Von Spekulationsblasen und Robotern

Skulpturen-Gruppe "Torfstecher und Sohn bei der Arbeit". Bild: J.-H. Janßen/ CC0 1.0

Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem wild wuchernden Finanzsektor und der durch fortschreitende Digitalisierung forcierten Krise der Arbeitsgesellschaft?

Die deutsche IT-Industrie warnte Anfang Februar die Gesellschaft vor sich selbst: Gut zehn Prozent der sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätze sollen dem IT-Verband Bitkom zufolge in Deutschland im Gefolge der voranschreitenden "Digitalisierung" der Wirtschaft verloren gehen.

Rund 3,4 Millionen Stellen würden laut einer Umfrage in den kommenden fünf Jahren wegfallen, die Bitkom unter 500 Unternehmen durchführte. Rund 25 Prozent der an der Umfrage teilnehmenden Unternehmen mit einer Belegschaft von mehr als 20 Lohnabhängigen gaben zudem an, durch die Digitalisierung ihre Existenz bedroht zu sehen.

Dabei frisst die digitale Revolution inzwischen ihre eigenen Kinder, wie Bitkom-Präsident Achim Berg anhand der Beschäftigungsentwicklung in der Sparte der Kommunikationstechnik ausführte. Derzeit gebe es rund 20.000 Arbeitsplätze in diesem Sektor, während es Mitte der 1990er Jahre noch 200.000 Jobs waren.

"Wir haben in nur fünfzehn Jahren 90 Prozent der Arbeitsplätze in diesem Bereich verloren - durch die Digitalisierung", warnte Berg. Vor einer ähnlich gravierenden Rationalisierungswelle stünden demnächst Banken und Versicherungen, wie auch die Chemie- und Pharmabranche. Binnen der kommenden zwei Dekaden solle die "Hälfte der Berufsbilder" wegfallen.

Vor allem im Dienstleistungssektor, bei den klassischen "Bürojobs" dürfte die Digitalisierung schnell voranschreiten, da die Kosten der Rationalisierung sehr niedrig sind. Mitunter wird der Büroangestellte, der vor dem Computer sitzt und seine Büroarbeit verrichtet, einfach durch die Installation eines entsprechenden Algorithmus ersetzt.

In den USA, dem avancierten kapitalistischen Kernland, das die meisten sozioökonomischen Entwicklungen und Krisenschübe vorwegnimmt, seien Studien zufolge sogar rund 47 Prozent aller derzeitigen, zumeist ohnehin prekären Jobs in den kommenden Dekaden bedroht.

Die öffentliche Debatte um die Folgen dieser Digitalisierung ist noch relativ jung, sie wird seit wenigen Jahren geführt - und die krankt an einer zentralen Fehleinschätzung: Die meisten Diskussionsbeiträge gehen davon aus, dass es sich um einen zukünftigen Krisenprozess handelt, wie es etwa das Handelsblatt 2015 in einem längeren Bericht ausführte, der die kommende Umwälzung der Arbeitswelt durch die Digitalisierung auslotete.

Ähnlich verhält es sich auch mit aktuellen Berichten aus der Autoindustrie, die vor einer Revolution der Roboter warnen. Es scheint, als ob die kapitalistische Arbeitsgesellschaft noch systemgemäß funktionierte, und die kommenden Rationalisierungsschübe diese erst bedrohten.

Dabei befindet sich die kapitalistische Arbeitsgesellschaft bereits in einer veritablen Systemkrise, die zeitgleich mit dem Durchbruch des Neoliberalismus einsetzte - und deren weithin sichtbarstes Merkmal die Dominanz der Finanzmärkte samt häufiger Spekulationsblasen und Finanzmarktkrisen ist.

Die aktuellen Verwerfungen an den Börsen, das drohende Platzen der gegenwärtigen Liquiditätsblase an den Weltfinanzmärkten, sie haben mehr mit der Krise der realen, warenproduzierenden Wirtschaft zu tun, als die allermeisten Beobachtern ahnen.

Die Krise der Arbeitsgesellschaft ist eine Krise der warenproduzierenden Industrie, der realen Wirtschaft, die etwa ein Donald Trump mittels protektionistischer Maßnahmen in den USA wieder beleben möchte. Die Zahlen für die USA sind eindeutig: War 1970 noch ein Viertel der Lohnabhängigen im verarbeitenden Gewerbe tätig, so waren es 2010 nur noch zehn Prozent.

Abgeschwächt gilt dies auch für den Exportweltmeister Deutschland, der ja mit seinen extremen Handelsüberschüssen auch Arbeitslosigkeit exportiert: Waren 1991 noch 28 Prozent aller Beschäftigten in der Industrie tätig, sank dieser Wert bis 2012 auf 18,8 Prozent.

Die gegenwärtige Debatte um Rationalisierungen in der Wirtschaft in der Bundesrepublik unterstreicht somit nur die Dynamik, die dieser schleichende Arbeitsplatzabbau in der Warenproduktion erreicht hat. Selbst in der Bundesrepublik, die durch Leistungsbilanzüberschüsse von mehr als sieben Prozent des BIP die Fassade einer heilen kapitalistischen Arbeitsgesellschaft aufrechterhalten konnte, drohen nun massive Pauperisierungsschübe, wie sie etwa schon die Peripherie der EU im Zuge der Eurokrise verheerten.

Denn längst ist dieser Krisenprozess nicht nur in der Industrie, sondern auch in der Peripherie des kapitalistischen Weltsystems in vollem Gang. Die schweren sozialen Verwerfungen in den südlichen Krisenstaaten der Eurozone, die mitunter unter einer Arbeitslosenquote von mehr als 20 Prozent zu leiden hatten, zeugen ebenso davon, wie die Flüchtlingskrise.

Die verzweifelten Menschenmassen fliehen nach Europa oder Amerika aus Zusammenbruchregionen, in denen der Krisenprozess schon so weit fortgeschritten ist, dass er selbst die Staatsapparate kollabieren ließ. Die Flüchtlinge fliehen nicht vor Ausbeutung, sondern vor ihrer ökonomischen Überflüssigkeit im anomischen Chaos, das die gescheiterte kapitalistische Modernisierung in vielen Regionen der Peripherie übrig ließ.

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