Von der Avantgarde zum Arbeitnehmer

Temporäre Berufsbilder wie Pro-Blogger oder Podcaster reifen im Hobbykeller

Pro-Blogger und Podcaster bilden derzeit eine Spielart des digitalen Business. Was Kennern des Mediums wie ein alter Hut vorkommt, hat das öffentliche Bewusstsein noch nicht einmal erreicht, so frisch sind diese Jobs. Und während das passiert, stehen neue Arten, mit dem Internet Geld zu verdienen, vielleicht schon für eine Saison hoch in Kurs.

Ein Riss geht durch die Republik. Auch wenn alle Parteien letztendlich das Credo von mehr Arbeit für mehr Wachstum predigen, denken sie an hoch subventionierte Rübenäcker und nicht immer zeitgemäße Kohlebergarbeiter. Neue Jobs entstehen derzeit aber nicht im Agrar- oder klassischen Industriesektor. Und das viel gelobte Dienstleistungsgewerbe befriedigt angesichts der Persepektive von noch mehr 1-Euro-Jobs auch nicht restlos. Der Blick geht weiter. Dahin, wo man noch keine neuen Verdienstmöglichkeiten sehen mag, weil die Definition der entsprechenden Berufe selbst noch unklar ist. Und weil ihr Selbstverständnis sich ähnlich wandelt, wie ein Fallschirmspringer sich im Sprung einen Schirm näht – und ihn nach der Landung beiseitelegt.

Das ist nicht neu und erinnert an 1997, als das Arbeitsamt startenden Web-Agenturen gerne das Etikett „Provider“ verpasste. Fachlich falsch aber leider die einzige Benennung in der Datenbank, die damals annähernd Sinn versprach. Das bleibt im Prinzip so, dabei ist der jeweilige Name von nur geringer Gültigkeitsdauer.

MIt Pro-Bloggern und Podcastern entstehen neue Spielarten eines sekundären Marktes, der einer Menge an Zwischenhändlern via eBay schon einmal zum Start verholfen hat. So verblüfft die digitale Revolution ihre Kinder mit immer neuen Mäandern, worin der Erfolg der neuen Medien nun wirklich bestehen kann. Zum Beispiel damit, alte Jobdescriptions erst gar nicht zu digitalisieren, sondern bisherige Amateur-Felder zum temporären Berufsbild zu machen.

Das passiert nicht zum ersten Mal. Letztendlich sind Online-Redakteure, Webmaster und Screendesigner ähnlich entstanden. Neu ist aber, dass hier professionell Services geboten werden, die so nur für den Amateurmarkt vorgesehen waren. Der Hobbykeller wirft plötzlich Geld ab, vollkommen losgelöst von der Idee einer Ich-AG. Ein solche dafür zu gründen, wäre doch viel zu viel Aufwand für einen Job, der die Miete im Monat hereinholt, wesentlich mehr Verwaltungsaufwand aber nicht rechtfertigt.

Pro-Blogger in Deutschland

Mehr als 70 Millionen Blogs meldet heise.de weltweit im August 2005, und durch Bombenattentate in London, Hochwasser in New Orleans und einen „Wirr ist das Volk“-Wahlkampf in Deutschland geraten Weblogs in das Zentrum der Aufmerksamkeit. Dabei zerfällt die scheinbar so mächtige Bewegung ohne wirkliches inhaltliches Zentrum schon wieder in:

  1. Einmalschüsse derer, die das Medium ausprobieren (z.B. spaces.msn.com)
  2. Fernerliefen-Ansätze von kaum beachteten Blogs
  3. Helden der Szene, von denen es in jedem Land und zu jedem Thema inzwischen 2-3 Dutzend gibt
  4. Blogs mit kommerziellem Anspruch (z.B. http://www.minga.de)
  5. Kommerziell finanzierte Blogs, auch Fake-Blogs wie von McDonalds über Fritten leider nur zu deutlich vorgeführt.

Oder aber der kommerzielle Hintergrund steht offen da. So wird durch Oliver Gassner ein von Logitech gesponsortes Blog mit Inhalten versehen.

Die Arbeit eines professionellen Scheibers, eines Pro-Bloggers, beschreibt Gassner dabei in einem Chat-Interview so:

20.09.05 14:20
Oliver Gassner

Es gibt Pro-Blogger, die werden 'bezahlt', indem sie die Gegenstände, über die sie schreiben, gratis geliefert kriegen. Also Programme, Hardware, Spiele.

Es gibt Pro-Blogger, die täglich eine bestimmte Anzahl an Artikeln liefern müssen und dafür ein monatliches Fixum bekommen. Oder solche, die abhängig von den Besucherzahlen oder Werbeeinnamen bezahlt werden. Und solche, die wie bei den klassischen Medien auch eine Art Zeilenhonorar bekommen. ... Ich füttere aktuell zwei Blogs. eins allein und eins im Team. Beim Teamblog bekomme ich ein Pauschal-Honorar für Artikel zwischen 500 und 1000 Anschlägen, beziehungsweise eine Pauschale für ein 'Set' von Kurzmeldungen. das bewegt sich etwa in der Höhe, die man für genau so viel text bei einer größeren deutschen Tageszeitung kriegen würde. (Größer, nicht groß )

Beim anderen Blog bekomme ich einen ziemlich fairen Prozentsatz der Werbeeinnahmen - plus einen jedoch minimalen Bonus pro 1000 Besucher.

