Von brennenden Autos und anderen urbanen Unannehmlichkeiten

In Frankreichs herbstlich erhitzte Vorstädte ist scheinbar wieder Ruhe eingekehrt. Auch wenn Nacht für Nacht nach wie vor Autos brennen. Aber das ist ganz normal...

Die Fernsehbilder von Frankreichs lodernden Vorstädten, die international Aufsehen erregten, haben die „Heimat der Menschenrechte“, wie sich die Grande Nation gerne selbst sieht, wieder einmal mit den komplexen Problemstellungen der teils desolaten urbanen Randzonen konfrontiert. Wenn sich auch der öffentliche Blick vornehmlich auf das nächtliche Flammenspektakel und die „jungen Wilden“ fokussierte, eines hat die mediale Aufregung jedenfalls bewirkt: Noch nie wurde in Frankreich soviel zu den Themen urbane Entwicklungspolitik, Integration und Rassismus debattiert. Drei Monate danach ist die mediale und somit öffentliche Aufmerksamkeit freilich etwas abgeflaut, aber dennoch sind die zahllosen Probleme der jungen Vorstadtbewohner nach wie vor ein Thema. Derweilen versucht die bürgerliche Regierung teils fragwürdige gesetzliche Beruhigungspillen zu verordnen.

3.200 vornehmlich jugendliche „Aufrührer“ wurden während der Unruhen vom 27. Oktober bis zum 17. November von der Polizei festgenommen. Weitere 1 540 Personen wurden seit Ende der Ausschreitungen verhaftet. Etwa 650 davon, teils Minderjährige, erhielten eine Haftstrafe. Soweit die Bilanz von Seiten der Ordnungskräfte. Die durch die in „Flammen stehenden“ Trabantenstädte arg unter Zugzwang geratene Regierung Villepin versucht nun ihrerseits mit einem teils direkt auf die „sensiblen“ Zonen abgezieltem Gesetz für die Chancengleichheit wieder für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Dieses Gesetzesprojekt ist allerdings nicht nur auf Grund seines nicht gerade demokratischen Zustandekommens bereits umstritten: es wurde mit Hilfe eines Dringlichkeitsverfahrens ohne Abstimmung am 10.Februar vom Parlament angenommen.

Neben der Einrichtung von urbanen Freihandelszonen, die durch Steuerbegünstigungen und verminderten Sozialabgaben Arbeit schaffen sollen, und einer „Juniorlehre“ ab 14 Jahren, sieht das Gesetz nämlich auch vor, „Erziehungsberechtigten, die es verabsäumen, ihren elterlichen Pflichten nachzukommen“, die Familienbeihilfe zeitweise entziehen zu können. Vor allem notorischen Schulschwänzern soll damit beigekommen werden. Eine Maßnahme, die freilich für ein Aufheulen der linken Reichshälfte gesorgt hat, wären doch vor allem Familien davon betroffen, die ohnehin nicht in Geld schwimmen.

Wahrscheinlich um auch ein zumindest dem Wortlaut nach positives Signal zu senden, wurde zudem ein eigens für die Problemviertel zuständiger „Präfekt für die Chancengleichheit“ bestellt. Dessen erste Aufgabe wird es sein, die 100 Millionen Euros, die der Premier als Soforthilfe für sämtliche von den Unruhen geschüttelten Viertel zur Verfügung stellt, sinnvoll zu verteilen. An dieser Stelle sei vermerkt, dass die Versicherungsverbände den angerichteten Sachschaden vom letzten Herbst auf etwa 200 Millionen Euros schätzen.

Kein Wunder also, dass die Bürgermeister der 300 Gemeinden, die von den Unruhen am meisten betroffen waren, sich mit dieser vergleichsweise mickrigen Soforthilfe nicht zufrieden geben. Die 100 Millionen Euros seien absolut nicht auf der Höhe der sozialen Misere, die in manchen Vorstädten herrsche. Die übliche bürokratische Behäbigkeit habe zudem dafür gesorgt, dass die meisten Stadtväter noch nichts von der Finanzspritze gesehen hätten.

