Von den Kaffeehausliteraten zu den Werdenfelsern

Das Freikorps Werdenfels auf der Heimfahrt. Screenshot: TP

Dokumentarische Filmaufnahmen aus der Zeit zwischen November 1918 und Mai 1919, Teil 2

Zu Teil 1: Hundert Jahre Freistaat Bayern

Nachdem Graf Arco auf Valley Kurt Eisner kurz vor dessen Rücktritt aufgrund einer Wahlniederlage erschossen hatte, beanspruchte in München ein vom Nationalbolschewisten Ernst Niekisch angeführter "Zentralrat" die Macht. Er wollte den am 17. März vom Landtag gewählten SPD-Ministerpräsidenten Johannes Hoffmann nicht anerkennen, woraufhin dieser den Sitz seines Kabinetts nach Bamberg verlegte.

Der Zentralrat proklamierte daraufhin eine "Räterepublik Baiern", von der sich nicht nur der Bauernbund distanzierte, sondern auch zahlreiche Arbeiter- und Soldatenräte in anderen bayerischen Städten, weshalb sich das Herrschaftsgebiet faktisch nur auf Augsburg, München und Rosenheim beschränkte. Personell war sie von politisierenden Literaten wie Ernst Toller, Gustav Landauer und Erich Mühsam geprägt. Ihren "Volksbeauftragten für Äußeres", Franz Lipp, ließ sie in ein Irrenhaus einweisen, weil er in einem Telegramm an den päpstlichen Nuntius Pacelli eine auch für diesen Kreis extreme Realitätsferne offenbarte.

Lion Feuchtwanger, der sich daran nicht beteiligte, aber viele der Beteiligten kannte, schrieb über diese Episode, damals habe ihm als "nicht aktivistischen Schriftsteller [...] die Wirklichkeit schmerzlich bestätigt, [dass] der Handelnde niemals Gewissen hat, sondern der Betrachtende".1

Nachdem der aus einem uckermärkischen Adelsgeschlecht stammende Offizier Alfred Seyffertitz am 13. April 1919 erfolglos versuchte, gegen diese Literatenräteregenten zu putschen, nutzte die KPD die Gelegenheit, selbst die Macht zu übernehmen und ließ im Hofbräuhaus eine "Kommunistische Räterepublik" ausrufen. Sie wurde von einem vierköpfigen "Vollzugsrat" mit den russischstämmigen Kommunisten Eugen Leviné und Max Levien, dem preußischen Eisendreher Wilhelm Duske und dem Münchner Verlagsbesitzerssohn Emil Männer geleitet.

Ihr umstrittenster Vertreter war allerdings Rudolf Egelhofer, ein 23-jähriger Matrose aus der Schwabinger Belgradstraße, der in der Stadtkommandantur am 29. April als Führer einer "Roten Armee" den (mit nur sieben zu sechs Stimmen abgelehnten) Antrag stellte, die "Angehörigen der Bourgeoisie" auf der Theresienwiese zusammentreiben und im Bedarfsfall als Geiseln erschießen, damit sich die von der Bamberger SPD-Regierung gerufenen Freikorps und Reichswehrtruppen von München fern halten.

Tatsächlich erschossen wurden kurz vor dem Einmarsch der "Weißen" am 30. April aber nur zehn Geiseln: vier Gefangene und sechs Mitglieder der Thule-Gesellschaft, denen man wegen gefälschter Dokumente und Stempel Sabotageversuche vorwarf. Diese Erschießung war den Befehlshabern der Reichswehr und der Freikorps Anlass, selbst "kurzen Prozess" zu machen, wobei auch Nichtkombattanten ums Leben kamen. Nach dem Ende der Kampfhandlungen am 2. Mai 1919 waren unter den insgesamt 606 gezählten Toten 335 Zivilisten, 233 Soldaten der Roten Armee und 38 Angehörige von Freikorps oder der Reichswehr, die der Berliner Minister Gustav Noske nach München entsandt hatte.

