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Von den Nachwirkungen einer Raumfahrt-Tragödie

Der erste Challenger-Start 1983. Bild: Department of Defense

Mit dem Absturz der US-Raumfähre Challenger endete vor 30 Jahren der amerikanische Traum von einer routinemäßigen bemannten Raumfahrt

Die junge Geschichte der Raumfahrt ist reich an historischen Momenten. Ereignisse wie die Sputnik-Premiere, der orbitale Erstflug Gagarins oder die Apollo-11-Mondlandung symbolisieren den unermüdlichen Forschungsdrang der Menschheit, der aber immer wieder von tragischen Rückschlägen begleitet wird. Einer davon ereignete sich am 28. Januar 1986: das Challenger-Unglück. Es war für die USA nicht allein eine nationale Tragödie und ein Prestigeverlust für die NASA obendrein, sondern markierte ungeachtet aller vorangegangenen Unfälle mit tödlichem Ausgang die negativste raumfahrthistorische Zäsur, die bis heute nachwirkt.

Die Chancen auf einen Bilderbuchstart an diesem 28. Januar 1986 sind denkbar schlecht. Eigentlich sollte der Start der Mission STS-51L schon sechs Tage zuvor über die Bühne in Cape Canaveral in Florida (USA) gegangen sein. Doch infolge technischer Probleme und angesichts des wechselhaften Wetters musste der zehnte Flug der Raumfähre Challenger (dt. Herausforderer) mehrfach verschoben werden.

Schlechte Startbedingungen

Selbst einen Tag vor Missionsbeginn mussten die Ingenieure und Flugmanager der amerikanischen Weltraumbehörde NASA [1] den Countdown abbrechen, weil die Einstiegsluke in der Besatzungskabine nicht wunschgemäß funktionierte. Doch als alle technischen Störungen beseitigt scheinen, verschlechtert sich das Wetter schlagartig. Eine in diesen Gefilden höchst ungewöhnliche Kaltwetterfront zieht über den Sonnenstaat Florida hinweg. Die Temperatur fällt in der Nacht bis auf minus 6 Grad Celsius. Über den Startkomplex 39B, auf dem die US-Raumfähre seit Wochen steht, legt sich ein Film aus Eis.

Doch obwohl ein Mitarbeiter der Herstellerfirma der Feststoffraketen einen Tag vor dem Start explizit darauf hinweist, dass die Dichtungsringe in den Feststoffraketen bei Nachtfrost an Qualität und Elastizität einbüßen und somit ein Gefahrenpotential darstellen könnten, halten die NASA-Manager und Ingenieure nach einer ad hoc anberaumten Telefonkonferenz unbeirrbar an dem anvisierten Starttermin fest. Denn der Erfolgsdruck ist groß. Ein weiterer Aufschub der STS-51L-Mission kostet noch mehr Zeit und Geld.

Der Start zur Unglücksmission STS-51-L am 28. Januar 1986. Bild: NASA

Scheinbare Routine

Um 11:37 Uhr Ortszeit (17.37 Uhr MEZ) hebt bei einer Temperatur von 2 Grad Celsius die Challenger mit ihrer siebenköpfigen Besatzung ab. Mühsam, aber in gewohnter Manier arbeitet sich die Fähre mitsamt ihrem externen Treibstofftank und den beiden Feststoffraketen Meter für Meter nach oben und gewinnt rasch an Höhe.

An Bord der STS- 51L [2] staut sich eine technisch kostbare Fracht: ein Kommunikationssatellit und verschiedene Instrumente zu Beobachtung des Kometen Halley. Das Rollmanöver, mit dem die Fähre in die richtige Lage gebracht wird, um den weiteren Aufstieg zu meistern, verläuft wunschgemäß. Die erste Startphase scheint mit Bravour bewältigt.