Schon im November hatten die Bürgermeister der nördlichen Pariser Viertel eine endlich effiziente und gezielte urbane Entwicklungspolitik gefordert und waren dem von der Regierung verhängten Notstand eher abneigend gegenüber gestanden, den sie für kontraproduktiv erachteten. Diese Ansicht scheint der Bürgermeister von Orleans allerdings nicht zu teilen, hat der doch neuerlich eine bis zum 5. März geltende Ausgangssperre für unter 16-jährige verhängt. Bis zum 31.Mai wurde zudem der Verkauf von Treibstoff an Minderjährige untersagt. Die Ausgangssperre gilt allerdings nicht für die ganze Stadt, sondern für ein „Problemviertel“ in dem laut dem Bürgermeister, noch im Februar Mistkübel und Fahrzeuge gebrannt hätten. Laut der lokalen Polizei allerdings, seien die „brenzligen“ Zwischenfälle nicht weiter bemerkenswert gewesen.

Zornige junge Männer

Doch die französischen Behörden bekamen es letzten Oktober und November nicht zum ersten Mal mit aufgebrachten Vorstadtbewohnern zu tun: 1981 bereits hatten zornige junge Männer in einem „sensiblen“ Viertel von Lyon innerhalb von 2 Monaten 250 Autos abgefackelt. Ab den 90-ern wurde dann die urbane Gewalt, wie das Phänomen nun genannt wird, zu etwas quasi Alltäglichem. Die mehr oder minder heftigen Gewaltausbrüche reichen von brennenden Mistkübeln bis hin zu abgefackelten Autos und öffentlichen Gebäuden sowie Steinwürfen auf Polizei- und Behördenfahrzeuge.

In manchen Fällen kann man schon fast von einer Tradition sprechen, wie es z.B. zu Neujahr in Strassburg der Fall ist, wo alle Jahre wieder Hunderte von Autos brennen. Teils handelt es sich dabei natürlich auch schlicht und einfach um Versicherungsbetrug. Doch für die französischen Ordnungskräfte scheint der Anblick von brennenden Autos ohnehin zum „business as usual“ zu gehören, versicherte doch ein Polizeikommissar knapp nach den Unruhen, dass in Frankreich ohnehin schon seit Jahren Nacht für Nacht Autos brennen. Wozu also all die Aufregung?

Das Phänomen und vor allem die Bezeichnung „urbane Gewalt“ tauchten zunächst in den 60er Jahren in den USA auf, um im Laufe der 80er fast sämtliche „entwickelten“ Gesellschaften zu erfassen. In Europa werden diese punktuellen Gewaltausbrüche von Soziologen vor allem rund um Fußballspiele beobachtet. Seit den 80ern bezeichnet man diese zur Gewalt neigenden Fußballfans als „Hooligans“.

Die komplexen Ursachen für die urbane Gewalt variieren freilich von Gesellschaft zu Gesellschaft. In Frankreich sind sie oftmals Ausdruck eines Vertrauensverlustes in den Staat, von dem sich offenbar viele Vorstadtbewohner verlassen fühlen. Den Behörden wird vor allem die nur schwerfällige vonstatten gehende Integration und Gleichstellung der Immigranten und ihrer Nachfahren aus den Maghrebstaaten und West-Afrika zum Vorwurf gemacht. Die Narben, welche die koloniale „Erniedrigung“ über mehrere Generationen hinweg hinterlassen hat, nähren noch zusätzlich ein Gefühl der Ausgrenzung.

Daher hätten sich die herbstlichen Unruhen auch gegen Institutionen, die den Staat repräsentieren, gerichtet, wie der Soziologe Didier Fassin, kürzlich erklärte. Denn neben den Autos der Nachbarn wurden auch öffentliche Sportanlagen, Kinderhorte, Schulen, Feuerwehr- und Rettungswagen zum Objekt der Gewalt. Wie oftmals bei urbanen Unruhen der Fall war ein „Missverständnis“ mit den staatlichen Ordnungshütern Auslöser des darauffolgenden über 20 Tage währenden Aufruhrs.

