Von Wünschelruten und SS-Wehrgeologentrupps

Nazis auf dem Mond sind kaum weniger bizarr, als ihr Wirken auf der Erde war

Wenn jetzt bei uns im April der auf finnischem Wodka basierende Nazi-Science-Fiction-Trash-Film "Iron Sky" im Kino anläuft, dann geht es wieder einmal um Wunderwaffen und Mythen des 3. Reiches: Bekanntlich handelt der Film von dem Zufluchtsort der Nazis nach 1945 auf der dunklen Seite des Mondes in einer hakenkreuzförmigen Mondbasis und von 2018 auf die Erde zurückstürzenden "Reichsflugscheiben" (Nazis auf dem Mond, Raumnazis attackieren Berlinale).

Soweit so fiktiv. Man kann anlässlich des Kinostarts von "Iron Sky" aber auch an jene real existierenden bizarren Erscheinungen des Nationalsozialismus erinnern, die in einer grotesken und irrsinnigen Zusammenführung von Massenmord und Esoterik, von Grauen und Homöopathie, von Menschenschinderei und biologisch-dynamischen Ackerbau alle Fiktionen bis dahin übertrafen.

So wissen wohl nur wenige, dass es im 3. Reich Einrichtungen wie die von "SS-Wehrgeologietrupps" gab, die mit von der SS zertifizierten Wünschelrutengänger ausgestattet waren. Das Ganze fußte auf einem Besuch des Münchner Studienprofessors Dr. Josef Wimmer in Heinrich Himmlers Feldhauptquartier "Hegewald" in der Ukraine am 23. August 1942. Zwei Tage blieb dort der Studienprofessor und erläuterte dem Reichsführer SS, was es mit dem Wünschelrutensuchen auf sich hatte.

Als Ergebnis führte Wimmer im Heilkräutergarten des Konzentrationslagers Dachau vom 21. September bis 13. Oktober 1942 mit neun Teilnehmern einen Wünschelrutenlehrgang durch. Von nun an sollte jedem "SS-Wehrgeologentrupp" ein Wünschelrutengänger beigegeben werden, drei davon sollen Ende 1942 bereits bei einer Waffen-SS-Division in Belgrad stationiert gewesen sein. Zu ihren Aufgaben zählte das Aufspüren von Wasser, aber möglicherweise auch von Bunkern, unterirdischen Gängen oder gar Gold.

Wünschelrutenprofessor Wimmer war zu diesem Zeitpunkt Leiter der Abteilung für angewandte Geologie im "Ahnenerbe". Diese Organisation war 1935 als Stiftung gegründet worden und diente letztlich als eine Art Spielzeug mit wissenschaftlichem Anstrich für die Liebhabereien und esoterischen Interessen Himmlers. Die Unterabteilung "Wehrgeologie" etwa war 1938 innerhalb der "Pflegestätte für Karst- und Höhlenkunde Salzburg" errichtet worden, das "Ahnenerbe" buddelte gerne in der Erde herum, auf der Suche nach den germanischen Vorfahren. Eine "Abteilung für Wetterkunde" wiederum beschäftigte sich mit der sogenannten "Welteislehre", wonach die Planeten im All aus Eisklumpen bestehen; Atlantis, der sagenhafte Kontinent, sei untergegangen, als ein Mond auf die Erde stürzte.

Das "Ahnenerbe" hatte als geisteswissenschaftliche Organisation begonnen, integrierte aber seit Kriegsbeginn zunehmend "naturwissenschaftliche" Forschung in ihre Abteilungen. Dazu gehörten ab 1944 auch Versuche mit der "Strahlenwaffe" des Luftwaffen-Oberst Schröder-Stranz, die aber dann irgendwie doch nicht funktionierte.

Kräutergarten im KZ

Vorbereitet wurden diese Versuche im KZ Dachau und wie die anderen Lager war dieser Ort ein Ort des organisierten Irrsinns der SS. Der Kräutergarten etwa, in dem Studienprofessor Wimmer seine Wünschelrutenkurse abhielt, war Teil des KZ und hier fanden viele Häftlinge den Tod und wurden durch die Arbeitsbedingungen gequält.

Andererseits wurde hier aber auch die biologisch-dynamische Anbauweise praktiziert, SS-Führer Himmler war ein großer Anhänger der Naturheilkunde. Das führte auch dazu, dass ein paar hundert Meter vom Kräutergarten entfernt Versuche an Häftlingen, die an Tuberkulose erkrankt waren, mit homöopathischen Mittel unternommen wurden. Ganz abgesehen von den Unterdruck- und Unterkühlungsversuchen eines gewissen Dr. Rascher, eines der "abstoßendsten Geschöpfe der SS", in der Krankenbaracke Nummer 5 im KZ Dachau.

Der rationale Irrsinn dieses Ortes lässt sich erahnen, wenn man weiß, dass ein paar hundert Meter vom Krematorium ein KZ-Bordell eingerichtet war, und dass ein paar hundert Meter von den Unglücklichen entfernt, die in den Eiswasserversuchen gequält wurden, die SS-Wachen sich liebevoll um die Angora-Kaninchen im KZ kümmerten. Denn die SS unterhielt als Wirtschaftsbetrieb in mehr als 30 KZ diese Kaninchenzuchten, 1943 waren das mehr als 25.000 Tiere, die besser als die Häftlinge gehalten wurden.

Auch der Kräutergarten war ein SS-Betrieb, der zum Beispiel die Firma Weleda belieferte, ebenso wie eine Porzellanmanufaktur in Allach. Die NS- und SS-Führungsriege war voll von Antialkoholikern, Vegetariern, Rohkostfreunden und Esoterikern, die ihre "Hobbys" an dem "Menschenmaterial" in den Lagern ausprobierten. Wernher von Braun übrigens, der einzige, der die Nazis wohl wirklich auf den Mond hätte bringen können, wäre dieser Tage 100 Jahre alt geworden. Ob der SS-Sturmbannführer sich auch biologisch-dynamisch ernährte, ist aber unbekannt. (Rudolf Stumberger)