Eigentlich sollte jetzt nicht mehr viel schiefgehen. Schließlich beförderte die NASA seit April 1981 während 24 Shuttle-Flüge 125 Menschen sicher ins All und zurück. Trotz einer chaotischen Flugplanung und Missionsdurchführung absolvierte die damals aus vier einsatzbereiten Raumfähren bestehende Shuttleflotte 1985 allein sage und schreibe acht Starts und Landungen. Dass daher im Kontrollzentrum der NASA in Houston der erste Jubel wieder schnell verfliegt und die Mitarbeiter sich ebenso schnell wieder ihrer Arbeit widmen, ist der Routine geschuldet.

Live und in Farbe

Nur die vielen amerikanischen Zuschauer, die das Geschehen in Florida live verfolgen, starren gebannt auf ihre Fernsehschirme, darunter auch sehr viele Schulklassen und Kinder. Dies aus gutem Grund, weist doch eines der Besatzungsmitglieder eine Besonderheit auf. Denn im Rahmen des von dem US-Präsidenten Ronald Reagan initiierten Projekts "Teacher in Space (TISP)" fliegt mit Christa McAuliffe [3] das erste Mal in der Raumfahrt eine Pädagogin in den Orbit.

Explosion der Challenger am 28. Januar 1986. Bild: NASA

Die aus Concord (New Hamsphire/USA) stammende sympathische 37-jährige High-School-Lehrerin sicherte sich das begehrte Ticket für den Flug ins All, musste aber wie jeder Astronaut im Vorfeld ein hartes Ausbildungsprogramm absolvieren. Ihre primäre Aufgabe an Bord der Challenger besteht darin, für Kinder im Grundschulalter zwei Unterrichtsstunden abzuhalten, die live in allen Schulen der USA übertragen werden sollen. Christa McAuliffe sollte aber auch ihren Beitrag dazu leisten, das schwindende Interesse der amerikanischen Bevölkerung am Raumfahrtprogramm zu stoppen und es mit neuen Leben zu beseelen.

Endes eines Traumes

Doch nur 73 Sekunden nach dem Start geschieht in einer Höhe von 15 Kilometer ohne jede Vorwarnung das Undenkbare. Von einem Moment auf den nächsten stirbt der amerikanische Traum von einer sicheren bemannten Raumfahrt. Die Hoffnung auf einen direkten Weg ins All endet vorerst.

Der strahlend blaue und wolkenfreie Himmel über Cape Canaveral verändert seine Farbe. Ein Feuerball erfüllt den Himmel. Die Challenger verschwindet hinter einer großen Nebelwolke aus Explosionsgasen, weißen Wolken und Rauchspuren.

Was vielen Zuschauer in Florida und vor den Fernsehern zu diesem Zeitpunkt noch nicht bewusst ist - sie sind soeben Zeugen der bis dahin größten Katastrophe in der Geschichte der bemannten Raumfahrt geworden.

Als die Challenger vor genau 30 Jahren explodierte und dabei sieben Astronauten ihr Leben verloren, konnten Menschen das erste Mal in der Geschichte via TV eine High-Tech-Katastrophe live und in Farbe verfolgen. So mag es nicht verwundern, dass sich das NASA-Desaster von 1986 fast genauso tief in das kollektive Gedächtnis der USA und über die Grenzen hinweg eingebrannt hat wie die Apollo-11-Mission.

Die USS Guam birgt die Nase eines Feststoff-Boosters der Challenger 220 km vor der Küste Georgias (1. Februar 1986). Bild: U.S. Navy

Gewiss, beide Ereignisse markierten jeweils eine völlig andere Zäsur. Während die erste Mondlandung im Juli 1969 als supranationales Ereignis prospektiv und langfristig den Sprung vom Homo sapiens zum Homo spaciens symbolisierte und viele Hoffnungen weckte, zerstörte das Challenger-Unglück retrospektiv gesehen die Hoffnung der Amerikaner mit einem Schlag, einen rein amerikanischen Zugang in den Orbit zu etablieren.

