"Von der CIA ersetzte Fernseh-Bilder"

Syrien: Neue Erkenntnisse zum Massaker von Hula und die Fabrikationen von Wahrheit

Es gibt eine Hierarchie des Bösen, die auch im nüchternen Alltag des Informationszeitalters nichts von ihrer Wirkung eingebüßt hat. Wer Kinder kaltblütig ermordet, nachdem er ihnen Schrecken und Qual zugefügt hat, wer Frauen grausam misshandelt und tötet, der rangiert weit oben in dieser Hierarchie, die, wie immer wieder aus Gefängnissen erzählt wird, selbst unter Schwerverbrechern gilt.

Es gibt nichts Schlimmeres als Kindesmörder. Tote Kinder brechen jedem das Herz. Mit Ekel, Entsetzen und Wut als Reaktion kann man rechnen. Als die Weltöffentlichkeit Ende Mai vom Massaker in Hula erfuhr, war die Fassungslosigkeit und das Entsetzen über die begangenen Grausamkeiten enorm. Der Schuldige war rasch ausgemacht: Baschar al-Assad, autokratischer Herrscher über Syrien, Chef eines brutalen Machtapparats, der mit Todesschwadronen, den Schabiha, operiert. Fehlt eigentlich nur ein Enzensberger, der die Liste von Hitler über Stalin und Saddam Hussein zu Baschar al-Assad zieht. Doch werden die Berichte über das Massaker seit kurzem revidiert und der Schuldige des Massakers ist nicht mehr eindeutig identifizierbar.

Und es sind nicht nur die kleinen unabhängigen "Nischenmedien", die das bislang gültige Gut-Böse-Storytelling über Syrien aufbrechen; in Deutschland war es der Nahost-Korrespondent des seriösen Leitmediums FAZ, Rainer Hermann, der am 7. Juni über "neue Erkenntnisse zu den Getöteten von Hula" informierte. Das Ergebnis seiner Recherchen in Kürze:

Syrische Oppositionelle, die aus der Region kommen, konnten in den vergangenen Tagen aufgrund glaubwürdiger Zeugenaussagen den wahrscheinlichen Tathergang in Hula rekonstruieren. Ihr Ergebnis widerspricht den Behauptungen der Rebellen, die die regimenahen Milizen Schabiha der Tat beschuldigt hatten.
(…) Getötet worden seien nahezu ausschließlich Familien der alawitischen und schiitischen Minderheit Hulas, dessen Bevölkerung zu mehr als neunzig Prozent Sunniten sind. So wurden mehrere Dutzend Mitglieder einer Familie abgeschlachtet, die in den vergangenen Jahren vom sunnitischen zum schiitischen Islam übergetreten sei. Getötet wurden ferner Mitglieder der alawitischen Familie Shomaliya und die Familie eines sunnitischen Parlamentsabgeordneten, weil dieser als Kollaborateur galt. Unmittelbar nach dem Massaker hätten die Täter ihre Opfer gefilmt, sie als sunnitische Opfer ausgegeben und die Videos über Internet verbreitet.

Hermann berichtet dies mit einiger Vorsicht, er erwähnt, dass auch die syrische Regierung diese Version bestätigen würde, dass diese sich jedoch verpflichtet habe, "öffentlich nicht von Alawiten und Sunniten zu sprechen".

Weniger zurückhaltend geht Voltaire.net vor. Dort ist von einem ähnlichen Hergang, einem Gemetzel von "Terroristen", das an zwei konvertierten Familien begangen wurde, zu lesen - allerdings mit sehr viel mehr Details über Beteiligte, die sogar namentlich genannt werden. Der Bericht stammt von dem russischen Newssender Vesti24, der sich laut Voltaire.net auf Informationen des bestinformierten Geheimdienstes in Syrien, des russischen, stützt.

When the rebels seized the lower checkpoint in the center of town and located next to the local police department, they began to sweep all the families loyal to the authorities in neighboring houses, including the elderly, women and children. Several families of the Al-Sayed were killed, including 20 young children and the family of the Abdul Razak. Many of those killed were "guilty" of the fact that they dared to change from Sunnis to Shiites. The people were killed with knives and shot at point blank range. Then they presented the murdered to the UN and the international community as victims of bombings by the Syrian army, something that was not verified by any marks on their bodies.

Aber: Wie wahr ist diese Version? Mit konkreten Namen - "terrorist Nidal Bakkour and Al-Hassan from the Al Hallak clan", "Saad Hariri, who heads the anti-Syrian political movement "Tayyar Al-Mustaqbal" ('Future Movement')" - wird Faktizität nahegelegt - je mehr Details eine Behauptung hat, als desto plausibler wird sie empfunden. Nachprüfbar ist sie für Außenstehende schwerlich.

