Von Polizisten getragene Bodycams können zu mehr Gewaltanwendung führen

Albanischer Polizist mit Bodycam. Bild: Ministria e Puneve te Brendshme/CC0 1.0

Eine groß angelegte Studie kommt zu überraschenden Ergebnissen

Während in den USA Bodycams für Polizisten auch das korrekte Verhalten des Polizisten durchsetzen und überhaupt zur Minimierung von Gewalt bei der Begegnung von Polizisten mit Personen beitragen sollen, dienen sie in Deutschland eher dazu, Polizisten vor "Widerstandshandlungen" zu schützen, indem diese durch die Kameras abgeschreckt werden sollen. Mit den "Videobeweisen" würde allerdings auch das Verhalten der Polizisten kontrolliert, sollte man annehmen, sofern die Polizisten überhaupt willens sind, die Aufnahmetaste zu drücken.

Allerdings ist noch wenig bekannt, welche Folgen das Tragen von Bodycams wirklich hat. Interessant ist daher eine im European Journal of Criminology veröffentlichte Studie von Wissenschaftlern der University of Cambridge und RAND Europe über 8 britische und US-amerikanische Polizeibehörden. Sie sagen, es finde derzeit ein weltweites, nicht kontrolliertes Experiment mit Bodycams statt, für das Milliarden an Steuergeldern ausgegeben werde. Die Untersuchung gilt als eine der größten randomisierten kontrollierten Untersuchungen über die Folgen der Verwendung von Bodycams. Untersucht wurden 2,2 Millionen Arbeitsstunden von mehr als 1200 Polizisten in 10 unterschiedlichen Tests. Die Polizisten waren angehalten, mit Beginn der Schicht die Kamera bei jeder Interaktion mit Menschen in der Öffentlichkeit anzuschalten, dies mitzuteilen und die Vorfälle zu protokollieren.

Erste Ergebnisse weisen darauf hin, dass ausgerechnet die Polizisten, die eine Bodycam mit sich führen, um 15 Prozent öfter angegriffen werden, als wenn sie keine bei sich haben. Das ist überraschend, möglicherweise hängt dies damit zusammen, so spekulieren die Wissenschaftler, dass die Polizisten mit dem Videobeweis eher Gewaltangriffe berichten. Es könnte aber auch sein, dass Menschen noch aggressiver werden, wenn die Polizisten in sowieso schon eskalierten Situationen eine Bodycam anschalten oder dass die Polizisten zurückhaltender oder defensiver reagieren, wodurch sie mehr Gewalt auf sich ziehen. Zudem veränderte das Tragen einer Bodycam nicht die Häufigkeit der Anwendung von Gewalt seitens der Polizisten.

Auf den zweiten Blick relativiert sich das zwar, macht aber deutlich, dass in Deutschland der falsche Ansatz gewählt wird. Viel scheint nämlich davon abzuhängen, ob die Polizisten sich entscheiden, wann sie die Kameras einschalten oder nicht. Wenn sie während des Dienstes die Kameras an- und ausschalten, nimmt die Gewaltanwendung seitens der Polizisten mit 73 Prozent beträchtlich zu, wenn sie die Kameras während der gesamten Schicht anlassen, nimmt sie um 36 Prozent ab.

Gut möglich, so die Wissenschaftler, dass das Tragen von Bodycams nicht in jedem Fall eine gute Idee ist. Ansonsten empfehlen sie, dass die Kameras immer während der Arbeit angeschaltet sein sollten, also auf jeden Fall bei jeder Interaktion mit Menschen, und dass dies diesen am Beginn der Interaktion mitgeteilt werden muss. Das sei eine Erinnerung, dass bei der Interaktion die Verhaltensregeln gelten, was die Teilnehmer eher in den rationalen Entscheidungsmodus drängen würde.

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