auch nicht alles. Er hat bisher alle Verhandlungstage verfolgt, am ersten Tag stand er bereits um 5.30 Uhr am Eingang. Er meint, ein Verteidiger bekommt 1000 Euro pro Verhandlungstag, wir diskutieren, ob das viel oder wenig ist.

Der Gerichtssaal erscheint wirklich klein für all die Rechtsanwälte, Richter, Angeklagten und Polizisten (es sind circa zehn). Er wirkt wie eine abgeschlossene Kammer, ohne Tageslicht, der Sicherheitsbeton der 1970er Jahre. An der Stirnseite ist die Richterbank, rechts davon sitzen die Vertreter der Bundesanwaltschaft. Linker Hand die Angeklagten mit ihren Verteidigern, alle mit aufgeklapptem Laptop. Den Richtern gegenüber, unter der Besuchertribüne, sitzen die Nebenkläger mit ihren Anwälten. Eine Videokamera wirft ihr Bild an die Saalwand, so dass auch die Presse und Besucher sie sehen können. Der Saal kann von vier Türen aus betreten werden, über einem hängt ein Holzkreuz.

Um 10.20 Uhr geht es darum, wer wann und wie sprechen darf. Eine Anwältin der Nebenklage hat sich beschwert, dass das Mikrofon des Bundesanwalts immer offen sei, sie aber erst zugeschaltet werden müsse. Der Vorsitzende Götzl unterbricht die Verhandlung für 20 Minuten, um dieses technische Detail zu klären.

Im Pausenraum vor dem Gerichtsaal treffe ich auf die Gerichtsreporterin vom "Spiegel", sie trägt was Gelbes. Und beißt in eine Wurstsemmel. Am Tage zuvor hatte sich die Reporterin der "Süddeutschen" im "Newsblog" noch beschwert, dass es nichts zu essen und zu trinken gebe. Das gibt es jetzt zu kaufen, das Gericht reagiert schnell. Auch Pressesprecherin Andrea Titz schaut mal kurz vorbei, ob alles gut ist, sie hat ein knallrotes Kostüm an. Die vom Spiegel sagt mir noch, dass es mit den Nachnamen der Zschäpe-Verteidiger (Heer, Sturm, Stahl) nichts Verschwörungsmäßiges auf sich hätte, seien eben die Pflichtverteidiger (hätte ich auch gewusst).

Zurück im Gerichtssaal mit seiner Ausstrahlung hermeneutischer Abgeschlossenheit. 10.40 Uhr: Die Richter sind wieder da. Götzl sagt, die Mikrofoneinstellung sei überall die selben. Jetzt geht es weiter mit Anträgen der Verteidigung: Etwa dem zur Aussetzung des Verfahrens wegen Einsicht in die Akten der parlamentarischen NSU-Ausschüsse. Mehrere Anwälte der Nebenkläger haben dazu mehrere Meinungen, finden etwa diese Akteneinsicht sinnvoll, ohne dass gleich das Verfahren ausgesetzt wird. Und es geht um die Frage, ob womöglich der Themenkomplex um die Bombenattentate in der Kölner Keupstraße abgetrennt und extra verhandelt wird (das Gericht entscheidet später: Nein).

Das sind trockene, wenn auch wichtige Verfahrensfragen, die Zeit benötigen. Es geht sozusagen darum, wie das Fahrgestell des Gefährts beschaffen sein soll, mit dem man sich dann auf die Reise zu Schuld und Wahrheit begibt. Diese Reise wird allerdings wohl erst in rund drei Wochen beginnen. Jetzt sind erst einmal Pfingstferien. Die nächste Verhandlung ist für Dienstag, den 4. Juni, vorgesehen. (Rudolf Stumberger)

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