Der Traum, Raumflüge so alltäglich werden zu lassen wie Flugreisen, rückt mit einem Mal in weite Ferne. Aus dem Traum wurde ein nationaler Albtraum, eine nationale Tragödie. Der Image-Schaden der NASA erreichte seinen Höhepunkt.

Nachwirkungen und Columbia

Die Nachwirkungen dieser Katastrophe sind noch heute zu spüren und haben kausal dazu geführt, dass die NASA derweil über kein eigenes Transportsystem mehr verfügt, mit dem sie in absehbarer Zeit Astronauten in die Erdumlaufbahn hieven kann.

Dass die NASA zurzeit ihre Astronauten nur mithilfe von russischen Trägersystemen zur Internationalen Raumstation (ISS) [4] zu befördern vermag, spricht Bände und spiegelt die eigenen Versäumnisse und Fehler früherer Tage und die gegenwärtige Realität wider.

Ein Wrackteil der Challenger wird in ein aufgegebenes Minuteman-Raketensilo auf der Cape Canaveral Air Force Station abgesenkt. Bild: NASA

Denn als sich 1986 herausstellte, dass die Challenger-Mission nur wegen eines in einem der wiederverwendbaren Feststoffraketen installierten, spröde gewordenen Gummidichtungsrings so tragisch scheiterte (was zum Austreten von Treibstoff führte), fror die NASA das Shuttle-Programm zwar für vier Jahre ein, überholte die drei verbliebenen Fähren Columbia, Atlantis und Discovery von Grund auf und nahm an dem System insgesamt 2000 Modifikationen vor.

Trotzdem präsentierten sich die Raumfähren nach der Wiederaufnahme des Flugbetriebs 1988 noch anfälliger als zuvor. Die Fehlerquellen wurden immer größer - und das Management zur Beseitigung der selbigen immer ineffizienter. So fanden im Juli 2002 Techniker praktisch in letzter Minute beim Überprüfen der Leitungen im Treibstoffversorgungssystem bei den Raumfähren Atlantis und Discovery geringfügige Anomalien in Form von haarfeinen Rissen.

Sensibilisiert von dem Challenger-Desaster und mit Blick auf die statistische Wahrscheinlichkeit eines weiteren Shuttle-Unglücks, reagierte die US-Raumfahrtbehörde sofort und ließ auch die Columbia auf dieselben Risse hin nochmals auf Herz und Nieren überprüfen.

Und trotzdem verlor die NASA am 1. Februar 2003 just diesen Orbiter: die Columbia [5] mitsamt ihrer Crew. Erneut bedingte eine scheinbare Banalität den Absturz der Fähre (STS-107). Ein simples Stück Isolierschaum löste sich beim Start von dem Außentank, prallte auf die Vorderkante des linken Flügels und deformierte den Hitzeschild.

Von den Nachwirkungen einer Raumfahrt-Tragödie (11 Bilder) [6]

[7]
Der Start zur Unglücksmission STS-51-L am 28. Januar 1986. Bild: NASA

Angesichts der beiden Shuttle-Katastrophen kritisierte [8] am 18. März 2003 der Ex-Shuttle-Astronaut und Politiker Bill Nelson die NASA mit harten Worten und warf der Behörde vor, nichts aus dem Challenger-Unglück gelernt zu haben. Die beiden Abstürze seien auf die Arroganz des NASA-Managements und auf fehlende Kommunikation untereinander zurückzuführen, so sein Fazit, das von vielen Kritikern geteilt wurde. Tatsächlich reagierte die NASA nach dem Columbia-Desaster entschlossener und optimierte das Shuttle-Programm auf allen Ebenen und führte es in seine beste Ära.

Verpasste Chancen

Heute indes hat das STS-Programm für alle Zeiten das Zeitliche gesegnet. Da das Budget immer knapper und der technisch und pekuniäre Aufwand immer größer wurde, um den Erhalt der Shuttle-Flotte zu sichern, stellte die NASA im Jahr 2011 das Programm komplett ein. Nach insgesamt 135 Flügen und 30 Jahren Betriebszeit verabschiedete sich die NASA von ihrem einzigen wiederverwendbaren Trägersystem, das eine bemannte Raumfahrt ermöglichte.