Das komplette Interview ist hier nachzulesen.

Authentizität durch Weblogs entsteht durch die Echtheit der persönlich gefärbten Statements der Autoren. Ein Image, das klassische Medien per se nicht mehr abgenommen bekommen. Pro-Blogger, die nun mit diesem Image an ein positiv gestimmtes Zielpublikum herangehen und eine weitaus höhere Glaubwürdigkeitsbasis ihrer Urteile nutzen, spielen mit dem Feuer, so Gassner weiter:

Wenn wir mal von dem Diktum ausgehen, dass Blogs eine 'persönliche Stimme' transportieren statt der 'objektiven Meldung', dann steht man als Blogger eben immer auch als Person zur Disposition.

Und so ist der Charme dieser Berufsgruppe so lange wirksam, bis genau diese persönliche Motivation von Usern nur noch ungern als unabhängig von Unternehmen gesehen wird. Der Niedergang eines Bonus setzt sich dann auch mit mangelndem Interesse an diesen Blogs gleich, und der Preisverfall für professionelles Bloggen würde dann das Berufsbild auch wieder verschwinden lassen. Aber, so Gassner abschließend:

Fakt ist, dass sich sowohl bei den Freiberuflern als auch bei selbst den größten Firmen das Interesse an Blogs steigt. Für die ist das, was für die Netzavantgarde ein alter Hut ist, recht neu und spannend. Ob sie auch kaufen oder ob sie im nächsten Jahr kaufen, das weiß ich auch nicht. Aber man kann mit Blogs auch mehr machen als 'nur' Marketing. Und wenn mein Job grade einen Vorteil (oder zwei) hat dann: Ersten werde ich fürs Surfen bezahlt und zweitens lerne ich ne Masse über Blogs.

Podcaster in Australien

Was sich derzeit in Australien abspielt und in Europa noch als eine Unterspielart der Weblogszene verstanden wird, hat dort auch laut Webconsultant Mark Baartse auch mit teuren Sendelizenzen für lokale Radios zu tun, die man so zum Beispiel in Italien nicht kennt. Aber noch mehr bilden Podcasts, also selbst produzierte akkustische Blöcke zum dezentralen Download, dort weitaus stärker als im Stammland USA einen Trend, der sich zunehmend kommerzialisiert. Er plaudert via Chat:

I'm friends with the guys from www.thepodcastnetwork.com and they are doing some interesting things in this space. They are making a real go at trying to make a business out of it. They are certainly getting the traffic.

Das komplette Interview ist hier nachzulesen.

Hier nur in alten Lokalradio-Kategorien zu denken, macht keinen Sinn. Es geht nicht nur darum, Lizenzen durch den angeboteten Download zu sparen, schließlich kostet auch der ab einem bestimmten Volumen ordentlich. Podcast-Anbieter entwickeln sich zum Provider für maßgenau zugeschnittene Informationen, die an ein ausgesuchtes Publikum gehen.

Zum einen ist dabei mit der angesprochenen Kommerzialisierung von Podcasts das Hineinschneiden von Werbeunterbrechnungen gemeint, die bedingt durch die fehlende Forward-Taste in MP3-Playern durchaus spannender sein können als weggezappte Unterbrecherwerbung im Fernsehen – und Zielgruppen genauer. Sie kommen zudem immer noch mit dem oben erwähnten Charme von Meinungs-resistenten Blogs daher, auch wenn sich hier sicher ähnliche Bezahlmodelle bereits etablieren. Auf der anderen Seite haben Unternehmens-Podcasts wenig mit einem Blog zu tun und übernehmen stattdessen die Funktion eines internen offiziellen Kommunikationskanals, produziert für Mittagpausen und MP3-Player in U-Bahnen.

Das Berufsbild eines Podcasters ist daher am ehesten mit dem eines Werk-TV-Redakteurs zu vergleichen. Die Radiotheorie von Brecht bekommt damit plötzlich einen seltsamen Twist. Gerade weil die Produktionsmittel nun so billig sind, fangen nicht Arbeiter das Senden an, sondern sprechen die vermehrt, die sich sonst teure Budgets für die Information von Mitarbeitern nicht geleistet hätten. Das Medium macht die Message wieder bezahlbar. Für die, die eh schon vorher eher das Geld dazu hatten.

Ausblick

Beispiele, die wahrscheinlich noch mit bereits klaren Berufsbildern wie Klingelton-Komponist oder Spammer komplettiert werden könnten. Und die Liste ist bei weitem nicht geschlossen. Eigentlich nur eine Definitionsfrage.

Spannend sind solche Versuche, aus dem eigenen Hobby einen Beruf zu machen, deswegen, weil es keine Zugangsschwellen durch teure Produktionsmittel und hermetische Ausbildungen wie Diplome gibt, um das eigene Business zu entwickeln. Und es sind dezidierte Patchwork-Businesses, die nicht unbedingt einen Vollzeitjob ergeben müssen. Aber sie basieren darauf, den Charme von Amateurszenen zu nutzen, bis User wieder nach dem nächsten Kommerz-freien Kanal im Internet suchen. (Harald Taglinger)