Dazu kommt, dass sich Leser bei Voltaire.net zwar auf eine Gewissheit einstellen können, dass irgendwo das CIA-Imperium als heimlich agierender großer Drahtzieher auftaucht, aber nicht auf solide Informationen. Man kann sich dort mit abweichenden Versionen und Hintergründen gängiger Storys einer manchmal fruchtbaren Irritation aussetzen, das Vertrauen in die Wahrheit der Voltaire.net-Geschichtsschreibung wird aber durch weitaus übertriebene Meldungen konterkariert. Voltaire.net lebt vom Thrill der heimlichen, verborgenen Wahrheit und dem beinahe mythischen Schauder, den der Leser von dergleichen Enthüllungen erleben soll. Ein Beispiel:

In wenigen Tagen, vielleicht schon am Freitagmittag, 15. Juni werden die Syrer, die die nationalen Fernsehkanäle ansehen möchten, von der CIA ersetzte Fernseh-Bilder entdecken. Die im Studio fabrizierten Filme werden die der Regierung angelasteten Bilder von Massakern zeigen, von populären Demonstrationen, Minister und Generäle die ihren Rücktritt ankündigen, Präsident Al-Assad der die Flucht ergreift, Rebellen die sich im Herzen der Großstädte versammeln, und eine neue Regierung, die sich im Präsidentenpalast einnistet. Diese direkt von Washington aus, durch Ben Rhodes, Stellvertreter der Nationalen Sicherheit der Vereinigten Staaten geführte Operation, versucht die Syrer zu demoralisieren und einen Putsch zu ermöglichen.

Unser Bild von Syrien ist eine Fabrikation. Daran ist vieles wahr - aber ist Syrien so einfach, dass man mit schlichten Gegenbehauptungen, die immer mit vielen auf Kohärenz getrimmten Details untermauert werden, auf der Wahrheitsspur ist? Es gibt keine Schabiha, so Voltaire.net. Es gab auch keine Massendemonstrationen, zwar wären "auf Abruf saudischer und ägyptischer Prediger, die sich über Al-Jazeera ausdrückten, (…) 100.000 Leute mobilisiert" worden, aber nicht der Freiheit willen, sondern es ging um "die Errichtung eines islamitischen Regimes".

Auch habe es keine Repression der Demonstranten gegeben und auch keine Überschreitung der Sicherheitskräfte gegen das Verbot Baschar al-Assads, von Schußwaffen Gebrauch zu machen, falls Zivilpersonen verletzt werden könnten - nachzulesen sind diese Wahrheiten in einer Aufzählung von Lügen und Wahrheiten über Syrien. Das hat schon ein religiöser Gut-Böse-Eifer, mit dem hier im Namen Voltaires Aufklärung betrieben wird. Widersprüchliches wird zugunsten einer Botschaft ausgeblendet.

Ob Syrer, die sich im Land aufhalten und die dem Machtapparat Baschars, den es gibt, je ausgeliefert waren, in solchen Fabrikationen wiederfinden? Wer diesen Verweis für allzu "subjektiv" oder mit "ideologischen Vorurteilen" gefärbt, hält, der verfolge einige Tage lang den beim Thema Syrien herausragenden Blog "Angry Arab", der gewiss kein Apologet der Nahostpolitik der Interessensgemeinschaft USA/Israel ist. Er findet die Lügen auf beiden Seiten, beim "lousy regime" und beim "lousy SNc" und bei dem lausigen Haufen der freien syrischen Armee. Damit dürfte er der Wahrheit näher kommen, auch wenn er eingesteht, dass dies in Syrien fast unmöglich ist. In der Berichterstattung auf jeden Fall . Das fällt nun auch mehr und mehr Vertretern der großen Medien auf:

In the aftermath of the massacre at Houla last month, initial reports said some of the 49 children and 34 women killed had their throats cut. In Damascus, Western officials told me the subsequent investigation revealed none of those found dead had been killed in such a brutal manner. Moreover, while Syrian forces had shelled the area shortly before the massacre, the details of exactly who carried out the attacks, how and why were still unclear. Whatever the cause, officials fear the attack marks the beginning of the sectarian aspect of the conflict.

In such circumstances, it's more important than ever that we report what we don't know, not merely what we do. In Houla, and now in Qubair, the finger has been pointed at the shabiha, pro-government militia. But tragic death toll aside, the facts are few: it's not clear who ordered the killings - or why.

Jon Williams, BBC. Reporting conflict in Syria

Davon abgesehen gibt es jedoch geschichtliche und politische Hintergründe, die man nachlesen kann, etwa, um zu erfahren, dass Baschar al-Assad kein Alleinherrscher ist, sondern sich auf ein weitgefächertes und gut verwurzeltes Netz von Eliten und Geschäftsmänner stützen kann (siehe Demystifying Syria), dass die Gegnerschaft zwischen der Baath-Partei, der er vorsteht, und den syrischen Muslimbrüdern eine jahrzehntelange Vorgeschichte hat (Syria's Islamist Movement and the 2011-12 Uprising).

Und dass die syrische Opposition auch ein weitaus größer und vielfältiger ist, als dass man sie nur auf Islamisten, angeworbenen, marodierenden Gotteskrieger-Söldner aus dem Irak und Libyen und Saudi-Arabien und sonstige Terroristen beschränken könnte (DIVIDED THEY STAND).

Der Verfasser des mehr als 80seitigen Überblicks über die Opposition, der Schwede Aron Lund, vom Angry Arab als "größter Kenner der Opposition" gerühmt, musste aber doch dem Blogger gegenüber eingestehen, dass er die konfessionellen Dimension, die "sectarian dimension", das Motiv des Streits zwischen den konfessionellen Gruppen in Syrien bei vielen maßgeblicher Oppositionellen nicht ausreichend hervorgehoben hat.

Vom Schüren der "sectarian dimension" ist nur Übles zu erwarten. Vor allem, wenn auf Seiten der bewaffneten Opoositionellen wie auf Seiten der Regierung immer wirkungsvollere Waffen eingesetzt werden.

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