Von der FDP zum Dialerkönig

Der Poschardt, der Pop und die Peinlichkeit

Die Feuilleton-Skandalnudel Ulf Poschardt ist seine Domain losgeworden.

Seit einigen Wochen finden sich unter www.poschardt.de keine existentialistischen Poschardt-Portraitphotos und Schlagwörter wie "Pop", "Cool" und "Nahkampf" mehr. Ein Besuch der Website mit unsicherem Browser oder Betriebssystem empfiehlt sich allerdings nur bedingt. Ende Januar wurde dort dubios anmutender "Handy-Content" angekündigt, später "Domain-Engel" mit einer verdächtigen exe-Datei. Da die "Domain-Engel" der Münchner Universal Boards GmbH & Co. KG und die wiederum dem als "Dialer-König" bekannten Mario Dolzer gehören (vgl. Fragwürdige Domain-Engel) besteht eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass sich für Besucher nicht in jedem Fall vorteilhafte Skripte und/oder Programme auf der Site mehr oder weniger gut verstecken.

Sichere Angaben zu machen ist schwer, da Dolzer-Sites für sekündlich wechselnden Content bekannt wurden. Potentiell kann das dazu führen, dass ahnungslose Webnutzer mit vierstelligen Telefonrechnungen oder zombiefizierten Rechnern konfrontiert werden. Für den plötzlichen Wechsel des Inhalts von www.poschardt.de gibt es zwei mögliche Erklärungen, die beide nicht einer gewissen Ironie entbehren: Entweder hat Poschardt seine Website bewusst an Mario Dolzer verkauft und findet dessen Geschäftspraktiken ganz nach neoliberaler Philosophie gut so und ein Stück praktizierten Sozialdarwinismus: Von den Armen nehmen und den Reichen geben, wie Ragnar Danneskjöld aus Ayn Rands "Atlas Shrugged". Oder er versäumte es, seine Domain rechtzeitig zu verlängern und sie wurde von Dolzer gekapert - was freilich kein gutes Licht auf das selbsternannte Mitglied der "Leistungselite" wirft. Für eine Stellungnahme war der offenbar viel beschäftigte Popautor nicht erreichbar.

Der Poschardt

Bereits Ende letzten Jahres hatte Poschardt Internet-Unmut erzeugt, als in Wikipedia der Verdacht laut wurde, dass er sich unter der IP-Nummer 213.61.75.36 ähnlich wie amerikanische Kongressabgeordnete den eigenen Wikipedia-Eintrag zurechtborderlinen wollte. Vorausgegangen war der Wikipedia-Debatte ein Versuch Poschardts, ein politisches Streitgespräch auszulösen, das sich aber nur zu einer Feuilletondiskussion über ihn und seine Rolle in der Aufmerksamkeitsökonomie entwickelte. In dem im Slang der Soaps über serielle Monogamie betitelten taz-Text Wir müssen reden und einem ähnlichen Pamphlet in der Zeit hatte Poschardt versucht, einen Zusammenhang von Pop, Neokonservativismus und FDP herzustellen.

Das war an sich nichts Neues. Mit einem Bekenntnis zum Konservativismus fanden Popmusiker im deutschen Feuilleton seit langem eine sichere Basis für Aufmerksamkeit: "Paul Weller, der 19jährige Rock-Sänger, der durch ihr gepflegtes Erscheinen überraschenden Jam hat deren Absicht, in den nächsten Unterhauswahlen konservativ zu wählen, angekündigt", notierte die Hannoversche Allgemeine Zeitung bereits 1977. Das Neue an Poschardt war nur, dass er sich offenbar ernst nahm. Er schrieb ohne erkennbare Ironie:

Versteht man Pop und seine Sehnsucht nach ungebremstem Freiheitsdrang essentialistisch (und nicht phänomenologisch), dann gibt es für seine Anhänger nur eine Wahlempfehlung: die FDP. Die Skepsis der Liberalen gegenüber Bürokratie und Staat, Kollektiven und überkommenen Traditionen ist popkompatibel.

Das rief den Eindruck hervor, dass Poschardt in einer 1980er-Phantasiewelt leben musste, in der "Bürokratie" und "Kollektive" in erster Linie etwas Linkes/Staatliches sind und in der "das Individuum" vor allem von dieser Seite aus eingeschränkt/bedroht wird. Wie jemand, der 1981 eingefroren wurde und dem jede Alltagserfahrung darüber abgeht, dass erstens schon fast jede deutsche Bürokratie privatisiert wurde und zweitens die privaten Bürokratien (Telekom, Energiekonzerne, etc.) noch wesentlich kafkaesker funktionieren, als man es sich zu Staatsmonopolzeiten überhaupt vorstellen konnte. Die "Kollektive", die das "Individuum bedrohen" waren 2005 in realiter fast ausschließlich FDP-Hätschelkinder: Medienkonzerne, die qua Staat Technologien verbieten, zensieren, überwachen und gängeln.