Drei junge Männer versuchten, wie man jetzt weiß, einer in den „sensiblen“ Zonen zur Routine gewordenen polizeilichen Ausweiskontrolle zu entwischen. Sie waren nicht, wie Innenminister Sarkozy anfänglich behauptete, bei einem Diebstahl ertappt worden. Zwei dieser jungen Männer kamen, wie man sich erinnert, in einem Transformatorenhäuschen, in dem sie Zuflucht gesucht hatten, zu Tode. Noch in derselben Nacht vergriffen sich darauf Dutzende von Jugendlichen an Feuerwehrautos. Der Rest dieser traurigen Geschichte flackerte dann im wahrsten Sinne des Wortes über die Bildschirme dieser Welt.

In the ghetto

Für den Soziologen Didier Fassin, richten sich die Kameras leider nur allzu oft auf die Klischeevorstellungen von Vorstadt, also auf Drogendealer, Jugendbanden und trostlose, verwahrloste Hochhauskomplexe. Dieser mediale Tunnelblick habe den Eindruck in einem „Ghetto“ zu wohnen, an die Peripherie der Gesellschaft verdrängt worden zu sein, für viele Bewohner nur noch verschärft. Die sozialen Ungleichheiten, der latente Rassismus mancher Arbeitgeber und Wohnungsvermieter, und die durch öffentliche Transportmittel nur spärlich vorhandene Anbindung ans Stadtzentrum, tun ihr übriges dazu. Die etymologische Bedeutung des hebräischen Wortes „Ghetto“ ist übrigens „Trennung“. In diesem Kontext scheint diese Bezeichnung also durchaus passend.

Die Bezeichnungen, die sich wiederum manche Politiker für die jungen Vorstadtbewohner so ausgedacht haben, tragen höchstwahrscheinlich zu einer Selbstidentifizierung als Außenseiter der Gesellschaft nur noch bei: Der ehemalige Innenminister Jean-Pierre Chevenement, nannte sie die „jungen Wilden“ (sauvageons). Der derzeit amtierende Innenminister ging noch etwas weiter, und schimpfte die jungen Bewohner der „gefährlichen“ Viertel „Gesindel“ (racaille). Dieses Schimpfwort soll auch teils als Auslöser der herbstlichen Unruhen fungiert haben.

Die derzeit die französischen Schlagzeilen beherrschende Gang der Barbaren, die einen jungen Mann tagelang festgehalten und zu Tode gefoltert hatte, war „natürlich“ eine Vorstadtgang. Welche Auswirkungen solche „barbarischen“ Schlagzeilen auf das kollektive Unterbewusstsein haben könnten, sei dahingestellt. Die kommunistische Bürgermeisterin der Gemeinde, in der das Opfer festgehalten wurde, fühlte sich jedenfalls dazu bemüßigt, sich gegen die „Stigmatisierung des Viertels und der Stadt“ zu erheben.

Für den Philosophen Michel Foucault, ist die urbane Peripherie lange schon ein Ort der Ausgrenzung. In „Überwachen und Strafen“ erklärte er, dass die großen industriellen Komplexe Europas mit Absicht am Rand der Städte angesiedelt wurden, um mögliche Arbeiterrevolten vom Zentrum fernzuhalten. Ob nun von einem angenommenen politischen Willen beabsichtigt oder unbeabsichtigt: die heutzutage in Frankreichs Trabantenstädten herrschende Zusammenballung von sozialen Problematiken sorgt für permanenten Zündstoff. Die nächste Gewaltexplosion scheint von vielen regelrecht erwartet zu werden.

Und wo waren die Mädchen?

Tatsächlich war im Zuge der umfassenden Berichterstattung zur herbstlichen „Vorstadtkrise“ (crise des banlieus) ausschließlich von zornigen jungen Männern die Rede. Als ob die problematischen Viertel nicht auch von jungen Frauen bewohnt würden, die mit genau den selben Ausgrenzungsmechanismen zu kämpfen hätten wie ihre männlichen Schicksalsgenossen. Hie und da sollen auch, wie die Soziologin Françoise Gaspard erläuterte, vereinzelt Mädchen beim Zündeln ertappt worden sein, wie sich auch schon manche als Bandenchefs hervorgetan haben sollen. Aber noch bleiben sie Ausnahmeerscheinungen.