Im zweiten Teil der zeitgenössischen Aufnahmen sehen Sie zuerst den Film "München im Zeichen der Räteregierung". Er beginnt im April 1919 mit einem Plakat, das zum "General-Streik" aufruft, einer Roten Armee, die mit Maschinengewehrposten den Münchner Hauptbahnhof abgesperrt hat, Schützen, die auf einen Posten bezogen haben, Frontaufnahmen mit Meldereitern, die aus Karlsfeld stammen könnten, einen Verwundetentransport und einen Aufruf zur "Riesendemonstrationen der gesamten bewaffneten Arbeiter und Soldaten Münchens".

"München im Zeichen der Räteregierung"

Anschließend sieht man einen Aufmarsch mit Fahnen an der Feldherrnhalle und den Titelhinweis, dass München inzwischen "umfasst" ist und Truppen von allen Seiten in die Stadt eindringen. "Gezwungen zum Weichen" heißt es kurz nach weiteren Aufnahmen von Hauptbahnhof und vom Marienplatz, "setzen sich die Roten Truppen im Justizpalast und anderen Gebäulichkeiten [sic] fest, bis sie durch schweres Geschützfeuer vertrieben werden. Ein Mineneinschlag setzt den weltbekannten Stachus-Kiosk in Brand."

Der zweite Film "Aus dem befreiten München" wurde von dem Emelka Münchner Lichspielkunst angefertigt und zeigt die Einmarschparade der Reichswehr und der Freikorps sowie Münchner, die nicht ganz den Eindruck einer "stürmischen Begrüßung" machen, von der ein sprachlich anscheinend recht eilig formulierter Zwischentitel kündet. Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei dem Freikorps Werdenfels "mit grünen Buschen auf dem Hut" sowie dem stahlbehelmten Trupp des späteren Nationalsozialisten Ritter von Epp. Sowohl Zivilisten als auch Soldaten winken häufig mit weißen Taschentüchern. Auffällig ist die große Zahl von Lastkraftwagen mit montierten Maschinengewehren.

"Aus dem befreiten München"

Später ist zu sehen, wie die Oberländer in Tracht verabschiedet werden, wobei die Zivilbevölkerung einen gelösteren Eindruck macht als auf den vorherigen Aufnahmen. Bei den folgenden Bildern aus Weilheim, Oberau, Garmisch und Partenkirchen kann man dann tatsächlich von einer "stürmischen Begrüßung" mit Bier, Blaskapellen und zahlreichen Frauen und jungen Mädchen sprechen.

Beim gleich daran anschließenden Film "Bilder von der Spartacisten-Herrschaft [sic] in München" handelt es sich wahrscheinlich um eine Kopp- oder um eine Messter-Wochenschau. Sie zeigt den Innenhof des Münchner Polizeipräsidiums, in dem Männer in Überresten der aus den Fenstern geworfenen und angezündeten Akten kramen. Auf einer Schiefertafel sieht man die in Schönschrift geschriebene letzte "Parole Trotzki" vom 30. April.

"Bilder von der Spartacisten-Herrschaft in München"

Die Aufnahmen der laut Zwischentitel "von der Bevölkerung aufs herzlichste begrüßten Befreier" gleichen denen aus dem vorigen Film, auch wenn hier unter anderem das Freikorps Vaupel, berittene "Württemberger" und das "Panzerauto Raudi" zu sehen sind. Auf die Aufnahme eines Maschinengewehrpostens am Hauptbahnhof folgt die eines Standkonzerts einer Militärkapelle am Promenadenplatz. Danach gibt es unter dem Titel "Die Zerstörungen in der Stadt" Bilder von Häusern mit kleineren und größeren Geschosseinschlägen, vom zerstörten Schaufenster der Königlich bayerischen Hofbäckerei in der Theatinerstraße, von einem ausgebrannten Zeitungskiosk am Stachus und von einem ausgebrannten Dachstuhl. (Peter Mühlbauer)

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