Der Pop

Ästhetisch und theoretisch bediente sich Poschardt im Popjournalismus der frühen 1980er, wobei ihm allerdings von dessen Erfindern vorgehalten wurde, dass er den Stil wie in einem Cargo-Kult imitiere, ohne sich der zeitabhängigen Funktionsweise bewusst zu sein. Diedrich Diederichsen sprach in diesem Zusammenhang von einer "Unfähigkeit, den dialektischen Uhrzeiger richtig zu lesen."

Als Feindbild zum von ihm verherrlichten Pop baute Poschardt die "68er" auf, die angeblich die Kulturhegemonie in Deutschland innehaben. Davon abgesehen, dass die Kulturhoheit bei den überwiegend CDU/FDP-regierten Ländern liegt, war seine These von bemerkenswerter Anspruchslosigkeit: 1968 böse, 1982 gut. Der Realität angemessener als die Sichtweise von "1968er" und "1982er" als Gegensatz wäre eine Theorie von Wellen mit einem Innovation bringenden Scheitelpunkt und einer intellektuellen und kreativen Talsohle zur selben "Bewegung", die durch Degenerationseffekte schließlich ihr Gegenteil verkörpert. Einer dieser Scheitelpunkte ließe sich in der zweiten Hälfte der 1960er ansetzen (Merry Pranksters, Yippies, Pharoah Sanders), seine Talsohlenausläufer etwa 10 Jahre später (Esoterik, Genuss- und Technologiefeindlichkeit, standardisierter Bluesrock). Ein anderer Scheitelpunkt läge in den frühen 1980ern (Die Romantik einer Revolution, Olaf Dante Marx, Identitätstheorien), sein Talsohlenausläufer 10-15 Jahre später (Eurotechno, Ulf Poschardt, Vulgärlacanismus). In diesem Modell der Geschichtsbetrachtung verhält sich Poschardt allerdings zu Olaf Dante Marx (dem er seine Dissertation widmete, und der sich - da bereits verstorben - nicht mehr wehren konnte) wie Otto Schily zu Abbie Hoffman.

Sieht man sich die Lebensläufe der von Poschardt imitierten Pop-Autoren an, dann kommt man überdies zu einem für Poschardt schwer erklärbaren Ergebnis: Von den Sounds-Redakteuren wurden nicht etwa die "Popisten" Andreas Banaski, Olaf Dante Marx oder Diedrich Diederichsen neokonservativ oder neoliberal, sondern ausgerechnet ihr musikalischer Gegenspieler Michael O. R. Kröher, ein verbissener Vulgärmarxist, der seine 1970er-Jahrzehntcharts ausschließlich mit Platten der Rolling Stones füllte und weinerliche RAF-Sympathieartikel verfasste. Heute schreibt Kröher Artikel für das Manager-Magazin und vertritt die der Hippievariante entsprungenen neoliberalen Gedankengebäude wie das der Schwarm-Intelligenz. Das legt den Schluss nahe, dass der deutsche Neokonservativismus - zumindest personell gesehen - kein Ausfluss des Pop ist, sondern eher des von Poschardt als Feindbild gezeichneten Rock und der Klotüraushängerideologien der 1970er.

Die Peinlichkeit

Das letzte Mal hörte man eine ähnliche schlichte Argumentation wie bei Poschardt im Film Hitlerjunge Quex von 1933. Dort fährt der Held Heini aus einer kommunistischen Familie in ein KP-Jugendlager. Nebenan hat die Hitler-Jugend ihre Zelte aufgeschlagen. Nachts hört Heini deren Lied ("Unsere Fahne ist die neue Zeit") und gerät darüber so aus dem Häuschen, dass er sich den Nazis anschließen will. Andere Gründe werden nicht genannt ("Aber Mutter, die haben so ein tolles Lied!"). Weil das selbst für einen Nazi-Propagandafilm noch ein bisschen wenig ist, wird - wie bei Poschardt - auch im Film noch eine links-hegemoniale Repression eingebaut: Der kommunistische Vater (gespielt von Heinrich George) watscht Heini im Takt und singt dazu die Internationale. Jetzt hat das Hitler-Jugend-Lied für Heini endlich das richtige Pop-Befreiungspotential.

Durch diese Nicht-Argumentation entzog sich Poschardt in einem gewissen Umfang der Kritik, setzte sich jedoch auch der Lächerlichkeit aus. So wurde der Begriff "Poschardt-Debatte" zum Synonym für Tiefpunkte in der Argumentationslogik des deutschen Journalismus, etwa als die Bild-Zeitung die Frage debattierte, ob die Bahn von Berlin nach Hamburg ziehen sollte und dabei Argumente wie die Höhe der Rathaustürme, die Größe der Bordelle und der Gräberanlagen, sowie die Frage, ob man Labskaus essen "müsse" heranzog. Das Zeichnerkollektiv Rattelschneck fasste den Effekt in der Süddeutschen Zeitung in einer Karikatur zusammen, die sich um ein Vorsprechen von Ulf Poschardt beim "Großen Meister" dreht:

Poschardt: Guten Tag, ich heiße Ulf Poschardt und bin neokonservativ. Mein Problem: Die Leute lachen über mich. Meister: Du musst dafür sorgen, dass die richtigen Leute über Dich lachen. Poschardt: Soll ich mich Posch Ulfardt nennen? Meister: HAHAHA

(Peter Mühlbauer)

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