Von Stalin zu Putin

"Ich möchte Euch um Verzeihung bitten"

Jelzin spricht im Fernsehen, es ist der 31.Dezember 1999. "Ich möchte Euch um Vergebung bitten." Er klingt besoffen, die Stimme leiert. "Es stellte sich alles als schwieriger heraus, ich habe dran geglaubt, ich habe getan, was ich konnte. Ihr verdient Glück."

Und aus dem Nichts heraus erklärt der russische Präsident heraus seinen Rücktritt mit sofortiger Wirkung. Als amtierender Präsident rückt verfassungsgemäß nach: Vladimir Putin.

Das ist die Basis dieses Films: Vitaly Manskly begleitete Putin in den folgenden Monaten mit der Kamera bei seinem Wahlkampf, der offiziell gar keiner war.

Aus dem Material entstand ein Film für das russische Fernsehen. Er wurde 2001 ausgestrahlt. Mansky nimmt sich das Material noch einmal vor, montiert es zusammen mit vielem, das unveröffentlicht blieb, zu etwas Neuem. Ein faszinierendes Dokument.

Schon an den ersten Tagen machte Putin alles das klar, wofür ihn manche lieben und andere verdammen.

Putin sagt (und hier halten wir uns wörtlich an die englische Übersetzung im Film): "Our main goal is to make people believe in everything we say and do. That ours is a heartfeld position dictated only and solely in consideration of the national interests. Solely that. This is the key to success. If people believe in it. This is the main thing." ("Unser Hauptziel ist es, dass die Menschen an alles das glauben, was wir sagen und tun. Dass unsere Position vom Herzen kommt und dies nur und allein in der Berücksichtigung nationaler Interessen. Das ist der Schlüssel zum Erfolg. Wenn die Menschen daran glauben. Das ist die Hauptsache.")

Und Mansky kommentiert: "Did you get it? The task is to convince the Russian people, that national interests are more important than the individual." ("Haben Sie das verstanden?" "Die Aufgabe besteht darin, die Russen davon zu überzeugen, dass nationale Interessen wichtiger sind als der Einzelne.") Er meint das kritisch. Aber sollte nicht jeder Politiker die Interessen des Ganzen, der Gesellschaft und des Staates über die Interessen einzelner Individuen stellen?

Putin brauchte keine Wahlkampagne, er war ohnehin auf allen TV-Kanälen omnipräsent. Er besuchte alle Regionen und Städte, ohne seine Kandidatur erklärt zu haben, ließ sich öffentlich mit den Wolgograd- Veteranen von Stalingrad sehen und dann mit Tschetschenien-Veteranen, zeigte sich mit Tony Blair in der Oper in Petersburg, wo dann - eine schöne Szene - neben dem roten Teppich alte Frauen stehen und brüllen: "Leningrad" und junge Männer: "NATO go home!"

Er besucht auch seine alte Lehrerin, die ihn einst förderte und deren besonderer Liebling er war. Deren Mann kommentiert, was man auch als Motto von Putins folgenden Amtszeiten setzen könnte: "The state is like a garden: You have to destroy the weed so that something worthwhile grows." ("Der Staat ist ein Garten: Damit etwas Anständiges wächst, muss Gras vernichtet werden.")

Wladimir Putin, Screenshot aus dem Trailer Putin's Witnesses

Der Beginn von Putins Kampagne lag einige Monate vorher. Man könne ihn, so Mansky, ganz genau auf den 8.9.1999 um 11.59 Uhr setzen. Da gab es einen verheerenden Bombenanschlag auf ein Moskauer Wohnhaus-Gebäude. Erst 22 Tage vorher war Putin Premier geworden.

Er musste "Stärke zeigen", und das tat er. Minsky fügt gleich ein Dementi zu dem hinzu, was sein Film in den Raum stellt: "Nur um das klar zu machen: Weder damals noch heute kann ich an Putins persönliche Verstrickung glauben." Aber er verweist darauf, dass die Armee kurze Zeit vorher ähnlichen Sprengstoff eingesetzt hatte.

Während dieser Zeit hat Putin sein Image neu entworfen: Aus dem Mann mit der starken Hand wurde der Mann mit der glücklichen Hand. Wählerwerbung hin oder her - das Schlüsselelement von Putins Kampagnenerfolg war, dass er sich auf die Armee stützte wie auch auf die vermeintliche Bedrohung der Sicherheit Russlands.