Laut der Soziologin unterliegen die weiblichen Bewohnerlinnen der ins Rampenlicht geratenen Trabantenstädte einer doppelten Diskriminierung: Zum einen wirkt der Umstand, einer Minderheit anzugehören, bekanntlich diskriminierend, wobei hier angemerkt sei, dass selbstverständlich auch „echte“ Franzosen, „français de souche“, wie sie genannt werden, die Vorstädte bewohnen und teils den selben sozialen Ausgrenzungsphänomenen unterliegen. Zum anderen sorge der Umstand, eine Frau zu sein, für zusätzliche Diskriminierungen. Für Françoise Gaspard weisen Sexismus und Rassismus eindeutig Parallelen auf, fußen doch beide Ausschlussmechanismen auf der angenommenen Andersartigkeit des Anderen.

Diese doppelte Diskriminierung der Immigrantinnen und ihrer Töchter führe zu einer Art gesellschaftlicher Unsichtbarkeit. Sie würden weit weniger häufig als Männer durch Delikte auffällig, sprich: sichtbar. Zudem würden sie am Arbeitsmarkt von den Einheimischen nicht als ernst zu nehmende Konkurrenz wahrgenommen. Zudem würde gesellschaftliche Unsichtbarkeit auch von ihren eigenen Brüdern und Vätern erwartet und verlangt. Das scheinen jedenfalls die jungen Frauen der Vorstadtbewegung Ni Putes, Ni Soumises (Weder Huren, noch unterworfen) zu empfinden, die ihre Vorstadtviertel als „familiäres, religiöses und soziales Ghetto“ bezeichnen. Diese in Frankreich medial für einige Aufmerksamkeit sorgende Frauenbewegung wurde nach dem Mord an einer jungen Bewohnerin eines Pariser Vororts gegründet: 2002 war die 17-jährige Sohanne von einem jungen Mann in einem Kellerlokal eines Hochhauses lebendig verbrannt worden, nachdem diese ihn abgewiesen hatte. Damals hatten sich die französischen Medien kurz, aber intensiv den schwierigen Lebensbedingungen eines Teils der weiblichen Bevölkerung der urbanen Peripherie zugewandt: Kollektive Vergewaltigungen, erzwungene Heiraten, religiöser Fundamentalismus, der Frauen eine untergeordnete Rolle zuweise, und tägliche Erniedrigungen seien dort „draußen“, fernab von den „zivilisierten“ Stadtzentren, an der Tagesordnung.

Der Psychologe und Soziologe Charles Rojzman, der sich auf die Lebensbedingungen in den Vorstädten spezialisiert und eine „soziale Therapie“ begründet hat, geht von der Annahme aus, dass die so argwöhnisch von der Gesellschaft beäugten Vorstädte wahrscheinlich gar nicht so „andersartig“ sind. Sie seien bloß zum medialen Brennspiegel der in ganz Frankreich herrschenden sozialen Problematiken geworden. Die auf einen Ort konzentrierten ungelösten Fragen der französischen Gesellschaft, die da u.a. Jugendarbeitslosigkeit, Probleme mit der kolonialen Vergangenheitsbewältigung und die Schaffung von Wohnraum für viele lauten, haben den Konflikt mit dem „Rest der Gesellschaft“ und innerhalb der „Vorstadtgemeinschaften“ selbst, vorprogrammiert.

Wie sich die politische Führung auch immer aus diesem urbanem Dilemma herauszumanövrieren gedenkt, die Tatsache, dass das Problem alles andere als neu ist, dürfte wohl nicht gerade ermutigend wirken. Die ersten Vorstadtbaracken wurden bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts am Rande von Paris notdürftig von maghrebinischen Gastarbeitern zusammengezimmert. Die Bauarbeiter waren für die Modernisierungsarbeiten der Stadt nach Frankreich geholt worden. Die Bauherren hatten allerdings ganz einfach vergessen, dass die Arbeiter eventuell ein Dach über dem Kopf gebrauchen könnten.... (Nathalie Roller)