Heute fehlt es fürwahr nicht an Ideen, Neuentwürfen und privaten Anbietern, die auf dem Markt drängen und die große Lücke in der bemannten Raumfahrt schließen wollen. Wer das erneute Rennen, die Wiederauflage des "Space Race" um und in den Orbit für sich entscheidet, zeigt die nahe Zukunft.

Die Crew der Space Shuttle Mission STS-51-L. Hinten: Ellison S. Onizuka, Sharon Christa McAuliffe, Greg Jarvis und Judy Resnik, Vorne: Michael J. Smith, Dick Scobee und Ron McNair. Bild: NASA

Sicher ist nur, dass der Mensch selbst verstärkt in den Orbit drängen wird, wo bislang 600 Astronauten, Kosmonauten, Euronauten und Taikonauten in den Genuss der Mikrogravitation gekommen sind. Es hätten gleichwohl weitaus mehr sein können, wären uns die beiden schlimmen Raumfahrttragödien von 1986 und 2003 erspart geblieben und wären die weiteren STS-Missionen allesamt von Erfolg gekrönt gewesen.

Die bemannte Raumfahrt hätte heute fraglos ein anderes Gesicht, wäre das Space-Shuttle-Abenteuer der NASA verlustfrei über die Bühne gegangen. Sie wäre heute ohne Frage längst um viele Jahre weiter und reifer. Nicht zuletzt deshalb, da die NASA ihre Erfolgsbilanz konsequent dazu genutzt hätte, ihren Etat zu vergrößern und weitere staatliche Subventionen einzufordern, die sie freilich auch erhalten hätte. Und wer weiß: Vielleicht wäre heute eine in bester Apollo-Tradition initiierte Rückkehr zum Mond längst Realität. Vielleicht lägen bereits die ersten konkreten Pläne für eine bemannte Mars-Mission auf dem Tisch - und die dazu gehörigen Blaupausen für ein interplanetares Raumschiff.

Wäre daher die Idee nicht schön und angemessen, die Marsfähre dereinst zu Ehren der sieben verstorbenen Astronauten der STS-51-L-Mission auf den Namen Challenger II zu taufen? Warum eigentlich nicht? Schließlich trug auch die Mondlandefähre von Apollo 17 diesen Namen, die bekanntlich die letzte bemannte Mission des Homo sapiens zu einer anderen Welt war.

Ihrem ambitionierten Namen würde Challenger II ohnehin Ehre machen und gerecht werden. Denn eine Herausforderung wäre die erste bemannte Marsexpedition allemal, egal wann diese einmal Realität wird.

Youtube-Video: Space Shuttle Challenger Accident Investigation (1986) NASA Documentary [9]

TV-Tipp: Ein Mann kämpft für die Wahrheit [10]. Ein über die Kommission betr. Untersuchung der Challenger-Katastrophe (mit William Hurt als Richard Feynman) ist am Samstagabend (30.1., 23:40-1:10 Uhr) in der ARD zu sehen.


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http://www.heise.de/-3377933

Links in diesem Artikel:
[1] http://www.nasa.gov
[2] http://www.nasa.gov/mission_pages/shuttle/shuttlemissions/archives/sts-51L.html
[3] http://www.jsc.nasa.gov/Bios/htmlbios/mcauliffe.html
[4] https://www.nasa.gov/mission_pages/station/main/index.html
[5] http://www.space.com/19436-columbia-disaster.html
[6] https://www.heise.de/tp/bilderstrecke/bilderstrecke_3377935.html?back=3377933
[7] https://www.heise.de/tp/bilderstrecke/bilderstrecke_3377935.html?back=3377933
[8] http://nasawatch.com/archives/2003/03/march-2003.html
[9] https://www.youtube.com/watch?v=8iCLBC00TMU
[10] http://programm.ard.de/?sendung=2810616727236064