Interessant sind Manskys Besuche bei Jelzin am Wahlabend. Der Expräsident guckt fern. Irgendwann erscheint Gorbatschow auf den Fernsehschirmen. Jelzin sagt: "Jungs, macht die Kamera aus." Denn während seiner Präsidentschaft war sein Quasi-Vorgänger nicht zu sehen. Die Kamera bleibt aber an. "Mich, das nervt mich, ich hab' genug davon", sagt Jelzin. "Wie lange müssen wir dem noch zuhören?"

Mit Bildern von Putins privater Feier am Abend seiner ersten Wahl stellt Mansky auch die zentralen Personen in Putins Umfeld vor. Wir sehen da Mikhail Lesin, den Presse-Minister und Chef einer PR-Agentur, der RT gründete und 2015 von Unbekannten ermordet wurde; Gleb Pavlovsky, den ehemaligen Chef-Berater des Kreml, der seit 2012 in Opposition zu Putin steht; Ksenia Ponomaryova, Chefin des Wahlkampfstabs, die kurz nach der Wahl in Opposition ging und 2016 mit nur 54 Jahren starb; Mikhail Ksyanov, den ersten Premierminister Putins, später in der Opposition und durch einen sogenannten öffentlichen "Sex Skandal" von unbekannten Kreisen als Politiker ausgeschaltet; Valentin Yumashev, der 2002 Jelzins Tochter Tatjana heiratete; und Vladislav Surkov, ehemaliger Chef-Ideologe des Kreml und bis heute "Graue Eminenz".

Mit anderen Worten: Man erfährt ungemein viel in diesem Film. Dies ist Dokumentarfilmkino und Aufklärung at its best. Eine Lehre im genauen Hingucken, aber auch in der Doppeldeutigkeit der Bilder.

Nie denunziert Minsky sein Objekt, aber er verehrt Putin auch nicht und bleibt auf Augenhöhe. So besticht seine Darstellung von Putins Aufstieg im Jahr 2000 vor allem durch Neugier für Widersprüche. Interessant sind auch die Gespräche mit Putin gegen Ende des Films. Wir erfahren da: "Der Zusammenbruch der Sowjetunion ist die größte Tragödie des 20. Jahrhunderts".

Der Nachfolger distanziert sich von seinem Schöpfer Jelzin. Putin reagiert auf deprimierende Erfahrungen während der Jelzin-Jahre. Jelzin und seine Entourage haben mit ihrem Markt-Bolschewismus alles abgeschafft und abgewickelt und ausverkauft nach 1991. Was blieb war ein Scherbenhaufen. Putin hat an dessen Stelle allmählich wieder etwas hergestellt.

Die Armee bekommt ihre Flagge des Sieges über den Faschismus zurück. Und das Volk seine Hymne. Gegen die Rückkehr zur sowjetischen Hymne gab es eine Petition. Putin verteidigt die Entscheidung und zeigt sich hier als kluger Staatsmann:

Warum können wir bei der Hymne nicht an den Sieg im Zweiten Weltkrieg denken statt an den Gulag? Warum müssen wir die Musik mit den schlechtesten Aspekten des Sowjet-Lebens verbinden? Die Mehrheit hat eine gewisse Nostalgie. Es ist nötig das Vertrauen der Bürger in das Establishment des Staates zu erneuern.

Wladimir Putin

Und es war der gleiche Autor, Alexander Michalkov, Vater des Putin-treuen Film-Regisseurs Nikita Michalkov, der 1942 den stalinistischen Text zur Musik schrieb, 1953 die Neufassung und 2000 die dritte Version. Das sind die wahren Kontinuitäten Russlands.

Später kommt Putin noch einmal auf die Hymne zurück: "Man kann nicht immer das tun, was die Leute wollen. Ich habe keine Angst, Vertrauen zu verlieren. Es gibt Entscheidungen, die sind im Interesse des Staates. Egal ob man zustimmt oder ablehnt, man muss verstehen."Putin macht klar, dass Politik mehr ist als die Kunst des Möglichen.

Der russische Präsident gibt zu:

Elemente der Autokratie sind aus der Vergangenheit in die Gegenwart gewandert. Das kann uns nicht gefallen, aber es ist sehr schwer, dagegen anzukämpfen.

Wladimir Putin

(Rüdiger Suchsland)

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